Report: Das Seniorenproletariat

Nur wer nach lebenslanger Erwerbsarbeit eine satte Rente bekommt, oder gar in eine private Zusatzversicherung investieren konnte, wird sich in eine luxuriöse Altersresidenz zurückziehen können. Wer dagegen lange arbeitslos war und deshalb nur wenig Rente bezieht, wird im hohen Alter möglicherweise in einer Bettenburg leben müssen.

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Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Voll daneben. Am Geburtstag der Pflegeversicherung 1995 glaubte der frühere CDU-Sozialminister Norbert Blüm noch, dass die Zahl der Pflegebedürftigen bis 2020 kaum zwei Millionen übersteigen würde.

Ein Irrtum: Schon jetzt, ein Jahrzehnt früher, ist diese Zahl erreicht. Hinzu kommt, dass um 2020 die ersten Männer und Frauen aus den geburtenstarken Jahrgängen der Wirtschaftswunderzeit auf Hilfe angewiesen sein werden. Einigen Prognosen zufolge müssen dann drei Millionen Menschen gewaschen, gefüttert, in vielen Fällen auch gewindelt werden.


Ein Trend zur professionellen Pflege


Dank medizinischen Fortschritts steigt die Lebenserwartung weiter an. Bis 2020 wird nach Auskunft von Sozialwissenschaftlern der Altersdurchschnitt der Berliner von etwa 42 auf rund 45 Jahre klettern. Theoretisch könnte der Deutsche durchschnittlich bald 96 Jahre alt werden. Derzeit sind es noch knapp 80 Jahre.

Doch längeres Leben kann auch längeres Leiden bedeuten. Bis zum 60. Lebensjahr liegt das Risiko, ein Pflegefall zu werden, bei einem Prozent. Trotz des medizinischen Fortschritts ist aber schon jeder fünfte 80-Jährige pflegebedürftig, bei den über 90-Jährigen sind es fast zwei Drittel.

Wer wird sich um diese Menschen kümmern? Intakte Familien werden rar, schon lange hat nicht mehr jeder Hochbetagte helfende Kinder oder Enkel. Die Gesellschaft fordert von den Menschen immer mehr Mobilität, gerade im Berufsleben wächst die Bereitschaft, dem Arbeitsplatz hinterher zuziehen. Das heißt auch: Familien zerbrechen öfter, Ehen halten nicht, weniger Kinder werden geboren – eine bisher nicht da gewesene Individualisierung ist die Folge. Schon jetzt ist mehr als jeder dritte Berliner ein Single. Bei den über 60-Jährigen sind es sogar fast zwei von drei. Um diese Menschen kann sich im Pflegefall also kein Partner kümmern.

Vor diesem Hintergrund hat das Statistische Bundesamt einen Trend zur “professionellen Pflege” festgestellt. Immer weniger Patienten werden von Angehörigen gepflegt, die Nachfrage nach Altenheimen und ambulanten Pflegediensten wächst.


Kostenpunkt Pflege


Noch sind die Pflegeeinrichtungen in der Lage, diesen Bedarf zu decken: Allein in Berlin sind derzeit rund 5000 Heimbetten nicht belegt. Deshalb warnen Beobachter auch davor, den Markt zu überschätzen. Doch bis zum Jahr 2020 errechnen Studien aufgrund der demografischen Entwicklung bundesweit bereits einen Bedarf von mindestens 250 000 zusätzlichen Pflegebetten.

Das Pflegeproblem der Zukunft wird sich auch noch aus einem anderen Grund verschärfen: Je älter ein Mensch wird, desto anfälliger ist er für Demenz. In wenigen Jahren wird die Hälfte aller Pflegefälle an diesem schleichenden geistigen Verfall leiden, schon jetzt sind eine Million Deutsche betroffen. Jedes Jahr gibt es 250 000 Neuerkrankungen. Tendenz steigend.

Schwere Fälle müssen rund um die Uhr versorgt werden, bei ambulanter Versorgung zu Hause kostet das bis zu 10 000 Euro im Monat. Für Normalverdiener ist das – trotz des Geldes aus der Pflegeversicherung – finanziell nicht zu leisten. Pflegekasse und Sozialamt zahlen nur dann für eine ambulante Helferin, wenn sie weniger kostet als eine Unterkunft im Heim.

In rund 600 Berliner Haushalten arbeiten nach Schätzungen schon jetzt Pflegerinnen aus Osteuropa. Doch selbst eine schlecht bezahlte Vollzeithelferin kostet zusätzlich tausend Euro im Monat – viele Berliner können das nicht zahlen. Bleibt nur das Pflegeheim.


Eine Zwei-Heim-Gesellschaft


Doch Heim ist nicht gleich Heim. Ähnlich wie bei Kindergärten, Schulen und Universitäten werden sich neben preisgünstigen Pflegeeinrichtungen besser ausgestattete Häuser für zahlungskräftige Senioren etablieren.

Wer kein Vermögen hat oder nicht von einer privaten Zusatzversicherung profitieren kann, wird künftig mit von der gesetzlichen Pflegekasse oder den Sozialämtern bezahlten Häusern vorliebnehmen müssen. Das befürchtet auch Hartmut Häußermann, Stadtsoziologe an der Humboldt-Universität zu Berlin: Wer lange arbeitslos war und deshalb nur wenig Rente bezieht, wird im hohen Alter in einer Bettenburg leben müssen. “Ein Seniorenproletariat wird entstehen”, prophezeit der Forscher.

Werden wir 2020 also in einer Zwei-Heim-Gesellschaft leben? “Die meisten Menschen werden sich nur noch ein Billigheim leisten können”, sagt Michael Musall, Pflegeexperte bei der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Daran, dass ambulante Hilfsdienste einen Großteil der Arbeit bei den Bedürftigen zu Hause erledigen werden, glaubt Musall nicht. Auf Dauer sei ein Heim, insbesondere für die Angehörigen, einfach bequemer.

Viele Experten sind sich einig: Nur wer nach lebenslanger Erwerbsarbeit eine satte Rente bekommt, oder gar in eine private Zusatzversicherung investieren konnte, wird sich in eine luxuriöse Altersresidenz zurückziehen können, Einzelzimmer und Schwimmbad inklusive. Diese Seniorenhäuser verlangen zusätzlich zum Geld aus der Pflegekasse bis zu 3500 Euro im Monat.


Luxus-Anbieter und Discounter


Das sehen Unternehmer der Branche oft ähnlich. Einige setzen auf Luxus als Alleinstellungsmerkmal, andere wollen sich als eine Art Discounter auf dem Pflegemarkt positionieren und ausreichend Heimplätze für den kleinen Geldbeutel anzubieten. Kosten wolle man sparen, indem man vor allem Zweibettzimmer bereitstelle, heißt es von einer großen Pflegeheimkette. Bei manchen Berliner Heimen liegt die Zweibettzimmer-Quote bei 70, 80 oder sogar über 90 Prozent – obwohl das nicht bedeutet, dass sie zwangsläufig preiswerter sind.

Wirtschaftsforscher prognostizieren, dass sich in 30 Jahren mehr als die Hälfte aller Altenpflegeheime in privater Hand befinden wird. Derzeit liegt der Anteil bei rund einem Drittel. Zukünftig wird der Zwang zur Rentabilität deutlich steigen.

Illusionen darüber, dass künftig jeder Interessierte ein eigenes Zimmer bekommen könnte, macht sich in der Branche kaum jemand.




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