OP-Report: Wenn die Welt verblasst

Die auch unter dem Begriff Grauer Star bekannte Augenerkrankung Katarakt kann mit dem Einsatz einer künstlichen Linse behandelt werden

Graue Haare, graue Linse. Auf ­diese einfache Formel bringt Ulrich ­Dietze, Ärztlicher Direktor der Augenklinik Berlin-Marzahn, das, was ­Menschen im Alter erwartet. Fast ­jeder Mensch jenseits der 65 leide irgendwann an der Katarakt, einer altersbedingten Eintrübung der Augenlinse. Grauer Star sagt man auch dazu.

Die Krankheit ergreift schleichend Besitz vom Gesichtssinn. Im Frühstadium bemerken die Betroffenen oft, dass zunächst Farben und Kontraste verblassen. Manche reagieren auch zunehmend empfindlich auf Helligkeit. Später nehmen sie die Welt nur noch verschwommen wie durch ­Nebel oder eine Milchglasscheibe wahr. Die Therapie bedeutet in diesem Falle: Austausch der getrübten natürlichen Linse durch eine aus Kunststoff.

Immer öfter wird die neue Linse ambulant eingesetzt

In der Bundesrepublik werden Jahr für Jahr über eine halbe Million Augen so operiert. Und das immer öfter auch ambulant. Der Patient kommt kurz vor dem Eingriff in die Klinik, wird operiert und nach ein paar Stunden wieder nach Hause geschickt. Voraus gehen eine Untersuchung und das Aufklärungsgespräch. Dem folgt eine Nachuntersuchung wenige Tage nach der Operation. Auch in der Augenklinik Berlin erledigen die Mediziner immer mehr ambulante Eingriffe: Derzeit jährlich rund 1400 – gegenüber rund 1600, die mit einem Krankenhausaufenthalt von zwei bis vier Tagen verbunden sind. Denn ganz verzichtbar sind die stationären Kataraktoperationen nicht. Sehr alte oder an weiteren Erkrankungen leidende Menschen könne man aus ­medizinischen Gründen nicht sofort wieder nach Hause schicken, heißt es aus der Augenklinik. Deshalb akzeptierten die Krankenkassen die ­(teurere) stationäre Behandlung. Auch in der Schlosspark-Klinik in Charlottenburg wird neben den ambulanten Katarakt­operationen der Graue Star auch stationär behandelt.

Komplizierte Fälle werden unter Vollnarkose operiert

Dafür gebe es klar ­definierte Voraussetzungen, sagt Carl Erb, Chefarzt der Augenabteilung in der Schlosspark-Klinik schwere Neben­erkrankungen zum Beispiel. Und wenn jemand bereits ein Auge verloren ­habe, sei es erforderlich, das verbliebene ­wegen der Katarakt stationär zu operieren. "Das machen wir dann unter Vollnarkose, um das Verletzungsrisiko – zum Beispiel durch plötzliches Hochschrecken – zu minimieren." Normalerweise wird der Eingriff bei betäubtem Auge, aber vollem Bewusstsein des Patienten durchgeführt.

"Die natürliche Linse ist immer noch die bessere Linse"

Wie jede Operation birgt aber auch der Katarakteingriff Risiken. Deshalb sei es im Vorgespräch mit dem Patienten unbedingt notwendig, auf ­mögliche Komplikationen hinzuweisen, sagt Erb. Die möglichen Probleme reichen dabei von einer Infektion bis hin zu ­einer Netzhautablösung. Selbst Erblindungen sind möglich. Deshalb sollte ein Eingriff überhaupt nur dann durchgeführt werden, wenn es medizinisch unvermeidlich ist und/oder der Patient sich stark in seiner Sehqualität ­beeinträchtigt fühlt. "Die natürliche Linse ist immer noch die bessere ­Linse, selbst wenn sie sich etwas eingetrübt hat", meint auch Chefarzt Erb.

Und selbst das müsse kein unabwendbares Schicksal sein. Denn die Regel "Graue Haare, graue Linse" ­gelte nicht für alle, davon ist Erb überzeugt. Man könne der Katarakt vorbeugen. Nicht Rauchen zum Beispiel. ­"Studien belegen, dass das Rauchen einen sehr großen Einfluss auf die Entstehung des Grauen Stars hat." Auch ­Diabetiker trügen ein höheres Risiko, daran zu erkranken, vor allem wenn ihr Insulin­spiegel schlecht eingestellt sei. Ist der Alltag wegen der Sehbeeinträchtigungen nicht mehr zu bewältigen, dann hilft nur noch das Messer, um das ­Augenlicht zu bewahren oder wiederherzustellen.

Während der OP verhindern Drahtklammer und Augentropfen jedes Augenzucken

Rund die Hälfte der über 3000 ­Kataraktoperationen an der Augenklinik Marzahn macht Chefarzt Dietze selbst. Der 63-Jährige sitzt am ­Kopfende des Operationstisches, den Blick in ein ­Mikroskop gerichtet, unter dem er ­seine 78-jährige Patientin operiert. Das Gesicht und der Körper der Frau sind ­unter einem blauen Operationstuch verborgen. Nur das trüb gewordene Auge liegt in ­einem kreisrunden Ausschnitt frei – über ihm das Okular des Mikroskops. Spezielle Tropfen (manchmal auch eine Spritze) betäuben das Auge und machen es nahezu bewegungsunfähig. Der ­starre Blick ist wichtig für den Erfolg, denn das Operationsfeld ist nur ­wenige Quadratmillimeter groß. Jedes Zucken könnte da zum Problem für die nötige Genauigkeit des Eingriffs werden.

