Klinikhygiene: Zahlen und Fakten zu Krankenhausinfektionen in Deutschland

Drei bis sechs Prozent aller Patienteninfizieren sich im Krankenhaus mit Erregern – das sind bundesweit zwischen 500 000 und eine Million Menschen. Viele, geschwächt durch andere Leiden, überleben die Infektion nicht

Wund- und Harnwegsinfektionen

Experten schätzen, dass sich zwischen drei und sechs Prozent aller Patienten im Krankenhaus mit Erregern infizieren – das sind bundesweit zwischen 500 000 und eine Million Menschen. Laut dem Göttinger Aqua-Institut, das für die Qualitätsmessung in deutschen Krankenhäusern zuständig ist, erlitten im Jahr 2013 rund 400 Patienten, denen eine Knieprothese implantiert wurde, und rund 730, denen eine Hüftprothese eingesetzt wurde, kurz nach der Operation eine Wundinfektion. Ebenso ging es 1100 Patienten, die nach einem Oberschenkelhalsbruch operiert werden mussten. In einer Studie von 2011 für die Bundesregierung wurden die Daten von rund 42.000 stationären Patienten ausgewertet. Das Ergebnis: Rund 1600 - also rund 3,8 Prozent - von ihnen erlitten während des Klinikaufenthaltes eine Infektion.  Hochgerechnet auf alle rund 18.000.000 stationären Patienten in deutschen Kliniken pro Jahr wären das gut 700.000 Menschen. Im Jahr 2008 errechnete das Robert-Koch-Institut, dass in den Kliniken der Bundesrepublik insgesamt 225.000 Wundinfektionen auftraten. Im gleichen Zeitraum erkrankten in den Kliniken 126.000 Menschen an einer Infektion der Harnwege, weil ihnen dort ein Blasenkatheter gelegt wurde.

Allianz-Report

Nach Angaben des 2007 veröffentlichten Allianz-Report "Krank im Krankenhaus" leiden rund 15 Prozent der ohnehin schon sehr geschwächten Patienten auf Intensivstationen unter Infektionen mit Klinikkeimen wie Wund-, Harnwegsinfektionen, Lungenentzündungen oder Blutvergiftungen. 3500 Menschen – andere Schätzungen sprechen von bis zu 20 000 – sterben sogar daran.

Antibiotikaunempfindliche Keime

Eine wachsende Gefahr geht von den sogenannten multiresistenten Erregern aus. Diese Keime sind gegen eine Vielzahl von Antibiotika unempfindlich und deshalb nur schwer zu behandeln. Der gefährlichste darunter ist die multiresistente Unterform des weitverbreiteten Staphylococcus aureus (MRSA). Laut dem Robert-Koch-Institut waren 1976 gerade mal zwei Prozent der Staphylococcus aureus gegen Antibiotika resistent. Dieser Anteil stieg bis 2005 auf 21 Prozent. 20 bis 40 Prozent der Bevölkerung tragen den Staphylococcus aureus in sich, ohne krank zu werden. Meist siedeln diese Bakterien in der Nasenhöhle oder im Rachenraum, darunter auch ihre antibiotikaunempfindlichen Unterarten. Treffen diese auf einen durch Krankheit geschwächten Menschen, können sie unterschiedlichen Leiden auslösen: eine Lungenentzündung etwa oder eine Blutvergiftung, sie können die Harnwege befallen oder – und das geschieht am häufigsten – Operationswunden infizieren. Das bedeutet Schmerzen, vor allem aber eine unter Umständen um Tage oder sogar Wochen verzögerte Heilung. Die auch "Superbakterien" genannten Erreger können sogar lebensgefährlich sein. Im Jahr 2008 erlitten 132 000 Menschen in den Kliniken eine MRSA-Infektion.

Händedesinfektion

Bis zu einem Drittel der Klinikinfektionen wäre durch Vorsorge zu vermeiden, heißt es im Report "Krank im Krankenhaus". Dazu zählt etwa, dass sich das Personal regelmäßig die Hände desinfiziert, bevor ein Patient berührt wird, und besondere Überwachungsmaßnahmen für Kranke, die MRSA in sich tragen. 800 Menschenleben ließen sich so pro Jahr retten.

Hauptamtliche Hygieniker

Laut der Gesellschaft für Krankenhaushygiene gibt es zu wenige Klinikhygieniker. Nur knapp zehn Prozent aller deutschen Krankenhäuser verfügen über Fachärzte für Hygiene, also rund 200. Dabei fordere das Robert-Koch-Institut für Akutkrankenhäuser ab 450 Betten einen hauptamtlichen Krankenhaushygieniker – und das betrifft in Deutschland rund 400 Kliniken. Laut dem Berliner Infektionsschutzgesetz müssen spätestens ab 2016 alle Kliniken mit mehr als 400 Betten einen hauptamtlichen Facharzt für Hygiene beschäftigen.



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