Hintergrund: Ein hellwacher Kopf
Der Arzt zeigt dem Patienten das Bild eines Löwen. „Was ist das?“, fragt er. Der Patient zögert und antwortet dann: „Ein Zebra.“ Treffer. Auch an dieser Stelle des Gehirns sitzt also ein Teil des Sprachzentrums des Mannes, der auf dem Operationstisch von Peter Vajkoczy, Direktor der Klinik für Neurochirurgie an der Charité, liegt.
Der Hinterkopf des Patienten ist geöffnet, rund 50 Quadratzentimeter des Gehirns liegen frei. Auf der von Blutgefäßen überzogenen wulstigen Oberfläche kleben Zettelchen mit Ziffern. Jedes dieser Areale stimuliert der Chirurg mit einem elektrischen Impulsgeber. An der Reaktion des Patienten sieht er, welche Funktion das Gebiet erfüllt. Mit diesen Informationen kann Vajkozcys Team dann den Tumor herausholen, ohne die Sprachzentren zu schädigen.
Bessere Operationsergebnisse – doch nicht jeder ist geeignet
Denn ein Sprachzentrum gibt es eigentlich gar nicht. Unsere Fähigkeit, Worte zu verstehen, zu formulieren oder die richtigen Bezeichnungen zu wählen, verteilt sich über das gesamte Großhirn , und auch das noch höchst individuell. Die Gefahr ist also groß, bei einer Operation in dem Gebiet unbeabsichtigt die Sprachverarbeitung zu beschädigen und damit die Lebensqualität des Patienten erheblich zu beeinträchtigen. Und genau aus diesem Grunde werden Tumore in der Nähe von Sprachzentren bei Bewusstsein des Patienten operiert. Dabei wird der Kranke ständig befragt und an den Antworten überprüft, ob sich der Chirurg einer wichtigen Zone nähert. Außerdem kann der Chirurg mit dieser Kontrollmöglichkeit ein Maximum an Tumorgewebe herausholen – im Gegensatz zur Vollnarkose, bei der er vorsichtiger agieren muss.
Allerdings ist diese Methode nicht für jeden Patienten geeignet, sagt Vajkoczy. „Nur zehn bis 15 Prozent der Patienten mit einem bös- oder auch gutartigen Tumor in der Nähe des Sprachzentrums kommen überhaupt für solche Operationen infrage.“ Deshalb werden diese Eingriffe selten ausgeführt – in gerade mal einer Handvoll Zentren in Deutschland. Eines davon ist die Charité, wo jährlich 70 bis 80 Patienten bei vollem Bewusstsein am Gehirn operiert werden.
Belastungsgrenzen müssen vor der Operation ausgelotet werden
Das Gefühl, dass der Chirurg im Gehirn hantiert, die stundenlange seitliche Fixierung des Kopfes und die Atmosphäre eines Operationssaales sind sehr belastende Erfahrungen für einen Menschen. Deshalb nehme man sich viel Zeit für die psychologische Begutachtung, bei der auch die Belastungsgrenzen getestet werden. Außerdem wird dem Patienten vor dem Eingriff der Operationssaal gezeigt und ihm genau erläutert, was darin später mit ihm passieren wird.
Für das Öffnen des Schädels und das Abklappen der schmerzempfindlichen Hirnhaut wird der Patient zunächst in einen Dämmerzustand versetzt. Für den eigentlichen Eingriff holt man ihn dann zurück ins Bewusstsein. Ein kritischer Augenblick. Zwar ist das Gehirn nicht schmerzempfindlich, dafür aber kann die Aufwachphase in der ungewöhnlichen Situation den Patienten in Panik versetzen. Möglich ist auch, dass die elektrische Stimulation der Hirnareale einen epileptischen Anfall auslöst – das wäre verheerend für die Operation.
Auch Chirurg und Personal werden gefordert
Aber auch für die Klinik ist der Aufwand enorm. So müssen statt fünf bei einer normalen Hirn-OP 15 Leute im Operationssaal anwesend sein. Logopäden beispielsweise, die Veränderungen in der Sprachverarbeitung des Patienten frühzeitig erkennen sollen. Und auch die Anforderungen an den Operateur sind höher: „Das Gehirn eines Menschen in Vollnarkose ist ruhig und entspannt“, sagt Vajkoczy. „Im Wachzustand schwillt es an und pulsiert“ – eine Erschwernis bei einer Operation, bei der wenige Kubikmillimeter zu viel entferntes Gewebe die Qualität des Lebens für den Patienten beeinträchtigen kann. Vajkoczy: „Wir wollen doch hier keine Pflegefälle produzieren.“
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Ingo Bach
Artikel zuletzt aktualisiert am: 01.07.2011
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