Report: Berliner Modellprojekt

Viele Berliner Pflegeheime haben einen eigenen Heimarzt. Sie dienen den Bewohnern als feste Ansprechpartner, sprechen sich mit dem Pflegepersonal ab – und sparen den Krankenkassen viel Geld. Ein Besuch im Agaplesion Bethanien Havelgarten

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Heimärztin Kornelia Suttinger trägt bei der Patientenbehandlung keinen weißen Kittel. Das gehört zum Konzept. / Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Bernhard Kruse hat den Besuch schon erwartet. In Jeans und blauem Pullover, die weißen Haare nach hinten gekämmt, sitzt er auf der Ledercouch seiner Wohnung im Agaplesion Bethanien Havelgarten in Berlin- Spandau. Auf seinem Nachttisch stehen Fotos. Sie erinnern ihn an seine Vergangenheit. Bernhard Kruse mit seiner Ehefrau, Bernhard Kruse in jungen Jahren. Der 91-Jährige ist demenzkrank. Dennoch wirkt er klar und konzentriert, als er über seine Schmerzen im unteren Rückenbereich berichtet. "Sogar beim Schluckauf tut es weh", sagt er. "Das ist doch verdächtig."

Vor ihm stehen Kornelia Suttinger und Rene Potratz. Suttinger ist die Heimärztin im Havelgarten, Potratz der stellvertretende Bereichsleiter. Kornelia Suttinger bittet Bernhard Kruse, sich nach vorne zu beugen. Vorsichtig schiebt sie seinen Pullover und das Unterhemd nach oben und beginnt, seinen Rücken zu massieren. "Tut das weh?", fragt sie den Rentner. "Ach, das sind Schmerzen, die man ertragen kann. Ein bisschen was muss man aushalten", antwortet Kruse. Erst vor sechs Wochen war Bernhard Kruse am Dünndarm operiert worden. Der Rentner leidet an Bauchspeicheldrüsenkrebs, der Tumor hat bereits gestreut, auch Darm und Leber sind schon befallen. Angesichts dessen sowie des hohen Alters von Herrn Kruse hält Kornelia Suttinger eine weitere Untersuchung für unnötig, wird sie später erzählen. Ihrem Patienten empfiehlt sie vorerst ein paar Schmerztabletten. Dann verabschiedet sie sich. Bernhard Kruse sieht beruhigt aus. "Danke Frau Doktor für ihren Einsatz", sagt er.

 

Die Heimärztin ist für insgesamt 150 Patienten zuständig, der Altersdurschnitt liegt bei 85 Jahren

Arbeitsalltag im Spandauer Bethanien Havelgarten. Seit der Gründung des Pflegeheims südlich der Spandauer Altstadt vor fünfeinhalb Jahren arbeitet Kornelia Suttinger hier als Heimärztin. Sie ist für insgesamt 150 Patienten zuständig, der Altersdurchschnitt liegt bei 87 Jahren. 32 davon leben im geschützten Wohnbereich für Menschen mit Demenz, der Rest im Pflegeheim oder dem betreuten Wohnen. Das auch als "Berliner Projekt" bekannt gewordene Modell der Heimärzte gibt es seit 1998. Seitdem haben 33 Pflegeheime niedergelassene Ärzte bei sich angestellt oder vertraglich an sich gebunden. Lob gibt es für dieses Modell von allen Seiten: Politik, Pflegeheimen, Krankenkassen. Die Heimbewohner profitieren, weil sie einen festen Ansprechpartner haben, erläutert Kornelia Suttinger. Sie kennt die Krankheitsgeschichte der Heimbewohner, ihre Probleme und Eigenarten. Das ist sehr wichtig, betont Suttinger. Schließlich können gerade demente Patienten häufig keine genauen Angaben machen, was für Probleme sie haben. "Ich habe alle Patientenakten im Kopf. Ich weiß, was die Leute vertragen und was nicht. Und ich weiß, was es bedeutet, wenn mancher Patient immerzu sagt: Meine Blase, meine Blase."

