Querschnittlähmung

Die Querschnittlähmung ist eine der schwersten und folgenschwersten Verletzungen, die ein Mensch erleiden kann. Immer wieder trifft es meist junge Männer, die durch einen Unfall die Gewalt über einen Teil ihres Körpers verlieren. Eine Heilung ist noch nicht möglich – aber eine schrittweise Verbesserung der Lebensqualität.

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70 Prozent der Querschnittgelähmten bleibt ein Leben lang auf den Rollstuhl angewiesen. Foto: Thilo Rückeis

Krankheitsbild

Erklärung:

Bei einer Querschnittlähmung wird die Wirbelsäule – meist durch von außen einwirkende Gewalt – so schwer beschädigt, dass die Nervenleitungen im Rückenmark gequetscht oder komplett durchtrennt werden und das Gehirn somit die Kontrolle über viele Körperfunktionen unterhalb der Bruchstelle verliert. Andere Ursachen können Tumore am Rückenmark sein oder Zellgifte, die die Nervenbahnen zerstören. Eine Querschnittlähmung ist eigentlich keine einzelne Erkrankung, sondern ein ganzes Bündel von Symptomen, die auf die Nervenschädigung zurückzuführen sind. Dazu zählen etwa Lähmungen der Muskulatur, Unterbrechungen der Sinnesübertragung in das Gehirn und Ausfälle des vegetativen Nervensystems, was wiederum auf die normale Funktion vieler Organe zurückwirkt.

Symptome:

Wie weit die Beeinträchtigungen reichen, wird durch den Ort der Schädigung an der Wirbelsäule bestimmt. Je näher diese am Kopf liegt, desto größer sind die Auswirkungen. Mediziner unterscheiden anhand der betroffenen Extremitäten zwei Hauptarten der Querschnittlähmung. Bei einer so genannten Paraplegie sind die Beine bewegungsunfähig, bei einer Tetraplegie auch die Arme. Das geschieht dann, wenn die Halswirbelsäule schwer verletzt wird.

Aber das sind längst nicht alle Folgen einer Wirbelsäulenverletzung. Oft geht der Gefühlssinn unterhalb der durchtrennten Nervenbahnen teilweise oder vollständig verloren. Die Fähigkeit, selbständig zu atmen, kann verschwinden, weil die Muskulatur des Brustkorbes, des Bauches und des Zwerchfelles gelähmt ist. Selbst Verdauungsvorgänge können in Mitleidenschaft gezogen werden, weil Mastdarm und Blase nicht mehr richtig funktionieren. Die Unterbrechungen im vegetativen Nervensystem ziehen die Sexualfunktionen in Mitleidenschaft ebenso wie den Blutkreislauf.

Alles in allem betrifft eine Querschnittlähmung also den gesamten Organismus – und kann auch lebensgefährlich sein. Noch in den 1960er Jahren überlebten nur wenige Menschen eine Tetraplegie. Und auch heute noch sterben Querschnittgelähmte aufgrund der vielen möglichen Komplikationen im Durchschnitt früher als die Normalbevölkerung – allerdings verkürzt sich der Abstand. Derzeit sei die statistische Lebenserwartung bei einem zwanzigjährigen an den unteren Gliedmaßen gelähmten Mann um 20 Prozent und bei einem 60-Jährigen um etwa 40 Prozent reduziert, sagt Andreas Niedeggen, Chefarzt des Behandlungszentrums für Rückenmarkverletzte am Unfallkrankenhaus Berlin. Und ebenso wichtig, wie die reine Überlebenszeit: Durch die moderne Medizin sei den Patienten ein “wertvolles Leben” möglich.

Zahlen:

Jedes Jahr erleiden rund 1200 Menschen in der Bundesrepublik durch einen Unfall eine Querschnittlähmung. Unfallopfer, die aufgrund der schweren Verletzungen versterben, bevor sie in eines der mehr als 20 Querschnittgelähmtenzentren in Deutschland verlegt werden können, sind in diesen Zahlen nicht enthalten. Bei rund einem Drittel der Betroffenen ist die Lähmung die Folge eines Verkehrsunfalls, bei weiteren 13 Prozent ist ein Arbeitsunfall die Ursache. Männer sind mit 71 Prozent am häufigsten betroffen, das Durchschnittsalter der Patienten liegt bei 23 Jahren. Die meisten Opfer sind Jugendliche. “Das Verletzungsrisiko steigt mit dem Maß an sportlichen Aktivitäten und der vermehrten Risikobereitschaft, ja sogar –freude, wie wir sie gerade bei männlichen Jugendlichen finden”, sagt Niedeggen.

