Therapie-Report: Trainingslager fürs Leben
Nach mehr als 20 Jahren war Horst Jeschke* am Ende. Korn und Bier hatten den Körper des 42-Jährigen kaputt gemacht. Die vergangenen Jahre hatte er täglich getrunken – bis zum Blackout. Er verlor seine Arbeit im Tiefbau. Mehrfach war er wegen Körperverletzung verurteilt worden, weil er im Rausch Streit gesucht hatte. Am Ende konnte er seine Alkoholsucht nicht mehr leugnen. Vor anderen schon lange nicht mehr, nun aber auch nicht mehr vor sich selbst. Es war der Punkt, an dem Horst Jeschke einsah, dass er krank war und Hilfe brauchte. Er kämpfte sich durch einen Entzug. Sieben Tage, die ihm an die Substanz gingen, doch er hielt durch. Die eigentliche Arbeit begann für ihn jedoch erst danach – bei der Entwöhnung.
Den Alltag trainieren
„Zwölf bis 16 Wochen dauert ein solches Programm, das an die körperliche Entgiftung anschließt“, sagt Andreas Dieckmann, Chefarzt der Hartmut-Spittler- Fachklinik am Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum in Schöneberg. Eine Selbstverständlichkeit ist eine Entwöhnung allerdings nicht. „Nur jeder Sechste, der einen Entzug gemacht hat, kommt im Anschluss zu uns“, sagt Dieckmann. In seinem Haus sind das in etwa 500 Menschen im Jahr. Viele, die nicht kommen und auch kein Angebot einer Wohn- oder Selbsthilfegruppe in Anspruch nehmen, trinken nach einem Entzug gleich weiter. „Hier müssen wir ansetzen“, sagt Dieckmann. Ein Entzug hilft nur, die körperliche Sucht zu überwinden, nicht beim Wiedereinstieg ins Leben. Viele Menschen, die eine Entgiftung hinter sich haben, unterschätzen die Gefahr, wenn sie in ihr altes Umfeld zurückkehren, mit ihren alten Problemen konfrontiert werden – und mit ihren alten Saufkumpanen.
„Unsere Aufgabe ist es, die Abhängigen auf diese Konfrontation vorzubereiten, sie wieder fit für den Alltag zu machen“, so Dieckmann. Die Klinik als Trainingslager für das Leben. Die Süchtigen müssen lernen, Nein zu sagen, sich zu kontrollieren, sich zu vertrauen. Schon ein Glas bedeutet in der Regel den Rückfall.
Widerstand ist typisch – trotz freiwilligen Verzichts
Horst Jeschke kam wie alle Patienten der Einrichtung freiwillig. Drei Wochen musste er warten, dann wurde ein Platz frei. Er war erleichtert. Trotzdem ging er die ersten Wochen im Haus mit allen auf Konfrontationskurs. In den ersten Gruppensitzungen schimpfte er auf die Therapeuten und nannte das Haus ein KZ. Die Ausgangssperren seien eine Zumutung, genau wie die ab 22 Uhr einzuhaltende Bettruhe. Als die anderen Patienten ihm nahelegten, dann solle er doch gehen, schmollte Jeschke.
„Dieser Widerstand ist typisch, obwohl es bei uns gar keine Sanktionen gibt“, sagt Dieckmann. „Wir sperren niemanden ein und auch wer wieder anfängt zu trinken, wird nicht gleich rausgeworfen.“ Das Problem liegt in der Einstellung der Süchtigen. Wenn Kranke zu Ärzten gehen, dann sind sie in der Regel dankbar, dass ihnen geholfen wird. „Bei Abhängigen ist das anders“, sagt Dieckmann. Da sie auf das verzichten, was ihnen das Liebste ist, denken sie, die Klinik schulde ihnen etwas.
Vielfältiges Unterstüzungs- und Beschäftigungsangebot
Bei der Entwöhnung gibt es eine Reihe von Angeboten, um diesen Widerstand aufzufangen: Psychotherapie, Vorträge über den Umgang mit Folgen des Entzugs, Hilfe bei Problemen wie Schlaflosigkeit, Infoveranstaltungen über die körperlichen und sozialen Auswirkungen der Sucht. Es gibt psychiatrische Betreuung, weil viele Alkoholiker, die eine Entwöhnung machen, an einer Neurose oder einer Persönlichkeitsstörung leiden. Auch Ergotherapie gibt es.
Was die Patienten dabei mit ihren Händen geschaffen haben, zeigt Dieckmann bei einem Rundgang durch das Haus. In einer Werkstatt stehen Tische und Stühle, die die Patienten gezimmert haben, auch ein paar Brettspiele aus Holz. An den Wänden der hellen Flure des Hauses hängen Bilder, die Patienten gemalt haben. Im vierten Stock steht seit ein paar Tagen eine Litfaßsäule, die den 75 Bewohnern künftig als Infoplattform dienen soll.
Vor den Treppenhäusern spielen ein paar Patienten an einer Tischtennisplatte Rundlauf. Das Haus macht einen lebendigen Eindruck. Damit es in der Klinik keine Ecke gibt, in die sich die Bewohner heimlich zurückziehen können, liegen die hell, aber einfach eingerichteten Patientenzimmer direkt neben den Seminarräumen. Die Wohnräume sind neben den Beschäftigungsbereichen untergebracht, Werkstätten neben den Zimmern der Psycho- und Physiotherapeuten. Physiotherapie?
Mit Rückfallgedanken umgehen lernen
„Viele Alkoholiker bekommen ein völlig gestörtes Verhältnis zu ihrem Körper“, sagt Dieckmann. „Sie nehmen ihn nur noch als Ersatzteillager wahr.“ Den Satz: Wenn meine Leber kaputt geht, dann bekomme ich eben eine neue, habe er schon zigmal gehört. Die Physiotherapie soll den Abhängigen helfen, ihren Körper wieder als Teil von sich selbst zu begreifen. In einem der Gruppenräume, an denen Dieckmann vorbeigeht, findet gerade ein Präventionsprogramm statt. Rund 20 Personen sitzen im Kreis und sprechen darüber, wie man nach der Entlassung mit Rückfallgedanken umgehen kann. Vielen von ihnen kann man ihre Vergangenheit ansehen: In ihren Gesichtern zeigen sich rote Äderchen, ihre Bewegungen sind fahrig. Hier lernen sie, wie sie sich motivieren können, durchzuhalten, welche Selbsthilfegruppe sie aufsuchen und welche Seelsorger sie anrufen können.
Sich mit diesem Problem zu beschäftigen, ist wichtig. Die Rückfallquote nach einer Entwöhnung liegt relativ konstant bei zwei Dritteln. „Ein Drittel wird sofort wieder rückfällig, ein weiteres Drittel binnen eines Jahres“, sagt Dieckmann. „Das letzte Drittel hingegen ist auch nach fünf Jahren noch trocken.“ Horst Jeschke ist jetzt im vierten Jahr.
*Name geändert
53 Kliniken zu diesem Krankheitsbild anzeigen
Moritz Honert
Artikel zuletzt aktualisiert am: 01.07.2011
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