Multiple Sklerose

Bis heute rätseln Mediziner, warum das Immunsystem von Multiple Sklerose Patienten den eigenen Körper attackiert. Zwar scheinen die Gene eine Rolle zu spielen, doch auch die Kindheit ist von großer Bedeutung. Frauen leiden später unter der Krankheit, wenn sie Kinder gebären.

KLINIKBUCH_Multiple_Sklerose2.jpg
Grafik: Rene Reinheckel

Krankheitsbild


Erklärung

Multiple Sklerose ist eine nicht heilbare, chronische Krankheit – die häufigste des Nervensystems junger Menschen. In Gehirn und Rückenmark entstehen dabei entzündliche Herde in der Schutzschicht von Nervenfasern, dem so genannten Myelin. Dadurch wird die Übertragung von Signalen gestört. "Multipel" bezieht sich auf die im Körper verteilten Entzündungsherde, "Sklerose" auf deren spätere Verhärtung.

Symptome

Wie sich die Erkrankung bemerkbar macht, hängt von den betroffenen Regionen von Gehirn und Rückenmark ab. So kann es zu Problemen mit der Muskelkraft und -spannung kommen, aber auch zu Taubheitsgefühlen, zu Koordinationsstörungen und Problemen mit dem Sehen. Doppelbilder, Schwindel und Blasenstörungen können ebenso wie Probleme mit dem Schlucken oder dem Artikulieren zum Krankheitsbild gehören. Anfangs verschwinden solche Symptome nach einem "Schub" oft wieder vollständig, die Krankheit kann sich aber auch von Beginn an fortschreitend verschlechtern. Die Verläufe sind sehr unterschiedlich und können soweit führen, dass die Patienten schließlich auf einen Rollstuhl angewiesen sind.

Ursachen

Das Nervenleiden gibt Medizinern bis heute Rätsel auf. Allerdings konnte jüngst eine Studie erste Hinweise auf die Auslöser der Erkrankung in den Genen von Patienten bringen. Forscher gehen davon aus, dass körpereigene Abwehrzellen die Myelinscheiden um die Nerven in Rückenmark und Gehirn schädigen, die diese eigentlich schützen sollen. Dass ein im Erbgut verankertes Risiko für die Erkrankung besteht, ist seit Längerem bekannt.
Wissenschaftler haben neue Variationen im Erbgut gefunden, die bei der Nervenerkrankung vermutlich eine Rolle spielen. In einer Studie des International Multiple Sclerose Genetics Consortium und des Wellcome Trust Case Control Consortium untersuchten Forscher die Gene von mehr als 9700 MS-Patienten. Die Erbgutdaten wurden mit denen von knapp 17.400 gesunden Menschen verglichen. Die Auswertung der Daten bestätigt eine Verbindung zwischen bestimmten Körperzellen, dem Immunsystem und der Erkrankung. "Die Studie stützt die These, dass der Multiplen Sklerose eine Autoimmunreaktion zugrunde liegt und die therapeutischen Ansätze verstärkt werden müssen, diese in den Griff zu kriegen", sagt Bernhard Hemmer vom Kompetenznetz Multiple Sklerose.
Trotz der Hinweise auf genetische Ursachen verweisen Experten auf eine relativ geringe Vererbungsgefahr. "Das Risiko, an einer Multiplen Sklerose zu erkranken, wenn bereits ein Familienmitglied betroffen ist, liegt nur bei eins zu 100", sagt Judith Haas, stellvertretende Vorsitzende der deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft und Chefärztin der Neurologie am Jüdischen Krankenhaus Berlin. Neben dem Erbgut spielen also auch Umweltfaktoren eine wichtige Rolle. Sonneneinstrahlung zum Beispiel: Die Erkrankungshäufigkeit steige mit der Entfernung vom Äquator an, sagt Haas, was auf einen Zusammenhang mit der Sonneneinstrahlung schließen lässt. UV-Strahlung fördert die körpereigene Produktion von Vitamin D, das sich wiederum positiv auf die Immunabwehr auswirkt. Besonders wichtig scheint dabei die Prägung in der Kindheit zu sein. Studien zeigen, dass Menschen die in einem äquatornahen Land aufwuchsen und erst nach ihrer Pubertät in ein sonnenarmes Gebiet auswanderten, ein ebenso geringes Risiko tragen, als würden sie noch immer nahe dem Äquator leben.
Bei Männern scheint auch das Absinken des Testosteronspiegels jenseits des 50. Lebensjahres den Ausbruch der Krankheit zu begünstigen. Bei Frauen, die in jungen Jahren ein Kind gebären tritt die MS später auf, als bei kinderlosen Frauen. 

