HIV (Immunschwäche-Krankheit)

Der Aids-Erreger überlebt nicht an der Luft, doch ist er einmal im Körper, bleibt er für immer. Der Krankheitsausbruch lässt sich aber lange verhindern – mit einer Arzneitherapie*

HIV_Infektion.jpg

Erklärung

Durch eine Infektion mit dem Aidserreger HIV (Humanes Immundefizienz-Virus) wird das körpereigene Abwehrsystem immer weiter geschädigt, bis es – unbehandelt – zusammenbricht. Nach ihrem Eindringen in die Blutbahn treffen die Viren auf die T-Helferzellen des Immunsystems, die zwar als Verteidiger vorgesehenen sind, dem Virus aber ausgerechnet als Wirtszellen dienen. Der geschwächte Organismus beginnt mit der Bildung von Antikörpern. Doch erst nach einem Monat reicht deren Menge für einen Nachweis und erst dann ist sicher, ob man infiziert ist. HIV-Erreger sind in der Lage, ihren genetischen Code in das Erbgut des Wirtskörpers einzubauen. Deshalb verschwindet das Virus nie vollständig.

Der Erreger wird nur übertragen, wenn er in ausreichender Menge in die Blutbahn oder auf die Schleimhäute gelangt. Eine Ansteckung ist folglich über Blut, Sperma, Scheidensekret und Muttermilch möglich. Generell können kleinste, unsichtbare Hautirritationen beim Sex für eine Übertragung ausreichen. Die Risiken sind ungleich verteilt: Die Wahrscheinlichkeit, dass sich durch eine bestimmte Virenmenge im Sperma eines Mannes eine Frau ansteckt, ist viermal höher, als dass die gleiche Menge im Scheidensekret einer Frau einen Mann infiziert. Ein enormes Risiko hat, wer infizierte Spritzen eines HIV-Positiven benutzt. Bei normalem Körperkontakt gebe es keine Infektionsgefahr, da unverletzte Haut ausreichend schütze, sagt Christoph Schuler von der HIV-Schwerpunkt-Praxisgemeinschaft in der Tiergartener Turmstraße. Außerhalb menschlicher Körper überlebe das Virus nicht lange. Schwimmbäder etwa sind sicher.

 

Symptome

Eine Infektion verläuft bei jedem Menschen unterschiedlich. Grundsätzlich gilt nur, dass sich die meisten etwa drei Wochen nach der Infektion wie bei einer schweren Grippe fühlen: Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen. Symptome, die von vielen als Erkältung abgetan werden. Die Viruslast kann auf mehrere Millionen Viren pro Milliliter Blut steigen. Das bedeutet, gerade im frühen Stadium kann ein Sexualpartner von einem Infizierten besonders leicht angesteckt werden. Später werden vor allem die sogenannten T-Helferzellen zerstört – gerade diese sind für das menschliche Immunsystem wesentlich, weil sie Erreger direkt angreifen sollen. Den HI-Viren aber dienen sie als Wirtszellen, wobei beim Eindringen der Viren die Membran der Zellen zerstört wird. Hinzu kommt, dass das Immunsystem befallene T-Helferzellen ausschaltet, also einen Teil von sich selbst zerstört.

Nach ein paar Wochen gewinnt das Immunsystem über die Eindringlinge zwar die Oberhand, die Viruslast sinkt und es beginnt eine mitunter jahrelange Phase ohne spürbare Symptome. Aber auch wenn sich die infizierte Person gesund fühlt – langfristig leiden die T-Helferzellen. Deshalb müssen Betroffene rechtzeitig mit antiretroviralen Medikamenten behandelt werden. Verläuft die Erkrankung unbehandelt, ist das Immunsystem iegendwann so geschwächt, dass es anderen Erregern nichts mehr entgegensetzen kann. Der Patient erkrankt an Aids. Als aidskrank wird ein HIV-Infizierter bezeichnet, wenn “opportunistische Infektionen” chronisch auftreten. Bakterien, Pilze und Viren breiten sich aus, weil die Abwehrkräfte geschwächt sind. Vor allem mitunter tödliche Lungenentzündungen gehören dazu.

