Klinikhygiene: Krank werden im Krankenhaus?

Wer sich im Krankenhaus mit einer Lungenentzündung oder einem Darmkeim ansteckt, der muss wesentlich länger bleiben. In Kliniken arbeiten Hygieniker, um zu verhindern, dass sich die gefährlichen Erreger verbreiten. Doch ihr Kampf wird immer schwieriger – auch weil immer mehr Erreger unempfindlich gegen Antibiotika werden.

Sommer 2010: Ein tödliches Drama löst eine bundesweite Debatte um die Hygiene in den deutschen Krankenhäusern aus. Im Mainzer Universitätsklinikum sterben drei Säuglinge auf der Intensivstation, nachdem sie verkeimte Infusionslösungen erhalten hatten. Auch wenn sich später herausstellte, dass eine beschädigte Transportflasche die Ursache für die Verkeimung war, brach plötzlich eine heftige Debatte los über das Risiko, im Krankenhaus krank zu werden.

Bundesweit infizieren sich zwischen 500.000 und eine Million Menschen im Krankenhaus - von anderen Krankheiten geschwächt überleben viele Patienten die Infektion nicht

Dieses Risiko ist durchaus real – und so häufig, dass Mediziner dafür auch einen speziellen Fachbegriff haben: nosokomiale Infektion. Experten schätzen, dass sich zwischen drei und sechs Prozent aller Patienten im Krankenhaus mit Erregern infizieren – das sind bundesweit zwischen 500.000 und eine Million Menschen. In Berlin wären das statistisch zwischen 20.000 und 40.000 Patienten. Und viele von ihnen – die ja meist schon durch ein anderes Leiden geschwächt sind – überleben diese Infektion nicht. Ein Problem, das den Fachleuten durchaus bewusst ist: Jedes Jahr im Oktober gibt es deshalb den Aktionstag Saubere Hände An diesem Tag erfahren Klinikmanager, Politiker, Ärzte, Schwestern und Pfleger, was porentief rein bedeutet. Die Weltgesundheitsorganisation hat den Aktionstag ausgerufen. Und will damit auf ein Problem hinweisen, dass in den Krankenhäusern weltweit zu einem immer größeren Risikofaktor wird: Gefährliche Mikroben, die auf Klinikfluren, Instrumenten und eben auf den Händen von Ärzten und Pflegepersonal zu einer tödlichen Gefahr für die Patienten werden. Und wie man sie bekämpfen kann, am wirkungsvollsten mit regelmäßig desinfizierten Händen nämlich. Ein richtiges Event ist das in manchen Häusern. UV-Lampen machten dort die Kolonien der Erregern auf der Haut von Besuchern und Personal sichtbar – für einige ein Schockeffekt, und für die meisten am nächsten Tag vergessen. Die Botschaft muss deshalb ständig wiederholt werden. Es geht um das Einstudieren von Automatismen. Hände desinfizieren! Vor jedem Patientenkontakt. Ein Spender für Desinfektionsmittel sollte in einem Krankenhaus immer in unmittelbarer Nähe zu finden sein, sagen Hygienefachleute wie Klaus-Dieter Zastrow, Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene "Ein Spender kostet 20 oder 30 Euro. So was massenhaft zu kaufen, das macht Sinn." Und sie an den richtigen Stellen aufzuhängen. Oft sind die Spender über dem Waschbecken in den Patientenbädern befestigt. "Doch da nützen sie wenig, weil man schnell vergisst, sie zu benutzen", sagt Zastrow. Neben das Bett, da gehörten die Dinger hin.

