Report: Zu Hause ist es doch am schönsten

Beeinträchtigte Menschen in Pflegeheimen unterzubringen ist in Deutschland Normalität. Die Initiative “Daheim statt Heim” will das ändern und kämpft für mehr ambulante Pflegeangebote.

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Bedeutet alt und pflegebedürftig zu sein gleich den Umzug ins Heim? Für viele betagte und behinderte Menschen bedeutet ihre körperliche Einschränkung die Trennung von ihrem Zuhause. Und dieses – oft ungewollte – Schicksal trifft viele Menschen. In Berlin zum Beispiel lebt bereits jeder vierte Pflegebedürftige im Heim. Doch muss das so sein? In anderen Ländern zum Beispiel bekommen pflegebedürftige Menschen durch ein breites Unterstützungsnetz so große Hilfe daheim, dass ein Umzug in eine stationäre Einrichtung nicht zwingend notwendig ist. Schweden gilt hier als Vorreiter, auch Kanada und Neuseeland bauen kontinuierlich ambulante Projekte aus.

Stationsabläufe und fremde Regeln

In Deutschland aber stecke das Bewusstsein, dass Behinderten- und Pflegeheime für beeinträchtigte Menschen nicht immer die beste Lösung sind, noch in den Kinderschuhen, sagt Silvia Schmidt, Initiatorin der Bundesinitiative Daheim statt Heim. Deshalb hat sie die Initiative angeschoben. Diese setzt sich dafür ein, dass beeinträchtigte Menschen – egal ob psychisch krank, behindert oder altersbedingt auf Hilfe angewiesen – in den eigenen vier Wänden bleiben können. Für Schmidt ist das Heim "eine Sonderwelt". Bewohner könnten dort nicht nach Lust und Laune leben, sondern seien Stationsabläufen und fremden Regeln ausgesetzt. "Wenn ich nach Hause komme, kann ich dort tun, was ich will. Das sollte für alle Menschen gelten", sagt die ehemalige Heimleiterin. Gerade die ambulanten Angebote müssten in Deutschland mehr ausgebaut werden.

Von der Zwangsgemeinschaft zu mehr Freiheit

Doch so einfach ist es nicht: Bisher ziehen Hilfs- und Beratungsstellen noch zu wenig an einem Strang, meint Silvia Schmidt. Für den Antragsteller sei es oftmals schwer, an sein sogenanntes persönliches Budget zu gelangen. Behinderte Menschen können daraus selbstständig die Aufwendungen, die zur Deckung ihres persönlichen Bedarfs erforderlich sind, zahlen. Das kann im Alltag alles sein – von der Haushaltshilfe, über Bildungsangebote bis hin zur Gymnastik. "Bei uns sind Pflegeheime ein Riesengeschäft, und sie sind Normalität", sagt Christoph Lixenfeld, Pressesprecher von "Daheim statt Heim". "Das muss aber nicht sein." Die Initiative hat bereits Partner gefunden: Die Stiftung Alsterdorf in Hamburg hat ein breites Netz an ambulanten Hilfsangeboten aufgebaut. Ende 2008 wurde das letzte zur Stiftung gehörende Heim abgerissen. Die Bewohner sind durch ihren Umzug den Weg von der "Zwangsgemeinschaft" zu mehr Freiheit gegangen. Auch das evangelische Johanneswerk Bielefeld und die evangelische Stiftung Hephata in Mönchengladbach folgen diesem Beispiel, indem sie die typischen Heimstrukturen auflösen und hilfsbedürftigen Menschen damit mehr Wahlentscheidungen überlassen.

Nicht gegen Heime, sondern mit ihnen

Doch wer verstehen will, wo genau er individuelle Hilfe findet und wie er sie beantragen kann, der muss sich durch einen Dschungel von Paragrafen kämpfen. Auch Krankenkassen oder Pflegeversicherungen müssen von Betroffenen einzeln angesprochen werden, wenn es um die Finanzierung geht. Schmidt wünscht sich, dass diese enger zusammenarbeiten, um das Daheimbleiben zu erleichtern. Große Pflegeheime hätten ihren eigenen Rhythmus und der Bewohner werde dadurch automatisch von anderen Menschen isoliert, kritisiert Schmidt. Dieser Meinung seien auch viele Wissenschaftler und Einrichtungsleiter. "Daheim statt Heim" wolle nicht gegen diese Heime arbeiten, sondern mit ihnen kooperieren, bekräftigt Schmidt. Für sie gibt es schon jetzt ein paar Leuchttürme. Dazu zählen Wohngruppen, in denen behinderte und pflegebedürftige Menschen selbstständig leben. Die Initiative hat einen Stein ins Rollen gebracht. Bei Schmidt klingelt täglich das Telefon mit Anfragen von Menschen, die von ihrem Recht Gebrauch machen wollen. Die Initiative hat auch einen Verein gegründet, der selbstbestimmtes Leben fördert. Doch wie lange wird es dauern, bis alle Wahlfreiheit haben? "Ich hoffe, nicht so lange wie in Schweden", sagt Schmidt. "Da hat der Prozess 30 Jahre gedauert."



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