Hintergrund: Häusliche Pflege, oft ein Konfliktfall in der Familie

Die meisten Pflegebedürftigen werden von ihren Angehörigen versorgt. Nicht selten kommt es dabei zu Überlastungen und Konflikten.

Meist beginnt sie schleichend. Mit ein wenig mehr Zeit, die man bei den Eltern verbringt, ihnen im Haushalt zur Hand geht oder für sie einkauft. Mit ein paar zusätzlichen, unterstützenden Handgriffen, die dem Partner den Alltag erleichtern. Meist soll sie auch nur vorübergehend sein, für ein oder zwei Jahre. Doch dann beansprucht sie immer mehr Zeit. Manchmal soviel, dass neben ihr kein Beruf mehr ausgeübt werden kann, dass kein Raum mehr bleibt für Freunde und Hobbys, für das eigene Leben. Sie wird aufwendiger und intensiver, überfordernd.

 

Liebe und Pflichtgefühl

Pflege. In Berlin sind knapp 96 000 Menschen pflegebedürftig. Das heißt: Sie benötigen Unterstützung bei der Körperpflege, beim Waschen, Duschen und Zähneputzen, bei der Ernährung oder im Haushalt. Sie sind in ihrer Mobilität eingeschränkt, haben Schwierigkeiten beim Gehen und Treppensteigen, beim An- und Auskleiden. Die meisten von ihnen sind 75 Jahre oder älter. Und obwohl es in Berlin immer mehr Pflegeeinrichtungen und -dienste gibt, werden drei Viertel aller Betroffenen zuhause gepflegt – von ihren Angehörigen.

Die Gründe dafür sind unterschiedlich, meist beruhen sie von Seiten der Pflegenden auf einer Mischung aus Liebe und Pflichtgefühl: Viele pflegebedürftige Personen möchten ihren Lebensabend zuhause zu verbringen – ein Wunsch, den ihnen ihre Angehörigen gerne erfüllen wollen. Auch, weil sie ihnen die Liebe und Fürsorge zurückgeben wollen, die sie in der Kindheit oder während der Partnerschaft von ihnen bekommen haben.

 

"Die meisten Angehörigen wissen vorher gar nicht, was da auf sie zukommt."

Zudem ist der Entschluss für ein Senioren- oder Pflegeheim häufig noch immer mit Worten "Weggeben" oder "Abschieben" verbunden. Leider, wie Gabriele Tammen-Parr meint, denn: "Nicht immer ist die Pflege zuhause die beste Möglichkeit." Die Leiterin der Berliner Beratungsstelle "Pflege in Not" des Diakonischen Werks Berlin Stadtmitte spricht täglich mit Menschen, die sich um ihre pflegebedürftigen Partner oder Eltern kümmern. "Die meisten wussten vorher nicht, was das im Einzelnen bedeutet", sagt sie.

Die medizinische Versorgung wird immer besser, die Lebenserwartung steigt. Das bedeutet aber auch: Die Zeit, in der beeinträchtigte Menschen Pflege brauchen, verlängert sich. Mittlerweile liegt sie bei durchschnittlich zehn Jahren. Zehn Jahre, in denen pflegende Angehörige selbst älter werden, in denen sie zahlreichen psychischen, körperlichen, sozialen und materiellen Belastungen ausgesetzt sind, die zu Beginn der Betreuung nicht vorhersehbar waren.

So ist die Pflege in den ersten Jahren meist liebevoll, doch je länger sie dauert, desto häufiger stoßen die pflegenden Personen an ihre Grenzen: Sie werden direkt mit Sterben und Tod eines geliebten Menschen konfrontiert; ihre persönlichen Gewohnheiten und sozialen Beziehungen, ihre bisherige Lebensplanung verändern sich grundlegend. Wird die Pflege zudem aufgrund einer Krankheit wie Demenz notwendig, müssen die Pflegenden zusätzlich lernen, damit umzugehen, dass sich die Erkrankten auffällig verhalten und sich ihre Persönlichkeit verändert: Wie verhält man sich, wenn sich die 80-jährige Mutter jede Nacht um drei Schuhe und Mantel anzieht, weil sie das Haus verlassen will, um ihre Tochter von der Schule abzuholen? Wie geht man damit um, wenn der Partner inkontinent wird und sich nicht mehr alleine waschen kann? Wenn er einen nach 50 gemeinsamen Ehejahren plötzlich nicht mehr erkennt?

