Adipositas

Adipositas ist mehr als nur Übergewicht: Krankhafte Fettleibigkeit ist ein gefährliches Leiden, dass die Lebenserwartung der Betroffenen um mehrere Jahre verkürzt. Wenn eine Diät nicht mehr ausreicht, um die überschüssigen Pfunde loszuwerden, kann eine Operation den Betroffenen helfen.

 

Krankheitsbild

 

Erklärung:

Der menschliche Körper braucht Nahrung: Sie gibt ihm zusammen mit wichtigen Nährstoffen wie beispielsweise Vitaminen und Spurenelementen die Energie, die er braucht, um seine Funktionen aufrecht zu erhalten. Führt man seinem Körper davon jedoch mehr zu, als er verbrauchen kann, zum Beispiel weil man sich im Alltag nur wenig bewegt oder schlicht zu viel isst, speichert er die überschüssige Energie – und zwar vorrangig in den Fettzellen. Geschieht dies über einen längeren Zeitraum, vergrößert sich der Fettspeicher. Dann nimmt der Körper an Umfang und Gewicht zu.

Wenn das Übergewicht ein krankhaftes Ausmaß erreicht, sprechen Ärzte von Adipositas. Umgangssprachlich wird die Krankheit auch als Fettleibigkeit oder Fettsucht bezeichnet. Es gibt verschiedene Schweregrade dieser Erkrankung, die von einer leichten Adipositas bis hin zu einer extremen reichen.

 

Symptome:

Symptomatisch bei einer Adipositas ist das äußere Erscheinungsbild der Betroffenen: Sie sind sehr dick bis fettleibig. Daraus ergibt sich meist eine Reihe weiterer Folgeerkrankungen: “Starkes Übergewicht stellt für den Körper eine enorme Mehrbelastung dar”, sagt Reiner Kunz, Chefarzt der Klinik für Allgemein- und Visceralchirurgie am St. Josephkrankenhaus Tempelhof. Es gehe daher häufig einher mit Kurzatmigkeit oder auch Gelenkbeschwerden, da diese stärker belastet würden. Ebenfalls durch eine Adipositas stark erhöht ist das Risiko, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Gefäßerkrankungen wie Arteriosklerose oder Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes Typ 2 zu bekommen.

Auch das allgemeine Krebsrisiko steigt, wenn der Zeiger auf der Waage immer stärker ausschlägt. “Warum Übergewichtige ein höheres Krebsrisiko haben als Normalgewichtige, ist noch nicht abschließend geklärt”, sagt Kunz. Es könne jedoch damit zusammenhängen, dass ihre Körperzellen wie bei Diabetes eine erhöhte Insulinresistenz hätten. Dies führt dazu, dass der Insulinspiegel im Blut ansteigt. Da das Insulin und insulinähnliche Stoffe unter anderem auch das Zellwachstum fördert, ist dieses bei Menschen mit Insulinresistenz erhöht. “Mehr Zellwachstum bedeutet auch eine höhere Wahrscheinlichkeit des Wachstums mutierter Zellen.”

Vor allem auf Grund der Folge- und Begleiterkrankungen sei Adipositas nicht nur Übergewicht, sondern ein gefährliches Leiden, sagt Chefarzt Kunz: “Die Lebenserwartung adipöser Menschen ist bis zu 15 Jahre als die Normalgewichtiger.”

 

Ursachen:

“Adipositas entsteht durch ein Missverhältnis zwischen Nahrungsaufnahme und Energieverbrauch”, sagt Kunz. Vereinfacht bedeutet das: Die Betroffenen essen zu viel und bewegen sich zu wenig. Denn im Alltag hat die Technik in Form von Autos oder Rolltreppen dem Menschen die Notwendigkeit genommen, sich anzustrengen. Ebenso hat die gesellschaftliche Entwicklung dazu geführt, dass in den westlichen Staaten ein Überangebot an Nahrung besteht. “Leider ist die leicht verfügbare und günstige Nahrung aber oft die falsche”, sagt Kunz: Fastfood und andere Fertiggerichte enthielten meist viel Fett und Kohlenhydrate, dafür aber kaum Vitamine oder langfristig satt machende Ballaststoffe.

 

Zahlen:

Die Zahl der Menschen, die an einer krankhaften Fettleibigkeit leiden, nimmt in den industrialisierten Staaten stetig zu. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD und die Weltgesundheitsorganisation WHO sprechen von Adipositas bereits als Volkskrankheit: In den Mitgliedsländern der OECD, zu denen unter anderem fast alle Staaten der EU, die Schweiz, die USA und Japan gehören, ist heutzutage jeder zweite Erwachsene übergewichtig und jeder fünfte adipös.

In Deutschland sind es nach Angaben des Kompetenznetzwerkes Adipositas, eines Forschungsnetzwerks, das unter anderem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und der Deutschen Adipositas Gesesellschaft gefördert wird, rund 16 Millionen Menschen, die an krankhaftem Übergewicht leiden.

Zudem werden die Betroffenen immer jünger: “Es gibt immer mehr stark übergewichtige bis adipöse Kinder”, sagt Reiner Kunz vom St. Josephkrankenhaus Tempelhof. Diese hätten es besonders schwer, später abzunehmen: “Ihr Organismus ist von klein auf daran gewöhnt, überschüssige Energie zu speichern”, sagt er. “Daher haben sie mehr Fettzellen, die das gespeicherte Fett nur sehr schwer wieder freigeben.”

