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OP-Report: Zu Herzen gegangen

Mit dünnen Drähten und winzigen Ballons können verstopfte Blutgefäße wieder geöffnet werden. Das bedeutet, „unmittelbar Leben zu retten“, sagt ein Arzt


Hans-Joachim Schultz * kämpft um sein Leben: Kalk und Cholesterin haben seinen Herzkranzgefäßen so weit zugesetzt, dass der schleichend mit Blut unterversorgte Herzmuskel schließlich seine Arbeit unterbrach. Schultz ist 49 Jahre alt und arbeitet als Hausmeister in einer Lichtenberger Schule. Er will gerade eine Schubkarre mit Laub anheben, als er bewusstlos zusammenbricht. Sein Herz schlägt nicht mehr, es krampft, oder wie der Fachmann sagt: es flimmert.


Schnelle Hilfe beim Kammerflimmern rettet Leben

Dass Hans-Joachim Schultz den Kampf nicht verliert, verdankt er dem Umstand, dass nach seinem Zusammenbruch alles richtig läuft. Ein Kollege sieht, wie er stürzt und reagiert sofort. Er alarmiert – Notrufnummer 112! – die Feuerwehr. Danach sofort Herzdruckmassage. Nach sechs Minuten trifft der Rettungswagen ein. Schultz wird an einen Defibrillator angeschlossen, um das Kammerflimmern zu beenden. Zwei Minuten später ist auch der Notarzt da und bringt ihn ins Sana-Klinikum Lichtenberg, wo er im Katheterlabor sofort auf den Tisch kommt, knapp 20 Minuten nach seinem Herz-Kreislauf-Stillstand.


Kunststoffröhren halten Gefäße offen

Die Diagnose ist schnell gestellt: eine von vier Hauptarterien zur Versorgung des Herzmuskels ist fast dicht, eine weitere stark eingeengt. Medikamente halten den Blutdruck aufrecht. Olaf Göing, Chefarzt der Kardiologie am Sana-Klinikum, legt seinem Patienten deshalb zunächst eine Ballonpumpe in die Aorta, um den Kreislauf zu stützen. Gleichzeitig sollen zwei Stents implantiert werden, also röhrenförmige Gefäßstützen, die die Adern langfristig offenhalten können.


An Hans-Joachim Schultz geht die Aufregung vorbei. Er liegt bewusstlos im Katheterlabor, hat starke Beruhigungsmittel bekommen. Ein blaues Tuch bedeckt seinen Körper, über ihm hängen Monitore und ein Röntgenkopf, der um das Kopfende der Liege herumgleiten kann. Seine Arme sind über dem Kopf fixiert, damit das Röntgenbild des Brustkorbes klar bleibt. Olaf Göing hat einen schwierigen Fall vor sich. Am Ende wird Schultz 90 Minuten hier gelegen haben, während der Arzt mit Drähten und kleinen Ballons in seinem Herzen hantierte.


Ein langer Weg zum Herzen

Chefarzt Göing steuert den spaghettidünnen Katheterdraht von der Leiste durch die Hauptschlagader bis ins Herz. Insgesamt drei Drähte deponiert er in den drei Hauptästen der linken Herzkranzgefäße, die wie ein Dreizack von der Aorta abzweigen. Zur Vorsicht, denn für das Weiten der Gefäße und die Implantation einer Gefäßstütze (Stent) wäre nur ein Führungsdraht nötig. Doch so kann Göing in jedes der Gefäße schnell Instrumente hineinschieben, wenn es Komplikationen gibt.


Und die sind nicht unwahrscheinlich. Denn die lange Engstelle befindet sich an einem sehr diffizilen Ort: Sie reicht von der Aorta bis in eine der drei hier abzweigenden Hauptarterien der Herzkranzgefäße. Göing muss deshalb den ersten Stent über Eck in ein Gefäß mit drei Millimetern Durchmesser deponieren. Dabei könnte es passieren, dass die durch die Instrumente ständig gereizten Adern sich krampfhaft zusammenziehen, einen Gefäßverschluss auslösen. Oder dass sich beim Hineindrücken des Stents in die Gefäßwände ein Stück Kalk löst und ein Äderchen verstopft. Deshalb steht auch eine Herz-Lungen-Maschine bereit, falls der Pumpmuskel plötzlich schlappmacht.


Kontrastmittel zeigen Herzkranzgefäße

Immer wieder blickt Göing auf den Bildschirm, steuert mit einem Hebel den Röntgenkopf um die Brust seines Patienten herum. So kann er den Weg des Führungsdrahtes im Körper verfolgen. Später spritzt Göing mehrmals ein Kontrastmittel durch die Kanüle, das die Herzgefäße des Patienten auf dem Röntgenmonitor sichtbar macht. Nur in diesen kurzen Augenblicken sind die Einschnürungen in Schultz’ Gefäßen zu erkennen. Dorthin muss Göing den Katheter führen, an dessen Spitze der kleine Ballon sitzt und darauf der Stent. Unentfaltet sieht man nur zwei dunkle Punkte auf dem Bildschirm, an den beiden Enden des Stents. Dann drückt Göing Kontrastmittel in den Ballon, der sich ausdehnt und die Gefäßstütze in die Gefäße drückt. Nun ist der längliche Ballon deutlich auf dem Monitor sichtbar.


