Cochlear-Implantat bei einer Innenohrschwerhörigkeit

Eines von 1000 Kindern wird in Deutschland taub geboren und bereits jeder dritte junge Erwachsene über 25 Jahre hat eine beginnende Lärmschwerhörigkeit. Cochlear-Implantate können Menschen, die taub zur Welt kamen oder ihr Gehör im Laufe des Lebens verloren, helfen, wieder zu hören.

Grafik_Mandeln_Ohr_SPL.jpg
Grafik: SPL, Fabian Bartel


Krankheitsbild

 

Erklärung:

Das menschliche Ohr besteht aus drei Teilen: Dem äußeren Ohr, dem Mittelohr und dem Innenohr. Die meisten Schwerhörigkeiten haben ihre Ursache im Innenohr. Der hier für das Hören zuständige Teil ist die Hörschnecke, die Mediziner auch als Cochlea bezeichnen. Wenn das Innenohr erkrankt oder nicht mit genügend Sauerstoff und anderen Nährstoffen versorgt wird, sterben die Zellen der Hörschnecke ab. Dann können sie keine elektrischen Impulse mehr über den Hörnerv an das Gehirn weiterleiten, das diese Impulse als Schall und damit als akustische Signale, als Hören interpretiert. Diese Funktion der Härchen und Zellen der Hörschnecke können inzwischen jedoch auch künstliche Ersatzteile - Cochlear-Implantate - übernehmen.

 

Ursachen:

Eine Innenohrschwerhörigkeit – Mediziner nennen sie auch Schallempfindungsschwerhörigkeit – kann sowohl angeboren als auch im Laufe des Lebens erworben sein. Für angeborene Hörminderungen sind häufig Infektionen des Kindes schon während der Schwangerschaft, etwa mit Masern oder Röteln, verantwortlich. Auch eine so genannte Hypoxie, also eine Unterversorgung der Zellen im Ohr mit Sauerstoff, kann der Auslöser sein. "Dann sterben diese Zellen ab", sagt Arneborg Ernst, Direktor der Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde am Unfallkrankenhaus Berlin. Dies kann zum Beispiel passieren, wenn ein Säugling während der Geburt zu lange im Geburtskanal feststeckt. Eine weitere Ursache für die angeborene Beeinträchtigung können auch vererbte Mutationen sein, genetische Defekte wie der Connexin-Defekt. Er verhindert, dass die Zellen im Ohr ausreichend Kalium und andere Nährstoffe erhalten. Dagegen sind erworbene Innenohrschwerhörigkeiten häufig auf Lärmbelastungen zurückzuführen. "Die alltägliche hohe Lautstärke aus dem MP3-Player, in Diskotheken und auf Konzerten ist die häufigste Ursache für ein vermindertes Hörvermögen bei jungen Menschen", sagt HNO-Klinikdirektor Ernst. Auch Altersschwerhörigkeit wird durch Krach, der zum Beispiel jahrelang am Arbeitsplatz auf die Ohren einwirkte, hervorgerufen. Allerdings können bei älteren Menschen auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkte oder zu hoher Blutdruck einen so genannten Hörsturz auslösen. Und schließlich kann ein schleichender Hörverlust bei älteren Menschen auch genetische Ursachen haben, beispielsweise durch das Usher-Syndrom, das mit einem Verlust der Sehfähigkeit einhergeht.

 

Zahlen:

Statistisch wird in Deutschland eines von 1000 Kindern taub geboren. Auch wenn dieses Verhältnis über die Jahre relativ stabil ist, steigt insgesamt die Anzahl der Menschen, die unter einem verminderten Hörvermögen leiden, stetig an. "Bereits jeder dritte junge Erwachsene über 25 Jahre hat eine beginnende Lärmschwerhörigkeit", sagt Ernst vom Unfallkrankenhaus. Der demographische Wandel tue sein Übriges. Derzeit finden ca. 3000 Cochlear-Implantationen jährlich in Deutschland statt, in Berlin und Brandenburg zusammen sind es pro Jahr etwa 150. Waren es früher vor allem Kinder, denen die Geräte eingesetzt wurden, sind es heute zu 90 Prozent Erwachsene, die sich für diesen Eingriff entscheiden.

 

Behandlung


Diagnose:

Seit 2009 sind Hörtests bei Säuglingen im Rahmen des Neugeborenenscreenings gesetzlich vorgeschrieben. Dafür bekommt das Kind einen Silikonstöpsel ins Ohr, der die so genannten otoakustischen Emissionen des Ohres misst, also die Töne, die das gesunde Organ aktiv aussendet. "Wenn diese Töne vorhanden sind, ist alles in Ordnung", sagt HNO-Klinikdirektor Ernst. Fehlen sie, weist dies darauf hin, dass das Kind an einer Schwerhörigkeit leidet. Wenn sich eine Schwerhörigkeit erst zu einem späteren Zeitpunkt bemerkbar macht, bestimmen die Ärzte mit unterschiedlichen Hörtests, wie viele akustische Signale ein Patient noch wahrnehmen und verarbeiten kann. Möglich ist dies zum Beispiel mit Hilfe eines so genannten Tonaudiogramms. Hier spielen die Mediziner dem Betroffenen über einen Kopfhörer langsam lauter werdende Töne unterschiedlicher Höhen vor. Der sagt dann, ab wann er sie hören kann. Auch ein Sprachaudiogramm kann zum Einsatz kommen. Dieses misst die Kommunikationsfähigkeit eines Patienten, also wie gut oder schlecht er Wörter in unterschiedlicher Lautstärke verstehen kann.

