ALS (Amyotrophe Lateralsklerose)

ALS ist eine schwere Nervenkrankheit, die in wenigen Jahren zu einer vollständigen Lähmung des Körpers führen kann. Dabei bleibt das Denkvermögen komplett erhalten.

 

Krankheitsbild

 

Erklärung:

Das Gehirn ist das komplexeste menschliche Organ und besteht aus hoch empfindlichem Nervengewebe. Darüber werden das Bewusstsein und viele Lebensfunktionen gesteuert. ALS ist eine schwere Erkrankung dieses Gewebes, die innerhalb weniger Jahre zum Tod führt. Denn das Nervengewebe, das für die motorischen Bewegungen zuständig ist, stirbt ab. Langsam gehen alle Muskelfunktionen im Körper verloren. Auch selbstständiges Atmen, Sprechen und Schlucken sind dann immer schwerer und schließlich nicht mehr möglich. In wenigen Jahren ist der gesamte Körper gelähmt, obwohl der Intellekt voll da ist.

 

Symptome:

"Es fängt meist sehr harmlos an", sagt Thomas Meyer, Leiter der ALS-Ambulanz der Neurologischen Klinik am Charité Campus Virchow-Klinikum. Erst könne ein Bein nicht mehr vollständig angehoben werden oder es fällt Betroffenen schwer, eine Tür mit der rechten Hand zu öffnen. Monatelang passiere nichts weiter. Und dann plötzlich fällt eine weitere Körperfunktion aus.

 

Ursachen:

ALS gehört wie Alzheimer (Demenz) zu den degenerativen Nervenerkrankungen. Mediziner und Forscher wissen nicht, warum gerade diese Nervenzellen mitten im Leben geschädigt werden. Fakt ist: Ein Eiweißmolekül namens Tap-43 ist verantwortlich für den Schaden im Gehirn. Charakteristisch für die Nervendegeneration ist zum einen die Bildung fasriger Eiweißbruchstücke innerhalb der Zellen. Zum anderen setzen sich Eiweiße, so genannte "Plaques", in den Zwischenräumen der Zellen ab. Beide Veränderungen führen letztlich zum Absterben der Nervenzelle.

 

Zahlen:

ALS gehört zu den häufigeren Krankheitsbildern unter den seltenen Erkrankungen. Etwa 8000 Menschen leiden in der Bundesrepublik unter ALS. Ein Viertel verstirbt jedes Jahr. Etwa 2000 Bundesbürger erkranken jährlich neu an diesem Nervenschaden, meist Menschen ab Mitte Fünfzig. Es können aber auch Jugendliche ab 16 Jahren betroffen sein, obwohl sie schlank und sonst gesund sind. Zu den Risikogruppen zählten laut einer holländischen Studie Menschen mit höheren Bildungsabschlüssen und überdurchschnittlichem Einkommen, sagt Meyer.

 

Behandlung

 

Diagnostik:

Ärzte hören sich zunächst die Krankengeschichte an. Vermuten Mediziner ALS, wird eine Elektromyografie (EMG) durchgeführt. Dies ist ein elektronisches Messverfahren, bei dem die Leitfähigkeit der Nervenbahnen getestet wird. Um einen Befund abzusichern, werden Betroffene für etwa fünf Tage stationär in eine Neurologische Klinik aufgenommen. Mediziner entnehmen Proben des Nervenwassers (medizinisch Liquor genannt), das das Gehirn und Rückenmark umfließt, und machen eine Magnetresonanztomografie (MRT).

 

Therapie:

Die Therapie ist aufgrund der unterschiedlichen Krankheitsverläufe sehr individuell. Dabei gilt das Hauptaugenmerk der Ärzte der Verbesserung der Lebensqualität, denn eine Heilung gibt es nicht. Einer wichtigen Frage gehen sie nach: Welche Körperfunktionen werden am längsten erhalten bleiben? Denn über diese Funktionen wird meist die Kommunikation aufrechterhalten – etwa über ein Augenzucken, mit dem der Patient auf Fragen reagieren kann. Patienten mit ALS brauchen Betreuung rund um die Uhr. Eine wichtige Rolle spielen dabei technische Hilfsmittel – wie etwa Beatmungsgeräte und Computer. Denn sie erleichtert zum einen die Pflege, zum anderen ermöglicht sie die Kommunikation mit der Außenwelt und verlängert das Leben der Patienten – und das zum Teil über viele Jahre. So wird der bekannte US-amerikanische Physiker und Buchautor Stephen Hawking bereits seit 1985 beatmet. Um weiterhin mobil zu sein, erhalten Patienten elektronische Rollstühle. Es gibt unterschiedliche Modelle, die je nach Krankheitsbild auf verschiedenen Wegen gesteuert werden können – sei es zum Beispiel mit der Hand oder mit dem Fuß. Sobald Betroffene nicht mehr schlucken können, werden sie über Sonden ernährt. Das sind in den Magen führende Plastikschläuche, über die die breiige Nahrung direkt dorthin gepumpt wird. Doch am problematischsten ist die Atmung und sich in den Atemwegen ablagernder Schleim. "Das Abhusten ist eine große Leistung des Körpers", sagt der Charité-Spezialist Meyer. Fehlen die Muskeln, können Betroffene nur noch schwer den angestauten Schleim aus der Lunge transportieren. Selbst eine harmlose Grippe kann dann tödlich sein. Doch selbst mit einer Dauerbeatmung hielten nur etwa zehn Prozent diese Lebenssituation aus, sagt Meyer. Die Mehrheit wolle sich ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr behandeln lassen, sagt Meyer. "Die Abhängigkeit von Dritten ist eine extreme Belastung." 1991 regelte der Bundesgerichtshof (BGH) die Sterbebegleitung und das Recht von ALS-Patienten, ihre Therapie auf eigenen Wunsch zu beenden. 80 Prozent der Patienten schlafen zum Ende ihres Lebens langsam ein. Aufgrund der fehlenden eigenen Atmung wird das Kohlendioxid nicht mehr vollständig ausgeschieden. Im Blut angereichert, wirkt das durch den Stoffwechsel entstehende Gas narkotisierend.



Artikelsuche ?

Routenplaner

Planen Sie Schritt für Schritt, wer Sie medizinisch auf Ihrem Behandlungspfad versorgen soll - von der Vorsorge über die ambulante Behandlung bis hin zur stationären Versorgung und anschließender Rehabilitation. Lassen Sie sich dafür die in der Datenbank enthaltenen Einrichtungen in der Region Berlin-Brandenburg anzeigen, die diese Erkrankung behandeln.

Tagesspiegel GESUND

Tagesspiegel Gesund 08 Tagesspiegel Gesund 09 Tagesspiegel Gesund 10

Fachkompetentes Praxiswissen informativ aufbereitet
Informationen zu Behandlungsmethoden und Gesundheitstrends aus Berlin und Umgebung
Von der Gesundheitsberater-Berlin-Redaktion

Aktuell am Kiosk oder direkt im
Tagesspiegel-Shop

Wir liefern Qualität

Erfahren Sie mehr darüber, wie unsere Texte entstehen, wie die Daten geprüft werden und wie sich das Portal finanziert.
Jetzt informieren.

Sie sind uns wichtig und wir freuen uns über Ihre Meinung zu unserem Portal. Welche Themen andere Leser interessierten lesen sie unter Leser fragen - die Redaktion antwortet