Therapie-Report: Aufgefangen

Chronische Erkrankungen oder schwere Unfälle können alte Menschen schnell in die Pflegebedürftigkeit katapultieren. Die Geriatrische Reha soll das verhindern.


Radfahren und Turnen sind klasse. Denn das ist bei der Physiotherapeutin, bei der Steffi”, sagt Hans König, und ein seliges Lächeln zeichnet sich auf dem Gesicht des 89-Jährigen ab. “Die findet er gut”, flüstert die Stationsassistentin und kassiert dafür einen strafenden Blick, denn taub ist Hans König nicht.

Es ist früher Nachmittag. Chefärztin Elisabeth Steinhagen-Thiessen macht ihren Rundgang durch die Sationen des Evangelischen Geriatriezentrums Berlin (EGZB)-geriatrie-zentrum-berlin-ggmbh . Sie kennt Hans König, seit er auf den Tag genau sechs Jahre zuvor zum ersten Mal hier war. Damals hatte er eine Operation an Oberschenkel und Hüfte hinter sich. Nach wenigen Wochen in der Geriatrie konnte er zurück in seine Wohnung, in ein Heim für betreutes Wohnen. Jetzt ist er wieder da, sitzt in seinem Zimmer im dritten Stock, vor der großen Fensterfront färben sich die Blätter der Platanen. Zuletzt hatte es mit dem Laufen immer schlechter geklappt. Da war die Operation des Sarkoms, eines bösartigen Tumors, der bei Hans König in der Leistengegend immer wieder nachwächst. Und da ist außerdem sein Altersdiabetes. Und den Gehwagen kann er nicht benutzen, weil ihm dazu der linke Unterarm fehlt, der noch am Kriegsende amputiert werden musste.


Zurück ins betreute Wohnen oder ins Pflegeheim?

“Spazieren fahren ist nicht drin”, lacht Herr König. Einzige Möglichkeit ist die Krücke, doch um mit der zu gehen, braucht es Kraft. Und um die geht es in der geriatrischen Rehabilitation in jederlei Hinsicht. Auf einem Stundenplan neben dem Bett ist Herrn Königs Wochenprogramm eingetragen: Täglich muss er ran, von 9 bis 16 Uhr, mit einigen Pausen zwischendrin. Das Gedächtnis, die Muskulatur und vor allem das Laufen trainiert Hans König bei Gruppenspielen, an Trainingsgeräten und am Computer.

Nein, er findet es nicht schlecht, hier zu sein. Wenn das Lächeln jetzt aus seinem Blick verschwindet, liegt es daran, dass da noch die große Frage im Raum steht, wie es nach seiner Entlassung weitergeht: Zurück ins betreute Wohnen oder in ein Pflegeheim? “Darüber unterhalten wir uns später noch, mit ein bisschen mehr Zeit”, sagt die Klinikleiterin.


Ärztin: “Patienten das Maximum an Eigenständigkeit zurückzugeben”

Dann geht es zum nächsten Patienten. “Die meisten Menschen kommen aus der Klinik zu uns. Unser Ziel ist es, den Patienten das Maximum an Eigenständigkeit zurückzugeben”, sagt Elisabeth Steinhagen-Thiessen, ärztliche Direktorin des EGZB, des größten Zentrums für Altersmedizin in Berlin. Zielstrebig bahnt sich die Ärztin mit den auffallend blauen Augen ihren Weg durch die Klinikflure. Sie hat viel Zeit und Herzblut in ihr Haus investiert und verbessert, wo es ging: 100 Prozent der Bäder sind heute behindertengerecht, in normalen Krankenhäusern sind 25 vorgeschrieben.

“Oft zeigen die einfachen Ideen große Wirkung”, sagt sie und meint zum Beispiel die Zimmerstühle, die abwaschbare Bezüge haben, die Betten, die sich durch zwei Motoren bequemer einstellen lassen und den Arzneimittelnachschub, der per Scancodes an den Schubladen übersichtlich organisiert ist. “Optimierung” nennt die Chefin das. Bei einer Bettenauslastung von etwa 95 Prozent geht es nicht ohne.


