Mediziner-Humor: Steinläuse und wie man sie wieder los wird

Der Steinlauseintrag (Ausschnitt) in der 262. Auflage des Pschyrembel. Abbildung: De Gruyter-Verlag

Der Steinlauseintrag (Ausschnitt) in der 262. Auflage des Pschyrembel. Abbildung: De Gruyter-Verlag

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Loriot hat sie entdeckt - und die Kliniken ein Gerät entwickelt, wie man sie wieder entfernt: die Steinlaus. Aber warum sollte man sie eigentlich enfernen lassen, sind die Symptome einer Infektion doch eher willkommen: Heiterkeit und Euphorie.

Es ist schon ein merkwürdiger Organismus, mit dem wir uns durch Nahrung, Einatmen von Steinstäuben oder beim Küssen infizieren können: die Steinlaus. Diese den Menschen befallende Unterspezies des sonst auf Fels oder Beton beheimateten kleinsten Nagetiers der Welt (0,3 bis 3 Millimeter groß) lebt von Blasen- oder Nierensteinen. Hat man sich angesteckt, wird man von heftigen Euphorieattacken und Wohlbefinden heimgesucht. So ist es im „Pschyrembel – dem Klinischen Wörterbuch“ zwischen den Einträgen „Stein|kohlen|teer“ und „Stein-Leventhal-Syn|drom“ nachzulesen.

Erstmals beschrieben und gezeichnet wurde dieser „possierliche kleine Kerl“ 1983 von (dem 2011 verstorbenen) Loriot – und er hat sich seitdem im deutschen Gesundheitswesen epidemieartig ausgebreitet. Inzwischen wird er offenbar von vielen als medizinisch unverzichtbar angesehen. Einmal habe man den Eintrag aus dem Wörterbuch herausgenommen, in der 257. Ausgabe von 1997, dem 10. Todesjahr des Namensgebers Willibald Pschyrembel – weil dieses (erkennbar humoristische) Stichwort wohl nicht in seinem Sinne gewesen wäre, heißt es aus dem Berliner De Gruyter-Verlag, der den „Pschyrembel“
herausgibt.

Doch die Leser vermissten die Steinlaus: Und seitdem ist der Eintrag in jeder Auflage enthalten, wird ergänzt und erweitert. Dafür betreibt der Verlag gar ein eigenes Steinlaus-Weblog.

Kein Wunder also, dass die deutschen Krankenhäuser nicht darauf verzichten wollen, sich auch mit diesem Nager auseinanderzusetzen. Und zwar so, wie sie es verstehen, als „Erreger beseitigen“. Und so kam nach dem wunderlichen Wesen auch ein wunderliches Gerät in die Welt: der Steinlausentferner, im Medizinerjargon Petrophagen-Exktraktor genannt. Als der Gemeinsame Bundesausschuss, ein sehr ernsthaft tätiges Gremium aus Krankenkassen-, Arzt- und Krankenhausvertretern, bestimmte, welche Geräte die Kliniken in ihren gesetzlichen Qualitätsberichten als technische Ausstattung nennen dürfen, führten sie neben Computertomografen und Ultraschallgeräten auch den Petrophagen-Extraktor an.

Nachdem 2008 noch vier Berliner Kliniken – darunter die Charité – die Chance ergriffen hatten und stolz in ihren Qualitätsberichte vermerkten, sie verfügten über so ein Gerät, blieben in den aktuellsten Berichten von 2010 noch zwei landeseigene Vivantes dabei: das Vivantes Humboldt-Klinikum und das Vivantes Klinikum Neukölln. Bundesweit sind es sogar mehr als 50 Krankenhäuser, die sich das Gerät angeblich zugelegt haben.

Alle Ärzte, die mit Steinen zu tun hätten – Nieren-, Gallen- oder Blasensteinen –, stießen dabei „natürlich“ auch auf die Steinlaus, sagt beispielsweise Ralf-Marco Liehr, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin, Gastroenterologie und Diabetologie im Humboldt-Klinikum. Aber man liebe diese Läuse. In dem Krankenhaus dürften die entfernten Kleinstnager deshalb in ihrem artgerechten Biotop weiterleben: auf einer Halde entfernter Gallensteine… Lachen ist eben die beste Medizin – selbst in höchsten Gremien der Medizinerschaft. Vielleicht haben deshalb die Neuköllner Vivantes-Mediziner zu ihrem Steinlausentferner im Qualitätsericht auch noch eine Anmerkung beigefügt: “Nur für Gesundheitspolitiker”.

Ingo Bach

Artikel zuletzt aktualisiert am: 20.03.2012

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