Interview zur Kritik der Neurowissenschaft: „Hirnforscher haben einen priesterähnlichen Status“

Es sei zu einfach, psychische Krankheiten nur mit Störungen im Hirnstoffwechsel erklären zu wollen, sagt Felix Hasler. Der Psychopharmakologe ist Gastwissenschaftler an der Berlin School of Mind and Brain der Humboldt Universität und Autor des Buches “Neuromythologie: Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung (2012)”.

Felix Hasler

Foto: promo - promo

Wie würden Sie den Zusammenhang zwischen Gehirn und Psyche beschreiben?

Das ist natürlich eine zutiefst philosophische Frage. Die ernüchternde Antwort ist: Man weiß es nicht. Es gibt zwar diesen alten Slogan „Mind is, what the brain does – Geist ist das, was das Gehirn macht“. Aber wissenschaftlich ist es alles andere als geklärt, wie das genau vor sich gehen soll. Es gibt gegenwärtig ein gutes Dutzend konkurrierende Bewusstseinstheorien, wie aus biologischen Prozessen so etwas wie bewusstes Erleben entsteht könnte. Wirklich überzeugend ist keine. Es gibt auch Hirnforscher, die sagen: Wir hatten noch keinen Einstein des Gehirns, wir hatten noch nicht mal einen Newton des Gehirns. Es muss da etwas ganz Grundlegendes geben, das wir nicht verstehen. Es mag sich esoterisch anhören, aber es ist auch vorstellbar, dass Bewusstsein eine universelle Eigenschaft des Universums ist, eine Naturgegebenheit, so wie die Schwerkraft, die sich unter ganz bestimmten Vorraussetzungen manifestiert, zum Beispiel im Gehirn. Natürlich ist das höchst spekulativ. Aber ich sage, Vieles, was im Namen der Hirnforschung behauptet wird, ist nicht weniger spekulativ.

Heutzutage gilt das Gehirn als unser unumstrittenes Zentralorgan. Es wird bereits von einem „Neuro-Hype“ gesprochen, weil sich immer mehr Forscher mit dem Gehirn beschäftigen. Wann begann diese Entwicklung?

Zu Beginn der 1990er Jahren hat der damalige US-Präsident George Bush Senior die „Dekade des Gehirns“ ausgerufen. Damit begann ein unglaublicher Siegeszug der Gehirnforschung. Seither sind Dutzende Neuro-Bindestrich-Wissenschaften entstanden, zum Beispiel Neuro-Didaktik, Neuro-Philosophie, Neuro-Marketing, Neuro-Ästhetik… Man macht das Gehirn längst nicht mehr nur dort zum Untersuchungsgegenstand, wo es logischerweise zuständig ist - bei neurologischen Störungen etwa, wie Parkinson, Alzheimer, Multiple Sklerose. In der Dekade des Gehirns hat man damit angefangen, gleich die ganze Lebenswelt des Menschen auf Gehirnfunktionen zu reduzieren. Man mag sich fragen, in wieweit die Neurowissenschaften das überhaupt selbst wollten. Es stimmt natürlich, dass die Hirnforscher in der Öffentlichkeit immer schon sehr selbstbewusst aufgetreten sind, aber die Rolle einer Leitwissenschaft wurde ihnen auch aufgedrängt. Gerade auch Vertreter der Geistes- und Sozialwissenschaften haben bereitwillig an die Neurosciences angedockt. Wenn man das Wort „Neuro“ im Namen hat, erscheint die eigene Forschung gleich viel glaubwürdiger und relevanter, knallhart naturwissenschaftlich eben.

Warum ist es für Wissenschaftler attraktiv, die „Neuro“-Silbe vor das eigene Fach zu spannen?

