Brandverletzungen und Verätzungen

Die Zellen in der menschlichen Haut können nur bis zu einer bestimmten Temperatur überleben. Bereits ab 45 oder 46 Grad Celsius sterben sie ab, wenn diese Temperatur lange genug – in diesem Falle Stunden – auf die Haut einwirkt. Ab 80 Grad reichen schon wenige Zehntelsekunden aus, um den Zellen der oberen Hautschicht den Garaus zu machen. Gehen die Schäden tiefer, drohen schwerwiegende Verletzungen, die in speziellen Brandverletztenzentren behandelt werden müssen.


Krankheitsbild


Erklärung:

"Hitze schädigt den Stoffwechsel der Zellen, weil das Eiweiß gerinnt", sagt Bernd Hartmann, Chefarzt des Zentrums für Schwerbrandverletzte am Unfallkrankenhaus Berlin . Je länger die Hitze wirkt oder je höher sie ist, desto tiefer reichen die Zerstörungen in die Hautschichten hinein. Diese Verletzungstiefe definiert die Einteilung der Brandverletzungen in Grade. Grad eins bedeutet oberflächliche Schäden an der Haut, die von allein binnen weniger Tage spurlos verheilen. Grad drei ist eine tief in die unteren Hautschichten reichende Zerstörung, die ein Chirurg behandeln muss, weil sie nicht mehr von allein ausheilt. Der Heilungsprozess dauert vergleichsweise lange und hinterlässt Narben auf der Haut.


Symptome:

Die menschliche Haut besteht aus drei Schichten: die etwa einen halben Millimeter starke Oberhaut (auch Epidermis genannt), die 1 bis 4 Millimeter dicke Lederhaut und die sich anschließende Unterhaut. Die Symptome einer Brandverletzung richten sich danach, welche Schichten durch die Hitze geschädigt wurden. Die gleichen Schäden und Symptome gelten übrigens auch für andere Hautschäden, etwa durch Verbrühungen, Strahlen (Sonnenbrand), Verätzungen, Kälte (Erfrierungen) oder auch bestimmte Nebenwirkungen durch Arzneimittel, die zu einem Absterben der Hautzellen führen. Auch die Behandlung der so entstandenen Schäden ist vergleichbar. Die Symptome richten sich nach dem Grad der Verletzung. *Grad 1:* Hitzeschäden an der Epidermis machen sich in leichteren Fällen durch Schwellungen, Rötungen und Schmerzen bemerkbar. Die Zellen sind aber noch nicht abgestorben.

War die Einwirkung intensiver (*Grad 2*), bilden sich Brandblasen. Diese sich oft mit weißen Blutkörperchen und Lymphflüssigkeit füllenden Blasen sind eine Abstoßungsreaktion des Körpers gegen die durch die Hitzeeinwirkung abgestorbenen Hautzellen. Sind diese Schäden nur auf die Oberhaut beschränkt, spricht der Mediziner von einer Verbrennung Grad 2a. Ist auch die unterhalb der Epidermis gelegene Lederhaut geschädigt, ebenso wie die dort befindlichen Haarwurzeln, kleineren Blutgefäße und Schweißdrüsen, handelt es sich um einen Verbrennungsgrad 2b.

Bei Verbrennungen *dritten Grades* schließlich sind alle Hautschichten zerstört, meist reichen die Schäden bis tief in das darunter liegende Gewebe und die Blutgefäße. Dabei handelt es sich um eine schwere Verletzung, die stationär im Krankenhaus behandelt werden muss – in der Regel in einem darauf spezialisierten Brandverletztenzentrum, wie dem im Unfallkrankenhaus Berlin, dem einzigen Spezialzentrum in der Region.

 

Zahlen:

In Deutschland gibt es 36 Brandverletztenzentren. Diese behandelten im Jahr 2010 mehr als 1700 Verbrennungsopfer, zwei Drittel von ihnen waren Jungen und Männer. Rund zehn Prozent der Patienten verstarben an den Verbrennungen. Die meisten Patienten (mehr als zwei Drittel) verletzten sich im häuslichen Bereich, etwa bei Wohnungsbränden oder Grillunfällen, sagt Hartmann. Auf den zweiten Platz folgen mit einem bundesweiten Anteil von 21 Prozent Arbeitsunfälle. "Verletzte, die man nach einem Unfall aus brennenden Autos holen muss, werden seit einiger Zeit immer seltener." Im Jahr 2010 waren das insgesamt 34 – also zwei Prozent aller Betroffenen. Das Brandverletztenzentrum im Unfallkrankenhaus Berlin versorgt jährlich rund 350 Brandverletzte und ist das einzige in der Region Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Darunter sind rund 140 Schwerstverletzte mit großflächigen Verbrennungen meist dritten Grades, die auf der Intensivstation behandelt werden müssen.