 

Ursachen

Die meisten HIV-Infizierten haben sich durch ungeschützten Sex – das heißt ohne Kondom – angesteckt. Denn die Darm- und Vaginalschleimhaut sind sehr empfindlich und können HIV direkt aufnehmen. Durch Verletzungen der Vagina oder Reizungen der Gebärmutter kann infektiöse Samenflüssigkeit in die Blutbahn der Frau gelangen. Besonders risikoreich ist ungeschützter Analverkehr. Für Menschen, die sich Drogen spritzen, besteht ebenfalls ein sehr hohes Infektionsrisiko, wenn sie Spritzen gemeinsam benutzen. Hierbei kann infiziertes Blut direkt in die Blutbahn eindringen. Und schließlich: In der Öffentlichkeit ist das zwar kaum ein Thema, dennoch besteht ein hohes Risiko durch die Mutter-Kind-Übertragung. Kinder von HIV-positiven Frauen können während der Schwangerschaft, bei der Geburt und auch beim Stillen angesteckt werden.

Bluterkranke Menschen sind heute kaum noch durch das für sie lebenswichtige Blutplasmakonzentrat gefährdet. Durch besondere Verfahren wird weitestgehend sichergestellt, dass derartige Blutprodukte kein HIV enthalten. Um zu verhindern, dass bei Bluttransfusionen HIV übertragen wird, werden in Deutschland in einem Routine-Test alle Blutspenden auf HIV-Antikörper untersucht.

 

Zahlen

In Deutschland lebten Ende 2009 rund 67 000 Menschen mit HIV und Aids – rund 3000 von ihnen haben sich neu mit dem Virus angesteckt. In Berlin leben derzeit etwa 11 200 mit HIV infizierte Menschen, rund 9900 Männer und 1300 Frauen.

 

Behandlung

 

Diagnose

Ob eine Infektion mit dem HIV-Erreger vorliegt, prüft der HIV-Test. Bei den meisten Testverfahren geht es um den Nachweis von Antikörpern gegen den Erreger im Blut. Diese entstehen als Abwehrreaktion des Körpers und bilden sich bis etwa drei Monate nach der Infektion. Deshalb ist der Test auch erst dann aussagekräftig. Es gibt auch Tests, die das Virus direkt nachweisen und die in einem früheren Stadium ansprechen. Doch diese sind im Vergleich zum Antikörper-Test viel teurer und dienen eher der Bestimmung der Virenzahl im Blut von Infizierten.

 

Therapie

Die Behandlung von HIV erfolgt medikamentös. HIV-Medikamente werden, je nachdem wie sie den HI-Virus bekämpfen, in verschiedene Klassen unterschieden. “Entry-Hemmer” – zu deutsch Eintrittshemmer – verwehren dem Virus den Zutritt, in dem sie verhindern, dass der Erreger an die menschliche Zelle andockt und in sie eindringen kann. Ist das dem Virus bereits gelungen, unterbinden Reverse-Transkriptase- und Integrase-Hemmer die Bildung ihrer namensgebenden Enzyme, die vom Virus benötigt werden, um das eigene Erbgut der menschlichen Zelle anzupassen und einzubauen. Damit kann der Eindringling nicht das Regime in der Zelle übernehmen.

Schließlich verhindern Protease-Hemmer, dass sich das Virus in infizierten Zellen vermehrt und im Organismus ausbreitet. Dazu blockiert es die Produktion des Enzyms Protease, das vom HI-Virus benötigt wird, um neue Virenbestandteile zu bilden. Jedoch ist Virus nicht gleich Virus. Bei der Vermehrung mutiert es häufig, wodurch viele verschiedene Varianten entstehen, gegen die ein einziges Medikament hilflos wäre. Erst die Kombination meherer Medikamente mit verschiedenen Wirkmechanismen – die Kombinationstherapie – verspricht eine erfolgreiche Behandlung.