Hygieniker galten früher als Störfaktor im Klinikbetrieb

Klaus-Dieter Zastrow ist auch der oberste Hygieniker des landeseigenen Klinikkonzerns Vivantes. Leute wie er galten zu früheren Zeiten als Störfaktor im Klinikbetrieb. So mancher Chefarzt brummte: "Ich bin Chirurg, ich muss operieren können. Hygiene interessiert mich nicht." Und die Ökonomen ließen ihre vermeintlichen Saubermänner wissen: "Hygiene – kostet bloß Geld und bringt wenig Nutzen." Die Zeiten haben sich geändert. Zastrow, 58 Jahre alt, ein stämmiger Berliner mit grauem Haar und gutmütigem Gesicht, kann inzwischen ein demonstratives Selbstbewusstsein zeigen. Er und seine Mitarbeiter ersparen nicht nur manchem Kranken eine langwierige und schmerzhafte, mitunter tödliche Infektion, sie sparen auch Kosten. Seit wenigen Jahren gelten in Deutschland Fallpauschalen, das heißt, die Klinik bekommt eine feste Summe pro behandelter Krankheit – egal, wie viele Tage der Patient bleibt. Je länger er das Bett hütet, desto weniger verdient die Klinik an ihm. Studien haben gezeigt, dass Patienten, die sich eine Infektion der Operationswunde zuziehen, im Schnitt 7,3 Tage länger in der Klinik bleiben müssen. Wer sich im Krankenhaus mit einer Lungenentzündung ansteckt, muss sechs Tage länger bleiben. Die Autoren einer Studie im Vivantes Klinikum am Friedrichshain haben berechnet, dass die Behandlung eines Patienten, der sich im Krankenhaus mit einem "multiresistenten Erreger (MRSA)(MRSA)":/glossar/multiresistente-erreger-mrsa/ infiziert hat, im Schnitt 11.000 Euro kostet. Dem stand ein Erlös von den Krankenkassen von 3000 Euro gegenüber – ein reines Verlustgeschäft also. Die billigste Lösung ist: "Hören Sie auf Ihren Hygieniker." Die teuerste Konsequenz: ein Prozess. Denn Infektionen wegen mangelnder Hygiene im Krankenhaus gelten als Kunstfehler. Und Schadensersatz zahlen zu müssen, kann sehr teuer werden.

MRSA, der multiresistente Staphylococcus aureus, überlebt fast jedes Antibiotikum

Das macht den Job des Hygienikers leichter. Jetzt sagen selbst Chefärzte mal: "Zastrow, komm mal vorbei und guck nach, wieso unsere Patienten hier so oft eine Infektion haben." MRSA, der multiresistente Staphylococcus aureus, ist eine der widerwärtigsten Klinikmikroben überhaupt. Er überlebt fast jedes Antibiotikum. Die einzigen Gegenmaßnahmen sind Basishygiene und Kontaktisolation des Kranken. Dann hängen Ärzte Zettel an Zimmertüren mit vielen Ausrufezeichen – "Isolation!!! Kittel! Handschuhe! Händedesinfektion beim Verlassen!" – und stellen kleine Wägelchen davor mit Einmalhandschuhen, Kitteln und Desinfektionsmitteln. Gefährlich sind in Krankenhäusern aber auch die sogenannten Legionellen, die sich im Wasser vermehren und bei Menschen mit geschwächtem Immunsystem eine lebensgefährliche Lungenentzündung auslösen können. Spezialfilter unter dem Wasserhahn könnten helfen. Der Filter sieht aus wie eine umgedrehte blaue Plastiktasse. Zwei Wochen ist der Filter haltbar. Dann muss ein neuer her – Kosten: 20 Euro das Stück. Das kann sich ein Klinikum nicht für jeden von tausenden Hähnen leisten. Da kommen schnell Millionenkosten zusammen. Auf den ersten Blick erscheint Zastrows Kampf paradox. Krank werden im Krankenhaus? Doch dieses Schicksal trifft jährlich hunderttausende Menschen. Von den rund 18 Millionen Patienten, die 2009 in deutschen Krankenhäusern behandelt wurden, erlitten bis zu sechs Prozent eine nosokomiale Infektion, das ist der Fachbegriff für die Ansteckung mit Klinikkeimen. Das sind zum Beispiel Harnwegsinfektionen oder entzündete Operationswunden, Atemwegserkrankungen oder gar eine Sepsis, eine Blutvergiftung, die zu Nierenversagen und zum Tod führen kann.

Konsequente Vorsorge könnte die Infektionszahlen um 30 Prozent verringern

Die Erreger schleppen andere Kranke ins Haus, aber auch Besucher und das Personal. Denn was für sie ungefährliche Mikroorganismen sind, kann für einen immungeschwächten Klinikpatienten zur tödlichen Gefahr werden. Mit konsequenter Vorsorge ließen sich die Ansteckungszahlen um 30 Prozent verringern. "So ein Erfolg ist bei keiner anderen Infektionskrankheit zu erreichen", sagt Zastrow. Berlin ist im Kampf gegen Klinikinfektionen vergleichsweise gut aufgestellt. In der Hauptstadt gilt seit 2006 für alle Krankenhäuser eine Hygieneverordnung. Diese sieht unter anderem vor, dass große Kliniken einen eigens für Sauberkeit zuständigen Beauftragten anzustellen haben. Eine bundeseinheitliche Hygieneverordnung gibt es bislang nicht. Außer Berlin haben nur vier Bundesländer einen für alle ihre Krankenhäuser verbindlichen Standard eingeführt. Die Einhaltung der Berliner Verordnung rund um die 20 000 Klinikbetten in der Stadt überprüfen die Gesundheitsämter. Zwar gebe es in den 59 Berliner Krankenhäusern ebenfalls bakterielle Infektionen, die mit strengerer Hygiene bekämpft werden könnten. "Die Hälfte der Kliniken der Stadt verfügt aber über geschulte Hygienefachkräfte", sagt Klaus-Dieter Zastrow. Diese Fachkräfte sind oft examinierte Schwestern und Pfleger, die nach ihrer dreijährigen Lehrzeit eine einjährige Zusatzausbildung absolviert haben.