­Dietze setzt eine Drahtklammer in das Auge, die die ­Lider offen hält. Die Patientin spürt davon nichts. Auch nichts von dem winzigen Diamantmesser, das der Chirurg direkt an der erhöhten Stelle des Augapfels ansetzt, hinter der sich ­Pupille und Linse befinden. Das spitz zulaufende rasiermesserscharfe Instru­ment ist an der Basis nur 2,8 Millimeter breit. Der Arzt drückt die Messerspitze über der ­Pupille in die Hornhaut. Sie gibt nur zögerlich nach. Dann füllt er die Kammer darunter mit einer ­dickflüssigen Lösung.

Der durch den Einstich ­entstehende drei Millimeter lange Schnitt wird sich nach dem Eingriff ohne Naht wieder wasserdicht schließen. Der Weg in die Linsenkapsel, die sich hinter der ­Pupille befindet, ist nun frei. Dietze führt ein Häkchen in die Kapsel und löst die ­trübe Linse vom umliegenden Gewebe ab. Nun schwimmt die Linse frei in der Kapsel. Heraus bekommt sie der Chirurg durch den winzigen Einstich nicht. Dazu muss das gallertartige Scheibchen erst zertrümmert werden. Das ­geschieht mit einem Ultraschallkopf – ein winziges Stäbchen –, den Dietze in die Kapsel schiebt und der 80?000-mal pro Sekunde und deshalb unsichtbar schwingt. Der Schall verflüssigt die Linse, die sich nun über eine Kanüle absaugen lässt.
Der Weg hinein ist für die ­künstliche Austauschlinse nicht viel einfacher. Sie passt nur eng eingerollt in einem Röhrchen hindurch, der Fachmann sagt Kartusche. Diese schiebt Dietze in die leere Linsenkapsel, gibt dort die Kunststofflinse frei. Das Implantat entrollt sich fast von allein, der Chirurg muss nur ein klein wenig nachhelfen. Zwei winzige Bügel zentrieren die ­Linse vor der Pupille. Während ­Dietze routiniert und mit ruhiger Hand die Operation durchführt, erzählt er die Geschichte der Operation.

Augenverletzungen bei Militärpiloten führten zur Kunstlinse

Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg habe ein britischer Augenarzt die Möglichkeit zum Linsenaustausch durch Zufall entdeckt, erzählt er. Der Mann stellte fest, dass bei Militärpiloten, die zum Beispiel durch feindlichen Beschuss Plexiglassplitter der Flugzeugkanzel ins Auge bekommen hatten, diese eingewachsen waren. Also, schlussfolgerte der Mediziner, kann man auch gezielt künstliche Linsen in dieses so wichtige Sinnesorgan einpflanzen.

Für die Geschichtslektion bleibt ­allerdings nicht viel Zeit. Eine knappe Viertelstunde dauert der ganze Eingriff. Im Vorraum zum Operationssaal stehen bereits drei weitere ­Liegen, auf denen Patienten darauf warten, dass die örtliche Betäubung wirkt. Jeden Tag werden hier 13 bis 18 Kataraktpatienten durchgeschleust. Zudem ­werden noch jede Menge andere, kompliziertere und langwierigere Eingriffe am Sehorgan durchgeführt. Der Linsenaustausch bei einem Grauen Star ist keine große ­Herausforderung für den Spezialisten. Für die Patienten schon, schließlich geht es um ihr Augenlicht. So wie für Christel Schulze aus Köpenick. Eine ambulante Operation war bei der 73-Jährigen nicht möglich. Seit dem Schlaganfall, den sie vor ein paar Jahren erlitt, ist sie auf blutverdünnende Medikamente angewiesen, ein Risi­kofaktor. Dabei wirkt Christel Schulze gar nicht gebrechlich.

Verband schützt Patienten vor sich selbst

Im Gegenteil: Die stämmige Frau mit dem weißen Haar erzählt von ihrer Krankheit und lässt sich von Chefarzt Dietze dabei nur selten unterbrechen. Nein, Schmerzen habe sie keine, nur so ein komisches Gefühl, als ob ein Fremdkörper in ­ihrem Auge säße. Das kann durchaus zur Gefahr werden, auch wenn das eine ­völlig normale Folge der Operation ist. Aber unbewusst greifen sich manche Patienten ins Auge, reiben es vielleicht, und das kann so kurz nach der Operation zu einer Augeninfektion führen.

Deshalb muss auch Frau Schulze, wie alle anderen Kataraktpatienten auch, einen Verband tragen. Am ­ersten Tag danach muss der dicke weiße Watte­pad für 24 Stunden auf dem ­Auge bleiben, eine weitere Woche lang immer nachts. "Nach einem Vierteljahr ist die Wunde vollständig verheilt", sagt Chefarzt Dietze. Die Komplikationsrisiken schrecken Christel Schulze nicht. "Nicht hören können, das kann man ertragen", sagt sie. "Aber nicht sehen können, das ist schlimm." Es ist schon ihr zweites Auge, das operiert werden musste. Das erste wurde im März dieses Jahres von der trüben Linse befreit.

"Ich kann ohne Brille lesen", freut sie sich nun. 80 Prozent Sehkraft, und das mit 73! Vorher habe sie alles unklar, verschwommen gesehen mit der sich langsam eintrübenden Linse. "Ich habe jetzt sofort erkannt, dass Ihr Schnürsenkel offen ist", sagt sie nach einem kurzen Blick auf die Schuhe des Besuchers.



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