Da gibt es zunächst eine intuitive Komponente. Forscht man am Gehirn, ist man gefühlt schon mal ganz nah dran an der Wahrheit. Schon mal vor Ort, dort wo die Musik spielt. Und dies völlig unabhängig davon, was man im Gehirn tatsächlich untersucht. Es wird ja oft nicht einmal reflektiert, ob sich eine Forschungsfrage überhaupt eignet, mit neurowissenschaftlichen Methoden untersucht zu werden. Dazu kommt, dass „Neuro“ selbst zu einer Marke geworden ist. Ein von der Öffentlichkeit geachtetes und von Forschungssponsoren geschätztes Qualitätslabel, hinter dem sich allerdings auch zweit- und drittklassige Forschung verstecken lässt. Ich denke da zum Beispiel an Bildgebungsstudien zu Wahlverhalten und politischer Orientierung. Kritik aus den eigenen Reihen ist selten und Kritik von Außen nur bedingt möglich. Gerade wenn man als Laie die bunten Bilder der Hirnscans sieht, hat man ja kaum eine Chance zu durchschauen, was sie bedeuten. Der Hirnforscher aber, so die geläufige Meinung, wird daraus allerlei Wichtiges herauslesen können - und bekommt dadurch einen priesterähnlichen Status.

Aber ist es nicht so, dass man auf den bunten Scanner-Bildern dem Gehirn beim Denken zuschauen kann?

Die Antwort ist ganz klar: Nein. Ihre Frage ist aber interessant, denn sie beinhaltet den wohl größten Mythos der zeitgenössischen Hirnforschung - nämlich, dass es möglich ist, mit den modernen Bildgebungsverfahren bis auf die Ebene von Gedanken und Gefühlen zu kommen. Die Hirnforschung wird in der Öffentlichkeit als harte, streng faktengestützte Naturwissenschaft wahrgenommen. Aber Hirnforschung ist nicht klassische Physik. Von einigen Ausnahmen abgesehen sind neurowissenschaftliche Daten ziemlich - bis katastrophal - schlecht, kaum reproduzierbar und oft irrelevant.

Lügen Gehirn-Bilder also?

Da kommt es sehr darauf an, was für eine Art von Bildgebung gemacht wird. Wenn Sie eine Magnetresonanztomograph-Aufnahme der Struktur des Gehirns machen und damit einen Hirntumor entdecken, dann wird  dieser Tumor mit großer Wahrscheinlichkeit auch da sein. Da gibt es keinen grundlegenden Unterschied zur Röntgenaufnahme eines gebrochenen Beins. Ganz anders sieht es bei einem funktionellen MRT-Bild aus, mit dem man versucht, kognitive und affektive Prozesse im Gehirn sichtbar zu machen. Das ist eine höchst komplizierte und auch höchst fehleranfällige Technologie. Am Schluss kommt zwar immer etwas raus - es ist meines Wissens gar nicht möglich, bei einer Studie keine Aktivierungen oder Deaktivierungen im Gehirn zu finden. Was so aussieht wie eine Art grob verpixelte Fotografie, also eine Quasi-Abbildung der Wirklichkeit, ist aber nichts dergleichen. Diesen Bildern geht ein langer und oft willkürlicher Prozess von Entscheidungen voraus. Das Ergebnis hängt fundamental vom Design der Studie ab, welche Probanden man auswählt, wie die Daten aufgezeichnet und verarbeitet werden und welche statistischen Verfahren man anwendet. Wenn man sich auch nur an einer Stelle in dieser langen Kette experimenteller Datenberechnung- und Interpretation anders entscheidet, ist es gut möglich, dass das MRT-Bild am Ende komplett anders aussieht. Wenn wir die Analogie zur Fotografie weiter strapazieren wollen, ist das in etwas so, als würde der Portraitierte völlig anders aussehen, je nachdem was für eine Kombination von Objektiv, Blende und Verschlusszeit man wählt.  Das erklärt auch, warum funktionellen MRT-Studien notorisch schlecht reproduzierbar sind. 

Was meinen Sie damit, dass manche Ergebnisse der Hirnforschung nicht relevant sind?

