Rheuma (Rheumatoide Arthritis)

Die rheumatoide Arthritis ist eine schwere Erkrankung, deren Folgeerkrankungen sogar tödlich sein können. Doch frühzeitig behandelt, kann ein Fortschreiten der Krankheit meist gestoppt werden. Deshalb ist es wichtig zu wissen, wann man einen Rheumatologen aufsuchen sollte

Krankheitsbild

Erklärung

Schmerzen die Knochen und Gelenke, spricht der Volksmund schnell vom Rheuma. Doch ist dies kein einzelnes Leiden. Mediziner fassen mehr als 100 Entzündungskrankheiten des Bewegungsapparats unter diesem Terminus zusammen. Die häufigsten darunter sind der Morbus Bechterew, eine entzündliche Erkrankung vorwiegend der Wirbelgelenke und der Sehnen; die Psoriasisarthritis, bei der zu einer Schuppenflechte Gelenkentzündungen hinzukommen, und die rheumatoide Arthritis. Diese ist die bei weitem häufigste entzündliche Rheumaform.

Allen diesen Erkrankungen gemein ist, dass das Immunsystem des Patienten gegen das körpereigene Gewebe reagiert. Es hält Gelenkstrukturen und körpereigene Zellen für Eindringlinge und bekämpft sie, in dem es aggressive Immunzellen und Antikörper bildet. Bei der rheumatoiden Arthritis attackieren diese die Gelenkinnenhaut, mit der Folge, dass diese sich entzündet, anschwillt und die betroffenen Gelenke zerstört. Botenstoffe, die im gesunden Organismus den Prozess von Wachstum und Absterben der Zellen regulieren, verstärken noch die Entzündungen in den Gelenken und sorgen für eine allgemeine Entzündungsreaktion, die auch die Haut, Blutgefäße und innere Organe befallen kann. Die rheumatoide Arthritis ist somit eine ernstzunehmende Erkankung, die unbehandelt chronisch und fortschreitend verläuft

Ursachen

Warum das Immunsystem plötzlich außer Kontrolle gerät und den eigenen Körper angreift, ist bislang unklar. Zwar spiele die genetische Disposition, also eine Häufung von Autoimmunerkrankungen in der Familie, eine Rolle. “Doch ist die rheumatoide Arthritis keine Erbkrankheit”, sagt Andreas Krause, Chefarzt der Rheumatologie und Klinischen Immunologie am Immanuel Krankenhaus Berlin. Selbst wenn Angehörige betroffen sind, erfolgt der Krankheitsausbruch nicht bei jedem in der Familie zwangsläufig. Die vererbten Gene legen vielmehr fest, wie das Immunsystem auf bestimmte Umwelteinflüsse reagiere, sagt Krause. Welche davon das Abwehrsystem dazu bringen, sich gegen den eigenen Körper zu wenden, ist noch unklar. Vermutet wird jedoch, dass vorangegangene Virusinfektionen oder auch das Rauchen den Ausbruch der Krankheit beeinflussen.

Möglicherweise spielen die weiblichen Hormone eine Rolle, da die Mehrheit der Betroffenen Frauen sind. Insbesondere nach Schwangerschaften kann sich bei ihnen die Krankheit erstmalig ausbrechen oder verschlimmern.

Symptome

Eine rheumatoide Arthritis beginnt meist langsam und schleichend, die ersten Symptome sind oft unspezifisch und schwer zu deuten. Nur selten beginnt sie mit einem plötzlichen, heftigen Entzündungsschub, der gleich viele Gelenke betrifft. Die typischen ersten Krankheitsanzeichen, wie Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust, Müdigkeit oder eine erhöhte Körpertemperatur sind zu unspezifisch, um sie genau zuordnen zu können. Doch sie können die ersten Auswirkungen der beginnenden Entzündung sein, “die den ganzen Körper in Mitleidenschaft zieht.”

Doch auch spezifischere Symptome treten auf. Das ist zum Beispiel die so genannte Morgensteifigkeit. Sie bezeichnet das Problem der Erkrankten, nach dem Aufwachen die Finger-, Hand- und Zehengelenke zu bewegen. Diese Beschwerden können über zwei Stunden andauern. Im weiteren Krankheitsverlauf können sich diese Symptome in Form akuter Schübe stoßweise verstärken und sind dann ein frühes Anzeichen einer sich verstärkenden Krankheitsaktivität.

Entzünden sich die Gelenke, treten die klassischen Symptome auf: Typischerweise schwellen die Hand- und Fingergrundgelenke und auch die kleinen Zehengelenke an und schmerzen. Diese äußerlichen Anzeichen der Entzündung treten fast immer an beiden Händen parallel auf und betreffen zumeist mehrere Gelenke gleichzeitig. Unbehandelt werden im weiteren Verlauf immer mehr Gelenke befallen, verformen und versteifen sich, bis sie sogar ihre Funktion verlieren. Bei schweren Verläufen kann es zu Rheumaknoten kommen. Dabei handelt es sich um harte beulenförmige Ausstülpungen, die meistens an den Streckseiten (dass heißt an der Außenseite) der Unterarme auftreten. Rechtzeitig therapiert, seien sie jedoch eher selten.

Der Krankheitsverlauf ist individuell unterschiedlich: Auf jahrelange relative Schmerzfreiheit können Rheuma-Schübe folgen, bei denen sich die Symptome über Monate hinweg verstärken.