Dieser Vorteil verstärkt sich durch den psychobiografischen Ansatz des Spandauer Pflegeheims. Dieses auf den Österreicher Erwin Böhm zurückgehende Pflegemodell will die positiven Gefühle der Patienten stärken, indem ihr persönlicher Hintergrund berücksichtigt und beispielsweise ein vertrautes Umfeld geschaffen wird. Tatsächlich stehen auf den Fluren des Heims viele alte Fotos, teilweise stammen sie aus dem Fundus der Bewohner, teilweise kommen sie vom Flohmarkt. Zu dem Ansatz gehört auch, dass die Ärzte und Pfleger "zivil" angezogen sind, also ohne weiße Kittel. "Diese Generation hat damit schlechte Erfahrungen gemacht", sagt Kornelia Suttinger. "Die NS-Zeit."

Ihr Arbeitstag beginnt meist mit einer kurzen Besprechung im Büro. An diesem frischen Novembertag geht Kornelia Suttinger mit Rene Potratz die Patientenliste durch. Auf dem Bildschirm ihres Rechners sind alle Bewohner, um die sie sich heute kümmern will, mit einem grünen Reiter markiert. Die Ehefrau von Klaus Ehrenfried zum Beispiel fordert einen eigenen Rollator für ihren Mann, steht da. "Körperlich ist er nicht darauf angewiesen", sagt Rene Potratz mit ruhiger Stimme. Außerdem habe man ihm bereits einen Rollator aus dem Keller des Heimes be sorgt. Bei Erna Schlindwein* wiederum steht ein Vermerk, im Krankenhaus anzurufen. Die 85-jährige Diabetikerin war vor Kurzem wegen dramatisch erhöhter Zuckerwerte ins Krankenhaus eingeliefert worden. Kornelia Suttinger lässt sich mit der Klinikärztin verbinden. Die berichtet ihr, dass die Patientin kaum trinkt und sich gegen die Behandlung sträube. Kornelia Suttinger notiert die Aussagen in der Patientenakte, dann sagt sie: "Das Wichtigste ist die Harnwegsinfektion. Wenn die weg ist, nehmen wir sie wieder."

 

Der tägliche Umgang schult das Verständnis für die Patienten

Dass Kornelia Suttinger und andere Pflegeeinrichtungen mit Heimarzt einen Patienten in ein Krankenhaus einweisen, kommt relativ selten vor. Während die Pflegekassen in einem typischen Berliner Heim im Jahr 2005 im Schnitt 78 Kliniküberweisungen pro 100 Bewohner registrierten, lag diese Quote bei den am Berliner Projekt beteiligten Einrichtungen gerade mal bei 34. Im Spandauer Havelgarten gab es im vergangenen Jahr 38 Einweisungen bei 132 Bewohnern, meist waren Knochenbrüche nach Stürzen, seltene Wunden oder Diabeteserkrankungen die Ursache. Die geringe Überweisungs- quote ist für Suttinger ein weiterer Beleg für den Erfolg des Berliner Projektes. Der tägliche Umgang mit den Patienten schule eben ihr Verständnis und helfe, die Beschwerden der Patienten besser einzuschätzen. Häufig reiche dafür schon die "Blickdiagnose". "Im Prinzip komme ich fast ohne Technik aus", sagt die Heimärztin. "Ich beobachte die Leute nur." Nachdem Kornelia Suttinger und Rene Potratz die Patientenliste abgearbeitet haben, beginnen sie mit ihrer täglichen Visite. Unter den Arm hat sich die Ärztin ihre aus Korb geflochtene Arbeitskiste geklemmt. Darin liegen Handschuhe, Lampe, Blutdrucksenker, Verbandsmaterial, Skalpell und andere Utensilien. Auf den Fluren sind immer wieder Sitzecken zu finden, auf den Tischen stehen kleine Snacks und Getränke. "Demenzkranke vergessen oft, zu essen und zu trinken. Wir haben es geschafft, dass die Leute hier ihr Gewicht ganz gut halten", erklärt Kornelia Suttinger.