In dem Sinne, dass daraus kaum neuartiges Wissen entsteht. Also Erkenntnisse, die man nicht vorher auch schon hatte. Dafür gibt es mittlerweile schon den Begriff der „Neuroredundanz“. Allzu oft werden alt bekannte Binsenweisheiten als „neueste Erkenntnisse der Hirnforschung“ verkauft. Nehmen wir zur Illustration die Neuro-Didaktik, auch bekannt unter dem Schlagwort „gehirn-gerechten Lernens“. Wenn man nachfragt, was denn die praktischen Schlussfolgerungen der Neurodidaktik für den Unterricht in der Schulklasse sei, dann erklären Neurobiologen etwas in der Art: Man muss möglichst früh mit Lernen anfangen, weil dann die Plastizität des Gehirns noch am größten ist. Man soll den Lernstoff häufig wiederholen, zur Stärkung der Synapsen. Drittens sollte das Lernen als sinnvoll und erstrebenswert vermittelt werden und viertens soll das Lernen möglichst alle Sinne ansprechen. Bahnbrechende Erkenntnisse der Hirnforschung? Das alles ist doch banal und hört sich für mich viel mehr nach Pestalozzi an (Anm. D. Red: Johann Heinrich Pestalozzi, 1746 – 1826  war ein Schweizer Reformpädagoge), als nach revolutionärer Neurowissenschaft. Früher hieß es, der Mensch muss früh mit Lernen anfangen, heute muss das Gehirn früh mit Lernen anfangen. Sicher, die Hirnforschung macht auch enorm spannende Dinge und es gibt Fortschritte, zum Beispiel in der Neurologie. Aber dieser notorische Anspruch, gleich die ganze Welt erklären zu wollen, ist wenig produktiv.

Immer wieder wird der Neurowissenschaft vorgeworfen, sie reduziere das Menschsein auf die Funktionen des Gehirns, um psychische Krankheiten erklären zu können...

In einem solchen, auch neuro-reduktionistisch genannten Weltbild sind psychische Störungen nichts anderes als Erkrankungen des Gehirns. Wenn also die Psyche leidet, braucht man nur das Gehirn zu reparieren und alles wird gut. Das hat ganz konkrete Auswirkungen auf die Art, wie mit psychischen Krankheiten umgegangen wird. Wenn Sie heute zum Arzt gehen und sagen: Ich kann nicht schlafen, ich bin traurig, ich habe keine Energie - bekommen Sie die Diagnose Depression und werden fast zwangsläufig innerhalb dieses biologischen Denkmodells behandelt. So besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass Sie Antidepressiva verschrieben bekommen. Auch die Sichtweise vieler Patienten ist so. Diese gehen zum Hausarzt und sagen: Meine Depression ist ja eine Serotoninstörung und deshalb will ich Medikamente, die mein Serotonindefizit beheben. Es gibt diese weit verbreitete Illusion des „Quick-Fix“: Zum Arzt gehen, er findet heraus, was ich habe und er repariert es dann schnell und effizient. Und die vermeintlich schnellste Lösung sind natürlich Medikamente. Aber so läuft es eben so gut wie nie.

Warum ist das ein Problem?

Im Prinzip gilt für die Entstehung psychischer Störungen schon seit langem das mehrdimensionale bio-psycho-soziale Modell – das heißt, man geht davon aus, dass sowohl biologische, als auch psychologische und soziale Gründe für eine Erkrankung eine Rolle spielen. Faktisch allerdings führte die Hinwendung zur Neurowissenschaft in der psychiatrischen Forschung zu einer extremen Verschiebung hin zum Pol zur Biologie. Das hat dazu geführt, dass die akademisch-psychiatrische Forschung sich mittlerweile Lichtjahre von der realen Lebenswelt der Patienten entfernt hat. Ob man bei einer Zwangsstörung minimale Veränderung eines bestimmten Rezeptortyps in einem bestimmten Hirnareal entdeckt hat, hat doch für den Patienten - und auch die Therapie - keinerlei Relevanz. Die Forschung hat sich verselbstständigt und ein wundersames Eigenleben entwickelt. Wenn man fragt: Geht es psychisch kranken Menschen heute besser als vor 30 Jahren? Dann kann man sagen: Ja, das ist wohl so. Aber wenn man genau hinschaut, sieht man, dass die Medikamente damit nichts oder nur sehr wenig zu tun haben. Was die Situation psychisch Kranker tatsächlich verbessert hat, sind die Psychiatriereformen. Also, dass man davon weggekommen ist, psychisch Kranke einfach nur in Großinstitutionen zu verwahren und stattdessen einen humanistischeren Umgang mit den Patienten eingeführt hat.

Viele Ärzte vertreten die These, dass die Ursachen für eine Depression etwas mit dem Hirnstoffwechsel zu tun haben.