Hygiene braucht Personal - daran mangelt es meist

Die Berliner Patientenbeauftragte Karin Stötzner weist allerdings darauf hin, dass die Regeln zwar gut seien, aber durch den Kostendruck auf die Kliniken nicht immer ausreichend umgesetzt würden. Hygiene brauche Personal – und daran mangele es zuweilen. Die Überarbeitung von Schwestern könne ein Risiko sein, sagte auch Johanna Knüppel vom Berufsverband der Pflegekräfte DBfK. Es habe Fälle gegeben, bei denen sich Krankenpfleger um so viele Patienten kümmern mussten, dass etwa ein Blasenkatheter – ein Kunststoffschlauch zum Urinablassen – nach einer Operation erst viel später als möglich entfernt worden sei. Offene Körperzugänge bergen jedoch ein hohes Infektionsrisiko, ähnlich wie wunde Haut, die durch zu langes Liegen im Krankenbett entsteht – ebenfalls oft Folge von Personalmangel. In der Abteilung des Vivantes-Hygienikers Zastrow arbeiten 14 Leute: zwei Fachärztinnen für Hygiene, elf Fachschwestern und der Chef, der nur in besonderen Fällen direkt auf die Stationen geht. In den neun Vivantes-Kliniken haben sie gut zu tun. Regelmäßige Begehungen zum Beispiel. Zastrow legt eine Checkliste auf den Tisch, die die Hygieneschwestern abarbeiten: Sind die Händedesinfektionsspender aufgefüllt? Trägt das Personal die Schutzkleidung? Sind die Infektionserfassungsbogen ausgefüllt? Letzteres ist Zastrow besonders wichtig: "Jede Klinikinfektion muss dokumentiert werden – und der ausgefüllte Meldebogen geht per Fax an uns." Wenn solche Fälle irgendwo gehäuft auftreten, kommt Zastrow unangemeldet auf die Station und sucht nach Gründen. Könnte ja sein, dass ein Pfleger beim Verbandswechsel regelmäßig etwas falsch macht und so Patienten infiziert. Etwa, weil er sich nicht jedes Mal, bevor er einen Patienten berührt, die Hände desinfiziert. Die Hygienefachleute überwachen auch die Klimaanlagen in den Operationssälen. Die sind zwar wichtig, damit nicht etwa ein Schweißtropfen des Arztes, der sich gerade über den Patienten beugt, mit gefährlichen Erregern in die Wunde tropft. Andererseits muss die kühle Luft keimarm sein. Während der Prüfung sind die OP-Säle gesperrt, weiter operiert werden muss aber trotzdem. Also wird alles von langer Hand geplant. Keiner murrt deswegen. Und wenn doch, würde Zastrow wohl diesen Satz sagen: "Hygiene ist nun mal Teil des ärztlichen Handelns – ohne Wenn und Aber."



Artikelsuche ?

Tagesspiegel GESUND

Tagesspiegel Gesund 08 Tagesspiegel Gesund 09 Tagesspiegel Gesund 10

Fachkompetentes Praxiswissen informativ aufbereitet
Informationen zu Behandlungsmethoden und Gesundheitstrends aus Berlin und Umgebung
Von der Gesundheitsberater-Berlin-Redaktion

Aktuell am Kiosk oder direkt im
Tagesspiegel-Shop

Wir liefern Qualität

Erfahren Sie mehr darüber, wie unsere Texte entstehen, wie die Daten geprüft werden und wie sich das Portal finanziert.
Jetzt informieren.

Sie sind uns wichtig und wir freuen uns über Ihre Meinung zu unserem Portal. Welche Themen andere Leser interessierten lesen sie unter Leser fragen - die Redaktion antwortet