Im Restaurant des Heimes trifft sie auf Wilhelmine Engelbrecht. Sie beißt gerade in ein Marmeladenbrötchen. Aus den Lautsprechern tönt fröhliche Volksmusik. "Die Musik gehört auch zum biografischen Ansatz", sagt Kornelia Suttinger augenzwinkernd. Dann beugt sie sich zu der älteren Dame, sagt freundlich: "Ich muss mal piksen." Wilhelmine Engelbrecht streckt ihren Finger vor, ein kurzer Stich, fertig ist die Sache. Als die Ärztin den Pikser ins Messgerät steckt, erscheint die Zahl 18 auf der Digitalanzeige. "Wir müssen die Medikamente für ihre Blutgerinnung etwas herabsetzen", sagt sie und verabschiedet sich von Wilhelmine Engelbrecht.

 

Rund um die Uhr steht den Bewohnern ein Arzt zur Verfügung

Kornelia Suttinger ist nur an zwei Wochentagen im Havelgarten präsent. Wegen der Unterstützung durch einen weiteren Heimarzt, der einmal die Woche anwesend ist, sowie der 24-Stunden- Rufbereitschaft, steht den Bewohnern dennoch rund um die Uhr ein Arzt zur Verfügung. Rund 60 Anrufe bekommt Kornelia Suttinger pro Woche von den Pflegefachkräften. Morgens, mittags, nachts. Unter der Woche, am Wochenende, am Feiertag. Auch in der Weihnachtsmesse hat Kornelia Suttinger schon einmal medizinische Ratschläge gegeben. "Ich habe keinen freien Tag", sagt die Mutter von fünf Kindern, die seit Jahren im beschaulichen Kleinmachnow lebt. Zufrieden ist sie dennoch mit ihrer Arbeit als Heimärztin, erzählt sie. "Ich arbeite unglaublich gerne hier."

Auch für die Heimmitarbeiter ist ein fester Arzt von Vorteil, sagt Rene Potratz. Sie wissen, an wen sie sich wenden müssen. Externe Ärzte sind dagegen nicht immer zu erreichen, kennen zudem weder Krankengeschichte noch Biografie des Patienten. Und auch die Krankenkassen profitieren. Allein zwischen 2005 und 2009 sparten die beteiligten Kassen rund 8,8 Millionen Euro ein.

Dennoch: Gerade einmal 33 der insgesamt 290 vollstationären Pflegeeinrichtungen Berlins gehören dem bundesweiten Vorzeigemodell an. Kornelia Suttinger glaubt, dass dies mit der schlechten Honorierung und der hohen Arbeitsbelastung für die beteiligten Ärzte zusammenhängt. Kritisch sieht sie auch die Begrenzung der therapeutischen Möglichkeiten durch die Budgetierung der Medikamente sowie der Hilfs- und Heilmittel. Als Budget stehen schließlich pro Patient und Quartal lediglich 78 Euro zur Verfügung. Liegt sie darüber, muss sie aufwendig beweisen, dass die eine teurere Behandlung unbedingt notwendig war. "Ich verschreibe viele Generika. Ich hatte aber auch schon Regressansprüche von Seiten der Krankenversicherung in Höhe von 78 000 Euro", berichtet Kornelia Suttinger. Bei ihrem Rundgang begegnet die Ärztin immer wieder verschiedenen Heimbewohnern. Dazu gehört auch Rudi, ein Meerschweinchen, das sich beim Anblick der Ärztin in sein mit Heu vollgestopftes Domizil flüchtet. Vorsichtig steckt er seine Nase aus der Tür, als ihm Rene Potratz plötzlich das Dach über dem Kopf wegzieht. Kornelia Suttinger greift zu und dreht den tierischen Patienten auf den Rücken. Rudi quiekt. Die Ärztin träufelt eine Jodlösung auf den Abszess an seinem Hintern, sagt "Och, das sieht ja ganz gut aus." Dann legt sie ihn zurück in seinen Käfig und gibt Rene Potratz die Anweisung, ihn noch mit einer Wundsalbe zu behandeln.

Eine Umfrage der Senatssozialverwaltung unter allen Berliner Pflegeheimen hatte vor Jahren gezeigt, dass die Bewohner in den Einrichtungen des Berliner Projektes mit der hausärztlichen Versorgung deutlich zufriedener sind als in Heimen ohne feste Hausärzte. In Spandau profitieren davon sogar die Haustiere.



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