Zu Beginn der 1970er Jahre entstanden innerhalb der akademischen Psychiatrie eine ganze Reihe von Hirnstoffwechselhypothesen für psychische Störungen. Die bekanntesten sind die Dopamin-Hypothese der Schizophrenie und die Serotonin-Hypothese der Depression. Das waren ja erst einmal interessante und durchaus erfolgversprechende Annahmen. Das Problem ist nur, dass all diese Hypothesen trotz jahrzehntelanger intensiver Forschung nie bewiesen werden konnten. Die pharmazeutische Industrie hat sich allerdings schon früh über den Hypothesenstatus hinweggesetzt und wurde nicht müde, in der Öffentlichkeit und bei Psychiatriekongressen zu verkünden, diese Hirnstoffwechselstörungen seien quasi gesichertes medizinisches Wissen. Klar, denn mit dem Mythos einfacher Stoffwechselursachen - analog zum Insulinmangel beim Diabetes - ließ sich die Verschreibung von Psychopharmaka als rational und krankheitsspezifisch begründen. Ein nachhaltiger Sieg des Pharmamarketings über die Wissenschaft, wie die Verschreibungszahlen von Antidepressiva bis heute belegen. In der Fachwelt selbst - auch in der biologischen Psychiatrieforschung - ist die Serotoninhypothese der Depression schon seit Jahren vom Tisch. Auch auf den Webseiten der meisten Psychopharmakologie-Gesellschaften wurden frühere Hinweise zu  Serotonin und Depression längst entfernt. Die Sache ist eben viel komplizierter. Psychische Störungen haben in aller Regel mehrere Ursachen und lassen sich nicht einfach auf neurologische Prozesse reduzieren. Interessant in dieser Hinsicht ist eine Gruppe von vielleicht 5-10 Prozent schwer depressiver Patienten,  bei denen sich keine biographischen Gründe für die Depression finden lassen Diese Menschen sagen auch selbst: Eigentlich geht’s mir gut: Familie, Job,  alles in bester Ordnung. Und trotzdem haben diese Menschen schwerste seelische Tiefs. Hier wäre es tatsächlich möglich, dass es sich um eine ursächlich biologische Störung handelt. Bei den anderen 90 bis 95 Prozent depressiv Kranker findet man sehr wohl biographische Ursachen - die sehr viel plausibler für ihren Zustand sind als eine hypothetische - und nie bewiesene - Hirnstoffwechselstörung.

Trotzdem: Psychopharmaka wirken doch. Wäre das nicht ein Hinweis darauf, dass das Gehirn daran beteiligt ist.

Haben Sie viel Zeit? Zur Beantwortung dieser Frage müsste man nochmal ein ganz neues Fass aufmachen. Aber lassen Sie uns bei den Antidepressiva bleiben. Es ist ja nicht so, dass diese nicht wirksam wären. Seit 2008, als eine große Metaanalyse zur Wirksamkeit der Antidepressiva erschien, ist allerdings klar, dass bis zu 80 Prozent der Wirkung auch mit Placebotabletten erreicht werden kann. Nur bei schweren und schwersten Depressionsverläufen scheint ein echter pharmakologischer Effekt vorhanden zu sein. Überhaupt ist es interessant, dass man bei Depressionen immer etwa bei 40 bis 60 Prozent der Patienten eine deutliche Besserung erzielen kann - und zwar ziemlich egal, was man macht. Psychoanalyse und Verhaltenstherapie, Ausdauersport, Achtsamkeitstraining, Johanniskrautpräparate oder Psychopharmaka. Selbst scheinbar abstruse Methoden wie die Hautinjektion des Faltenglätters Botox zeigt bei etwa der Hälfte der depressiven Patienten eine erstaunliche Wirkung. Zu diesem Phänomen gibt es die Metapher mit der Nadel, die auf der Schallplatte in einer Endlosschlaufe festhängt. In eine solche Rille hinein zu gelangen ist ganz normal - wir alle kennen Phasen von Traurigkeit und Energielosigkeit. Eine Depression wird es erst dann, wenn man aus dieser Rille partout nicht mehr herauskommt. Und eine ganze Reihe verschiedener Maßnahmen scheint genau diesen Schubser zu bewirken, damit die Platte wieder normal weiter läuft. In Anbetracht von Nebenwirkungen und Absetzproblemen scheinen mir Antidepressiva die schlechteste unter all den möglichen Optionen zu sein.

