OP-Report: Kleine Schnitte, große Wirkung
ÜBELKEIT, KRÄMPFE, FETTUNVERTRÄGLICHKEIT: OFT SIND GALLENSTEINE DIE URSACHE. WÄHREND FRÜHER GALLENSTEINE NOCH MITUNTER MIT SCHALLWELLEN ZERSTÖRT WURDEN, GIBT ES HEUTE EFFEKTIVERE METHODEN. WIR BEGLEITETEN EINE BETROFFENE IN DEN OP-SAAL.
Anderthalb Jahre Schmerz liegen hinter Jasmin Schumann*. Achtzehn Monate lang erwachte sie jeden Morgen mit Übelkeit und litt unter Magenkrämpfen. „Eine schreckliche Zeit“, sagt die 61-Jährige mit dem freundlichen runden Gesicht unter den kurzen dunklen Haaren. „Aufstehen tat weh, Sitzen tat weh, Durchatmen tat weh.“ Dabei hätte ihr schnell geholfen werden können. Ihr Hausarzt hatte bald den richtigen Verdacht: Gallensteine. Mehrere Ultraschalluntersuchungen, mit denen diese entdeckt werden können, lieferten jedoch keinen Befund. Die Lage besserte sich nicht. Jasmin Schumann litt weiter. „Irgendwann bemerkte ich, dass die Krämpfe sich immer dann einstellten, wenn ich bestimmte Dinge aß“, erzählt sie. Fett vertrug sie nicht, genauso wenig Zwiebeln. Auch Steinobst und Eis bestrafte der Köper umgehend mit Krämpfen – wieder ein Hinweis auf Gallensteine. Der Hausarzt schickte Frau Schumann daraufhin ins Krankenhaus, wo die leistungsfähigeren Ultraschallgeräte schließlich seinen ersten Verdacht bestätigten.
Jetzt sitzt Jasmin Schumann in einem gelben Bademantel auf ihrem Krankenbett im DRK Klinikum Köpenick. Vor drei Tagen wurde ihre Gallenblase samt Steinen entfernt. Geblieben sind vier kleine Narben und eine große Erleichterung. Sie strahlt. „Ich fühle mich wie der Wolf aus dem Märchen, nachdem man Rotkäppchen aus seinem Bauch befreit hat“, sagt sie und lacht. Ihre Sachen sind schon gepackt. In ein paar Stunden kann sie das Krankenhaus verlassen. Der Eingriff verlief ohne Probleme.
70 Prozent der Betroffenen sind Frauen
„Die Entfernung der Gallenblase ist eine Standardoperation“, sagt Matthias Pross, Chef der Chirurgischen Abteilung der Köpenicker Klinik. „Allein in Berlin finden jedes Jahr etwa 7000 statt“, erzählt er auf dem Weg über die linoleumgefliesten Flure in den Operationssaal, wo eine weitere Patientin auf eine Gallenblasenentfernung vorbereitet wird. „Das Problem betrifft zu 70 Prozent Frauen“, sagt Pross. Warum, wissen die Mediziner nicht mit Bestimmtheit, doch weibliche Geschlechtshormone und mehrere Schwangerschaften scheinen das Risiko zu erhöhen. Ebenso sind Frauen mit der Haarfarbe Blond häufiger betroffen.
Kleinere Narben und kürzerer Krankenhausaufenthalt
Als Pross den Operationssaal betritt ist das Chirurgen-Team gerade dabei vier drei bis zwanzig Millimeter lange Schnitte in die Bauchdecke zu setzen. Durch sie werden langstielige Instrumente und eine Kamera in den Körper eingeführt. „Wir operieren minimalinvasiv“, sagt Pross. Durchs Schlüsselloch also. Um im Inneren Platz für die Instrumente zu schaffen, wird der Bauch wie ein Luftballon mit Kohlendioxid aufgepumpt. Bis zu 30 Liter Gas werden bei einer Operation benötigt. Wegen der kleinen Wunden gilt diese Art der Operation als schonender für die Patienten. Außerdem können die meisten bereits nach zwei bis drei Tagen wieder nach Hause. Bei einem klassischen Eingriff, bei dem der Bauch aufgeschnitten wird, dauerte der Krankenhausaufenthalt länger – rund zwei Wochen.
Die „Schlüssellochoperation“ ist seit 1991 Standard bei Gallenblasenentfernungen. Während der Operation orientiert sich der Chirurg an den Kamerabildern aus dem Inneren des Körpers, die über Monitore flimmern. Dort ist gerade zu sehen, wie das Fettgewebe entfernt wird, das mit der gelblichen Gallenblase verwachsen ist. „Ein Hinweis darauf, dass es bereits zu einer Entzündung gekommen ist“, sagt Pross. Im Hintergrund leuchtet auf den Bildschirmen dunkelrot die Leber.
Nun trennen die Ärzte die Verbindung der Gallenblase zum Gallengang. Diese wird erst mittels zweier kleiner Klammern abgeschnürt, dann zerteilt. Rund 45 Minuten dauert es, bis die Gallenblase komplett gelöst wurde. Durch einen weiteren zwei Zentimeter langen Schnitt über dem Bauchnabel ziehen die Ärzte das etwa faustgroße, birnenförmige Organ schließlich heraus. Im Inneren finden sie einen taubeneigroßen grauen Stein. Er sieht aus, als hätte er lange im Meer gelegen.
Gallensteine werden samt Gallenblase entfernt
„Die Entfernung der kompletten Gallenblase ist die einzige Möglichkeit, die Steine in den Griff zu bekommen und zu verhindern, dass sich neue bilden“, sagt Matthias Pross. Vor fünfzig Jahren noch habe man die Gallenblase aufgeschnitten und lediglich die Steine entfernt. Die Nähte seien dabei jedoch stets schlecht verheilt. Auch andere Behandlungsmethoden schieden aus. „Vor zehn, fünfzehn Jahren hat man Gallensteine mitunter noch mit Schallwellen zerstört.“ Dabei sei es jedoch oft zu Komplikationen gekommen, da die kleinen Trümmer den Gallengang verstopfen könnten. Und cholesterinsenkende Medikamente hätten bei Gallensteinen nur prophylaktischen Nutzen.
Trotzdem werde nicht sofort nach einem positiven Befund operiert. Denn viele Menschen mit Gallensteinen verspüren ihr Leben lang keine Beschwerden. „Manchmal ist es deshalb besser, mit einer Operation zu warten, bis die Patienten erste Anzeichen von Problemen zeigen“, sagt Pross. Jasmin Schumann ist froh, dass ihre Probleme nun hinter ihr liegen. Ob sie sich freut, nun wieder essen zu können, was sie will? „Ja klar“, sagt sie. Doch über die Stränge schlagen will sie nicht. Eigentlich träume sie nur von einem großen Teller Hühnersuppe, gesteht sie.
*Name geändert
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Moritz Honert
Artikel zuletzt aktualisiert am: 01.07.2011
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