 

Pflege bedeutet auch Belastung, finanzielle wie psychische

Meist sind es Frauen, die ihre Angehörigen pflegen. Ehefrauen, Töchter und Schwiegertöchter, die selber Kinder haben und berufstätig sind. Die die Pflege übernehmen, weil es ihrem eigenen Bedürfnis und Pflichtgefühl entspricht und es von ihnen, ausgesprochen oder unausgesprochen, erwartet wird. Die, wenn die Pflege intensiver wird, ihren Beruf aufgeben und ihr Leben zu großen Teilen nach den Anforderungen der Betreuung gestalten, ihre eigenen Bedürfnisse sowie ihre Familie vernachlässigen. Dadurch entstehen nicht selten zusätzliche Belastungen. Zum einen finanzieller Art, da das fehlende Gehalt durch das Pflegegeld kaum ausgeglichen wird.

Schwerwiegender sind jedoch oft die psychischen Belastungen: Häusliche Pflege bedeutet eine starke Nähe, körperlich wie emotional. Sie beinhaltet Intimpflege ebenso wie den ungefilterten Umgang mit den Launen und Eigenheiten des jeweils anderen. Sie ist zudem meist ein Abhängigkeitsverhältnis, das die bisherige Beziehung zwischen Pflegendem und Gepflegtem umkehrt: Die Tochter übernimmt die Mutterrolle, während die Mutter zum Kind wird.

Die Mischung aus Liebe und Pflichtgefühl, die zur Übernahme der Pflege führte, wird so leicht zur Überlastung. "Die Pflegenden erleben häufig einen Gefühlscocktail aus Zuneigung und Mitgefühl, aus pflegerischer und emotionaler Überforderung, aus Aggression und Schuld", sagt Gabriele Tammen-Parr. Grund dafür seien auch Konflikte innerhalb der Familie, die nie ausgesprochen und verarbeitet wurden: In vielen Fällen erhoffen sich Töchter, wenn sie ihre Eltern pflegen, die Anerkennung und Liebe, die ihnen während ihrer Kindheit gefehlt hat, "oft bekommen sie diese aber nicht, weder von den Gepflegten noch von den anderen Angehörigen."

 

Hilfe von Außen kann vor Überforderung schützen 

Hieraus entstehen Konflikte, die sich auch gewalttätig äußern können, zum Beispiel, wenn die Tochter ihre pflegebedürftige Mutter mit der Bürste schlägt, weil diese sich wieder nicht kämmen lassen wollte. Spüren pflegende Angehörige diese Überforderung, empfiehlt Gabriele Tammen-Parr, sich Hilfe und Unterstützung von außen zu suchen: In Gesprächskreisen können sie sich mit Menschen in ähnlichen Situationen austauschen, auch bei Beratungstelefonen erhalten sie Hilfe. Oftmals sei bei emotionalen Konflikten schon viel damit getan, wenn sich die Pflegenden einmal aussprechen, ihre Ängste, Aggressionen und Schuldgefühle formulieren könnten. "Diese Gefühle sind aufgrund der ständigen Belastung zutiefst menschlich, niemand sollte sich wegen ihnen schämen."

Trotz der psychischen, körperlichen und organisatorischen Anforderungen, die die häusliche Pflege an die Angehörigen stellt, sehen Experten sie grundsätzlich positiv. Für die gepflegte Person sei es meist angenehmer, ihren Lebensabend zuhause zu verbringen und vor allem bei an Demenz Erkrankten könne der Krankheitsverlauf anfangs abgemildert werden, wenn sie in ihrer gewohnten Umgebung bleiben.

Dennoch muss eine professionelle Pflege zum Beispiel in einem Heim stets eine Alternative bleiben. Denn auch, wenn pflegende Angehörige mit der Zeit selbst eine gewisse Routine und Professionalität entwickeln, bleiben die emotionalen Konflikte häufig bestehen, können sich Aggressionen und die damit verbundenen Schuldgefühle verstärken. "Pflegende Angehörige müssen sich täglich fragen dürfen, ob die von ihnen getroffene Entscheidung heute noch gilt," betont Gabriele Tammen-Parr. Beantworten sie diese Frage inzwischen für sich mit einem Nein, weil die Belastungen durch die Pflege für sie zu groß werden, sollten sie daraus die Konsequenzen ziehen. "Und zwar möglichst ohne Scham- und Schuldgefühle."



Artikelsuche ?

Tagesspiegel GESUND

Tagesspiegel Gesund 08 Tagesspiegel Gesund 09 Tagesspiegel Gesund 10

Fachkompetentes Praxiswissen informativ aufbereitet
Informationen zu Behandlungsmethoden und Gesundheitstrends aus Berlin und Umgebung
Von der Gesundheitsberater-Berlin-Redaktion

Aktuell am Kiosk oder direkt im
Tagesspiegel-Shop

Wir liefern Qualität

Erfahren Sie mehr darüber, wie unsere Texte entstehen, wie die Daten geprüft werden und wie sich das Portal finanziert.
Jetzt informieren.

Sie sind uns wichtig und wir freuen uns über Ihre Meinung zu unserem Portal. Welche Themen andere Leser interessierten lesen sie unter Leser fragen - die Redaktion antwortet