Und wieder hat Schultz Glück: Es gibt keinen Notfall, weder die Ausweichkatheter noch die Herz-Lungen-Maschine werden gebraucht. Trotzdem muss Hans-Joachim Schultz erst einmal auf die Intensivstation, zur Beobachtung. Bleibende Schäden erwartet Chefarzt Göing nicht. Dass Schultz bald wieder auf seinem Kathetertisch liegt, das will Göing aber nicht ausschließen: „Er ist ein Risikopatient, raucht seit 30 Jahren täglich zwei Päckchen Zigaretten.“


Untersuchung mittels Herzkatheter fast Schmerzfrei

Für Herta Girod waren die Kathetereinsätze bisher weniger dramatisch. Sie kann sich genau an jedes einzelne Datum erinnern. „Das erste Mal, 1991, da haben sie mir eine verengte Stelle in einer Ader am Herzen aufgemacht. Zwei Jahre später die Nachuntersuchung. 1996 habe ich meinen ersten Stent gekriegt, 2001 musste wieder gedehnt werden …“ Der 74-jährigen Frau aus Neukölln wurde schon neunmal ein Katheter bis ans Herz geschoben.


Bei jedem Eingriff hat sie die gleichen Erfahrungen gemacht: Dass der Katheter, jener drei Millimeter starke Plastikdraht, durch ein Gefäß in der Leistenbeuge bis ins Herz vorgeschoben wird. Dass der Einstich etwas schmerzt, sie aber von dem Weg des Drahtes durch den Körper nichts spürt. Und dass das Kontrastmittel, das man ihr in die Blutbahnen spritzt, um die Adern auf dem Röntgenschirm sichtbar zu machen, etwas brennt. Routine auch, dass sie danach für einen Tag einen Druckverband am Oberschenkel benötigt, damit das angestochene Gefäß nicht nachblutet.


Doch an diesem Sonnabend, als sie zum zehnten Mal im Katheterlabor ist, dieses Mal im Vivantes Klinikum am Urban, hat sie Angst. Herta Girod liegt auf dem Operationstisch. Ihre silbrig-blonden Haare sind ordentlich in Wellen gelegt, die Fingernägel golden lackiert. Über der Brust von Herta Girod steht der bewegliche Röntgenkopf des Katheterplatzes. Er ist so groß wie ein Fünf-Liter-Fässchen. Mit diesem Gerät wird der Arzt ihren Körper von allen Seiten durchleuchten. Über der Liege hängen drei große Monitore: Einer ist für die Röntgenbilder. Über den anderen flimmern Herzschlagkurven und auf dem dritten blinken Zahlenreihen.


Stefan Hoffmann, der Leitende Oberarzt der Kardiologie von Chefarzt Dietrich Andresen, hält beruhigend Herta Girods Hand. Sie ist ins Krankenhaus gekommen, weil sie keine zehn Schritte mehr laufen kann, ohne sofort aus der Puste zu sein. Herta Girod hat Angst, dass etwas mit ihrem Herzen nicht stimmt.


Hochtechnologie für eine halbe Million Euro

Noch mehr aber fürchtet sie sich, weil der Doktor diesmal den Katheterzugang über den Unterarm legen will und nicht wie die meisten seiner Kollegen über die großen Gefäße in der Leistenbeuge. „Sie können dann sofort wieder aufstehen und herumlaufen“, sagt Stefan Hoffmann.

Zehn Minuten später hat Herta Girod es überstanden. Ein paarmal lässt Hoffmann ihre Herzkranzgefäße auf dem Bildschirm erscheinen, indem er ein Kontrastmittel einspritzt. Keine Verengung. Ein Katheter ist Hochtechnologie, die ihren Preis hat: eine halbe Million Euro, oft mehr. Hoffmann findet, dass das nicht zu teuer ist. „Mit dieser Technik kann ein Arzt unmittelbar Leben retten.“ Wenn der Patient nicht zu spät kommt. Es passiert beim Herzinfarkt nicht selten, dass die Betroffenen zu lange warten, bevor sie den Notarzt rufen. Sie ignorieren die häufig wenig ausgeprägten Schmerzen im Brustkorb oder das bisschen Atemnot, den Schwindel. Wird schon wieder vorbeigehen, denken sie. Aber es geht nicht vorbei, sondern wird von Minute zu Minute gefährlicher. Der Tod droht. Das Herz bleibt stehen. „Eine Stunde nach den ersten Symptomen ist ein Fünftel der Betroffenen tot“, sagt Hoffmann.


Berlin allerdings steht im Bundesvergleich mit seinem Versorgungssystem für Herzinfarktpatienten gut da. Das zeigen die Daten des Berliner Herzinfarktregisters sowie die Erfahrungen der Ärzte. „Das System der Notarztwagen hat in der Bevölkerung eine hohe Akzeptanz“, sagt Hoffmann. „Die meisten Leute wissen, dass sie sofort die Notrufnummer 112 wählen müssen.“


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Ingo Bach

Artikel zuletzt aktualisiert am: 01.07.2011

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