Bakterielle Darmerkrankungen

Eine Vielzahl verchiedener Bakterien lebt im menschlichen Darm, einige davon benötigen wir sogar, um unsere Nahrung zu verdauen. Doch jedes Jahr werden auch tausende Menschen von Erregern befallen, die eigentlich in Därmen von Tieren siedeln – zum Teil mit lebensbedrohlichen Konsequenzen

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Krankheitsbild

Erklärung:

Eine Vielzahl verschiedener Bakterien besiedelt den menschlichen Darm. Einige sind nützlich, tragen zum Beispiel zur Verdauung bei, indem sie bei der Aufspaltung der Nahrungsinhaltsstoffe behilflich sind. Andere verhalten sich unauffällig, leben also in friedlicher Koexistenz mit uns, nützen uns nicht, schaden aber auch nicht. Doch eine dritte Gruppe kann dem menschlichen Organismus unter bestimmten Bedingungen Probleme bereiten. Diese Erreger infizieren die Darmschleimhaut und lösen beispielsweise eine Durchfallerkrankung aus – und andere, möglicherweise gefährliche Organschäden.
Diese Infektion kann auf zwei Wegen erfolgen: Zum einen können fremde Erreger eingeschleppt werden, die natürlicherweise nicht in der gesunden Darmflora vorkommen. Hierzu gehören krankmachende Stämme der sonst harmlosen E. coli-Bakterien wie EHEC (enterohämorrhagische E. coli), EPEC (enteropathogene E.coli), ETEC (enterotoxische E. coli) und EIEC (enteroinvasive E. coli). Auch Krankheitserreger des Campylobacter-Stammes C. jejuni und der Keim Yersinia enterocolita kommen eigentlich nicht in der menschlichen Darmflora vor.

Clostridium difficile lebt hingegen friedlich in den Därmen vieler gesunder Menschen, ohne Komplikationen zu bereiten. Erst, wenn das Gleichgewicht der natürlichen Darmflora gestört ist – zum Beispiel durch eine Behandlung mit Antibiotika - kann dieses Bakterium gefährlich werden. Die krankmachende Wirkung der Bakterien kommt von deren Stoffwechsel. Denn sie produzieren zellschädigende Gifte, die ernstzunehmende Beschwerden hervorrufen können.

 

Symptome:

Die Symptome, die diese verschiedenen Darmerreger auslösen können, ähneln sich im ersten Stadium. Allerdings können bei einigen Keimen besonders gefährliche Komplikationen hinzukommen. Nach einer Inkubationszeit – das ist die Zeit zwischen Ansteckung und Krankheitsausbruch – von bis zu zehn Tagen leiden Menschen, die sich mit einem krankmachenden E.coli-Stamm, Yersinia enterocolita oder dem Campylobacter jejuni infiziert haben, unter einem "unblutigen, oft wässrigen Durchfall, der von Symptomen wie Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen und Fieber begleitet werden kann", sagt Keikawus Arastéh, Chefarzt der Gastroenterologie und Infektologie am Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum. Bei schweren Krankheitsverläufen treten auch schmerzhafte Bauchkrämpfe und blutiger Durchfall auf. Doch nicht jede Infektion mit einem der E. coli-Erreger verursacht Beschwerden – nicht selten verläuft die Krankheit symptomfrei und bleibt deshalb unbemerkt.

Infektionen mit dem EHEC-Keim können aber auch einen besonders schweren Verlauf nehmen. Die von den Bakterien abgesonderten Gifte zerstören die Darmzellen und verursachen deshalb blutige Ausscheidungen, so wie die anderen Keime auch. "Sie können jedoch auch die Blutzellen und Blutgefäße der Nieren schädigen und zum Nierenversagen führen", sagt Keikawus Arastéh. Mediziner wie er sprechen dann vom hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS). Eine weitere wenn auch seltenere Komplikation durch eine EHEC-Infektion ist das so genannte thrombozytopenische Purpura (TTP). Ausgelöst durch die zerstörerische Wirkung des Zellgiftes auf die Blutplättchen kommt es dabei zu Thrombosen in Hirn und Nieren.

Clostridium difficile schließlich verursacht eine Darmentzündung mit Durchfall und daneben auch Fieber und Bauchkrämpfe. Bei schweren Verläufen "schwitzt" die entzündete Darmwand das Eiweiß Fibrin aus. Dieses Eiweiß verbindet sich mit weißen Blutkörperchen und abgestorbenen Darmzellen zu einer weißen Schicht auf der Darmwand. Mediziner nennen diesen Prozess pseudomembranöse Colitis. Das gebildete Konglomerat kann das Verdauungsorgan verstopfen und aufquellen lassen. In diesem idealen Brutort können sich die Clostridium difficile Bakterien verstärkt vermehren, in dessen Folge die Darmwände zerstört werden und letztlich eine Sepsis – also eine Blutvergiftung – den gesamten Organismus bedroht.

