Alte Liebe

Erotische Bedürfnisse bei Hochbetagten ist immer noch ein Tabuthema. Doch es gibt Möglichkeiten im Heim, Voraussetzungen für eine selbstbestimmte Sexualität zu schaffen und die Intimsphäre zu wahren

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Sexualität und Liebe bahnt sich auch in hohem Alter ihren Weg / Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Einen anderen Menschen zu berühren, seine Haut zu spüren, Wärme und Geborgenheit zu fühlen – das ist für Menschen so wichtig wie atmen und essen, auch für 80-Jährige. Sie leiden jedoch oft unter Altersgebrechen, sitzen im Rollstuhl oder kämpfen mit den Lähmungen eines Schlaganfalls. Für sie ist es ungemein schwerer, ihre erotischen und sexuellen Bedürfnisse zu erfüllen. Sie sind auf Hilfe angewiesen. Als junger Kerl hätte Jörn Schmidt, geboren 1935, wohl nie gedacht, dass ihn jemals jemand zum Sex würden schieben müssen. In jungen Jahren heuerte er als Matrose an. Er liebte es, die Meeresluft zu atmen, in die Ferne zu reisen. Der damals wie heute schlanke Mann, 1,75 Meter groß, qualifizierte sich zum "Kapitän auf großer Fahrt". Monate verbrachte er mit seiner Crew auf hoher See, um Thunfische zu jagen. Wieder an Land war der Gang in ein Bordell nichts Ungewöhnliches. "In jedem Hafen ein Mädchen", sagt er.

 

Sex ist mit Scham behaftet

Doch alles hat ein Ende. Seine Ehe im Jahr 1980. Und 20 Jahre später – nach einem Schlaganfall – auch das Leben, an das er sich gewöhnt hatte. Halbseitig gelähmt blieb ihm nur der Umzug in ein Pflegeheim, das Vitanas Senioren Centrum Am Bäkepark in Steglitz-Zehlendorf. Fünf Jahre lang lebte Schmidt im Heim, bekam Besuch von seinen Töchtern und Verwandten – doch eine Frau, mit der er Zärtlichkeiten hätte austauschen können, die blieb aus. Und die Damen im Heim? "Die sind doch alle viel zu alt", sagt der 77-Jährige, dessen Haar noch nicht ergraut und licht, sondern haselnussbraun und voll ist. Hätte er trotzdem eine Liebe gefunden, einige Hindernisse hätten die Lust trüben können. "Sexualität ist noch immer ein Tabuthema, erst recht im Alter", sagt Viola Jäckel, Sozialarbeiterin im Vitanas Senioren Centrum. Die heutigen Heimbewohner, die während des Krieges und in den Nachkriegsjahren aufwuchsen, wurden konservativ erzogen und oft "nahtlos von der Mutter an den Ehepartner weitergereicht." Sexuelle Aufklärung, verlässliche Verhütungsmittel und Gelegenheiten für Abenteuer blieben so aus. Ebenso wie Sex sind Altersgebrechen mit Scham und Ängsten behaftet, wenn der Körper altert und Erektionsstörungen oder Inkontinenz den Menschen plagen. Pflegekräften fällt es oft nicht leichter, mit der Sexualität der Bewohner umzugehen. "Jeder bringt eigene Moralvorstellungen mit", sagt Jäckel. Auch die Ausbildung versage bei der Vorbereitung auf dieses Thema oft. Deshalb sei es wichtig, das Personal für das Thema zu sensibilisieren.

 

In vielen Heimens fehlt Personal

Jäckel engagierte eine Sexualassistentin, die Pionierin ist, wenn es um Alters- und Behindertensexualität geht. Sie bietet dazu auch Fortbildungen an. Ihren Namen will sie jedoch nicht im Pflegeheimführer lesen. "Passive Sexualassistenz" lautet eines ihrer Schlagwörter. "Keine Angst, keine Pflegekraft muss dabei Hand anlegen." Wichtig sei es vielmehr, die Voraussetzungen für eine selbstbestimmte Sexualität zu schaffen und die Intimsphäre zu wahren: Anzuklopfen bevor man ein Zimmer betritt und die sexuellen Bedürfnisse zu respektieren. "Wenn ein Bewohner ein Besuch in einem Bordell wünscht, dann sollte das ruhig, ohne zu kichern in einer Teamsitzung besprochen werden", rät sie. Doch in nicht wenigen Pflegeheimen fehlt oft schon Zeit und Personal, um eine anständige Grundversorgung zu gewährleisten, die Bewohner beim Essen zu betreuen, Medikamente zu verabreichen – Sexualität ist in solch angespannten Situationen Luxus. Heimsozialarbeiterin Jäckel versucht, das Beste aus den Gegebenheiten zu machen. "Die Wohnsituation erschwert es den Bewohnern, intim miteinander zu werden." Doppelzimmer, in denen sich zwei wildfremde Menschen ihr Dasein teilen müssen, sind in vielen Heimen noch immer Alltag. Trotzdem bahnt sich die Liebe ab und zu ihren Weg. Jüngst fand ein Paar zueinander. Er war an einer Demenz erkrankt und sie nach einem Schlaganfall ihrer Sprache beraubt und auf den Rollstuhl angewiesen. Blicke und Berührungen waren ihre Sprache. Beide wünschten sich, in ein Doppelzimmer zu ziehen. "Kein Problem, das hätten wir arrangiert", sagt sie. Wären da nicht die Kinder gewesen: Dass ihre gebrechlichen, verwitweten Eltern sich noch ein letztes Mal in die Arme eines Anderen legen wollten, dass lag außerhalb ihrer Vorstellungswelt. Sie lehnten jeglichen Kontakt der beiden strikt ab. "Das Thema Sexualität bleibt zwischen Eltern und Kindern lebenslang schwierig", sagt Jäckel. Das Beste sei es, die Kinder gar nicht erst ins Liebesleben einzubeziehen. Warum auch, "oder wollen sie wissen, was ihre Eltern im Bett tun". 

