Patientensicherheit: Wie man Behandlungsfehler vermeidet

Wer Fehler zugibt, kann sie in Zukunft vermeiden – das gilt auch für Ärzte und Krankenhäuser. Wie die Sicherheit der Patienten durch einfache Massnahmen erhöht werden kann.


Es sollte eine ganz normale Geburt werden, doch dann ging einiges schief. 40 Jahre alt war die Patientin, die Joachim Dudenhausen entbinden sollte. Damals war er junger Oberarzt an einer Frauenklinik, später arbeitete er als Direktor der Charité-Kliniken für Geburtsmedizin - seit März 2010 ist er emiritiert. Weil das Kind damals trotz starker Wehen nicht in das mütterliche Becken eintrat, entschloss sich Dudenhausen für einen Kaiserschnitt. Als das Bindegewebe neben der Gebärmutter am linken Schnittwinkel einriss, versorgte er es sachgerecht – so dachte er zumindest. Zwei Tage später klagte die Patientin über starke Schmerzen auf ihrer linken Seite. Sie wird untersucht und es zeigt sich, dass Dudenhausen beim Versorgen des Risses den Verlauf des Harnleiters falsch eingeschätzt und ihn eingebunden hat. Das Harnwegsystem hat sich daraufhin bis in die Nieren aufgestaut und wird operativ wieder geöffnet.
h3. Hauptproblem: Zeitmangel Es ist ein Behandlungsfehler, den der Gynäkologe in der Broschüre "Aus Fehlern lernen" des Aktionsbündnisses Patientensicherheit eingesteht. Er ist damit nicht allein: Mediziner und Pflegepersonal schreiben darin über Behandlungsfehler und falsche oder uninformierte Entscheidungen. Die OP des "falschen" Knies ist ebenso dabei wie das Vergessen einer Klemme in einem operierten Bauch. Manche Fälle, wie bei Joachim Dudenhausen, enden glimpflich, andere mit dem Tod eines Patienten. Dass überall dort, wo viele Menschen zusammenarbeiten, auch Fehler gemacht werden, ist normal. Doch Tatsache ist auch, dass Fehler kaum toleriert werden, wenn es um Krankheiten, um Leben oder Sterben geht. Wer selbst im Krankenhaus liegt und sich Ärzten und Pflegefachkräften "ausliefert", der möchte dies mit dem Gewissen tun, dass alles korrekt verläuft, von der OP bis zur Medikation. Doch nur wer Fehler erkennt und eingesteht, kann sie künftig vermeiden. Woran sich Patienten vor allem stören, protokolliert die Berliner Patientenbeauftragte Karin Stötzner. "Die Patienten sind besorgt, dass sie mit ihren Ängsten nicht wahrgenommen werden”, sagt sie. Aufgrund des Personalabbaus in Kliniken seien Pflegekräfte oft überlastet. Für fürsorgliche Gespräche mit den Patienten bleibe kaum Zeit. Einige beschwerten sich auch über Infektionen, die sie sich im Krankenhaus geholt hätten, nur selten berichte jemand von Verwechslungen bei einer Operation. Stötzner geht jedem Fall genau nach, mit allen Kliniken unterhält sie "gute Kooperationsbeziehungen".
h3. Dokumentation gegen Verwechslung Mit sehr differenzierten Zertifizierungssystemen und komplett überwachten und protokollierten Arbeitsabläufen versuchen moderne Kliniken nun, für mehr Sicherheit ihrer Patienten zu sorgen. Die DRK Kliniken Berlin haben sich erst kürzlich erneut nach den rund 370 Kriterien umfassenden "Joint Commission International Standards (JCI)(Link zum Glossareintrag)":http://www.gesundheitsberater-berlin.de/glossar/jci-joint-commission-on-accreditation-of-health-care-organization/ für Qualitätssicherung zertifizieren lassen. Um Verwechslungen zu vermeiden, erhält jeder neue Patient der DRK-Kliniken bei seiner stationären Aufnahme ein Band ums Handgelenk, auf dem Name und Geburtsdatum verzeichnet sind. Vor einem Eingriff müsse jeder Beteiligte feststellen, dass es sich um den richtigen Patienten und das richtige Körperteil handele, sagt eine Sprecherin der DRK-Kliniken Berlin So soll vermieden werden, dass aus Versehen das falsche Bein oder der falsche Arm operiert wird. Zudem muss alles, was mit dem Patienten während seines Klinikaufenthaltes passiert, dokumentiert werden – und zwar so, dass es für alle verständlich und leserlich ist. So werden selbst Ärzte angehalten, sauber und deutlich zu schreiben. Damit es auch bei der Medikamentenausgabe keine Verwechslungen gibt, fahren Schwestern und Pfleger mit einem speziellen Medikamentenwagen vor die einzelnen Betten und entnehmen die Tabletten vor den Augen der Patienten aus der Packung. Wer Fehlerquellen entdeckt, meldet sie einer internen Kommission, die mit den Angaben vertraulich umgeht.
h3. Aus den Fehlern anderer lernen In den Kliniken der Charité werden solche Meldungen seit mehr als zwei Jahren vollautomatisch verwaltet. Die Charité nutzt das klinische "Risikomanagement-System CIRS (Critical Incident Reporting System)(Link zum Text Patientensicherheit)":http://www.gesundheitsberater-berlin.de/kliniken_beratung-amp-selbsthilfe/patientensicherheit/, eine Datenbank, auf die jeder Mitarbeiter zugreifen und anonym über Beinahe-Fehler und deren Abwendung berichten kann. Ein "Moderator", eine Vertrauensperson aus dem Team, liest die Meldungen anschließend und anonymisiert sie, falls nötig. Dann sind sie für alle zugänglich. "Aus den Fehlern anderer soll so gelernt werden", sagt die CIRS-Verantwortliche der Charité, Susanne Görtzen. Häufig fänden sich in der Datenbank Meldungen zur Funktion von Geräten, zur Verwechslung von Material oder zu Medikamenten. Ein Beispiel: Weil zehnprozentige und fünfzigprozentige Magnesium-Ampullen so ähnlich aussehen, wurden sie schon verwechselt. Ein Fehler, der leicht zu vermeiden ist. Die Stationen lagern die Ampullen einfach nicht mehr nebeneinander. Damit Ärzte und Pflegepersonal das System ausreichend nutzen, musste sie anfangs viel Überzeugungsarbeit leisten. "In Kliniken ist das Personal sozialisiert, keine Fehler zu machen und wenn welche passieren, diese zu verschweigen", erklärt Görtzen die Zurückhaltung und ergänzt: "Wir in der Charité sind auf einem guten Weg." Denn je höher die Kritikfähigkeit der Mitarbeiter, desto besser ist auch die Sicherheit der Patienten.
Beratungsadressen zum Thema Patientensicherheit
Beratung und Beschwerden bei Verdacht auf Behandlungsfehler



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