OP-Report: Wenn der Taktgeber Hilfe braucht

Die Patientin braucht einen Schrittmacher fürs Herz, das aus dem Rhythmus gekommen ist. Wir haben eine Operation am Herzen beobachtet.


Maria Schultes* Herz benötigt manchmal einen Schubs. Deshalb liegt sie an diesem Montagmorgen auf dem Operationstisch im Herzkatheterlabor des Universitätsklinikums Benjamin Franklin der Charité in Steglitz. Wer hier bei den Rhythmologen Sebastian Spencker und Dirk Müller landet, ist vorher meist mehrmals in Ohnmacht gefallen und hat ein Langzeit- Elektrokardiogramm , kurz EKG, hinter sich. Damit wurde die Herztätigkeit über 24 Stunden gemessen und aufgezeichnet. So finden die Ärzte heraus, ob der Patient einen Herzschrittmacher braucht.


Maria Schulte braucht einen. Sie leidet schon lange an zu hohem Blutdruck und wie die meisten Patienten von Spencke und Müller ist sie älter als 60 Jahre. Sie hat an diesem Morgen ein Beruhigungsmittel genommen und ist nicht richtig wach, hat aber auch keine Vollnarkose bekommen, sondern nur eine örtliche Betäubung an der rechten Schulter. Die minimiert die Risiken. Nur der etwa drei Zentimeter lange Schnitt – ein Stückchen unterhalb der Schulter und oberhalb der Brust – schmerze ein bisschen. Alles Weitere könnte man sogar ohne Betäubung machen, sagt Müller, als er das Skalpell ansetzt. “Im Herzen hat man keine Nerven und auch nicht in den Venen.” Müller redet beruhigend mit der Patientin: “Nicht erschrecken, jetzt könnte es ein bisschen brennen.”


Titan-Herzschrittmacher wird verkabelt

Der Schnitt sieht harmlos aus. Was danachkommt, weniger: Zwischen dem Großen Brustmuskel und dem Schultermuskel entfernt der Chirurg das Fettgewebe, um Platz für den flachen länglichen Herzschrittmacher aus Titan zu schaffen, der etwa so groß wie zwei nebeneinandergelegte Fünfmarkstücke ist: Drei mal zwei Zentimeter misst er, einen halben Zentimeter ist er hoch. Er wiegt etwa 50 Gramm.


Eingesetzt wird er jedoch erst am Ende der Operation. Zunächst muss Müller eine der daumendicken Venen finden, durch die er von der Schulter aus zwei Elektrodenkabel zum Herzen schieben kann. Eine davon liegt jedoch direkt auf der Lunge, sagt Spencker. “Benutzt man die, so bestehe die Gefahr, die Lunge zu verletzen.” In der Regel entschieden sie sich deshalb für die andere Vene.


Während des Eingriffs trägt Müller Bleischürze und -weste, wie alle im OP. Denn der Körper der Patientin wird während der Operation mit Röntgenstrahlen durchleuchtet. Das dadurch entstehende Bild ist auf einem großen Monitor über dem Operationstisch zu sehen. Indem er auf ein Pedal tritt, aktualisiert der Operateur das Bild. Er sieht darauf, wie sich zwei dünne Schlangen an der Wirbelsäule entlang nach unten schieben: Es sind die beiden Kabel, silikonummantelte Leiterdrähte, auch Sonden genannt. Am Ende der einen ist eine kleine Spirale, die in den Herzmuskel der rechten Vorkammer geschraubt wird. Die andere endet in einem winzigen Anker. “Der wird im dicken Muskel an der Spitze der rechten Herzkammer verhakt”, sagt Spencker.


Eine seltene aber gefürchtete Komplikation sei es, wenn bei der Arbeit ein Loch in die Herzwand gestoßen wird. Die Enden der Sonden bewegt er jetzt nur noch ganz wenig hin und her. Spencker hat oben an den Sonden zwei Messkabel befestigt, die an ein Gerät neben dem OP-Tisch angeschlossen sind. Damit wird der Stromverbrauch für den Schrittmacher gemessen. Die beiden Ärzte suchen die beste Position. Eine, in der das Gerät möglichst nur so viel Strom verbraucht, dass die Batterie mindestens sechs Jahre hält und gleichzeitig richtig eingestellt ist, um das Herz im Fall einer längeren Pause wieder anzuschubsen. Es dauert eine Weile, bis die beste Stelle gefunden ist. Doch schließlich ist alles richtig eingestellt. Müller verbindet die beiden Kabel mit dem Schrittmacher, schiebt ihn in die Tasche zwischen den Muskeln an der Schulter und vernäht die Wunde. “Das Ding sollte jetzt die nächsten 20 Jahre vernünftig funktionieren.” Nur die Batterien müssen ab und zu ausgetauscht werden. Dafür ist jedes Mal eine kleine OP nötig. Bei ein bis zwei Prozent der Patienten rutschten die Sonden allerdings auch heraus.


Setzt der Takt länger als dreieinhalb Sekunden aus, wird der Mensch bewusstlos

Maria Schultes Herz ist jetzt wieder einsatzfähig. Wieder im Takt. Sechzig Mal pro Minute zieht sich ein Herz zusammen. Wenn es gesund ist. Jeder Schlag entsteht durch einen Stromstoß, den es selbst produziert. Wenn alles so funktioniert, wie es soll, pocht ein Herz durch die Impulse regelmäßig wie ein Metronom. Manchmal aber geht so ein Metronom kaputt, besonders wenn es schon lange seinen Dienst tut – als Motor des menschlichen Körpers. Setzt der Takt länger als dreieinhalb Sekunden aus, wird das Gehirn nicht mehr ausreichend durchblutet, der Patient wird bewusstlos. Das nennt man Synkope. Manche Herzen werden auch einfach nur wesentlich langsamer, schlagen nur noch 30 oder 40 Mal pro Minute. Dadurch entsteht ein Schwindelgefühl und Luftnot, die Leistungsfähigkeit nimmt ab.


