Hintergrund: Diagnose Krebs - Die ganze Wahrheit
Der Patient reagierte verzweifelt: „Als sich der Chefarzt zu mir ans Krankenbett setzte, wusste ich, dass ich sterben würde.“ Andreas Grüneisen, ehemaliger Oberarzt der Klinik für Innere Medizin am Vivantes-Klinikum Neukölln, wählt dieses Beispiel, um zu zeigen, welche Signale ein Arzt unbeabsichtigt aussenden kann – und vielleicht vermeiden sollte.
Die Diagnose Krebs überrollt das Leben eines Menschen wie eine Tsunami-Welle. Und es ist meist der Arzt, der diese Welle mit dem Diagnosegespräch auslöst. Er wird also auch als Erster mit der Reaktion des Patienten konfrontiert. Wie sagt man so etwas? „Niemals dabei lügen“, sagt Reiner Kunz, Chefarzt der Chirurgie im St. Joseph-Krankenhaus. Auch wenn man weiß, dass nach der Diagnose Krebs für den Kranken „kein Stein auf dem anderen“ bleibe.
Die Form aber variiere, denn natürlich müsse man bei der Information auch die persönliche Situation des Patienten berücksichtigen. „Wer die ganze Wahrheit wissen will, dem sage ich sie auch“, sagt Kunz. „Der informierte, verstehende Patient ist der beste Partner für die Therapie.“ Denn er begreife die Situation und die Wichtigkeit der Therapie. Dass in so einer Situation das Mitgefühl eines Arztes helfen kann, hat auch Andreas Grüneisen in seiner jahrelangen Arbeit mit Krebspatienten gemerkt.
„Natürlich stirbt man nicht mit jedem mit“, sagt er. Dennoch sei es sehr wichtig, sich emotionale Ansprechbarkeit zu bewahren. „Wie ein Patient die schlechte Nachricht aufnimmt, hängt sehr von der Situation ab“, erklärt Grüneisen. Da ist es gut, wenn der behandelnde Arzt den Patienten schon länger kennt, seine Reaktion einschätzen kann. Nicht zuletzt hänge der Behandlungserfolg wesentlich von der Grundeinstellung des Patienten ab.
Auch Ernst Späth-Schwalbe ist oft Überbringer schlechter Nachrichten. Seit 18 Jahren arbeitet der 55-Jährige als Onkologe, seit zehn Jahren ist er Direktor der Klinik für Innere Medizin, Hämatologie und Onkologie am Vivantes Klinikum Spandau. Wie sagt man einem Patienten, dass er bald sterben wird? Immer aufrichtig bleiben, das ist auch der Anspruch von Späth-Schwalbe. Das bedeute zwar nicht, den Patienten mit jedem Detail des Befundes zu belasten. Aber Hoffnung auf Heilung zu machen, wo dazu kein Grund mehr besteht, sei falsch.
Der Onkologe benutzt das Bild eines Mantels, den der Arzt reiche. „Der Patient hat die Chance, ihn anzuziehen oder abzulehnen“ – sprich die Wahrheit nicht in allen Details zu erfahren. Wenn ein Patient ihn nach der verbleibenden Zeit fragt, antwortet Ernst Späth-Schwalbe mit einer Gegenfrage: Warum ist das wichtig für Sie? Und dann hört er vielleicht von der Großmutter, dass sie gerne noch erleben würde, wie ihr Enkel eingeschult wird. Dann könne man auch eine vorsichtige Prognose wagen, meint der Arzt. Bei den meisten Fragenden aber stehe dahinter der Wunsch, zu hören, dass es doch Hoffnung gebe. „Dann muss ich es deutlicher sagen: Das Ziel ist nicht mehr die Heilung, aber dafür die Verlängerung Ihres Lebens, die Verbesserung Ihrer Lebensqualität.“
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Ingo Bach, Katja Reimann
Artikel zuletzt aktualisiert am: 01.07.2011
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