Rettungsstellen: Wer will schon Warten

Wer in eine Rettungsstelle kommt, möchte nicht lange warten. Immerhin handelt es sich um einen Notfall. Klar, dass sich Patienten bei Wartezeiten von bis zu sechs Stunden verärgert zeigen – nicht immer zu Recht


Es ist 13 Uhr, Freitagmittag. Berlin ächzt unter den ersten schwülen Frühsommertagen. Mit Schweißperlen auf der Stirn steht Hilde Schmidt* im Untersuchungsraum der Rettungsstelle des Charité Campus Mitte. Sie ist 1 Meter 65 groß, trägt ihre blonden Haare streng zurückgebunden zu einem Zopf. Setzen möchte sie sich nicht. Denn in einem Tuch um den Bauch gewickelt trägt sie ihr schreiendes Neugeborenes. Von einem Fuß auf den anderen wippend versucht sie das kleine Kind zu beruhigen.


Christian ist Pfleger und sitzt auf einem kleinen Hocker vor einem Computer. Er führt heute die Ersteinschätzung in der Notaufnahme durch. Seit 2008 verwendet die Charité dazu das Manchester-Triage-System (MTS). “Triage” leitet sich von dem französischen Verb “trier” für sortieren ab. Triage-Systeme stammen ursprünglich aus der Katastrophenmedizin. Auch in der Notaufnahme geht es bei dieser ersten Untersuchung darum, abzuschätzen wie dringend ein Patient der ärztlichen Hilfe bedarf. Sind die Ressourcen – also Personal, Räume und Medikamente – begrenzt, werden akute Fälle bevorzugt. Doch an diesem Freitagmittag können die Ärzte in der Notaufnahme der Charité es ruhig angehen lassen – noch herrscht kein großer Andrang.


Hilde Schmidt ist den Tränen nahe. Ihre Ohrspeicheldrüsen sind entzündet. Sie kann nicht trinken oder essen, ohne Schmerzen zu erleiden. Denn jedes Mal wenn die verstopfte Drüse angeregt wird, Speichel abzusondern, dann drückt das Sekret, das nicht abfließen kann, auf den Nerv. “Ihrem Kind geht es aber gut?”, fragt Pfleger Christian. Die junge Mutter nickt nur.


Der größte Vorteil der Manchester-Triage sei, dass “kein Hautauschlag behandelt wird, während im Warteraum ein Patient mit Herzinfarkt stirbt”


Anhand eines Fragenkatalogs arbeitet sich der Pfleger durch die Krankengeschichte der Frau. “90 Sekunden müssen eigentlich dafür reichen”, sagt er. Doch nun eilt es nicht, die Notaufnahme ist nicht voll. “Wenn sie ihre Schmerzen auf einer Skala von eins bis zehn…” “Drei” fällt sie ihm ins Wort. “Vor der Geburt des Kindes wäre es bestimmt noch fünf gewesen”, scherzt Pfleger Christian. Mit Erfolg, beide lachen, die Stimmung entspannt sich. Er fragt noch nach Kreislaufbeschwerden, schätzt ihren Bewusstseinszustand und ihre Atmung ein, misst ihren Blutdruck und nimmt ihr eine Blutprobe ab. Immer wieder klickt sich Pfleger Christian durch eine Eingabemaske am PC, in der er alle Antworten und Vitalparameter notiert, um zu einer ersten Einschätzung zu kommen.


Je nachdem, wie dieser erste Befund ausfällt, werden die Betroffenen in fünf Kategorien eingeteilt: Farbcode “Rot” bedeutet unmittelbare Lebensgefahr – sie müssen unverzüglich behandelt werden. Diese Patienten gehen gar nicht durch die Triage – sie werden direkt vom Krankenwagen in den OP-Saal der Notaufnahme gebracht. Alle weiteren Fälle aber landen bei Pfleger Christian oder seinen Kollegen in der Triage. Stufe “Orange” heißt, dass der Patient “sehr dringend” der Versorgung bedarf, höchstens zehn Minuten soll er warten müssen. 30 Minuten sollten das maximal bei “Gelb” sein, über 90 Minuten bei “Grün”. Dann folgt die letzte Gruppe – Code “Blau” – mit 120 Minuten maximaler Wartezeit. Doch das sind nur Richtwerte. Bei einer vollen Notaufnahme kann die Wartezeit für sie länger werden, denn ihre Beschwerden sind “nicht dringend”. Sie hätten auch am nächsten Tag einfach zu ihrem Hausarzt gehen können.


