Aufmerksamkeits-Defizit-(Hyperaktivitäts)-Störung - AD(H)S

Kinder mit einem Aufmerksamkeitsdefizit-(Hyperaktivitäts-)Syndrom (ADHS) können sich nur schwer konzentrieren und verspüren einen ständigen Bewegungsdrang. Vor allem in der Schule macht ihnen das zu schaffen. Mit Medikamenten können die Symptome bekämpft werden, aber auch ein Aufenthalt in einer Klinik kann den Kindern helfen.

 

Krankheitsbild

 

Erklärung:

Bei der Aufmerksamkeits-Defizit-(Hyperaktivitäts)-Störung ist die Übertragung der Botenstoffe zwischen den Nervenzellen, die Ärzte auch Neurotransmitter nennen, gestört. Ohne ausreichend Botenstoffe verlieren Kinder und Jugendliche jedoch schneller ihre Aufmerksamkeit und verspüren einen andauernden Bewegungsdrang. Vor allem auf der Schulbank macht ADHS den Kindern zu schaffen, denn sie können sich nicht lange genug im Unterricht konzentrieren. Unbehandelt kann AD(H)S zu Entwicklungsstörungen und Folgeerkrankungen wie Angststörungen, Bulimie, Depressionen oder Lese-Rechtschreib-Schwäche führen.

 

Symptome:

Kinder mit ADHS können sich nur schwer konzentrieren, wirken oft verträumt und lassen sich schnell ablenken. Zudem neigen sie zu (vor-)schnellen Reaktionen, die wiederum zu kleineren und größeren Unfällen führen können. Etwa wenn der Spross am Frühstückstisch zu hastig nach der Tasse Kakao greift, sie nicht richtig festhält und die Tasse daraufhin zu Boden fällt und zerschellt. Aber nicht nur die Aufmerksamkeit und die Motorik sind gestört: Jungen wie Mädchen mit AD(H)S können mitunter sehr impulsiv sein. Dies äußert sich zum Beispiel in unkontrollierten Gefühlsausbruchen, die in einer aggressiven oder depressiven Stimmung enden. Von ADHS betroffene Kinder sind zudem häufig überdurchschnittlich lange Bettnässer oder leiden an einer sogenannten Tic-Störung. Sie können dann bestimmte Muskelpartien nicht vollständig kontrollieren, so dass sich diese unwillkürlich bewegen. Häufig zeigt sich das in raschem Blinzeln, Grimassieren oder Kopfschütteln. Eltern und Erzieher bemerken diese Verhaltensauffälligkeiten, die auf ADHS hinweisen können, in der Regel zwischen dem dritten und sechsten Lebensjahr der Kinder. Schwere Formen der ADHS können Mütter jedoch bereits während der Schwangerschaft registrieren: Die Ungeboren sind dann oft sehr unruhig im Mutterleib. Leichtere Formen entdecken Lehrer wiederum erst in den ersten Schuljahren. 

 

Ursachen:

"Der Mensch ist ein von den Neuronen gesteuertes Wesen", sagt Hans Willner, Chefarzt der "Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Sankt Joseph Krankenhaus Tempelhof. Mitverantwortlich für die Steuerung der Nervenzellen sind aber Adrenalin und Dopamin, das sind körpereigene Botenstoffe, die sich aus Eiweiß- und Fettmolekülen zusammensetzen. Beide Neurotransmitter regeln unterschiedliche Körperfunktionen, Stoffwechselprozesse und auch Gefühle: Sie sind für das Glücksgefühl ebenso zuständig wie für die Aufmerksamkeit und koordinierte Bewegungsabläufe, sie regeln den Blutzuckerspiegel, den Wasserhaushalt und bei Mädchen die Monatsblutung. Die körpereigenen Botenstoffe werden in bestimmten Drüsen – wie beispielsweise der Bauchspeicheldrüse, den Nebennieren oder der Schilddrüse – produziert und sofort ins Blut abgegeben. Sie zerfallen nach einer bestimmten Zeit und verlieren damit ihr Wirkung und Funktion. Die Produktion der Neurotransmitter kann jedoch auch gestört sein. Bei der Entwicklungsstörung ADHS ist genau das der Fall. Die Erkrankung ist genetisch bedingt, sie kann vererbt werden oder aber durch eine Mutation im Erbgut plötzlich erstmals auftreten. Durch den Fehler in den Genen wird der Stoffwechsel so verändert, dass bestimmte Botenstoffe nicht gebildet werden. Auch Alkoholkonsum während der Schwangerschaft kann unter Umständen ADHS bei Kindern auslösen. Vor allem Alkoholkonsum in der Frühphase der Schwangerschaft erhöht das Risiko, dass das Kind mit der Aufmerksamkeitsstörung zur Welt kommt, erheblich.

 

Zahlen:

Bundesweit leiden rund fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen an ADHS. Es erkranken weit mehr Jungen als Mädchen – etwa im Verhältnis fünf zu eins. Warum dieser geschlechterspezifische Unterschied besteht, ist derzeit noch unbekannt. Zwischen dem 17. und 21. Lebensjahr verbessern sich die Symptome von ADHS oft, weil sich der Stoffwechsel auf das Übertragungsproblem der Botenstoffe einstellt. Etwa ein Drittel der Patienten gesundet mit dem Erwachsenwerden. Bei einem weiteren Drittel lindern sich die Störungen spürbar. Das letzte Drittel allerdings ist ein Leben lang auf eine Therapie angewiesen.

