Therapie-Report: Zeit der Ernüchterung

Von Drogen ist man nicht nur körperlich abhängig – Sucht ist auch eine psychische ­Erkrankung. Deshalb werden Betroffene häufig in der Psychiatrie behandelt


Unruhig wandert Rolf Schmidts?* Blick durch das Krankenhaus­zimmer. Mit seinen graublauen Augen tastet er die kahlen Wände ab. Seine zittrigen Hände umklammern eine Wasserflasche, als gäbe sie ihm Halt. Das orangefarbene Unterhemd lässt sein schmales Gesicht noch fahler aussehen. Er gibt sich Mühe, seine Gedanken zu ordnen, doch die Worte ­bleiben ihm im Hals stecken.


Seit einem Tag ist Rolf Schmidt auf Entzug. Desorientierung, Schwindel, Schweißausbrüche – die Symptome kennt er gut. Es ist sein zehnter Versuch, vom Alkohol loszukommen. Diesmal kam er “mit Mutti an der Hand”. Alleine hätte er es nicht geschafft. Schon länger als 20 Jahre bestimmt die Trinkerei sein Leben. Irgendwann hat für den täglichen Rausch nicht einmal mehr eine Flasche Wodka gereicht. Der Körper ist ramponiert, der Geist ist es auch. “Ich will das Zeug nicht mehr sehen”, sagt der 44-Jährige. Deswegen ist er hier im Vivantes Klinikum Hellersdorf.


Geregelter Klinikalltag

Nachmittags ist es ruhig auf der Station. Der Flur ist leer, alle Türen sind geschlossen. Die Patienten haben sich auf ihre Zimmer zurückgezogen. Von seinem Fenster im sechsten Stock des 70er-Jahre-Plattenbaus überblickt Rolf Schmidt den weitläufigen Park. Morgen will er rausgehen, ein wenig frische Luft schnappen. Sonst läuft er nur den Krankenhausflur auf und ab. Die ersten zwei Tage soll er die Station nämlich nicht verlassen. Er respektiert diese Regel: “Ich will einfach nur trocken wieder rauskommen.” Morgens um sieben wird geweckt, um 22 Uhr ist Nachtruhe. Dazwischen ein bisschen Frühsport, Tischtennis, Fernsehen, Gesprächstherapie, Tonwerkstatt, Abendbrot – und immer ­wieder eine ­Zigarette im Raucherraum. Die will er sich noch nicht ­abgewöhnen.


Eine psychische Krankheit – mit körperlicher Abhängigkeit

Die Sucht ist eine chronische Krankheit – Alkoholiker bleibt man sein ­Leben lang. “Von Heilung im klassischen Sinne kann bei Suchtkrankheiten nicht die Rede sein”, sagt Tilman Wetterling, Chefarzt der Psychiatrie im Klinikum Hellersdorf. Der einzige Ausweg ist die Abstinenz, den Rest seines Lebens nüchtern bleiben. Kompromisse, etwa ein kontrolliertes, maßvolles Trinken, gibt es dabei nicht – und genau das ist für viele Alkoholkranke unvorstellbar: “Nicht trinken zu dürfen, ist wie eine Strafe”, meint auch Rolf Schmidt.


Obwohl er körperlich abhängig ist, ist die Sucht in erster Linie eine psychische Erkrankung. Deshalb wird sie so häufig in der Psychiatrie behandelt, sagt Wetterling. Viele Patienten leiden zusätzlich noch unter Depressionen, einer Angst oder Persönlichkeitsstörung.


Und meist sind es genau diese Probleme, die sie im Rausch vergessen möchten. Der Stoff hat eine klare Funktion: “Der Süchtige kann ein paar Stunden dichtmachen und seine Sorgen vergessen”, sagt Wetterling. Der Weg zur Entzugsstation ist für viele Alkoholkranke der erste Schritt aus dem Teufelskreis der Sucht. Der nächste heißt durchhalten: Gliederschmerzen, Zittern und Durchfall, schlaflose Nächte bis hin zu Halluzinationen und Delirium. “Ohne Medikamente würde ich das nicht aushalten”, sagt Rolf Schmidt und schüttelt den Kopf.


Entscheidender Ergolgsfaktor: Soziale Kontakte

Sieben bis zehn Tage dauert der Entzug – ein zu kurzer Zeitraum, um die psychischen Begleiterkrankungen zu therapieren. Neben der ­körperlichen Entgiftung geht es deswegen in erster Linie darum, die Alkoholkranken während ihres Aufenthaltes mit möglichst vielen Selbsthilfegruppen und Beratungsstellen bekannt zu machen – oder sie für die Entwöhnung zu gewinnen.


In den Einzel- und Gruppentherapien werden sie immer wieder motiviert, ihr Leben zu ändern. Jeden Abend stellt sich eine Gruppe auf der Station vor, lädt die Patienten zu Kaffee, Kuchen und einem Gespräch ein. Denn bei Suchtkranken ist vor allem der persönliche Kontakt entscheidend dafür, ob sich jemand nach dem Entzug Hilfe holt oder nicht.


