Bänderriss im Kniegelenk
Krankheitsbild
Erklärung
Die Anfälligkeit des Kniegelenks für Verletzungen erklärt sich aus dessen Anatomie. Während bei der Hüfte der Gelenkkopf von der Pfanne fest umschlossen wird, liegt beim Kniegelenk der Oberschenkelkopf nur auf einer platten Gelenkfläche des Schienbeins auf (siehe Grafik). Das vordere und hintere Kreuzband stabilisieren dieses fragile Zusammenspiel. Die Enden der kräftigen, etwa acht bis zehn Millimeter breiten Bänder setzen am Schienbein- und Oberschenkelknochen an und überkreuzen sich im Gelenkspalt – daher ihr Name.
Symptome
Reisst ein Kreuzband, in dem neben Blutgefäßen auch Nervenfasern verlaufen, schmerzt das Knie-Innere meist stark. Viele Patienten berichten von einem Knackgeräusch, “als ob man eine rohe Mohrrübe zerbricht” sagt Dirk Casper, Leitender Oberarzt der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie des Unfallkrankenhauses Berlin. Aus den verletzten Gefäßen ausströmendes Blut lässt das Gelenk anschwellen und zeichnet sich später als Bluterguss (Hämatom) ab. Das Gelenk lässt sich nur noch schlecht bewegen und ist instabil.
Ursachen
Dreht sich der Oberschenkelknochen auf dem Schienbein, ohne dass dieses der Bewegung folgt, wird das vordere Band überdehnt und reißt schließlich. Um das hintere Kreuzband zu schädigen, muss schon senr massive Gewalt in einem bestimmten Winkel einwirken. Ärzte beobachten solche selteneren Verletzungen zum Beispiel nach Autounfällen, etwa wenn dabei das angewinkelte Schienbein vom Armaturenbrett heftig gegen den Oberschenkel gepresst wurde.
Zahlen
In Deutschland reißt Jahr für Jahr 80 000 Mal ein Kreuzband, alle sechseinhalb Minuten.
Behandlung
Diagnose
Gerissene Kreuzbänder diagnostizieren Mediziner unter anderem mit dem so genannten Schubladentest. Kann dabei der Unterschenkel gegen den Oberschenkel verschoben werden, deutet dies auf verletzte Bänder hin. Mit Hilfe einer Magnetresonanztomographie wird der Befund überprüft. Eine andere Methode ist die Gelenkpunktion. Dabei sticht der Arzt eine Hohlnadel in das Gelenk. Tritt dabei Flüssigkeit aus und ist darin Blut enthalten, ist das ein Indiz für gebrochene Knochen oder verletzte Bänder.
Therapie
Gerissene Kreuzbänder müssen nicht zwingend operiert werden. Das gut durchblutete hintere Band kann sich selbst regenerieren. Es genügt, das Knie in einer Schiene sechs bis zwölf Wochen ruhig zu stellen.
Auch bei Schäden des vorderen Kreuzbandes kann man auf einen Eingriff verzichten. So lässt sich die Beinmuskulatur zum Beispiel durch Physiotherapie so stärken, dass sie die stabilisierende Funktion des Bandes fast kompensieren.
Bei jungen oder sportlich sehr aktiven Menschen sollte man aber operieren, sagt der Spandauer Orthopäde und Chirurg Andreas Pingsmann. Das Gleiche gilt, wenn das Kniegelenk öfter umknickt und so den dämpfenden Knorpel schädigt.
In den meisten Fällen wird das Kreuzband durch eine mehrfach gefaltete und so verstärkte Sehne ersetzt, die an einer anderen Körperstelle entnommen wird, wo diese verzichtbar ist – zum Beispiel ein Teil der Kniestrecksehne an der Kniescheibe oder von Oberschenkelsehnen.
Diese Verpflanzungen können sowohl unter Voll- wie auch unter Teilnarkose durchgeführt werden. Der Chirurg schneidet an zwei Stellen unterhalb des Knies die Haut um einen Zentimeter auf. Mit einem Endoskop, einem langstieligen Instrument, an dessen Spitze ein Skalpell sitzt, schabt er zunächst die Reste des gerissenen Bandes von den Knochen. Einen dritten Schnitt benötigt der Chirurg, um am Knie, Ober- oder Unterschenkel eine Sehne zu entnehmen. Dieses runde und 28 Zentimeter lange Sehnenstück wird mehrfach übereinander geschlagen, bis es nur noch acht Zentimeter kurz, aber dafür wesentlich dicker ist. Anschließend dübelt oder schraubt der Arzt das Stück an die Ansätze des natürlichen Bandes.
Die Operation des vorderen Kreuzbandes dauert eine dreiviertel Stunde. Muss das hintere Band ersetzt werden, weil die herkömmliche Methode der Ruhigstellung nicht genügt, dauert der Eingriff anderthalb Stunden.
Jüngere, kräftigere Patienten, die nach der OP abgeholt und weiter betreut werden, könne man prinzipiell auch ambulant operieren, sagt der niedergelassene Chirurg Pingsmann. Aber genauso wie seine Kollegen vom Unfallkrankenhaus ist er der Meinung, dass eine stationäre Aufnahme bei einer Bänder-OP besser sei. „Das ist kein leichter Eingriff.“ Die Patienten seien danach meist noch sehr wackelig auf den Beinen oder wegen der Narkosenachwirkungen für Stunden bettlägerig. Außerdem sei bei ein oder zwei Tagen in der Klinik die ärztliche Überwachung möglicher Komplikationen besser zu organisieren. Neben allgemeinen Komplikationen, wie Wundinfektionen oder Thrombosen, kann das verpflanzte Sehnenstück reißen oder sich lockern.
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Ingo Bach, Frieder Piazena / Grafik: Bartel/Tsp
Artikel zuletzt aktualisiert am: 01.07.2011
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