 

Männer gehen offener mit ihren Bedürfnissen um

Jörn Schmidt, der alte Kapitän, tut wohl gut daran, seine Töchter nicht in seine Pläne einzuweihen. Stattdessen wendet er sich an eine vertraute Pflegerin mit seinem Wunsch endlich – nach fünf Jahren – wieder Sex haben zu wollen. Und wenn es der Puff ist! Ein unbekanntes Terrain ist das für den Seemann schließlich nicht. Für die Pflegekräfte aber schon. Neu war das Thema Sexualität für die Sozialarbeiterin zwar nicht. Im Gegensatz zu Bewohnerinnen, die sich in ihrer Sexualität eher zurückziehen, gingen Männer offener mit ihren Bedürfnissen um. "Durch die Blume" bekämen die Pflegerinnen schon mal schlüpfrige Angebote. Doch "keiner aus unserem Team hatte Erfahrungen mit solch einem Anliegen wie von Herrn Schmidt", sagt Viola Jäckel. Kontroverser wurde die Frage diskutiert, ob man sich eine Sexarbeiterin "ins Haus holen sollte". Einige Mitarbeiter lehnten den Vorschlag kategorisch ab, andere sprachen sich dafür aus. "Eine Enttabuisierung und ehrliche Gespräche mit allen Beteiligten sind enorm wichtig", sagt Jäckel. Und das funktioniert nicht ohne Unterstützung der Heimleitung. "Mit ihr steht und fällt die Vermittlung." Um den Wunsch Schmidts zu erfüllen, suchte die Sozialarbeiterin in einschlägigen Zeitungs- und Onlineannoncen. Bei der Hurenorganisation Hydra e.V. wurde sie fündig. Der Verein, der sich seit 30 Jahren für die Belange von Sexarbeiterinnen einsetzt, vermittelt auch Sexualassistentinnen und -begleiterinnen. Der Unterschied? Während die Assistentinnen eher auf den Bewohner eingingen, indem sie ihn umarmen, streicheln und massieren, gingen die Sexualbegleiterinnen des Vereins auch weiter – bis zum Geschlechtsverkehr. Indes sind beide Berufsbezeichnungen nicht geschützt, die Grenzen also fließend. Eine positive Nebenwirkung: Die Lust lindert das Leid. "Besonders freue ich mich, wenn uns die Heimleiter sagen, dass die Bewohner ausgeglichener sind und weniger Medikamente schlucken müssen", sagt Simone Kellerhoff, Pressesprecherin von Hydra. Auch die Pflegerinnen, die viele körperliche Momente in der Pflege mit den sexuell verzweifelten Männern teilen, werden seltener anzüglich berührt.

 

Bisher gibt es nur wenige spezialisierte Sexarbeiterinnen

Das scheint sich herumzusprechen. Auch Heime in kirchlicher Trägerschaft bedienten sich heute Hydras Vermittlungen. Bisher gebe es jedoch nur wenige der spezialisierten Sexarbeiterinnen, sagt Kellerhoff. Zwei bis drei Kontakte vermittle Hydra im Monat. Auch Jörn Schmidt vermittelte der Verein einen Besuch – es ist die gleiche Sexualassistentin die schon Jäckels Team beriet. Nach dem ersten Kennenlernen folgte bald das erste Treffen. Für eine Stunde zogen sich die beiden in Schmidts Zimmer zurück. Sie schmückte mit einigen farbigen Tüchern das Zimmer, sorgte für Atmosphäre. Sie redeten, hörten Musik, zogen sich aus, fühlten ihre nackten Körper. Doch richtig zufrieden war Schmidt nicht. "Die wollte nicht vögeln", lacht der Rentner. Doch Geschlechtsverkehr gehört nicht zu dem, was die Sexualassistentin zu geben bereit ist. "Sexualassistenz ist eine Dienstleistung für Menschen mit einer Beeinträchtigung, die auch in anderen Lebensbereichen Hilfe benötigen." Wer nach mehr verlange, der sei im Bordell besser aufgehoben. Auch Viola Jäckel kam mit ihren Mitarbeitern zu dem Schluss, dass nur die "bezahlte sexuelle Dienstleistung durch eine Prostituierte" den Wunsch Schmidts erfüllen könne. 80 Euro kostet das. Für manch einen Rentner, der von der Grundrente im Heim lebt, ist das nicht bezahlbar. "Oft scheitert es am Geld", sagt Jäckel. Jörn Schmidt hat jedenfalls noch einmal "ein Mädchen" gefunden. Jule heißt sie. Dreimal fuhr ihn ein Pfleger in das Appartement der Sexarbeiterin. Richtig liebevoll sei sie gewesen, sagt der 77-Jährige.



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