Bei den meisten Patienten – knapp zwei Drittel – sind danach die Beine gelähmt, gut ein Drittel sind Tetraplegiker. Zwei von Hundert Verletzten sind danach langfristig auf eine künstliche Beamtung angewiesen.

Behandlung

Diagnostik:

Bevor sie mit der Behandlung beginnen können, müssen die Ärzte das Ausmaß der Störungen durch die Rückenmarksverletzung bestimmen. Dazu folgen sie einer standardisierten Untersuchungsprozedur, die mithilfe eines Punktesystems für die verbliebenen Fähigkeiten den Zustand des Patienten klassifiziert.

Das gilt zum Beispiel für die Motorik, bei der die Mediziner die verbliebene Muskelkraft unterhalb der Rückgrat-Verletzung bestimmen. Die sechsstufige Skala reicht von “0” für völlige Lähmung über “3” für aktive Bewegung gegen die Schwerkraft sind möglich bis hin zu “5”, die der normalen Kraftentwicklung eines gesunden Menschen entspricht.

Bei der Prüfung des Empfindungsvermögens wird getestet, ob der Patient noch zwischen einem Nadelstich und einem Antippen mit dem Finger unterscheiden kann. Die Unfähigkeit, spitze und stumpfe Berührungen zu unterscheiden, wird dabei als Null gewertet. “Zusätzlich zu der Sensibilitätsprüfung muss der Arzt auch die Empfindungsfähigkeit am äußere Analschließmuskel prüfen, in dem er einen Finger einführt”, sagt Niedeggen. Kann der Patient dies wahrnehmen, ist die Durchtrennung des Nervenstranges in der Wirbelsäule nicht komplett. Fühlt er das nicht mehr, ist die Verletzung vollständig. Und schließlich wird der Reflexstatus bestimmt, also ob es möglich ist, reflexhafte Reaktionen – zum Beispiel unbewusste Muskelzuckungen – auszulösen.

Und natürlich werden bildgebende Untersuchungen durchgeführt, um sich ein Bild des Schadens an der Hals- beziehungsweise Brust- und Lendenwirbelsäule zu verschaffen, also etwa Computer- und Magnetresonanztomographien. Dabei spielt der Zeitfaktor eine große Rolle. “Je schneller Verletzungen im Bereich der Halswirbelsäule aufgespürt und zum Beispiel mögliche Nervenquetschungen durch gebrochene Wirbel beseitigt sind, desto geringer sind die Komplikationen, etwa für den Blutkreislauf”, sagt Niedeggen..

Erste Therapieschritte

Für die steigende Lebenserwartung und –qualität der Betroffenen muss ein großer medizinischer Aufwand getrieben werden. Besonders hoch ist er in der Phase kurz nach dem medizinisch Trauma genannten Unfall, der die Nervenbahnen im Rückenmark durchtrennt oder gequetscht hat. Solche Patienten müssten dann möglichst schnell in ein spezialisiertes Behandlungszentrum für Querschnittgelähmte gebracht werden, sagt Niedeggen. “Denn allein durch eine operative Stabilisierung der Wirbelsäule ist die Querschnittlähmung nicht behandelt.”

Aber die Stabilisierung ist der erste, wichtigste Behandlungsschritt. So werden zum Beispiel gequetschte Nervenbahnen entlastet. Bei der Operation der verletzten Wirbelsäule versetzen die Chirurgen verschobene Wirbelkörper wieder in ihre anatomisch korrekte Position oder sie versuchen, einen zerstörten Wirbelkörper mit an anderer Stelle entnommenem Knochenmaterial wieder aufzubauen.

Nachdem die Wirbelsäule stabilisiert wurde, müssen im nächsten Schritt die möglicherweise zahlreichen Funktionsstörungen an Organen, die ebenfalls von der Wirbelsäulenverletzung herrühren, behandelt werden. Deshalb kommen die Betroffenen meist auch auf eine Intensivstation, auf der Ärzte mehrerer Fachdisziplinen tätig sind.

Rührt die Wirbelsäulenverletzung von einem Unfall her, ist sie oft nicht der einzige Schaden am Körper. Bei jedem zweiten Patienten, der durch eine Gewalteinwirkung von außen querschnittgelähmt ist, müssen zum Beispiel Verletzungen des Schädels, des Brustkorbes, des Bauchraumes oder Knochenbrüche behandelt werden. Und das muss schnell passieren, sagt Niedeggen, damit die Patienten so früh wie möglich den Umgang mit dem Rollstuhl trainieren können.

Aus diesem Grund beginnt bereits sehr früh das krankengymnastische Training. Besonders den Querschnittgelähmten mit einer Verletzung der Halswirbelsäule – Mediziner nennen diese Patienten Halsmarkgelähmte – sollte ein ganzes Behandlerteam zur Seite stehen: Pfleger, Krankengymnasten, Ergo- und Psychotherapeuten, Logopäden, Sporttherapeuten, Sozialarbeiter und anderen Fachdisziplinen, die bei Bedarf hinzugezogen werden, sagt Niedeggen.