Wäre nicht ein Argument für die biologisierte Sichtweise, dass sie die Krankheit entstigmatisiert, in dem man sagt, Depression ist eigentlich das gleiche wie eine Grippe, nur im Gehirn?

Ja, das war schon immer ein wichtiges Argument. Biologische Psychiater sagen häufig: Wir können zwar noch nicht beweisen, dass psychische Störungen Störungen des Gehirns sind, aber es trägt auf jeden Fall zur Entstigmatisierung bei zu sagen, eine Psychose sei genau so körperlich bedingt wie ein Diabetes. Das Argument funktioniert in der Praxis aber nur eingeschränkt. Bei Depressionen und Angststörungen mag das „Biologie-Argument“ dazu geführt haben, dass man als Betroffener eher zu seinen Problemen stehen kann. Aber gerade bei schweren psychischen Störungen, zum Beispiel einer Schizophrenie, hat diese Entstigmatisierung nicht funktioniert. Wenn man eine Schizophrenie als Gehirnstörung begreift, wird sie als fundamentaler und „unheilbarer“ wahrgenommen, als wenn man sagt, die Seele leidet. Viele Leute denken dann vielleicht: Wenn das Gehirn so gestört ist, dass es sogar Stimmen hört, dann ist es wohl besser, wenn ich dieser Person aus dem Weg gehe.

Was ist mit Drogensucht, lässt sie sich im Gehirn lokalisieren?

Im Zeitalter der Neurowissenschaften wurde auch die Sucht biologisiert. Damit gab es eine Verlagerung vom moralischen Versagen hin zum medizinischen Problem. Man kann zum Beispiel Alkoholikern im Scanner Bilder von Alkoholflaschen zeigen und sieht dann, dass Aufmerksamkeitsareale stärker aktiviert werden als bei Nicht-Alkoholkern. Daraus wird dann abgeleitet: Alkoholsucht ist im Gehirn angelegt. Nur, was bedeutet das? Damit ist ja nichts schicksalhaft vorbestimmt. Die meisten Alkoholiker können irgendwann mit dem Trinken aufhören, obwohl diese abweichende Hirnreaktion immer noch da ist.

Worauf sollte sich die Psychiatrieforschung in Zukunft konzentrieren?

Es wäre schon viel gewonnen, wenn die gegenwärtige Einseitigkeit der biologischen Forschung aufgegeben und wieder mehr sozialpsychiatrische und psychotherapeutische Forschung gemacht würde. Damit wird auch nicht alles Leiden aus der Welt zu schaffen sein. Aber immerhin ist man schon mal ganz nahe am Patienten und seiner Lebenswelt dran. Es gibt akademische Überlegungen, das bestehende Diagnosesystem psychischer Krankheiten aufzugeben und mit der biologischen Psychiatrieforschung unter realistischeren Vorannahmen quasi neu zu beginnen. Das wäre ein Ansatz. Viel versprechend wäre auch, mehr Ressourcen in die Resilienzforschung zu stecken. Also zu untersuchen, warum einige Menschen auch nach schwer traumatisierenden Erfahrungen - missbräuchliche Familie, eine Jugend in Kriegsgebieten - später ein gelingendes Leben führen können und andere an solchen Lebensumständen zerbrechen. Davon ließen sich viel eher echte Fortschritte für die Prävention und Therapie psychischer Störungen erwarten, als von der Suche nach dubiosen Risikogenen für eine mehr oder weniger willkürlich definierte psychiatrische Diagnose.



Artikelsuche ?

Tagesspiegel GESUND

Tagesspiegel Gesund 08 Tagesspiegel Gesund 09 Tagesspiegel Gesund 10

Fachkompetentes Praxiswissen informativ aufbereitet
Informationen zu Behandlungsmethoden und Gesundheitstrends aus Berlin und Umgebung
Von der Gesundheitsberater-Berlin-Redaktion

Aktuell am Kiosk oder direkt im
Tagesspiegel-Shop

Wir liefern Qualität

Erfahren Sie mehr darüber, wie unsere Texte entstehen, wie die Daten geprüft werden und wie sich das Portal finanziert.
Jetzt informieren.

Sie sind uns wichtig und wir freuen uns über Ihre Meinung zu unserem Portal. Welche Themen andere Leser interessierten lesen sie unter Leser fragen - die Redaktion antwortet