Zahlen

Angaben der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie zufolge wird die Häufigkeit der rheumatoiden Arthritis auf rund 0,8 Prozent der erwachsenen Bevölkerung geschätzt – dies entspricht rund 600 000 Menschen in Deutschland. Frauen trifft es häufiger als Männer: Von drei Erkrankten sind zwei weiblich. Zumeist leiden Menschen im mittleren Lebensalter unter der Krankheit, doch auch Kinder können betroffen sein. Der Erkrankungsgipfel wird zwischen dem 40. und 50. Lebensjahr erreicht. Doch auch atypische und oft heftiger verlaufende Spätformen ab dem 65. Lebensjahr treten auf.

Behandlung

Diagnostik

Besonders im Frühstadium einer rheumatoiden Arthritis ist eine Diagnose schwierig zu stellen, da die Symptome sehr unspezifisch sind. Trotzdem ist es wichtig, sie so früh wie möglich zu erkennen, denn je eher sie behandelt wird, desto wahrscheinlicher ist meist der Therapieerfolg. “Sind zwei oder mehr der typischerweise betroffenen Finger-, Hand- und Zehengelenke länger als sechs Wochen schmerzhaft geschwollen, sollte der Patient auf eine rheumatische Erkrankung hin untersucht werden”, sagt Krause. Als “Kardinalsymptome”, wie sie Krause nennt, gelten die morgendlich betonten Schmerzen und die Morgensteifigkeit der Finger-, Hand- und Zehengelenke.

Vier diagnostische Instrumentarien stehen den Rheumatologen zur Verfügung. Zu Beginn der Untersuchung befragt der Arzt den Patienten zu seinen Beschwerden. Bei der anschließenden körperlichen Untersuchung wird der Gelenkstatus überprüft, dass heißt der Arzt kontrolliert, ob sich die Gelenke des Erkrankten noch in dem Maße bewegen lassen, wie es bei Gesunden der Fall ist, ob sie geschwollen sind und ob der Patient dabei Schmerz empfindet.

Um andere Krankheiten auszuschließen, werden weitere Untersuchungsverfahren durchgeführt. Ein weiteres Indiz kann der Rheumafaktor sein, der für bestimmte Antikörper, die auf körpereigene Eiweiße reagieren, steht. Dieser Blutwert ist nur im Labor nachweisbar – und er ist auch “nicht sehr spezifisch”. Zum einen ist er zu Krankheitsbeginn nicht zwingend zu finden. Und in anderen Fällen deutet ein positiver Rheumafaktor-Test auf ganz andere Leiden hin, wie etwa auf eine Infektion oder eine Lebererkrankung. Sogar bei gesunden Menschen kann der Test unter Umständen positiv ausfallen. Aussagekräftiger ist deshalb ein Test auf Antikörper, die auf eine bestimmte Gruppe körpereigene Eiweiße – die Fachbezeichnung dafür lautet cyclische citrullinierte Peptide (CCP) – ansprechen.

Auch bildgebende Untersuchungen wie Röntgen oder Ultraschall geben den Ärzten Aufschluss über den Zustand der Gelenke. Die erstgenannte zeigt knöcherne Veränderungen wie etwa die Verkleinerung der Gelenkspalten, Verknöcherungen und gelenknahen Knochenschwund auf und eignet sich daher meist erst in einem späten Stadium der Krankheit. “Das wichtigste bildgebende Verfahren der Frühdiagnostik ist deshalb der Ultraschall”, sagt Krause. Dieser zeige Schwellungen, Ergüsse oder Entzündungen der Gelenkhaut und krankhafte Veränderungen der Sehnen. Wenn diese Untersuchungen ohne Ergebnis bleiben, wird – seltener – die Szintigrafie, bei der sich eine Markersubstanz in krankhaftem Gewebe anlagert, oder der Magnetresonanz-Tomografie (MRT) eingesetzt.

Therapie

Die rheumatoide Arthritis ist eine chronische Erkrankung, die derzeit nicht geheilt werden kann. Ziel der modernen Rehumatherapie sei aber, “eine vollständige oder weitestgehende Beschwerdefreiheit zu erreichen, die Beweglichkeit zu sichern oder wieder herzustellen und das Fortschreiten der Erkankung zu stoppen”, sagt der Experte Krause. Werde schon im Frühstadium therapiert, gelänge dies bei der Hälfte bis zwei Dritteln der Erkrankten.

Um einen bereits laufenden Entzündungsprozess schnell zu unterbinden, wird zunächst Kortison in Form von Tabletten verabreicht. Reagieren einzelne Gelenke darauf nicht, kann das Kortison auch direkt in das jeweilige Gelenk gespritzt werden.

Die anschließende Basistherapie soll, wie es im Fachjargon heißt, “den Krankheitsverlauf modifizieren”. Die verabreichten Medikamente, häufig ist es das das Immunsystem unterdrückende Arzneimittel Methotrexat (MTX), wirken zwar erst nach mehreren Wochen, doch dafür ist die Wirkung langanhaltend. Wichtig sei dabei eine engmaschige therapiebegleitende Kontrolle, um Nebenwirkungen zu vermeiden und die Medikation richtig einzustellen.

Spricht die Basisbehandlung nicht an, versuchen Rheumatologen mit so genannten Biologica – das sind spezielle Rheumamedikamente der neuesten Generation – die Bildung der körpereigenen Zytokine oder andere Vorgänge auf Zellebene gezielt zu blockieren und somit die Entzündung zu hemmen. Die Bedeutung der Therapie gehe weit über eine Schmerzlinderung hinaus, ist Chefarzt Krause überzeugt. Denn die Behandlung der rheumatoiden Arthritis verhindere auch lebensgefährliche Folgeerscheinungen, wie etwa Herz-Kreislauferkrankungen, unter denen 30 Prozent der Rheuma-Patienten gleichzeitig litten. Die rheumatoide Arthritis zu behandeln, bedeute daher auch Leben zu retten.



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