Zahlen

Die Krankheit ist häufig: 120 000 Menschen sind in Deutschland betroffen, davon 75 Prozent Frauen. Die Krankheit beginnt meistens zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr. Nach Angaben der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft sind weltweit etwa 2,5 Millionen Menschen von MS betroffen. Zwar sinkt die Lebenserwartung durch die Krankheit kaum. Doch die Lebensqualität kann stark beeinträchtigt werden: 90 Prozent der Erkrankten leiden ohne Behandlung früher oder später unter einer Behinderung, die von der MS verursacht wurde, sagt Chefärztin Judith Haas.

Behandlung

 

Diagnostik

Obwohl die Multiple Sklerose wegen ihrer vielen Symptome auch den Beinamen "Krankheit mit den tausend Gesichtern" trägt, kann ein erfahrener Arzt die Diagnose sicher stellen. Chefärztin Judith Haas nennt die vier wichtigsten Untersuchungsmethoden: Krankengeschichte, körperliche Untersuchung, Untersuchung im Magnetresonanz-Tomografen und die Laboranalyse der Rückenmarksflüssigkeit.
Zunächst klären Mediziner in der Anamnese mit dem Patienten ab, unter welchen Beschwerden dieser leidet. Kam es schon einmal zu Taubheitsgefühlen in Bein oder Arm? Litt der Betroffene bereits unter einem entzündeten Sehnerv und dadurch unter Symptomen wie verschwommenem Sehen, Lichtempfindlichkeit oder einer milchig getrübten Sicht? Und ganz wichtig: Trat in der Familie bereits eine Autoimmunerkrankung auf?
Solche ersten Hinweisen wird der Arzt anschließend mit einer MRT-Untersuchung des Zentralen Nervensystems – also dem Gehirn und Rückenmark – nachgehen. Damit auf den MRT-Bildern die Erkrankung besser erkannt werden kann, muss der Arzt dem Patienten zunächst ein Kontrastmittel in die Vene einspritzen. Von dort überwindet die verabreichte Substanz die Blut-Hirn-Schranke und sammelt sich in den aktiven Entzündungsherden des Nervensystems an. In der MRT-Aufnahme leuchten die erkrankten Areale nun gut sichtbar auf. Doch nicht jede Entzündung verursacht auch Beschwerden, oder, wie es Chefärztin Haas ausdrückt: "Viele Herde sind klinisch stumm."
Die Aufnahmen der Kernspins, wie das MRT-Gerät auch genannt wird, zeigen bei einigen Patienten in den späten Stadien der Erkrankung ein weiteres Phänomen: Die vielen Entzündungsherde hinterlassen Narben im Gehirn, dadurch nimmt die Hirnmasse ab. Mediziner sprechen dann von einer Hirnatrophie.
Schließlich entnehmen Ärzte auch noch die Rückenmarksflüssigkeit, um andere Erkrankungen wie beispielsweise die durch Zeckenbisse übertragene Borreliose ausschließen zu können. Dazu sticht der Mediziner mit einer feinen Kanüle meist zwischen den dritten und vierten Wirbel der Lendenwirbelsäule.Bei Multiple Sklerose-Erkrankten finden sich erhöhte Konzentrationen von weißen Blutzellen im so gewonnenen Nervenwasser. Auch die Zusammensetzung der Eiweiße des Patienten deuten auf die MS-Erkrankung. Zudem schließen die Mediziner Viruserkrankungen oder bakterielle Infektionen – insbesondere Borreliose mit chemischen Tests im Labor aus.