Der Erfolg einer Therapie, also das Zurückdrängen der Viren, hängt entscheidend von der Disziplin des Patienten ab. Eine zu unregelmäßige Medikamenteneinnahme und willkürliche Therapiepausen fördern die Resistenzentwicklung des Virus: Er passt sich der Behandlung an. Trotz einer erfolgreichen Therapie, die die Anzahl der HI-Viren im Blut unter die Nachweisgrenze senken kann, bleibt der Erreger für immer im Körper. Denn er kann sich in Regionen zurückziehen, wie etwa das Gehirn oder das Knochenmark, in denen es für die Arzneimittel derzeit unerreichbar ist. Die jahrelange Arzneitherapie kann mit teils heftigen unerwünschten Nebenwirkungen verbunden sein, Durchfälle, Nieren- und Leberproblemen, Depressionen, Fettverteilungstörungen und andere. Bei den modernsten Medikamenten sind diese Nebenwirkungen weniger stark ausgepägt, sagt Keikawus Arasteh vom Auguste-Viktoria-Klinikum.

Die hochgerechnete Lebenserwartung eines HIV-positiven Menschen liege heute bei rund 40 Jahre, sagen andere Experten. Lesen Sie zu diesem ein Interview in unserem Portal.

 

Prophylaxe

Bei einem Risikokontakt, etwa ungeschütztem Sex mit einem HIV-Positiven, wird eine postexpositionelle Prophylaxe (PEP) empfohlen. Die besten Ergebnisse sind bei einer Anwendung binnen zweier Stunden zu erwarten. In jedem Falle sollten Spezialisten befragt werden, ob eine solche Vorbeugung sinnvoll ist. Die PEP-Therapie besteht aus einer Kombination dreier Medikamente und dauert einen Monat. Wegen der starken Präparate – die Viren sollen blockiert werden, bevor sie Wirtszellen befallen – sind Nebenwirkungen wie Übelkeit und Durchfall wahrscheinlich. Im Falle ungeschützten Geschlechtsverkehrs mit einer HIV-positiven Person wird die Behandlung nicht unbedingt von Krankenkassen übernommen. “Bisher gibt es wenig Erfahrungen mit dieser Prophylaxe”, heißt es etwa von der Krankenkasse Knappschaft. Außerdem bestünde ein Restrisiko von 20 Prozent, sich trotz PEP zu infizieren. Da den Versicherungen im Falle einer Infektion aber höhere Kosten entstehen, sind viele Kassen kulant. Die Prophylaxe kostet bis zu 1400 Euro.



Artikelsuche ?

Routenplaner

Planen Sie Schritt für Schritt, wer Sie medizinisch auf Ihrem Behandlungspfad versorgen soll - von der Vorsorge über die ambulante Behandlung bis hin zur stationären Versorgung und anschließender Rehabilitation. Lassen Sie sich dafür die in der Datenbank enthaltenen Einrichtungen in der Region Berlin-Brandenburg anzeigen, die diese Erkrankung behandeln.

Tagesspiegel GESUND

Tagesspiegel Gesund 08 Tagesspiegel Gesund 09 Tagesspiegel Gesund 10

Fachkompetentes Praxiswissen informativ aufbereitet
Informationen zu Behandlungsmethoden und Gesundheitstrends aus Berlin und Umgebung
Von der Gesundheitsberater-Berlin-Redaktion

Aktuell am Kiosk oder direkt im
Tagesspiegel-Shop

Wir liefern Qualität

Erfahren Sie mehr darüber, wie unsere Texte entstehen, wie die Daten geprüft werden und wie sich das Portal finanziert.
Jetzt informieren.

Sie sind uns wichtig und wir freuen uns über Ihre Meinung zu unserem Portal. Welche Themen andere Leser interessierten lesen sie unter Leser fragen - die Redaktion antwortet