 

Behandlung

 

Diagnose:

Der Kinderarzt überweist Kinder, bei denen der Verdacht auf ADHS besteht, meist zu einem Kinderpsychiater. Dieser nimmt sich zunächst Zeit, die Kleinen kennenzulernen. "Das Kind sollte ernst genommen und in die Diagnose mit einbezogen werden", sagt Kinderpsychiatrie-Chef Willner. Dazu werden neben den Eltern auch die betroffenen Kinder zu auftretenden Problemen im Alltag, zur Kranken- und Familiengeschichte befragt. Anschließend machen Ärzte mit den Kleinen einen Intelligenz- und Entwicklungstest. Dabei achten die Psychiater auf Konzentrationsstärke, Sprachvermögen sowie Bewegungsabläufe. Während der Tests balancieren, malen und puzzeln die Kleinen. Dabei lösen sie sprachliche und nichtsprachliche Aufgaben. Der Umfang der Tests ist von dem Alter der Kinder abhängig: "Je kleiner die Kinder sind, desto kürzer sind die Tests", sagt Willner. Zudem untersuchen meist auch noch Ergotherapeuten und Logopäden die Kleinen, um andere Krankheitsbilder als ADHS ausschließen zu können. Insgesamt ist die Anamnese in diesem Falle sehr aufwendig: "Um eine Diagnose zu erstellen, benötigen Fachärzte zwischen drei und fünf Sitzungen." 

 

Therapie:

"Bei leichten Aufmerksamkeitsstörungen kann es sinnvoll sein, erst einmal Nichts zu tun, abzuwarten und zu beobachten", sagt Kinderpsychiater Hans Willner. Therapiert werden sollte eine Aufmerksamkeitsstörung erst, wenn sie die Entwicklung des Kindes behindere und offensichtliche Handicaps auftreten – etwa wenn das Lernen beeinträchtig werde oder andere Kinder unter der Impulsivität leiden. Je nach Schweregrad behandeln Ärzte ihre Patienten mit oder ohne Medikamente, regelmäßig in ihrer Praxis ambulant oder intensiv während eines stationären Klinikaufenthaltes. Allgemein gilt: "Den Betroffenen kann heute gut geholfen werden", sagt Hans Willner. Bei einer leichten Form lernen die Familien, mit ADHS in ihrem Alltag umzugehen. Das bedeutet unter anderem, dass sie das Leben kindgerechter gestalten. Ein Beispiel: Eltern von Kindern mit ADHS können von ihnen keine allzu lange Ausdauer bei langanhaltenden Tätigkeiten erwarten. Deshalb müssen sie etwa bei langen Autofahrten öfter Pausen einplanen. Auch feste Regeln im Alltag und viel Bewegung beispielsweise bei Mannschaftssportarten wirkten sich auf die Entwicklung positiv aus, sagt Chefarzt Willner. Um den Verlauf der Erkrankung zu kontrollieren, seien gelegentliche Arztbesuche notwendig. Führt ADHS allerdings zu dauerhaft anhaltenden Konflikten in der Familie und im sozialen Umfeld, kommen Verhaltenstherapien und Medikamente ins Spiel, etwa Methylphenidat (als Ritalin bekannt, heutzutage allerdings auch unter anderen Markennamen auf dem Markt) und Atomoxetin. Diese förderten die Konzentrationsfähigkeit und unterdrückten das Zappeln, sagt Kinderpsychiater Willner. Die Arzneimittel können jedoch auch unerwünschte Nebenwirkungen haben: Appetitlosigkeit zum Beispiel ist sehr häufig. Zwar verlören die Kinder dadurch tatsächlich ein wenig an Gewicht, doch der dann ebenfalls als Nebenwirkung auftretende "Abendhunger" führe dazu, dass die Kleinen genug Kalorien zu sich nehmen, sagt Willner. Die anhaltende Diskussionen um Gabe von Medikamenten bei ADHS bereits im frühen Kindesalter kennen natürlich auch die Ärzte. Deshalb werde die Arzneitherapie zunächst mit geringsten Dosen begonnen und dann nach Bedarf erhöht, sagt der Mediziner. Außerdem werde ständig überprüft, wie die Kleinen auf die Tabletten reagierten. In einigen Fällen könne die Verhaltenstherapie auch ohne eine begleitende Medikation durchgeführt werden, sagt Willner. Oft müssten die Ärzte jedoch beides kombinieren. Ein Klinikaufenthalt ist bei der Aufmerksamkeitsstörung vor allem dann angebracht, wenn das Selbstwertgefühl der Kinder durch Folgeerkrankungen wie Depressionen oder Aggressionen stark vermindert ist. "Die Kinder trauen sich dann nichts mehr zu," sagt Willner. Dadurch verändere sich auch ihr Sozialverhalten erheblich. In der Klinik würden die Kinder und Jugendlichen psychisch wieder aufgepäppelt werden, entweder ambulant oder stationär. Innerhalb von vier bis zehn Wochen durchliefen sie Einzel- und Gruppentherapien. Bei den darauf spezialisierten Einrichtungen handelt es sich meist um so genannte ambulante Tageskliniken, die wie eine Art Schule funktionierten. Morgens bringen die Eltern ihre Kinder zur Klinik und holen sich am Nachmittag wieder ab. Wohnen die Familien zu weit weg, könnten betroffene Kinder auch stationär in Rehabilitations-Kliniken behandelt werden. Nachteil: Sie übernachten meist allein in diesen Einrichtungen und werden aus ihrem Alltag herausgerissen.



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