 

Behandlung


Verbrennungsgrade:

So wie die Symptome richtet sich auch die Behandlung nach dem Verbrennungsgrad. "Grad-1-Verbrennungen heilen von selbst und folgenlos innerhalb weniger Tag aus", sagt Chefarzt Hartmann. Die Schmerzen lassen sich durch Kühlung gut lindern. Ein Arzt muss in der Regel nicht tätig werden. Grad 2a: Oberflächliche Verbände sorgen dafür, dass sich die geschädigte Haut nicht infiziert. "Das sollten nicht haftende, meist mit Fett oder Silikon beschichte Verbände oder ein Gelverband sein, die auch nur relativ selten gewechselt werden, um der Wunde Ruhe zum heilen zu lassen", sagt Hartmann. Denn vergleichbar zum Schorf bei Schürfwunden bildet der Verband bei diesen Brandverletzungen eine schützende Schicht, die nicht immer wieder aufgerissen werden sollte. Darunter heilt die Wunde spontan ab und hinterlässt keine Narben. Der Heilungsprozess dauere rund zwei Wochen, sagt Hartmann.

Verbrennungen mit Grad 2b heilen nicht mehr spontan aus. Da muss ein Arzt helfen, häufig auch ein Chirurg, denn das verbrannte, abgestorbene Gewebe muss vor der Heilung entfernt werden. "Das verbrannte Material löst sich nicht von allein. Es muss abgebürstet oder abgehobelt werden", sagt Hartmann. In manchen Fällen könne man das tote Material auch mit enzymhaltigen Cremes lösen. "Aber der Chirurg kann das schneller." Der Betroffene muss damit leben, dass nach solchen Wunden Brandnarben in der Haut zurückbleiben können. Und schon bei einer Brandverletzung dieses Grades kann sogar eine Hautverpflanzung nötig werden.

Eine solche ist fast immer nötig bei Brandverletzung dritten Grades. In der ersten Woche im Krankenhaus seien die Ärzte bei ausgedehnten Verbrennungen aber zunächst einmal damit beschäftigt, das abgestorbene Gewebe zu entfernen. Anschließend werde gesunde Haut verpflanzt, oft mehrfach. Das dauere gerade bei großflächigen schweren Verbrennungen mehrere Wochen, in denen immer wieder neue Flächen versetzt werden.

Bei Hautverpflanzungen entnimmt der Chirurg an einer unversehrten Stelle dem Patienten eine dünne Scheibe der Oberhaut und versetzt sie auf die Brandwunde. Dabei wird die Transplantatfläche durch netzartige Einschnitte wesentlich vergrößert, so dass auch größere Brandwunden mit einer relativ kleinen Fläche gesunder Hautzellen versorgt werden können. "An der Entnahmestelle entsteht dadurch nur eine oberflächliche Wunde, die von allein wieder verheilt", sagt Experte Hartmann. Inzwischen sei es auch möglich, die entnommenen gesunden Hautzellen in einer Flüssigkeit aufzulösen und dann als Spray auf die Verletzungen aufzutragen. So könne man eine noch größere Fläche behandeln. Diese Technik werde gern auch bei Brandverletzungen im sichtbaren Bereich, wie Gesicht, Unterarme oder auf Händen eingesetzt, da hierbei im Gegensatz zur verpflanzten Hautscheiben die Gefahr von weniger ästhetischen Pigmentabweichungen geringer ist.