Fachüberfreifende Therapie

Wenn die Patienten auf eine der Stationen im EGZB kommen, geht es ihnen meist noch schlecht, viele leiden an mehr als nur einer Erkrankung. Ein spezialisierter Arzt allein wäre mit der Behandlung überfordert, zu viele medizinische und therapeutische Bereiche überschneiden sich. Das spiegeln die Stationsteams im Geriatriezentrum wider: Es gibt Ärzte, Sozialarbeiter, Ergo- und Physiotherapeuten, Neuropsychologen und Logopäden.

Jedes Stockwerk wird von einem Team betreut. “Akutmedizin und geriatrische Rehabilitation gehen Hand in Hand”, sagt Steinhagen-Thiessen. Und das bedeutet: An einem Tisch wird entschieden, welche Medikamente verabreicht werden müssen, ob zum Beispiel Wassergymnastik im Haus helfen kann und welche Handlungen der Patient wieder erlernen muss, um den Alltag zu bestreiten. Dieser Tisch wird einmal in der Woche im Trainingsraum aufgebaut – zur Teamsitzung. Sie ist das organisatorische Herzstück jeder Station.

Mehr als 15 Mitarbeiter aus allen Bereichen besprechen hier den Zustand jedes einzelnen Patienten und koordinieren die nächsten Schritte. Viel Zeit hat das junge Team dafür nicht, die Patienten müssen versorgt werden. “Die Arbeit hier erfordert viel Disziplin”, sagt Elisabeth Steinhagen-Thiessen, die auf einen Sprung zur Sitzung vorbeigekommen ist. Disziplin von den Patienten, die einen straffen Zeitplan haben. Aber besonders vom Personal, das die Patienten motivieren, ein perfektes Timing sicherstellen und trotzdem spontan reagieren muss, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert: “Wenn ein Therapeut sich die Grippe eingefangen hat, ist Improvisationstalent gefragt.”


Patientin: “Eine der Zahlen kommt zweimal vor, die muss ich finden.”

Als die Ärztin den Computerraum betritt, bemerkt Annemarie Horn sie gar nicht, so konzentriert ist die 80-Jährige auf den Bildschirm vor sich. Zehn große Zahlen sind darauf zu sehen. Eigentlich möchte sie sich jetzt nur ungern ablenken lassen, erklärt dann aber doch, was sie hier tut: “Eine der Zahlen kommt zweimal vor, die muss ich finden.” Und nach kurzer Pause fügt sie hinzu: “Ist aber kein Problem für mich.”

Vor drei Wochen war das anders. Die 80-Jährige hat einen Schlaganfall hinter sich, ein winziges Gerinnsel hatte sich in ihrem Blutkreislauf gebildet und irgendwann ein Gefäß im Gehirn verstopft. Da war sie zu Hause. Als sie kurz darauf gefunden wurde, hatte man sie zuerst in ein anderes Krankenhaus gebracht, und einige Tage später ins Evangelische Geriatriezentrum.


Memory und Zahlenspiele

Abhängig davon, wo sich das Gerinnsel im Gehirn festsetzt und wie viel Zeit vergeht, bis der Betroffene ärztliche Hilfe bekommt, kann ein Schlaganfall unterschiedliche Folgen haben: Lähmungen, Schluck und Sprachschwierigkeiten gehören zu den häufigsten.

Annemarie Horn hatte Glück im Unglück. Sie kann Arme und Beine bewegen. Aber ihre Sicht ist seit jenem Tag vor drei Wochen eingeschränkt. “Als würde man die Hände jeweils zur Hälfte über die Augen legen”, beschreibt der Neuropsychologe Guido Liebe diesen Gesichtsfeldausfall. Liebe bringt den Patienten die Computertechnik näher. Mit Memory und Zahlenspielen soll das Konzentrationsvermögen verbessert werden. Oft muss hier auch etwas neu erlernt werden, was zuvor selbstverständlich war.


Selbstvertrauen und Kräfte sammeln

Annemarie Horn soll Möglichkeiten finden, mit der eingeschränkten Sicht umzugehen und wieder ein Gefühl für Entfernungen zu entwickeln. “Nach einem Schlaganfall fühlen sich die Menschen oft, als seien sie zu nichts mehr zu gebrauchen. Da sind erst einmal Erfolgserlebnisse gefragt”, sagt Guido Liebe. Und die gab es für die Staakenerin in den vergangenen Wochen.