 

Behandlung

 

Diagnose:

Neben dem äußeren Erscheinungsbild ist der deutlichste Hinweis auf eine Adipositas das Körpergewichtsmaß BMI, also der so genannte Body Mass Index: Liegt er unter 18,5 hat die betreffende Person Untergewicht. Zwischen einem Wert von 18,5 und 24,9 herrscht Normalgewicht. Liegt der BMI über 24,9 besteht Übergewicht. Ab einem Wert von 30,0 sprechen Experten von Adipositas. Der BMI errechnet sich aus dem Körpergewicht und der Körpergröße. Dabei wird das Körpergewicht in Kilogramm durch die Körpergröße in Metern zum Quadrat geteilt. Die Rechnung sähe bei einer Person mit 1,90 Metern Körpergröße und 120 Kilogramm Gewicht dann so aus:

BMI = 120/(1,9×1,9) = 33,24

Diese Person würde also an einer Adipositas leiden. Mithilfe des BMI stellen Ärzte auch den Schweregrad einer Fettleibigkeit fest: Bei einem Wert zwischen 30 und 34,9 sprechen sie von einer Adipositas ersten Grades, das heißt einer leichten Form. Ab einem BMI von 35 besteht eine Adipositas zweiten Grades. Der dritte Grad, also eine extreme Adipositas, beginnt ab einem BMI von 40.

“Neben dem BMI ist auch der Bauchumfang für die Diagnose entscheidend”, sagt Chefarzt Reiner Kunz. Hieran ließe sich nämlich das Fettverteilungsmuster feststellen, das wiederum für das mit dem Übergewicht verbundene Krankheitsrisiko von Bedeutung sei. Denn wenn sich das überschüssige Fett vor allem am Bauch und in der Bauchhöhle und weniger an den Armen, am Gesäß oder an anderen Körperregionen anlagert, sei das Risiko, dass sich Stoffwechsel- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen einstellen, besonders hoch. Gemessen wird der Bauchumfang in der Taille, also in etwa auf Höhe des Bauchnabels. “Bei Frauen sollte der Bauchumfang nicht mehr als 80 Zentimeter, bei Männern nicht mehr als 94 Zentimeter betragen”, sagt Kunz. Darüber sei das Risiko für Begleiterkrankungen bereits erhöht.

 

Therapie:

Die einzige Therapie bei Adipositas heißt abnehmen. Das Ziel ist es dabei aber nicht, gertenschlank zu werden, sondern an das Normalgewicht heranzukommen. “Bei den meisten Menschen heißt das: Auf jeden Fall unter 100 Kilogramm”, sagt Kunz.

Um den Betroffenen zu helfen, wird zunächst mit ihnen zusammen ihre Ernährung analysiert: Was essen sie, wie viel und wann? Essen sie hauptsächlich in Gesellschaft oder alleine, mit Zeit oder hastig unterwegs? “Die meisten adipösen Menschen essen zuviel und dazu auch noch das falsche”, sagt Kunz. Eine Ernährungsberatung, die häufig über längere Zeit und in einer Gruppe stattfinde, könne ihnen helfen, diese schlechte Angewohnheit zu überwinden. Neben einer Ernährungsumstellung und mehr Bewegung können jedoch auch Medikamente, die den Appetit zügeln, helfen: “Sie unterstützen die Betroffenen dabei, weniger zu essen”, sagt Kunz.

Eine solche Diät mit oder ohne medikamentöse Begleitung kann zu einem Gewichtsverlust von zehn bis 20 Kilogramm führen. Bei stark übergewichtigen Menschen reicht das aber nicht aus. “Dann ist eine Gewichtsreduktion von 40 bis 50 Kilogramm notwendig.” Dies sei ohne einen operativen Eingriff, bei dem der Magen verkleinert wird, kaum möglich.

Auch eine psychologische Beratung kann sinnvoll sein. Denn manchmal ist das übermäßige Essen Ausdruck anderer, psychischer Probleme, ist die Nahrung Trostspender bei einer Depression. Ebenso ist es möglich, dass das Essen zu einer Sucht geworden ist, der zu folgen den Betroffenen ein Lustgefühl verschafft. In einem solchen Fall sollten die Ärzte keine magenverkleinernde Operation vornehmen: “Wenn die Patienten aufgrund eines verkleinerten Magens nicht mehr so viel essen können, ist es möglich, dass sich ihre Sucht verlagert”, sagt Chefarzt Kunz. Sie könnten also stattdessen anfangen, Alkohol zu trinken, Drogen zu nehmen oder zu klauen. Daher würde vor operativen Eingriffen ein psychologisches Gutachten erstellt um auszuschließen, dass bei den adipösen Patienten ein erhöhtes Suchtpotential besteht.

Ob mit Operation oder ohne: Betroffene sollten langsfristig Ernährungsberatungsstellen aufsuchen oder sich Selbsthilfegruppen anschließen. “Um einen gesünderen Lebensstil zu erreichen und beizubehalten, ist Unterstützung sehr wichtig”, sagt Kunz.



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