 

Ursachen:

Im Gegensatz zu den harmlosen E.coli-Bakterien, die im menschlichen Darm leben, kommen die krankheitserregenden E.coli-Stämme, Campylobacter und Yersinia enterocolita im Darm von Wiederkäuern wie Rindern, Ziegen und Schafen aber auch bei Rehen und Hirschen vor. Ohne selbst zu erkranken, scheiden die Tiere die Bakterien über den Kot aus. Durch eine Schmierinfektion von infizierten Tieren oder erkrankten Menschen werden die Erreger auf den gesunden Menschen übertragen. Doch auch mit Fäkalien verunreinigte Lebensmittel und Trinkwasser können zu einer Ansteckung führen. Auch Clostridium difficile gelangt fäkal-oral – also vom Stuhl zum Mund – in den Organismus. Jedoch tragen bereits viele Menschen vor Krankheitsausbruch den Keim in sich. Zu einer Erkrankung kommt es meist erst dann, wenn die Darmflora durch den Einsatz von Antibiotika gestört wird: Die natürlich im Darm lebenden Bakterien werden abgetötet und machen Platz für eine toxinbildende Untergruppe des Clostridium difficile. Deshalb gehören Durchfälle auch zu den typischen Nebenwirkungen bei einer Antibiotika-Therapie.

 

Vorbeugung:

Um Infektionen mit Krankheitserregern zu vermeiden, sollten die Standards der Hygiene eingehalten werden: Dazu zählt, sich nach dem Toilettengang und vor der Lebensmittelzubereitung die Hände mit Seife zu waschen. Um eine "Schmierinfektion von Tieren im Streichelzoo" zu vermeiden, sollte gerade auch auf die Hygiene bei Kindern geachtet werden, sagt Chefarzt Arasteh. Auch rohe Lebensmittel können die Quelle für Infektionen seien. Rohmilchprodukte, ungegartes Fleisch und Rohkost (rohes Obst und Gemüse) führen immer wieder zu Erkrankungen. Um die hitzeempfindlichen Darmbakterien abzutöten und die von ihnen produzierten Gifte zu entschärfen, sollte man Lebensmittel für zehn Minuten auf eine Kerntemperatur von 70 Grad Celsius zu erhitzen. Und Obst, Gemüse und Blattsalate – so rät Arastéh - "gründlich zu waschen!"

 

Zahlen:

Laut dem Robert-Koch-Institut wurden im Jahr 2010 deutschlandweit rund 34.000 Campylobacter jejuni-Erkrankungen den Gesundheitsämtern gemeldet, 3008 davon in Berlin. Das ebenfalls meldepflichtige EHEC-Bakterium wurde im vergangenen Jahr deutschlandweit knapp 1000-mal registriert, 31 Fälle zählten die Berliner Gesundheitsämter. Im gleichen Zeitraum wurden rund 3400 Fälle von Yersinia enterocolita diagnostiziert, im Land Berlin waren es 81. Infektologen vermuten, dass die Dunkelziffer der nicht gemeldeten Erkrankungen deutlich höher liegt, da nicht für jede Durchfallerkrankung ein Laborbefund angefordert wird. Behandlungen im Krankenhaus: Meist werden Durchfallerkrankungen ambulant behandelt. Doch bei schwereren Krankheitsverläufen verbunden mit Komplikationen müssen die Patienten ins Krankenhaus. Im Jahr 2008 zählten die Berliner Krankenhäuser über 1600 Patienten mit bakteriellen Darmerkrankungen.

 

Behandlung:

Diagnostik Um den Erreger zu identifizieren, werden aus Stuhlproben gezüchtete Bakterienkolonien im Labor über verschiedene Testverfahren analysiert. Da sich Symptomatik und Behandlung dieser Darmerkrankungen aber recht ähnlich sind, wird oft auf die genaue Identifizierung des Erregers verzichtet.

 

Therapie:

Durchfallerkrankungen werden in der Regel von ambulanten Ärzten behandelt. Doch kommt es zu den lebensgefährlichen Komplikationen, wie dem hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS) oder der thrombozytopenische Purpura (TTP), ist eine stationäre Therapie im Krankenhaus unumgänglich.
Erkrankungen durch aggressive E.coli-Bakterien können nur symptomatisch behandelt werden, beispielsweise durch Medikamente, die das Fieber senken oder den Schmerz stillen. Aber auch der Flüssigkeits- und Elektrolythaushalt sollte unterstützt werden. Yersinia enterocolitica und Campylobacter jejuni werden ebenfalls symptomatisch behandelt, nur in Ausnahmefällen werden Antibiotika verabreicht. Obwohl Clostridium difficile-Erkrankungen oft erst durch eine Antibiotika-Therapie ausgelöst werden, kann der Erreger durch ein spezielles, lokal wirkendes Antibiotika bekämpft werden.
Antibiotika wirken bei den Toxin ausscheidenden E.coli-Bakterien allerdings meist kontraproduktiv: Mediziner vermuten, dass durch das Medikament nicht nur die Erreger getötet werden, sondern auch das in ihnen enthaltene Gift schlagartig freigesetzt wird, wodurch das Risiko von lebensgefährlichen Komplikationen wie HUS oder TTP erhöht wird. Die Blutreinigung von Patienten, deren Nierenfunktion infolge von HUS gestört ist, muss über eine Dialyse unterstützt werden. Die Grundlage der TTP-Therapie ist die Plasmapherese, also der Austausch des Blutplasmas des Erkrankten durch gesundes Spenderplasma.



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