Hintergrund: Der demographische Wandel ist einschneidend wie der Klimawandel

Die alternde Gesellschaft wird das wichtigste Thema des 21. Jahrhunderts. Auch für Städteplaner und Verkehrsbetriebe.

Die Überalterung der Gesellschaft wird das wichtigste Thema des 21. Jahrhunderts. Das steht für Alexandre Sidorenko fest: “Was da auf uns zukommt, ist in seiner Bedeutung und mit seinen Auswirkungen so einschneidend wie die Globalisierung oder die Erderwärmung”, sagt der Mediziner. Sidorenko ist bei den Vereinten Nationen für den Bereich Alter zuständig.


Rollator statt Kinderwagen


2007 sprach Alexandre Sidorenko auf dem 1. Weltkongress der Heimbetreiber in Berlin. Thema dort: Der Anteil der Alten an der Bevölkerung in den entwickelten Ländern nimmt zu – nicht nur in Deutschland. “In Frankreich hat es zwar 125 Jahre gedauert, bis die Zahl der Alten von sieben auf 14 Prozent gestiegen ist – in Japan allerdings nur 25 Jahre”, warnt Sidorenko.

Nach UN-Berechnungen wird sich der Anteil des Bruttoinlandsprodukt, der für Pflege aufgebracht werden muss, in den OECD-Staaten von rund einem Prozent im Jahr 2005 auf annähernd drei Prozent im Jahr 2050 knapp verdreifachen. Die meisten Länder seien auf diese Veränderung ihrer Bevölkerungsstruktur und den steigenden Pflegebedarf nicht vorbereitet, sagt Sidorenko.

Auch auf Berlin wird da einiges zukommen. Beispiel Prenzlauer Berg. Heute Kinderwagen, Spielplätze, junge Mütter, morgen vielleicht schon Rollatoren, ruhige Parks und junggebliebene Rentner. Denn hoch qualifizierte, junge Großstädter sind heute mobiler denn je und sitzen schnell auf gepackten Koffern. Sie könnte es künftig verstärkt ins Umland ziehen, befürchten Stadtentwickler.


Eine altersgerechte Infrastruktur


Zurück bleiben dann die Alten. Zu den gut verdienenden Familien in den Vorstädten im Umland werden sie sich nicht gesellen, darin sind sich Experten einig: Wer alt ist, brauche kurze Wege. Prenzlauer Berg ist dafür ideal geeignet. Der Bezirk liegt zentral, ist aber nicht zu laut, viele Läden sind per Fuß zu erreichen, Parks gibt es auch. “Wenn Berlin also den jungen Familien nichts mehr anbietet, könnten am Ende sogar Rentnerghettos übrig bleiben”, warnt Politikwissenschaftler Daniel Dettling.

Der Forscher der privaten Berliner Denkfabrik re:publik – Institut für Zukunftspolitik beobachtet schon jetzt eine schleichende Abwanderung junger Akademiker. Es fehle an Angeboten, alle Generationen in der Stadt zu vereinen, so die Begründung.

Experten fordern deshalb eine altersgerechte Infrastruktur in der ganzen Stadt. S- und U-Bahn-Stationen ohne Personal etwa seien nicht altersgerecht, die Verkehrsbetriebe verlören dadurch ihre betagten Kunden. Alte könnten den öffentlichen Raum in eher jugendlichen Bezirken irgendwann meiden und sich in Rentnergegenden zurückziehen.


Mehr ehrenamtliches Engagement


Reine Rentnerstädte wie in den USA seien hierzulande zwar nicht im Entstehen. Um aber Konflikten vorzubeugen, setzen die Forscher vor allem auf bürgerschaftliches Engagement.

Auch der Berliner Städteforscher Harald Mieg rechnet angesichts der abnehmenden staatlichen Fürsorge mit mehr ehrenamtlicher Arbeit: “Freiwilliges Engagement ist auch in anderen Metropolen ein Mittel zur Gegensteuerung”, sagt der Wissenschaftler, der zur Zeit Gastprofessor an der Berliner Humboldt-Universität ist und der die Entwicklungen von Metropolen erforscht.

Dank der Bildungsexpansion in den 1970er Jahren seien die Ruheständler in den kommenden Jahren so gebildet wie nie zuvor. “Die Rentner werden sich gegen Ghettos wehren”, glaubt der Politikwissenschaftler Daniel Dettling. Denn Alte wollten nicht nur unter Alten leben.


Senioren: Mehr Chance als Risiko


Nach Ansicht von Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) sind mehr Senioren in erster Linie eine Chance und kein Risiko, zumal die Älteren immer gesünder seien. Schon jetzt ist fast jeder fünfte Berliner 65 Jahre oder älter. Demnach dürfen Frauen in Berlin heute auf eine statistische Lebenszeit von 82 Jahren und Männer von knapp 77 Jahren hoffen. Gegenüber 1995 entspreche das einer Verlängerung der Lebenserwartung um fast drei beziehungsweise rund vier Jahren. Damit liegt die stressige Hauptstadt beim Alter erstmals nahezu im Bundesdurchschnitt.

Doch die Politik hat noch einiges zu tun: Ein komfortabler Nahverkehr gehört ebenso dazu wie Einkaufs- und Freizeitmöglichkeiten, die ohne Auto gefahrenfrei zu erreichen sind. Im Juni 2009 legte der Senat deshalb ein neues “Demografiekonzept” vor, das die Planungsgrundlage für die zukünftige Entwicklung der Hauptstadt bilden soll.




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