Der Sinusknoten gibt den Takt vor

Für die Herzschläge gibt es einen Dirigenten, der den Takt vorgibt: den Sinusknoten, der im rechten Vorhof sitzt. Der bekommt Befehle aus dem Gehirn und dem zentralen Nervensystem, er wird von Stresshormonen wie Adrenalin beeinflusst. Über bestimmte Leitungsbahnen – wie Kabel in einem Elektrogerät – wird der Befehl des Sinusknotens in alle Bereiche des Herzens weitergeleitet. Dadurch läuft die Muskelkontraktion der Herzkammern in einer bestimmten Reihenfolge ab. Wenn das Herz nicht mehr richtig schlägt, dann kann das daran liegen, dass der Taktgeber Pausen macht, wie Kardiologe Sebastian Spencker sagt. “Oder das Herz arbeitet nicht richtig, weil die Leitung auf die Hauptkammer defekt ist”, ergänzt Heiko Lehmann, leitender Oberarzt für Innere Medizin und Kardiologie an der Caritas Klinik Pankow Maria Heimsuchung.


Auch er implantiert Herzschrittmacher. In beiden Fällen liege es daran, dass Teile des Muskelgewebes des Herzens vernarbt sind, die eigentlich die elektrischen Impulse weiterleiten sollen, sagt Spencker. Die kleinen Narben, auch Fibrosen genannt, entstünden zum Beispiel durch permanenten hohen Blutdruck oder einen Herzinfarkt. “Häufig findet man aber keine Ursache für solche Herzrhythmusstörungen”, sagt Spencker.


Bei Wolfgang Fabel jedoch war der Grund realtiv eindeutig: Vor einem Jahr lag auch der heute 76-Jährige örtlich betäubt auf dem OP-Tisch im Herzkatheterlabor im Klinikum Benjamin Franklin. “Ich habe alles mitgekriegt und hatte es mir vorher wesentlich schlimmer vorgestellt”, sagt er. “Das war ja gar nichts.” Den Schrittmacher bekam er relativ kurz nachdem seine Herzprobleme begonnen hatten: “Ich dachte immer, ich hätte ein gesundes Herz. Aber eines Abends wurde mir ganz plötzlich so komisch zumute und auf der Brust tat es weh”, berichtet er. Sofort habe er zu seiner Frau gesagt: “Anspannen, ich muss ins Krankenhaus.” Dort stellte man fest, dass er kurz vor dem Herzinfarkt stand. Im Klinikum Benjamin Franklin bekam er zwei sogenannte Stents gesetzt: gitterförmige Gefäßstützen für die zu enge Kranzarterie.


Herzschrittmacher sichert Lebensqualität

“Damit war die Sache aber längst nicht erledigt”, sagt er. Nach der Operation begannen die Herzrhythmusstörungen. Immer wieder wurde ihm schwindlig. Also pflanzte man ihm den Schrittmacher ein. Drei Tage nach dem Eingriff konnte er nach Hause. Vom Leben mit dem Schrittmacher ist er begeistert: “Das war das Beste, was mir passieren konnte. Seit ich den habe, ist die ganze Sache behoben.” Alles sei sehr schnell und ohne Probleme verheilt. “Man muss wirklich keine Angst davor haben. Ich geh’ damit in die Sauna und mache alles wie vorher.” Sport mit dem Herzschrittmacher sei kein Problem, sagt auch Arzt Dirk Müller. “Solange es nicht gerade Vollkontaktkarate oder ähnlicher Firlefanz ist.” Und Volleyball sei auch nicht unbedingt “optimal”. Einer seiner Patienten habe dabei einmal die Sonden zwischen Schlüsselbein und Rippe zerdrückt. Ob Tauchen als Sportart für Schrittmacherträger infrage kommt, daran forscht Müller gerade. Generell gelte bei Sport: Solange die Pumpfunktion nicht eingeschränkt sei, könne ein strukturiertes Training das Allgemeinbefinden verbessern, gerade auch bei Patienten, die vorher keinen Sport gemacht haben.


Für Maria Schulte sollte Bewegung kein Problem sein, ihr Herz ist nicht abhängig vom Schrittmacher, braucht ihn nur zur Unterstützung. Deshalb hat sie einen mit einem sogenannten Zweikammersystem bekommen: Zwei Sonden führen zum Herzen. “Seit einigen Jahren ist man der Überzeugung, dass die nur dann arbeiten sollten, wenn sie auch wirklich gebraucht werden”, sagt Heiko Lehmann von der Caritas Klinik Pankow. “Durch bestimmte Rechentechniken ist es möglich, dass die Geräte erkennen, wann sie einsetzen müssen.”


Es gibt aber auch Schrittmacher mit drei Sonden – für Patienten mit einer besonders schweren Herzinsuffizienz. Oder solche Geräte, die gleichzeitig als Defibrilatoren dienen – diese können ein Herz mit einem Schock wiederbeleben, wenn es mit einem Kammerflimmern aussetzt, auch bekannt als “plötzlicher Herztod”. Der kleine Kasten in der Schulter holt den Patienten dann ins Leben zurück.


*Name geändert




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