 Therapie

Multiple Sklerose ist bisher nicht heilbar, der Krankheitsverlauf lässt sich jedoch mit Medikamenten oft für lange Zeit verzögern oder ganz einfrieren.
"Die Behandlung der MS-Erkrankung fußt auf den drei Säulen der Schubtherapie, der immunprophylaktische Therapie und der symptomatischen Therapie", sagt Haas. Einerseits werden die Symptome eines akuten Krankheitsschubes therapiert, andererseits der Verlauf der MS soweit wie möglich durch eine Langzeitbehandlung verzögert. Einen akuten Schub lindern Mediziner meist mit dem entzündungshemmenden Arzneistoff Kortison. Schlägt diese Therapie nicht an, kann eine so genannte Plasmapherese helfen – eine Blutwäsche. Das über eine Vene angezapfte Blut wird dabei von Eiweißmolekülen gereinigt, die Entzündungsprozesse verursachen. Bis das Blut vollständig gefiltert ist, muss der Patient die Plasmapherese in einem spezialisierten MS-Zentrum meist vier bis sechs Mal durchlaufen.
Während einige Experten darum streiten, wann mit einer Langzeittherapie begonnen werden sollte, versichert Chefärztin Judith Haas vom Jüdischen Krankenhaus Berlin: "Patienten, die nach dem ersten Schub mit der Therapie beginnen, haben gegenüber den Patienten, die erst zwei Jahre später beginnen, einen anhaltenden Vorteil." Zudem seien die Medikamente der Basistherapie seit 20 Jahren erprobt, Langzeitnebenwirkungen gebe es praktisch keine.
Ziel der Basistherapie ist es, das Immunsystem zu beeinflussen. Zwei Wirkstoffe werden dabei derzeit hauptsächlich angewandt – sogenannte Beta-Interferone und Glatirameracetat. Interferone sind körpereigene Botenstoffe, die das Immunsystem regulieren. Bei einer Erkrankung wie einer Grippe, schüttet der Körper diese Eiweiße aus, um lästige Viren zu bekämpfen. Der Botenstoff hemmt aber auch Entzündungen: Bei MS-Patienten verhindert es, dass weitere Entzündungsherde entstehen. Zwar können die injizierten Beta-Interferone die Entzündungsherde reduzieren, doch sie sind nicht immer frei von Nebenwirkungen – einige Patienten leiden zeitweise, mitunter aber auch dauerhaft, unter grippeähnlichen Symptomen. Um das Medikament zu verabreichen, gibt es stiftgroße Instrumente, die das eigenständige Injizieren erleichtern – ähnlich wie bei Diabetes-Patienten, die sich Insulin spritzen müssen.
Während Beta-Interferone den Entzündungsprozess stoppen und den Myelinscheiden es ermöglichen sich wieder zu heilen, zielt der Wirkstoff Glatirameracetat darauf ab, die gegen das zentrale Nervensysterm gerichteten Attacken des Immunsystems zu verhindern. "Das Medikament lenkt das Immunsystem vom Zentralen Nervensystem ab", erklärt Chefärztin Haas. In seiner Zusammensetzung ähnelt die Arznei den Bestandteilen der Myelinscheiden. Nachdem das Medikament gespritzt wurde, werden die körpereigenen autoagressiven Abwehrzellen von den injizierten Attrappen getäuscht und von ihrem eigentlichem Ziel den Myelinscheiden abgelenkt. Der Wermutstropfen: Der Betroffene muss sich jeden Tag eine Spritze setzen – doch auch hierfür gibt es bedienungsfreundliche Injektionshilfen.