Pfleger Christian sieht in dem Manchester-Triage-System große Vorteile: Der standardisierte Fragenkatalog leite verlässlich durch die Erstaufnahme-Prozedur, “nichts kann dabei vergessen werden, das ist Idiotensicher”. Aber auch zunächst nicht offensichtliche Krankheitsursachen werden durch das System erkannt. Vor der Einführung des Triage-Systems stand – und fiel – die Organisation in der Notaufnahme mit dem eigens für die schnelle Ersteinschätzung geschulten Personals. Die Manchester-Triage ermögliche nun auch weniger qualifiziertem Personal, eine sichere erste Diagnose zu stellen. Doch der größte Vorteil sei, dass “kein Hautauschlag behandelt wird, während im Warteraum ein Patient mit Herzinfarkt stirbt”.


Pfleger Christian ordnet die junge Mutter in die Kategorie “Grün” ein. In 90 Minuten sollte sich spätestens ein Mediziner um ihre entzündeten Ohrspeicheldrüsen kümmern. Doch Hilde Schmidt muss an diesem Mittag nicht lang warten, denn noch ist der OP-Saal der Rettungsstelle leer.


“Wir bitten von Anfragen zur Wartezeit abzusehen”


Zehn Stunden später, Freitagabend 23 Uhr. Zari Afarid* sitzt nun seit zweieinhalb Stunden in der Notaufnahme der Charité Mitte. An ihrer Ellenbeuge, unter dem hochgekrempelten Pullover, ist ein mit Pflastern fixierter Katheter zu sehen – er ist das einzige Anzeichen einer möglichen Erkrankung.


Bei der Triage wurde die im Iran geborene, schlanke Frau der Gruppe Blau zugeordnet – nichts dringendes, sie muss warten. Am Fenster der Rezeption klebt ein handbeschriebener Zettel: “Sehr geehrte Patienten bitte haben Sie Verständnis dafür, dass Schwerverletzte vorrangig behandelt werden. Wir bitten von Anfragen zur Wartezeit abzusehen.”

Zari Afarid hat schon einige Kranke gesehen, die später kamen und früher behandelt wurden. “Das dauert ewig”, klagt sie. “Hier bewegt sich doch nichts”, stimmt ihr Begleiter heftig nickend zu. Was die beiden nicht sehen, sind die akut Verletzten, die im Krankenwagen kommen – Herzinfarktpatienten, Verkehrsunfallopfer, Vergiftete. Sie werden an den Wartenden vorbeigeschleust, direkt in den OP-Saal. Während Zari wartet, flackert sechs Mal Blaulicht vor der Rettungsstelle. Sechs lebensbedrohliche Notfälle – um die sich zwei Internisten und ein Unfallchirurg kümmern, zusammen mit sechs Pflegekräften.


Zwei Stunden – länger sollte keiner der Patienten in der Notaufnahme warten. Doch Marko Böhm, leitender Oberarzt der Charité-Rettungsstelle in Mitte, weiß, dass es bei bis zu 200 Patienten pro Tag auch schnell zu Wartezeiten von fünf oder sechs Stunden kommen kann. “Wir können natürlich nicht für jeden erdenklichen Fall Personal vorhalten”, sagt der Rettungsmediziner. “Auch unsere Ressourcen sind begrenzt.” Ärzte und Pflegekräfte rund um die Uhr bereitzuhalten, kostet viel Geld, das verdient werden muss. Krankenhäuser finanzieren sich über die Behandlung stationärer Patienten. Da jedoch rund zwei Drittel der Patienten nach der ersten Behandlung durch die Notfallmediziner wieder nach Hause gehen, ist die Rettungsstelle in der Regel ein Verlustgeschäft. Rettungsstellen werden jedoch von vielen Medizinern zunehmend auch als Chance begriffen, dem Patienten gute Medizin vorzuführen, damit er beim nächsten Mal wieder kommt.