Hautverpflanzungen von verstorbenen Spendern – wie es bei anderen Organen möglich ist - seien dagegen unüblich. "Die Haut ist immunologisch so aktiv, dass die Gefahr von Abstoßungsreaktionen viel höher als etwa bei Spenderherzen oder –lebern", sagt Hartmann. Bei großflächigen Brandwunden kann es sein, dass zuwenig gesunde Haut zum Abdecken zur Verfügung steht. Dann setze man synthetisches Material dafür ein. "Diese schweren Wunden dürfen nicht unabgedeckt bleiben, weil sie einen idealen Nährboden für Bakterien bilden." Die von den Verbrennungen betroffene Fläche bestimmt zusammen mit dem Lebensalter auch die Überlebenschancen. Je jünger ein Patient, desto eher überlebe er auch größerflächige Verbrennungen. "Machen die Brandwunden mehr als etwa 20 Prozent der Hautoberfläche aus, besteht Lebensgefahr, weil dann Blutvergiftungen drohen", sagt Hartmann. 20 Prozent – die sind bereits dann erreicht, wenn ein Bein komplett von Verbrennungen betroffen ist.

 

Brandverletztenzentrum:

Zu einem Brandverletztenzentrum, das die aufwändige und interdisziplinäre Behandlung solcher Schwerverletzten leisten kann, gehören bestimmte infrastrukturelle Mindeststandards, wie zum Beispiel eine eigene Intensivstation, ein Operationssaal, eine aufwändige Klimatechnik und ein speziell geheizter Raum für die Aufnahmephase des Brandverletzten. Denn die Patienten kühlen durch die Verbrennungen schnell aus, so dass sie warm gehalten werden müssen.

Außerdem benötigt solche eine Station spezielle Duschplätze oder Badewannen, die über Sterilfilter für das Wasser verfügen. Denn die Brandwunden müssen vor Beginn der Behandlung mit sterilem Wasser von Schorf, möglichen Verschmutzungen und totem Gewebe gereinigt werden. Und auch das Personal muss über bestimmte Qualifikationen verfügen. Das Team einer solchen Station besteht aus Plastischen Chirurgen, Intensivmedizinern, in der Wundbehandlung geschulten Pflegekräften sowie Physiotherapeten und Psychotraumatologen , die versuchen den Patienten zu rehabilitieren und verbrannte Hautpartien wieder so herzustellen, dass sie nicht allzu abstoßend aussehen, gerade im Gesicht.

 

Was tun bei einem Brandunfall?

Die meisten Brandverletzungen erleiden Menschen im häuslichen Umfeld. Was können Laienhelfer zu Hause tun, wenn so etwas geschieht? Sollte die Kleidung des Betroffenen Feuer gefangen haben, müssen Helfer die Person sofort löschen. Das geht am besten durch schnelles Abdecken etwa mit einer Decker, um die Flammen zu ersticken, Wälzen auf dem Boden oder den Einsatz eines Feuerlöschers. Kleinere Brand- oder Verbrühungswunden sollten gekühlt werden, rät Chefarzt Hartmann, der auch Präsident der Deutsche Gesellschaft für Verbrennungsmedizin ist. Das lindere die Schmerzen. "Am besten unter fließendem kühlen Wasser oder in einem wassergefüllten Becken." Auch angefeuchtete Tücher können die Schmerzen lindern, etwa im Gesicht.

Um eine anhaltende Schmerzlinderung zu erreichen, sollte man mindestens eine Viertelstunde lang kühlen, sagt Hartmann. Gefährlich ist jedoch eine ausgedehnte und großflächige Kühlung. Diese sollte unterlassen werden, um ein Auskühlen des Patienten zu verhindern. Nach einer solchen Erstversorgung muss mit der Telefonnummer 112 unbedingt der Rettungsdienst verständigt werden. Bis dieser eintrifft, sollten Brandwunden mit einem sterilen Verband abgedeckt werden, wie sie etwa in Verbandskästen für den Haushalt oder im Auto zu finden sind. Der Rettungsdienst bringt den Verletzten dann zunächst in ein Krankenhaus in der Nähe. Dort entscheiden die Ärzte, ob die Verletzungen so schwerwiegend sind, dass eine Verlegung ins Brandverletztenzentrum nötig ist. Aber auch bei kleineren Verbrennungen, bei denen sich Blasen bilden, sollte man nicht drei Tage warten, bis man zum Arzt geht. Sonst riskiert man nicht mehr umkehrbare Hautschäden. "Am besten bringen Sie den Verletzten in die nächste Praxis oder Rettungsstelle. Dort weiß man, was zu tun ist", sagt Hartman. In Zweifelsfall stehe immer das Brandverletztenzentrum im Unfallkrankenhaus zur Verfügung.

 

Informationen auch unter www.verbrennungsmedizin.de



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