Patientenverfügung: Vorsorge für alle Fälle

Eine Patientenverfügung ist bindend – selbst wenn sie den Tod des Kranken zur Folge hat.


Schmerzen sind zwar da, aber die Ärzte sagen: "Altersbedingte Abnutzungserscheinungen.” Ein paar Tabletten, etwas Ruhe, nichts Dramatisches. Doch manchmal irren sich Mediziner, vor allem tödliche Tumore können oft erst erkannt werden, wenn es zu spät ist. Dann wollen Ärzte plötzlich wissen, wie lange der Patient eine schmerzhafte und wenig aussichtsreiche Behandlung wünscht. Doch wer seine Umwelt nach schweren Medikamenten oder einem fast tödlichen Unfall nur noch eingeschränkt wahrnimmt, kann sich auch nur bedingt zu seinen Wünschen äußern. Sollen Ärzte eine Therapie abbrechen, weil eine Heilung aussichtslos ist und der tödlich erkrankte Patient widerwillig wirkt? Oder sollen Mediziner, Verwandte und Bekannte auf die Chance kurzzeitiger Besserung hoffen? In einer Patientenverfügung, also einer Willenserklärung für den Fall, dass man selbst einwilligungsunfähig ist, wird ein Arzt angewiesen, welche Behandlung er vornehmen oder unterlassen soll.
h3. Behandlung wider Willen ist Körperverletzung Viele Menschen wollen ihr Leiden nicht verlängern und kreuzen auf einem Formblatt an: keine künstliche Ernährung, keine Antibiotika, keine Wiederbelebung. Eine Patientenverfügung ist bindend, das hat der Bundesgerichtshof 2003 bestätigt. Bei Patienten, die etwa nach einem dauerhaft Unfall im Koma liegen, müssten sich Ärzte jeden Tag fragen, ob sie mit der Behandlung weitermachen dürfen, warnen Juristen und Sterbehilfebefürworter: Wenn Patienten es wünschen, sei die Beendigung lebensverlängernder Maßnahmen selbst dann geboten, wenn sie noch jahrelang am Leben gehalten werden könnten. Wer für sich ein Leben als bettlägeriger Demenzkranker ablehnt, den muss der Arzt sterben lassen, eine Behandlung wider Willen wäre Körperverletzung. Das Oberlandesgericht Frankfurt am Main hat 2006 einer Mutter die Betreuung ihres Kindes gestattet, obwohl die Frau eine künstliche Ernährung ihrer unheilbar kranken Tochter ablehnte.
h3. Eine Änderung ist jederzeit möglich Doch Umfragen zufolge haben nur 20 Prozent der unter 65-jährigen Deutschen eine Patientenverfügung. Und die dann häufig in Form eines angekreuztes Formulars. "Der Patient sollte sich aber so anschaulich wie möglich mitteilen”, sagt Ernst Späth-Schwalbe, Chefarzt der Onkologie im Klinikum Spandau. Individuelle Wünsche können nur in einem ausführlichen und gut vorbereiteten Schreiben dargelegt werden. Eine Willenserklärung, die regelt, dass nach einem "Schlaganfall(Schlaganfall)":http://www.gesundheitsberater-berlin.de/kliniken_diagnosen-therapien/schlaganfall--4/ keine künstliche Ernährung gewünscht ist, hat keine bindende Wirkung, wenn der Betroffene an Demenz erkrankt ist. Eine Verfügung ist umso wirksamer, je genauer sie den Fall trifft, über den entschieden werden soll. Sie muss aber auch offen genug sein, um die Vielzahl möglicher Erkrankungen abzudecken. Darin liegt das Problem: Welcher Arzt weiß, was "angemessene Möglichkeiten” oder "erträgliches Leben” aus Sicht eines bestimmten Patienten sein sollen? In etwa 75 Prozent der Fälle seien Patientenverfügungen deshalb unbrauchbar, schätzt der Hamburger Fachjurist Oliver Tolmein. Der Rechtsanwalt rät, erst nach intensiver Beratung einen ausführlichen Text zu schreiben. Es sollte deutlich werden, ab wann genau die Verfügung gilt. Sie kann vom Verfasser jederzeit - auch mündlich - aufgehoben oder geändert werden.