Ärzte gleich mehrerer Fachdisziplinen sind nötig, um den Betroffenen über die Zeit unmittelbar nach dem Unfall hindurchzuhelfen. Denn häufig sind sehr viele Organsysteme in ihrer Funktion gestört, weil auch sie durch die Nerven des Rückenmarks gesteuert werden. Dazu zählen zum Beispiel ein krankhaft langsamer Herzschlag – medizinisch Bradykardie – und andere Herzrythmusstörungen. “Diese Arrhythmien stabilisieren sich meist in den ersten 14 Tagen nach dem Unfall von selbst”, sagt Niedeggen. Es genüge, die Symptome zu behandeln, zum Beispiel mit Medikamenten, den so genannten Antiarrhythmika.

Auch der Blutkreislauf kann Schaden nehmen: Rückenmarksverletzungen im Halsbereich führen oft zu einem gefährlich niedrigen Blutdruck. Möglicherweise reicht dieser dann nicht mehr, um das Rückenmark ausreichend mit Sauerstoff zu versorgen, was weitere Schäden verursacht. Auch hier muss ein Arzt mit Medikamenten eingreifen und den Blutdruck stabilisieren.

Neben diesen Komplikationen für Herz und Kreislauf müssen die Mediziner auch die Atemprobleme im Auge behalten, die bei den meisten Halsmarkgelähmten auftreten, etwa weil die Brustkorb- und Zwerchfellmuskulatur beeinträchtigt ist.

Und schließlich sind Blutgerinnsel, die Gefäße plötzlich verschließen und so Infarkte und Lungenembolien auslösen könnten, eine ebenso häufige wie gefürchtete Komplikationen in den ersten Wochen und Monaten nach einer erlittener traumatischer Querschnittlähmung.

In den meisten Fällen sind auch die Blase gelähmt und die Darmentleerung gestört. Das behandeln die Ärzte mit Medikamenten, Blasenkathetern oder auch Einläufen.

Langfristige Behandlung

Wie erwähnt: Hauptziel der Behandlung ist es, den Patienten so weit zu stabilisieren, dass er so früh wie möglich anfangen kann, sich auf sein neues Leben vorzubereiten, also den langfristigen Kampf, um jedes noch so kleine Stückchen Selbständigkeit zurück zu gewinnen. Denn eine lang andauernde Bettlägerigkeit kann neue Probleme verursachen: Druckgeschwüre – medizinisch Dekubitus genannt – zum Beispiel. Werden die Betroffenen zu wenig bewegt, kann der ständige Druck auf die gleichen Körperstellen die Blutversorgung behindern. Dies kann soweit führen, dass das Gewebe in diesen Arealen abstirbt. Und da die Patienten dazu noch unter einer gestörten Sinneswahrnehmung leiden, bemerken sie es nicht einmal.

Bei vielen Patienten treten immer wieder spastische Krämpfe als Folge der Lähmung auf, oft als Folge äußerer Einflüsse. “Stressfaktoren, wie Entzündungen, Umwelteinflüsse, wie Kälte, Ärger und Streit führen zu einer deutlichen Zunahme der Spastikausprägung”, sagt Niedeggen. Dagegen setzt die Medizin auf Krankengymnastik. “Bei noch vorhandener Muskelaktivität können natürlich Bewegungsabläufe trainiert werden und so früh einsetzende Verkrampfungen vermieden werden”, sagt Niedeggen.

Eine Heilung der Lähmung ist noch immer nicht möglich, trotz einiger viel versprechend verlaufender Tierversuche, in denen es gelungen ist, geschädigtes Rückenmarksnerven wieder zu regenerieren. Das bedeutet, dass die Betroffenen auf eine langfristige Betreuung angewiesen bleiben. Dabei geht es darum, möglichst viele verloren gegangene Funktionen des Körpers zurückzugewinnen oder zu ersetzen, zum Beispiel durch Krankengymnastik, Ergotherapie, Elektrostimulation und vielem mehr.

Und tatsächlich schaffen es immerhin 20 bis 30 Prozent der an allen vier Gliedmaßen gelähmte Patienten, die Bewegungsfähigkeit und die Kontrolle über Körperfunktionen deutlich messbar zu verbessern. Aber: 70 Prozent der Querschnittgelähmten bleibt ein Leben lang auf den Rollstuhl angewiesen. Für jeden Betroffenen gillt, dass sich nach der Akutbehandlung und Rehabilitation eine lebenslange Nachsorge in einem spezialisierten Zentrum anschließen müsse, sagt Niedeggen.



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