Aneurysma im Gehirn

Aneurysmen sind gefährliche Aussackungen von lebenswichtigen Gefäßen. Gefährlich sind sie deshalb, weil sie platzen können. Im Gehirn bergen Aneurysmen ein besonderes Risiko, auch für den Operateur.

 

Krankheitsbild

 

Erklärung:

Aneurysmen sind Aussackungen von Schlagadern, im Kopf liegen sie meist an der Schädelbasis und an Abzweigungen von Hirnarterien. Das Problem: Platzt ein solcher Blutsack in der Nähe des Gehirns, besteht Lebensgefahr. "Jeder zweite Patient stirbt, bevor er überhaupt das Krankenhaus erreicht", sagt Alexander Bock, Chefarzt der Organisationseinheit Klinische und Interventionelle Neuroradiologie Vivantes Klinikum Neukölln.

 

Symptome:

Typisch für die Blutung aus einem Aneurysma sind schlagartig auftretende vernichtende Kopfschmerzen. Die meisten Betroffenen erfahren aber erst von der Erkrankung, wenn das Aneurysma platzt. Dann kommt es zu einer Hirnblutung, einem Schlaganfall. Von den überlebenden Patienten behält jeder zweite Dauerschäden zurück, zum Beispiel Lähmungen. Wesentlich besser sind die Aussichten, wenn ein Aneurysma rechtzeitig – meist per Zufall – entdeckt wird, etwa durch eine Kernspintomografie (siehe Diagnostik).

 

Ursachen:

"Die Gefäßwände bestehen aus drei Schichten: einer inneren Auskleidung, der Muskulatur in der Mitte und dem Bindegewebe, das alles zusammenhält, ganz außen", erklärt Peter Vajkoczy, Direktor der Neurochirurgischen Klinik der Charité. Wenn die Muskelschicht an einer Stelle porös ist, etwa durch Entzündungen oder regelmäßiges Rauchen, verliert die Gefäßwand ihre Stabilität und erweitert sich: "Diese ,Aussackung’ – eben das Aneurysma – hat eine sehr dünne Wand, auf die großer Druck wirkt, weil das Blut in der Gefäßerweiterung herumwirbelt wie Wasser in einer Waschmaschine."

 

Behandlung

 

Diagnostik:

Ein Aneurysma kann mit Hilfe von modernen bildgebenden Verfahren etwa durch eine Kernspintomografie frühzeitig entdeckt werden, was die Heilungsaussichten wesentlich verbessert. Dann kann es vorsorglich behandelt werden. Entweder mit Hilfe eines dünnen Schlauchs (Katheter), der ins Hirn vorgeschoben wird und über den dünne Platinspiralen in den Blutsack eingeführt werden. Die andere Möglichkeit ist eine Operation, bei der das Aneurysma vom Blutstrom "abgeklemmt" wird. Ist der Schlaganfall schon eingetreten, können die Ärzte mit Ultraschall und Magnetresonanztomografie erkennen, ob Blutungen oder Gefäßverschlüsse die Ursache sind. Heute untersuchen Kliniken in der Regel auch die Durchblutung der Adern und des Gehirns.

 

Therapie:

Muss ein Aneurysma operiert werden, gibt es dafür zwei wichtige Methoden. Bei der älteren, dem "Clipping", wird der Schädel geöffnet: "An der Haargrenze über dem Auge mache ich einen rund zehn Zentimeter langen, bogenförmigen Schnitt", sagt der Charité-Neurochirurg Vajkoczy. Danach arbeitet sich der Arzt in dem Raum zwischen Knochen und Gehirn bis zum betroffenen Blutgefäß vor. In einer Hand hält er eine Pinzette, an deren Spitze Strom fließt, mit dem man Gefäße "verkochen" kann, in der anderen einen Sauger, um störendes Blut und Nervenwasser zu entfernen. Das Gefäß wird zunächst vor und hinter dem Aneurysma mit zwei Klammern verschlossen. Dann kann der Arzt das Blut aus der etwa drei bis fünf Millimeter großen Erweiterung absaugen und diese mit dem Strom aus der Pinzette zusammenschrumpfen. "Schließlich wird am Hals des Aneurysmas eine Klammer aus Titan befestigt, die dauerhaft im Körper bleibt", sagt Vajkoczy. Sie sieht aus wie eine Wäscheklammer und schneidet die Aussackung komplett vom Rest des Gefäßes ab; nun fließt kein Blut mehr in das Aneurysma – und damit kann dieses auch nicht mehr platzen. Die zweite, erst in den neunziger Jahren entwickelte Methode heißt "Coiling". Der Name geht auf den englischen Begriff für Spirale (Coils) zurück, denn es ist eine Art Knäuel, mit dem man das Aneurysma dabei ausfüllt und auf diese Weise lahmlegt. Vorteilhaft am Coiling ist vor allem, dass man den Schädel dafür nicht öffnen muss. Stattdessen wird ein mehrere Meter langer, sehr feiner Katheter in der Leistengegend eingeführt und von dort durch Bauch und Halsschlagader bis zum Gehirn geschoben. Durch diesen Katheter transportiert der Arzt einen weichen Platindraht ins Aneurysma, der sich dort zu einer Spirale aufrollt. "Diese funktioniert als eine Art Wellenbrecher für das Blut." Dank des Platinknäuels bilden sich schließlich Blutgerinnsel – sie verstopfen die Aussackung, das Aneurysma heilt aus. Dennoch müssen behandelte Patienten mit einem Restrisiko eines erneuten Vorfalls leben. Denn selbst wenn Betroffene mithilfe einer der beiden Verfahren erfolgreich von Ärzten operiert wurden, können verschlossene Blutsäcke sich erneut füllen. Damit Spezialisten rechtzeitig eingreifen können, sind daher regelmäßige Nachuntersuchungen notwendig. "Die Coils können in den ersten Monaten nach der Behandlung durch den Blutstrom im aneurysmatragenden Gefäß etwas zusammen gedrückt werden. In einzelnen Fällen ist deswegen eine Nachbehandlung notwendig", sagt Neuroradiologe Bock. Mittlerweile sind in der Medizintechnik auch Stents entwickelt worden, die größere Aneurysmen dauerhaft verschließen. Aber die Entscheidung, welche Methode angewandt wird, ist abhängig vom Alter der Patienten und dem Ort des Aneurysmas. "Jüngeren Patienten raten wir deshalb eher zum Clipping", sagt Charité-Chefarzt Vajkoczy.



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