Hintergrund: Das gewisse Extra

Wo es einen Heimarzt gibt, müssen die Bewohner seltener ins Krankenhaus. Und als Zugabe wird im “Berliner Projekt” die Pflegequalität viel genauer gemessen

Pflegeheime, die über einen festen Arzt verfügen, müssen ihre Bewohner seltener in ein Krankenhaus überweisen als andere Einrichtungen, da rund um die Uhr eine intensive medizinische Betreuung gegeben ist. Das zeigen die Erfahrungen mit dem sogenannten Berliner Projekt, an dem seit dem Jahr 1998 insgesamt 33 der rund 290 stationären Pflegeeinrichtungen der Stadt beteiligt sind. In diesem bundesweiten Vorreiterprojekt sind Mediziner direkt im Heim angestellt oder aber als niedergelassene Ärzte vertraglich mit ihm verbunden. Während die Pflegekassen in einem typischen Berliner Heim pro Jahr im Schnitt knapp 80 Kliniküberweisungen pro 100 Bewohner registrierten, liegt diese Quote in dem Projekt durchschnittlich 40 Prozent niedriger. Das Projekt wird jedoch nicht von allen Krankenkassen getragen, sondern derzeit nur von AOK Nordost, der IKK Brandenburg und Berlin und der Bahn BKK. Seit 2007 ist auch die Siemens BKK mit dabei. Gut 4200 der insgesamt rund 29 000 Bewohner von Berliner Pflegeheimen werden in den Projekteinrichtungen betreut. Für den höheren Aufwand erhalten die beteiligten Vertragsärzte maximal 200 Euro pro Quartal und Patient zusätzlich. Dafür müssen diese Mediziner zum Beispiel mindestens einmal pro Woche in dem Heim für eine Visite anwesend sein, regelmäßige Fallbesprechungen durchführen und 24 Stunden am Tag eine Rufbereitschaft für die Heimpatienten sicherstellen. Neu sind in dem Berliner Projekt aber nicht nur die Heimärzte, sondern auch die regelmäßige Erhebung von Qualitätsdaten nach internationalem Standard: die sogenannten Resident Assessment Instruments. Diese werden von der Berliner Consulting- Firma Arbuma ausgewertet und unter anderem auch zu anonymisierten Ranglisten zusammengeführt. Ein namentlicher Qualitätsvergleich ist also nicht möglich. Trotzdem geben die Ergebnisse eine Orientierung dafür, was in den Heimen vor sich geht, vor allem im Langzeitvergleich. Deshalb an dieser Stelle einige Ergebnisse für 2011 im Vergleich zu 2006.

Stürze

Dabei wird der Anteil der Bewohner erfasst, die binnen 30 Tagen vor der Datenerhebung, die immer an einem bestimmten Stichtag erfolgt, stürzten – ein durchaus häufiges Problem im Heim und wegen der dadurch drohenden Schäden, etwa einem Oberschenkelhalsbruch, für die Bewohner sehr gefährlich. Im besten Haus im Berliner Projekt gab es keinen Sturz, im schlechtesten waren gut 22 Prozent der Bewohner gestürzt. Der Durchschnitt aller Heime lag bei rund 6 Prozent, ein Prozentpunkt weniger als 2006.

Gewichtsverlust 

Hierbei wird gezählt, wie viele Bewohner binnen 30 Tagen über fünf Prozent an Gewicht verloren oder mehr als zehn Prozent innerhalb von sechs Monaten. Mögliche Ursachen können Erkrankungen sein, aber eben auch Qualitätsmängel in der Pflege. Während es im bestplatzierten Heim keinen Bewohner betraf, war das im schlechtestplatzierten knapp 40 Prozent der Pflegebedürftigen. Der Mittelwert für alle Einrichtungen beträgt rund 15 Prozent - fünf Jahre zuvor lag die Quote noch fünf Prozentpunkte höher.

Qualitätsindikator Dekubitus (Druckgeschwüre)

Damit werden die Pflegebedürftigen erfasst, bei denen ein hohes Risiko für ein Druckgeschwür besteht (zum Beispiel, weil sie bettlägerig sind) und bei denen dann tatsächlich eines auftrat. Im besten Pflegeheim betraf dies keinen Bewohner, im schlechtestplatzierten dagegen litt rund jeder sechste gefährdete Bewohner darunter. Der Projektdurchschnitt betrug sieben Prozent - im Jahr 2006 war das noch fast doppelt so hoch. Bundesweit sehen Experten in dem Berliner Projekt ein nachahmenswertes Modell, die Möglichkeit, Heimärzte anzustellen, wurde sogar in der Pflegereform von 2008 festgeschrieben. Gleichzeitig haben die AOK und einige andere Pflegekassen das Projekt "care plus" ins Leben gerufen, mit dem unter Umgehung der Kassenärztlichen Vereinigung ähnliche Heimarzt-Verträge mit bisher 36 weiteren Berliner und 14 Brandenburger Pflegeheimen geschlossen wurden.



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