Bislang hatte Rolf Schmidt nach ­jedem Entzug das Gefühl, auf Hilfe von außen verzichten zu können. Mit Psychologen steht er auf Kriegsfuß, auf Selbsthilfegruppen hatte er keine Lust. “Aber früher oder später kommt die Einsicht, dass es so nicht weitergehen kann”, sagt er mit Nachdruck. Und diese Einsicht ist die halbe ­Miete: Diesmal hat sich Rolf Schmidt zu ­einer Entwöhnungstherapie ­durchgerungen.


Denn erst wenn das Gift den Körper verlassen hat, beginnt die eigentliche Arbeit, um endgültig vom Alkohol wegzukommen. Viele schaffen sie nicht. Die Hälfte der Patienten wird innerhalb von fünf Jahren rückfällig, sagt Chefarzt Wetterling. Die besten Chancen, abstinent zu bleiben, haben Alkoholabhängige mit einem funktionierenden sozialen Umfeld: ein Job, die Familie, die sie unterstützt. Ohne ­dieses Netz sind die Aussichten düsterer.


Heroin – Abhängigkeit mit oft tödlichen Folgen

“Es spielt sowohl die genetische, soziale als auch die ­biografisch-spirituelle Dimension bei der Entwicklung einer Suchterkrankung eine Rolle. Wenn in allen Bereichen ­Belastungsfaktoren vorliegen, können die Menschen schneller abhängig werden als ­andere”, sagt Michaele Quetz, Suchtmedizinerin der Drogenentgiftung im Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe.


Aber auch hier, 30 Kilometer westlich von Hellersdorf, zwischen gepflegtem Grün und Havel gelegen, kämpfen Menschen mit der Sucht. Wolfgang Weber war schon öfter hier. Sechs Mal, um genau zu sein. Der Heroinabhängige ist seit 27 Tagen wieder “auf Null” – clean. Über 30 Jahre hing der 47-jährige Berliner an der Nadel oder vielmehr an dem Ritual: den Löffel nehmen, den Stoff aufkochen. Während Cannabis und Kokain nachweislich zu Gehirnschäden und Psychosen führen können, ist Heroin – auch im Gegensatz zu Alkohol – keine organschädigende Substanz. Vielmehr sind es die Folgen der Abhängigkeit, an denen ­Heroinsüchtige zugrunde gehen: Thrombosen, Abszesse durch den Gebrauch schmutziger Nadeln, Aids – und Verwahrlosung.


Qualvolle Nächte, ablenkende Tage

“Denn irgendwann dreht sich alles nur noch darum, wie man den nächsten Schuss besorgt”, sagt Wolfgang Weber. Immer wieder hat er auf ­eigene Faust entzogen – kalt. Ohne Medikamente, ohne Ersatzstoffe. Auf Station 15 in Havelhöhe wird warm entzogen. “Die ersten vier Tage sind nämlich richtig übel”, sagt der hagere Mann mit den bunt tätowierten Armen. Nervenschmerz, Juckreiz, Erbrechen, Durchfall. Am qualvollsten sind die Nächte, wenn die Zeit stillsteht. Wer es im Zimmer nicht mehr aushält, geht nach unten in die Küche, kocht sich ­einen Tee oder schmiert sich ein Brot.


Tagsüber vergeht die Zeit ­schneller: Gruppengespräche, Therapiesitzungen, Wickel und Massagen gegen die Muskelschmerzen und Unruhe. Sonnabends wird gemeinsam gekocht. Hauptsache, die Patienten werden von ihrem Verlangen nach dem Stoff abgelenkt. Ein Raum ist für die Kunsttherapie reserviert. Papierschnipsel, Buntstifte, Pinsel und Farbkästen liegen auf den Tischen verstreut. Die meisten ­Bilder und Kollagen, die in diesem Raum entstehen, sind abstrakt, in ­Farbe und Form gepackte Aggression, Wut, aber auch Hoffnung. Hier wurden auch die Tierfratzen aus buntem ­Pappmaché gebastelt, die unten im Aufenthaltsraum hängen.


Harte Arbeit in schöner Umgebung

Draußen sitzen ein paar Patienten und Pfleger im Schatten der Birken und rauchen. Überhaupt sieht das Haus mit dem kleinen Garten nicht wie ­eine Klinik aus, eher wie eine Jugendherberge. Auch die Zimmer, in denen die gleichen Schränke, Nachttische und Betten aus hellem Kiefernholz stehen, wie man es aus sozialen ­Einrichtungen gewohnt ist.


Die Zimmer von Suchtpatienten sind schnell ramponiert. Aus Frust und Verzweiflung fliegt öfter mal eine Kaffeetasse gegen die Wand. Deswegen muss ständig gestrichen und renoviert werden. Die Leute hier brauchen eine schöne Umgebung, sagt eine der Schwestern. Um wieder das Gefühl zu kriegen, dass auch das Leben schön sein kann.


Trotzdem bleibt der Entzug harte Arbeit – ganz gleich, wie idyllisch die Umgebung ist. Und ebenso wie in Hellersdorf ist auch in Havelhöhe das Ziel, die Patienten von der Entwöhnung zu überzeugen. Denn es sind erschreckend wenige, die clean bleiben. Nur jeder Fünfte schafft laut Suchtmedizinerin Quetz den Ausstieg. Wolfgang Weber will unbedingt dazugehören. Vor wenigen Tagen hat er eine viermonatige Therapie begonnen. “Ich will raus aus dem Drogensumpf”, sagt er. “Endlich.”


*Alle Patientennamen geändert


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