Gisela Rüdiger, 80 Jahre

Die Urkreuzbergerin wollte nie weg. Nach einer Beinamputation war sie an den Rollstuhl gefesselt und konnte nicht mehr in ihre alte Wohnung im SO36 zurück. Deshalb entschied sich Gisela Rüdiger auch für das Pflegezentrum St. Marienhaus – gleich nebenan.

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Foto: Mike Wolff

Gisela Rüdiger (80 Jahre, Pflegestufe I) berichtet über ihr Leben im Pflegezentrum St. Marienhaus, Kreuzberg-Friedrichshain.


Nachbarin

Gisela Rüdiger kennt jeden Pflasterstein in der Umgebung ihres Pflegeheims. Denn sie selbst ist in einer Wohnung in der Lausitzer Straße geboren worden und später in der Reichenberger Straße aufgewachsen. Kreuzberg hat die weißhaarige Dame aber nur einmal für länger verlassen. Es waren die schrecklichsten Bombennächte Berlins 1944, sie war 15 Jahre alt. Da fuhr Rüdiger mit ihren zwei Schwestern und der Mutter in die Märkische Heide zu Freunden. Gefallen hat es ihr dort aber nicht, sagt sie. Ihre Welt war der südliche Zipfel des ehemaligen Postzustellbezirkes Südost 36, kurz SO36. Sie war ein Kreuzberger Mädchen. Ihr Leben spielte sich zwischen Görlitzer Park und Landwehrkanal ab.


Überleben

Doch gerade an die Nachkriegszeit in ihrem Viertel erinnert sie sich nicht so gerne. Sie war eine junge Trümmerfrau und half Steine aus zerbombten Kreuzberger Häusern abzutragen. Rüdiger war ihr ganzes Leben lang Lohnarbeiterin. Die Jobs kamen und gingen. Eine Ausbildung hatte sie keine. Bei einem Kreuzberger Inneneinrichter fasste sie länger Halt und rollte für ihn die Tapeten. Mit 40 wurde Rüdiger unerwartet Witwe und musste das Kind allein erziehen. Keine leichte Aufgabe. Zudem die Ärzte wenige Jahre später Zucker im Blut feststellten. Knapp 35 Jahre lebte sie mit dieser chronischen Krankheit, bis die Ablagerungen des Blutzuckers die Gefäße in den Beinen gänzlich verschlossen. Vergebliche kämpften die Chirurgen im Urban Krankenhaus 2005 um ihr rechtes Bein. Sie mussten amputieren, sagt Rüdiger ohne dabei zu jammern. Seitdem sitzt die Frau mit dem Kurzhaarschnitt im Rollstuhl. Allein in einer Wohnung konnte Rüdiger nicht mehr leben. “Für mich war es besser ins Heim zu gehen.”


Volksmusik

Und sie fühlt sich im St. Marienhaus auf dem Kiez wohl. Eigene Möbel hat sie keine mitgebracht. Bett, Kommode und Schrank wurden ihr vom Haus zur Verfügung gestellt. Am liebsten singt Gisela Rüdiger mit ihren Mitbewohnerinnen gemeinsam Volkslieder. So richtig vor die Tür traut sich die Ur-Kreuzbergerin aber nur noch mit ihrer Tochter, wegen dem Rollstuhl. “Beim ersten Versuch bin ich direkt in einen Busch gerollt”, sagt sie etwas verlegen. Auf ihrem Nachttisch steht ein großer Ghettoblaster. Wenn Rüdiger gerade nicht “beschäftigt” wird, wie sie selbst mit einem schmunzelnden Gesicht sagt, und damit den wöchentlichen Sport und das Gedächtnistraining meint, dann hört sie in ihrem Zimmer laut Schlagermusik. Natürlich muss da auch das Lied “Anita” von Costa Cordalis dabei sein.


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