Vorsorge-Report: Oberflächliche Kontrolle

Ein Hautkrebsscreening kann Leben retten. Inzwischen bezahlen das auch die Krankenkassen. Wir haben einer Hautärztin über die Schulter geschaut, während sie einen Patienten unter die Lupe nahm.


Ein kleines bisschen nervös ist er schon, als er – nur noch in Unterhose – vor Hautärztin Jeanette Eicholtz sitzt. Arztbesuche gehören nicht gerade zu Bernd Hildebrandts Lieblingsbeschäftigungen. “Wie Männer eben so sind”, sagt er und zuckt verlegen mit den Schultern. Doch weil auch Männer, wenn sie ehrlich sind, ein wenig Angst um ihre Gesundheit haben, vereinbarte der 52-Jährige dennoch einen Termin für ein Hautkrebs-Screening in der Lichtenberger Praxis. Hildebrandt gehört zu einer Risikogruppe, denn auf seinem Körper verteilen sich, grob geschätzt, etwa 50 Leberflecken, große, kleine, runde und längliche. Sieben wurden ihm in den vergangenen Jahren bereits in ambulanten Operationen entfernt – weil der Verdacht auf Hautkrebs bestand. Bislang hat der sich zwar nie bestätigt, trotzdem geht Hildebrandt weiterhin regelmäßig zu Kontrollen. Seit dem 1. Juli 2008 werden die für Patienten ab 35 Jahren sogar von allen gesetzlichen Krankenkassen bezahlt, im Abstand von zwei Jahren.


Einfluss der Sonnenstrahlung noch immer unterschätzt

Jeanette Eicholtz nimmt sich für das “Screening”, das systematische Absuchen vom Körper ihres Patienten, ausreichend Zeit. Etwa 15 bis 20 Minuten dauert die gründliche Untersuchung, vom Kopf bis zu den Zehen. Vorsichtig wuschelt die große blonde Ärztin durch Hildebrandts dunkelbraune Haare, sucht auf der Kopfhaut und den Ohrmuscheln nach den dunklen Pigmentflecken. Zwei Fragen schickt sie ihrer Untersuchung stets voraus: Hatte in ihrer Familie jemand Hautkrebs? Hildebrandt verneint. Und: Hatten Sie in ihrem Leben starke Sonnenbrände? Ja, die hatte er, als Kind. Der Einfluss des Sonnenlichts auf die Entstehung von Hautkrebs werde noch immer unterschätzt, sagt Eicholtz. Selbst ein Sonnenbrand aus der Kindheit könne später Krebs auslösen. Zudem sei etwa das Risiko für den sogenannten hellen Hautkrebs an den Händen und im Gesicht groß, weil diese Körperteile häufiger als andere der Sonneneinstrahlung ausgesetzt seien.


Entwicklung der Leberflecke wird sorgsam dokumentiert

Bei Bernd Hildebrandt verteilen sich die dunklen Flecken allerdings eher auf dem Oberkörper und an den Oberarmen und Beinen. Dennoch checkt die Ärztin auch die Mundhöhle – sogar dort können Leberflecken sitzen. Wer eine Zahnprothese trägt, muss die dafür herausnehmen. Bernd Hildebrandt steht auf. Nun sind Rücken und Brust dran. Vorsichtig fährt Jeanette Eicholtz mit ihren Fingern über die Haut, fühlt, ob Leberflecken unregelmäßig sind, zieht Hautfalten auseinander, betrachtet die Haut unter dem Uhrarmband. Entdeckt sie ein dunkel verfärbtes Muttermal, dann zückt sie ein Dermatoskop, eine Art beleuchtete Lupe, durch die sie Pigmentierung und Ränder des Flecks deutlicher erkennen kann. Wer möchte, kann sich in ihrer Praxis auch einen Katalog der eigenen Leberflecken anlegen lassen. Dabei wird jedes Muttermal fotografiert und im Computer gespeichert. Die Entwicklung der Flecken lässt sich so über Jahre hinweg zuverlässig verfolgen, bösartige Veränderungen entsprechend schnell entdecken.

Nach der Kontrolle von Brust, Bauch und Rücken sucht Eicholtz die Ober- und Unterschenkel ab. Und – auch das muss sein – den Genitalbereich. “Denn”, so sagt sie, “Muttermale gibt es auch dort”” Inzwischen hat sich ihr Patient im wohlbeheizten Behandlungszimmer hingelegt. Da, auf dem rechten Oberschenkel, etwa zwei Handbreit unter der Hüfte: ein auffälliger dunkler Fleck mit schwarzer Umrandung. Er ist klein, nicht gleichmäßig rund und seine Oberfläche ist ein bisschen uneben. Bernd Hildebrandt sollte ihn im Auge behalten, gerade wegen der Umrandung. “Wenn es Krebs ist, dann breitet sich der Fleck nach außen hin aus”, erklärt die Ärztin. Zuletzt heißt es für Hildebrandt noch – Socken ausziehen. Denn Leberflecken verstecken sich auch zwischen den Zehen und sogar auf den Fußsohlen.


Männer gehen zu spät zum Arzt

Bei ihren Untersuchungen versuche sie stets, Patienten auch zur Selbstkontrolle zu Hause zu bewegen, erklärt Jeanette Eicholtz. Wer einen verdächtigen Fleck entdecke, solle lieber einmal umsonst zum Arzt gehen, sagt sie. Bernd Hildebrandt verlässt sich da vor allem auf die wachen Augen seiner Frau. Die schickte ihn auch 1997 zum Arzt, wo er sich damals den ersten Leberfleck entfernen ließ. Zu seinem Glück. “Die Statistik belegt, dass Männer ein Stadium später zum Arzt gehen”, sagt Jeanette Eicholtz. Dabei müsse heute niemand mehr an Hautkrebs sterben – zumal es die Möglichkeit des Screenings gibt. “Es tut nicht weh, mal schnell vorbeizukommen und sich auszuziehen.”




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