h3. Heftig kritisiert - medizinisch wie auch ethisch Letztlich könne jede Verfügung nur ein Hinweis sein, die Gewissensfreiheit des Arztes hebe sie nicht auf, meinen einige Mediziner. "Vielleicht sind Demenzkranke glücklich, warum sollten wir sie sterben lassen?”, fragen Vertreter der Kirchen. Bei Betroffenen, die - wie Wachkomapatienten - nicht unmittelbar im Sterben liegen, sollen lebenserhaltende Therapien keinesfalls abgebrochen werden. Wer kann ausschließen, dass medizinischer Fortschritt nicht noch Heilung bringen wird? Wer entscheidet, wann sich ein Betroffener nicht mehr angemessen äußern kann? Und wer weiß, ob ein früherer Wille auch dem aktuellen Wunsch eines Patienten entspricht? Oft haben Gesunde keine Vorstellung davon, wie sie sich fühlen werden, wenn sie todkrank sind. "Er ist nicht derselbe wie vor dem Unfall”, heißt es häufig. Was Patienten früher glaubten, werde plötzlich verworfen, Angehörige könnten die Wünsche von Betroffenen oft nicht einschätzen, sagen Ärzte. Kritiker sehen in vielen Patientenverfügungen eine Erlaubnis zur tödlichen Unterlassung. Vertreter von Hospizen befürchten, dass Kranke aus Angst vor schlechter Pflege früher sterben wollen, als es notwendig wäre. In Zeiten leerer Kassen fühlten sich Alte unter Druck gesetzt, möglichst wenig Kosten zu verursachen, glaubt Medizinrechtler Tolmein. Es gebe Situationen, in denen Heilungschancen kaum abschätzbar seien. Im Falle einer 72-jährigen Komapatientin hätten Angehörige nach drei Monaten ausbleibender Besserung die lebensverlängernden Maßnahmen einstellen lassen wollen. Plötzlich habe sich der Zustand der Frau verbessert. Bevor sie starb, sei sie für ein paar Tage ansprechbar gewesen. "Die Behandlung hat sie nicht abgelehnt”, sagt Tolmein. Dennoch sollte das Unterlassen lebenserhaltender Maßnahmen schon vor dem unmittelbaren Sterben erlaubt sein, fordert etwa der Humanistische Verband. Jemanden gegen seinen Willen leiden zu lassen, verstoße gegen die Menschenwürde. In Hospizen, Pflegeheimen zur Sterbebegleitung, erklären sich viele Menschen mit Palliativmaßnahmen deshalb einverstanden - und nehmen damit oft lebensverkürzende Nebenwirkungen in Kauf, die nur noch den Schmerz lindern.
h3. Eine rechtliche Grundlage fehlt Noch gibt es hierzulande kein Patientenverfügungs- und Sterbehilfegesetz. Nur wenn das Sterben etwa durch Beenden der künstlichen Ernährung und im Einklang mit dem Patientenwillen begleitet wird, ist dies nicht strafbar. Aktive Sterbehilfe wird als "Tötung auf verlangen” bestraft. Manche weichen deshalb aus: Zwischen 1998 und 2006 sind fast 400 Deutsche mithilfe einer Sterbehilfeorganisation in der Schweiz aus dem Leben geschieden. In Deutschland soll es deshalb bald mehr Rechtssicherheit für Patienten geben, die in einer Verfügung geregelt haben, unter welchen Umständen sie auf lebenserhaltende Maßnahmen verzichten wollen. Nach jahrelangen Debatten wird in wenigen Monaten im Bundestag über ein Patientenverfügungsgesetz entschieden. "Wir können nicht das Leben und das Sterben normieren. Aber wir schulden den Betroffenen, Ärzten und Angehörigen mehr Rechtssicherheit”, sagte CDU-Fraktionsvize Wolfgang Bosbach, der ein Stufenkonzept vorschlägt: Nur in Fällen, wo keine Überlebenschance besteht, soll die einfache Patientenverfügung ohne Beratung voll gültig sein. Für Patienten, die lebenserhaltende Maßnahmen ablehnen, obwohl sie nicht im Sterben liegen, soll ärztliche und rechtliche Beratung vorgeschrieben werden. Doch noch gibt es kein Gesetz. Kann sich der Patient nicht mehr angemessen äußern, fehlt eine Patientenverfügung oder ist sie - wie häufig - lückenhaft, müssen Ärzte den mutmaßlichen Willen des Patienten ermitteln. Experten raten deshalb, eine Patientenverfügung nur mit Vorsorgevollmacht auszustellen und beides beglaubigen zu lassen. Mit einer Vorsorgevollmacht ermächtigt man eine Person seines Vertrauens, für einen zu handeln, falls man selbst dazu nicht mehr in der Lage ist, wichtige Entscheidungen zu treffen. Die Vollmacht kann sich auf medizinische Eingriffe, finanzielle Angelegenheiten oder den Einzug in ein Pflegeheim beziehen. Mit einer ergänzenden Betreuungsverfügung können im Krankheitsfalle mehrere Vertraute für den Pflegebedürftigen tätig werden. Nur wenn alle Verfügungen den Willen des Patienten anschaulich und widerspruchsfrei darlegen, haben Ärzte und Angehörige die Sicherheit, die sich brauchen, um über Leben und Tod zu entscheiden.
Kontaktadressen zu Beratungsstellen zum Thema Patientenverfügung
Informationen gibt es auch auf der Homepage des Zentralen Vorsorgeregisters der Bundesnotarkammer



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