“Man darf nicht sagen, dass das alles nichts mehr wird”, sagt sie jetzt entschlossen. Es waren drei Wochen, in denen sie neues Selbstvertrauen und Kräfte gesammelt hat. Zu Hause, wo sie allein lebt, wird sie die brauchen. Doch ganz ohne Hilfe wird es dort nicht mehr gehen. Mit einem Sozialdienst, ihren Kindern und Enkeln wurde ein Zeitplan erarbeitet, der sicherstellt, dass Anneliese Horn nach der Entlassung genug Unterstützung bekommt.


Wenn zu viele Alltagskompetenzen verloren gehen

Auch darum kümmert sich das Team des Geriatriezentrums. Denn für Annemarie Horn steht fest: “In Staaken bin ich geboren, dort habe ich immer gewohnt und dort will ich nicht mehr weg.” Wie wichtig es für Menschen ist, nach einem Krankenhausaufenthalt in die eigenen vier Wände zurückkehren zu können, erfährt der Geriater Claus Köppel jeden Tag. Er ist Chefarzt der altersmedizinischen Abteilung im Vivantes Wenckebach-Klinikum. “Für die meisten ist der Umzug in ein Heim ein gewaltiger Einschnitt”, sagt Köppel.

Aber wenn zu viele Alltagskompetenzen verloren gehen – allein aufstehen, sich waschen, zur Toilette gehen, kaum mehr möglich sind –, dann ist die Selbstständigkeit dahin. “Hilfe zur Selbsthilfe” lautet deshalb die Devise im Wenkebach-Klinikum. Das bedeutet: “Alles was möglich ist, wird selber gemacht.” Durch “aktivierende Pflege” sollen die Fähigkeiten so weit wie möglich wiedergefunden werden. Das geht in kleinen Schritten. “Aber wenn Sie sehen, dass Sie einem Patienten dabei helfen konnten und er nicht in ein Pflegeheim muss – das sind die Erfolge in unserer Arbeit.”


Kurze Behandlungswege

Die Hälfte der Patienten in Claus Köppels geriatrischer Abteilung wird vom Rettungsdienst eingeliefert oder von Hausärzten überwiesen, die andere kommt aus dem zugehörigen Krankenhaus. Der Anschluss an die Klinik ist für den Geriater ein Riesenvorteil, denn die geriatrische Behandlung und Rehabilitation kann direkt nach der Operation beginnen. Außerdem sind die Wege zur diagnostischen Technik kurz: “Zum Röntgen müssen die Patienten nicht erst durch die ganze Stadt gekarrt werden.” Das spart Zeit und schont die Nerven, die in dieser Situation eh schon reichlich angespannt sind.

Plötzliches jähzorniges Verhalten oder tiefste Niedergeschlagenheit sind nur einige der möglichen Extreme auf der Gefühlsskala der Patienten. “Es ist wichtig, dass Ärzte und Pflegekräfte diese Psychodynamiken analysieren und verstehen können”, sagt Köppel. Im Wenckebach-Klinikum ist das Personal dafür geschult. Konflikte zwischen Patienten und ihren Angehörigen, meist Kindern und Enkeln, können so manchmal entschärft werden.


Patient: “Na dann los!”

Seine Anspannung kann auch Hans König im Evangelischen Geriatriezentrum nicht verbergen. Wie viel Eigenständigkeit ist für ihn noch drin als alleinstehender 89-Jähriger? Seine Ärztin würde ihn nur ungern nach Hause entlassen. Bei Ihrem Diabetes müssen Sie diszipliniert essen, habe sie gesagt. Hans König zuckt mit den Schultern: “Zu Hause hatte ich keinen Hunger.” Hier aber hat er regelmäßig gegessen, und das Laufen geht auch besser. “Jetzt geht’s in den Geräteraum”, sagt die junge Frau, die ins Zimmer gekommen ist. König atmet tief durch: “Na dann, los!” In kleinen Schritten.




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