 

Therapie:

Innenohrschwerhörigkeiten lassen sich in der Regel weder medikamentös noch operativ behandeln, sondern lediglich durch technische Hilfsmittel wie Hörgeräte oder Cochlear-Implantate ausgleichen. Die Voraussetzung für die Implantation eines Cochlear-Implantats ist eine hochgradige, an Taubheit grenzende Schwerhörigkeit. Diese liegt ab einem Hörverlust von 80 Prozent vor. Cochlear-Implantate sind elektronische Innenohrprothesen, die den Hörnerv mit ihren Elektroden stimulieren und so im Gehirn einen Höreindruck entstehen lassen. Sie bestehen aus zwei Teilen: Einem Sprachprozessor mit Sendespule, der wie ein Hörgerät hinter dem Ohr getragen wird und einer Empfangsspule, die hinter dem Ohr unter der Haut eingesetzt wird. Die Sendespule des Sprachprozessors ist über einen Magneten mit der Empfangsspule des Implantats verbunden, sodass beide stets direkt übereinander liegen – die Sendespule über der Haut und die Empfangsspule darunter. An dem implantierten Empfänger befindet sich ein rund sieben Zentimeter langes, leicht gerolltes Kabel, in dem sich Elektroden befinden. Dieses wird in die Hörschnecke eingeführt, um den Hörnerv mit elektrischen Impulsen zu stimulieren. Cochlear-Implantate werden operativ in den Kopf eines Patienten eingesetzt. Dafür ist ein stationärer Aufenthalt von meist drei bis vier Tagen in einer HNO-Klinik notwendig. Bei der Operation öffnen die Ärzte zunächst mit einem kleinen Schnitt die Haut hinter dem Ohr und klappen das Gewebe auf. Damit sie an das Innenohr gelangen, in das das Elektrodenkabel des Implantats eingeführt wird, entfernen sie dann einen Teil des darüber liegenden Knochens mit einer kleinen Fräse. Anschließend führen die Mediziner das Kabel des Gerätes in die Hörschnecke ein, das Implantat selbst positionieren sie unter der Haut auf dem Knochen hinter dem Ohr. Nun messen die Ärzte, ob das Implantat korrekt funktioniert, ob also die Elektroden gesendete Signale empfangen, umwandeln und weitergeben können. Ist dies der Fall, nähen sie den Schnitt hinter dem Ohr wieder zu. Dennoch können die Patienten nicht direkt nach dem Eingriff wieder Hören. "Akustische Signale nehmen sie erst dann deutlich wahr, wenn der Sprachprozessor von außen an den Kopf angesetzt wird", sagt Ernst. Dies geschieht rund vier bis sechs Wochen nach der OP. "Dann beginnt auch die Anpassung des Prozessors an den individuellen Hörverlust eines Patienten." Diese muss in einer anschließenden Reha kontinuierlich weitergeführt werden, in der die Patienten auch das Hören und Sprechen wieder lernen. Taub geborenen Kindern können die Ärzte das Gerät bereits ab dem 6. Lebensmonat implantieren. "Hier gilt: Je früher desto besser", sagt Arneborg Ernst vom Unfallkrankenhaus. Denn je früher das Implantat eingesetzt würde, desto höher seien die Chancen, dass das Kind problemlos Hören und damit auch Sprechen lernt. Die Grenze dafür liegt bei taub geborenen Kindern zwischen dem vierten und dem fünften Lebensjahr. "Danach ist die Hör- und Sprachentwicklung abgeschlossen."



Artikelsuche ?

Routenplaner

Planen Sie Schritt für Schritt, wer Sie medizinisch auf Ihrem Behandlungspfad versorgen soll - von der Vorsorge über die ambulante Behandlung bis hin zur stationären Versorgung und anschließender Rehabilitation. Lassen Sie sich dafür die in der Datenbank enthaltenen Einrichtungen in der Region Berlin-Brandenburg anzeigen, die diese Erkrankung behandeln.

Tagesspiegel GESUND

Tagesspiegel Gesund 08 Tagesspiegel Gesund 09 Tagesspiegel Gesund 10

Fachkompetentes Praxiswissen informativ aufbereitet
Informationen zu Behandlungsmethoden und Gesundheitstrends aus Berlin und Umgebung
Von der Gesundheitsberater-Berlin-Redaktion

Aktuell am Kiosk oder direkt im
Tagesspiegel-Shop

Wir liefern Qualität

Erfahren Sie mehr darüber, wie unsere Texte entstehen, wie die Daten geprüft werden und wie sich das Portal finanziert.
Jetzt informieren.

Sie sind uns wichtig und wir freuen uns über Ihre Meinung zu unserem Portal. Welche Themen andere Leser interessierten lesen sie unter Leser fragen - die Redaktion antwortet