Die Basistherapie schlägt oft sehr gut an. Erst wenn die Multiple Sklerose schwerer verläuft, wenn also Behinderungen drohen, greift Chefärztin Haas zu neueren Therapieformen. "Sehr wirkungsvoll sind beispielsweise gentechnisch hergestellte monoklonale Antikörper." Natalizumab, so heißt das Medikament, verändert die Oberfläche der körpereigenen Abwehrzellen so, dass sie nicht mehr die Blut-Hirn-Schranke überwinden können. Dadurch werden Hirn und Rückenmark vom eigenen Immunsystem abgeschottet. "Wichtig ist jedoch sicher zu stellen, dass sich keine Viren oder andere Erreger im Hirnwasser befinden", sagt die Chefärztin. Denn ohne die Immunabwehr hätten diese ein leichtes Spiel im Körper des Patienten – dann würden lebensgefährliche Infektionen drohen.
Inzwischen gibt es neben diesen Medikamenten, die injiziert werden müssen, auch erstmalig eine Tablette gegen eine MS-Erkrankung. Sie heißt Fingolimod und ist ein synthetischer Nachbau des aus einem Pilz stammenden Wirkstoffes Myriocin. Die Tablette verhindert, dass die autoagressiven weißen Blutkörperchen die Lymphknoten verlassen, um im Zentralen Nervensystem Schaden anzurichten.
Aber auch andere Faktoren beeinflussen den Krankheitsverlauf, zum Beispiel, wenn eine MS-Patientin ein Kind erwartet. "Eine Schwangerschaft wirkt besser als die besten Medikamente", meint die Neurologin Kerstin Hellwig vom St.-Joseph-Hospital der Universität Bochum. Denn das ungeborene Kind, das zur Hälfte die Gene des Vaters trägt, ist somit ein halber Fremdkörper im Mutterbauch, der vom Immunsystem der Mutter angegriffen werden könnte. Deshalb fährt der weibliche Körper während der Schwangerschaft das eigene Abwehrsystem herunter, um das Kind zu tolerieren – mit positiven Nebenwirkungen auf die Multiple Sklerose. Dass die Schübe dann drastisch abnehmen, ist nicht nur Erfahrungswissen, es wurde Ende der 90er Jahre durch Studien belegt. Und es bestätigt sich durch die Daten, die in Bochum gesammelt werden. Dort hat Hellwig eine weltweit einzigartige Datensammlung gestartet, das deutschsprachige MS- und Kinderwunschregister.



Artikelsuche ?

Routenplaner

Planen Sie Schritt für Schritt, wer Sie medizinisch auf Ihrem Behandlungspfad versorgen soll - von der Vorsorge über die ambulante Behandlung bis hin zur stationären Versorgung und anschließender Rehabilitation. Lassen Sie sich dafür die in der Datenbank enthaltenen Einrichtungen in der Region Berlin-Brandenburg anzeigen, die diese Erkrankung behandeln.

Tagesspiegel GESUND

Tagesspiegel Gesund 08 Tagesspiegel Gesund 09 Tagesspiegel Gesund 10

Fachkompetentes Praxiswissen informativ aufbereitet
Informationen zu Behandlungsmethoden und Gesundheitstrends aus Berlin und Umgebung
Von der Gesundheitsberater-Berlin-Redaktion

Aktuell am Kiosk oder direkt im
Tagesspiegel-Shop

Wir liefern Qualität

Erfahren Sie mehr darüber, wie unsere Texte entstehen, wie die Daten geprüft werden und wie sich das Portal finanziert.
Jetzt informieren.

Sie sind uns wichtig und wir freuen uns über Ihre Meinung zu unserem Portal. Welche Themen andere Leser interessierten lesen sie unter Leser fragen - die Redaktion antwortet