30 bis 50 Prozent der Patienten hätten auch zum Hausarzt gehen können


Schwer kalkulierbare Wartezeiten gehörten zu einer Notaufnahme einfach dazu. “Das ist keine Hausarztpraxis”, sagt Böhm. “Wir wissen nie, was gleich reinkommt. Bei Bagatellerkrankungen stellen wir die Patienten schon darauf ein, dass es etwas länger dauern könnte. Doch einige wollen nicht verstehen, dass Notfälle vorgehen.”


Verschärft wird die Situation durch die Patienten, die auch gut beim Hausarzt aufgehoben wären, doch wegen langfristiger Terminvergabe oder knapper Hausarztbudgets eine Rettungsstelle aufsuchen – ihr Anteil beträgt 30 Prozent oder auch mal 50 Prozent schätzen Rettungsstellenleiter.


Ein Grund hierfür sei auch, dass die Kassenärztliche Vereinigung (KV) aus Kostengründen ihre ambulanten Rettungsstellen außerhalb der Kliniken dichtgemacht hat und deren Patienten nun mitversorgt werden müssen.


“Der informierte Patient ist der zufriedene Patient” – doch gerade an Transparenz mangelt es oft


Vorläufige Ergebnisse der derzeit noch unveröffentlichten Studie Berlin und seine Notaufnahmen zeigen, dass lange Wartezeiten und Intransparenz in der Versorgung zwei der wesentlichen Kritikpunkte sind, die die wartenden Patienten an den Berliner Rettungsstellen am meisten nerven. Auch die Charité befragte neun Monate lang die Patienten ihrer Notaufnahmen und kommt zu dem Schluss, dass die Information über die Wartezeit die Patientenzufriedenheit erhöhe.


Doch Zari Afarid ärgert sich: “Keine Ahnung, wie lange ich hier warten muss, hier ist doch keiner, den man fragen kann”. Auf solches Unverständnis stößt Marko Böhm nicht selten. Wartezeiten seien in Rettungsstellen jedoch selten genau abzuschätzen, da die nicht akut bedrohten Patienten jederzeit in der “Warteliste” durch erneut eintreffende Notfälle nach hinten verschoben werden können. Manche Kliniken versuchen nun, diesem Problem mit mehr Technik zu Leibe zu rücken. So will die Potsdamer Klinik Ernst-von-Bergmann auf Displays den Patienten ihre verbleibende Wartezeit und die Anzahl der vor ihnen Wartenden anzeigen. Geplant ist, diese Neuerung Ende des Jahres 2011 nutzen zu können. Das Klinikum erhofft sich dadurch mehr Verständnis bei den wartenden Kranken.


Mehr Verständnis ist auch dringend nötig. Übereinstimmend mit Kollegen anderer Berliner Rettungsstellen berichtet auch Böhm über Gewalt in der Notaufnahme. Fast täglich gäbe es aggressive Patienten “die meinen, wegen eines Insektenstiches oder Schnupfens sofort behandelt werden zu müssen. Wir versuchen ihnen dann zu erklären, dass der Patient mit dem Herzinfarkt oder Schlaganfall vorgeht, dass unsere diagnostischen Mittel wie Computertomograph und Ultraschall begrenzt sind.” Ob sich diese Patienten wohl beruhigen lassen, wenn ihnen blinkende Tafeln anzeigen, dass sie noch drei Stunden warten müssen?


* Namen von der Redaktion geändert


In Notfällen muss es oft schnell gehen. Hier finden sie ein Liste der Berliner und am Klinikführer teilnehmenden Brandenburger Rettungsstellen



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