OP-Report: Störfall in der Belüftungsanlage

Die Nasennebenhöhlen reinigen die Atemluft. Wenn sie sich entzünden und dadurch eine chronische Sinusitis entsteht, muss der Chirurg ran.


Erstaunlich, was so alles in eine ­Nase passt. Am Ende dieser Operation wird der Chirurg zwei etwa fünf ­Zentimeter lange, blaue Schwämme in den Nasenlöchern seines Patienten verstaut haben. Sie sollen dort aufquellen und Blutungen verhindern. Es folgen zwei ähnlich große ­transparente Silikonplatten mit aufgesetzten Plastikschläuchen, die die Atmung erleichtern, solange die Wunden heilen. Schließlich kommen noch zwei ­doppelt so große Tamponaden ­hinein, die Blut und Wundflüssigkeit ­aufsaugen. ­Unter den Nasenlöchern des Patienten wird eine Art Tropfenstopper baumeln, vergleichbar dem, den Oma immer an ­ihrer Teekanne hatte. Und trotzdem wird Kai Warnecke* ein paar Tage ­später sagen, er könne jetzt endlich leichter atmen.


Mögliche Ursache für die Beschwerden: Nasenpray

Der 24-jährige Berliner hat ­dunkle Augen, schwarzes Haar und dichte Bartstoppeln. Er studiert in München und will ­Fremdsprachenkorrespondent werden. Englisch und Russisch. Dazu braucht man Konzentration. Doch seit Jahren plagen ihn starke Atemprobleme: “Ich konnte kaum eine Nacht durchschlafen, hatte ständig Kopfschmerzen und war immer wieder erkältet.” Eine Laserbehandlung, zu der ihm sein Hals-Nasen-Ohren-Arzt geraten hatte, brachte keinen Erfolg. Ein Münchner Mediziner ordnete dann ­eine Untersuchung mit einem Computertomografen an. Auf den Schichtbildern, die von Warneckes Schädel entstanden, trat das Problem deutlich zutage: eine Krümmung der Nasenscheidewand und verstopfte Zugänge zur rechten Kieferhöhle.

Gut möglich, dass dabei auch das Verhalten des Patienten eine Rolle spielte. Denn ein Jahr lang linderte Kai ­Warnecke seine Atembeschwerden täglich mit ­einer Dosis Nasenspray, das die ­Schleimhäute abschwellen lässt. Die kurzfristige Erleichterung hat aber oft einen langfristigen Preis: Die Schleimhaut verändert sich, wird dicker. Das Problem beim Luftholen wird schlimmer statt besser.


Sinusitis: Eine Zivilisationskrankheit

Das komplizierte System aus größeren und kleineren Höhlen, die sich rings um die Nase im Schädelknochen anordnen, sei eigentlich eine ganz sinnvolle Anlage, sagt Oliver Kaschke, Chefarzt der HNO-Abteilung des St. Gertrauden-Krankenhauses in Wilmersdorf. Durch die verzweigte Struktur ist die Ober­fläche der Schleimhaut ­größer. “Die vorbeiströmende Atemluft kann so besser gereinigt, befeuchtet und erwärmt ­werden”, sagt Kaschke.

Trotzdem gewinnt man den Eindruck, als hätte die Evolution hier ­etwas geschludert, so krankheitsanfällig ist das feingliedrige System. Als Urmenschen kämen wir damit wohl prächtig zurecht. Doch die Zivilisation und die damit verbundene Umweltverschmutzung machen das System empfänglich für Störungen. Für eine Sinusitis zum Beispiel. So nennen Ärzte die Infek­tion der Nebenhöhlenschleimhaut. Diese schwillt an und sondert vermehrt Sekret ab. Die ­feinen Flimmerhärchen, die die gesunde dünne Schleimschicht in Bewegung ­halten, um Schmutz und Keime abzutransportieren, sind durch die schiere Masse überfordert. Das eitrige Sekret staut sich und bildet einen idealen Nährboden für Krankheitserreger. Und wenn dann auch noch die teils winzigen Höhlenöffnungen verstopfen, kommt der Abtransport ganz zum Erliegen. Der Betroffene entwickelt ein starkes Krankheitsgefühl, verbunden mit Druckschmerzen in der betroffenen Höhle. Eine unbehandelte Nasenneben­höhlenentzündung kann dramatische Folgen haben. Wenn der Druck zu groß wird, dringt der Eiter ins Gehirn oder nach außen durch. Die Nebenhöhlen werden regelrecht aufgesprengt.


Medikamentöse Behandlung mit Antibiotika

Doch so weit kommt es selten, denn lange vorher wird der Schmerz unerträglich. Zur Linderung setzt dann der Arzt zunächst auf abschwellende ­Nasensprays, um den Sekretabfluss zu verbessern, und auf Antibiotika zur ­Bekämpfung der Infektion. Und das, obwohl Bakterien – und nur die sprechen auf Antibiotika an – meist gar nicht die Ursache sind, sondern Viren oder auch physiologische Bedingungen wie Polypen, also Schleimhautaussackungen. “Die Patienten fordern trotzdem von ihrem Arzt die Antibiotika, weil sie glauben, das helfe besser”, sagt Kaschke.

Wenn die Symptome nach ­etwa zwölf Wochen noch immer nicht abklingen oder innerhalb eines Jahres immer wiederkehren, spricht der Mediziner von ­einer chronischen Sinusitis. Irgendwann ist dann die Operation die letzte Möglichkeit, das Problem auf Dauer zu lösen.


Operation mit Hammer und Meißel

So wie bei Kai Warnecke, der jetzt in Vollnarkose auf dem Operationstisch von Chefarzt Kaschke liegt. Für den Eingriff nutzt Kaschke ein Endoskop, ein stabförmiges Instrument, das eine Lampe und ein Kameraobjektiv trägt. Ein weiteres ist mit kleinen Scheren und Zangen ausgestattet. Das Ziel ist, die Nebenhöhlen besser zu belüften, um so neue Entzündungen künftig zu verhindern und die Atmung zu erleichtern. Dazu muss ­Kaschke an dem Patienten die drei ­wichtigsten Naseneingriffe ausführen: die ­schiefe Scheidewand begradigen, die Nasen­muscheln verkleinern und schließlich den Zugang zu den Nebenhöhlen vergrößern. Der Arzt spricht von “fenstern”.

Zunächst schiebt der Chirurg das Kamera-Endoskop ins ­linke Nasenloch. Durch die starke Lampe an der Spitze des Stiels leuchtet das Gesicht des Patienten von innen in intensivem Orange-Rot auf. Anschließend führt Kaschke die Kamera ins ­rechte Nasen­loch. Auf einem Bildschirm zeigt sich die in Richtung Stirn führende Nasenöffnung im Vergleich zur linken Seite deutlich kleiner. Die Scheidewand ist nach rechts geneigt, die Ursache der Atembeschwerden. Der Grund für die Schmerzen ist der verstopfte Zugang zur Kieferhöhle. Diese neigt dadurch immer wieder zu Entzündungen.


Zuerst korrigiert Kaschke mit einem auf den ersten Blick brutal wirkenden Manöver die Nasenscheidewand. Zunächst schabt er die Schleimhaut, in die er zuvor ein blutstillendes Mittel gespritzt hat, ab und legt so den vorderen Knorpel und den darunter liegenden Knochen frei, aus denen die Scheidewand besteht. Eine OP-Schwester schiebt einen langen, schmalen Meißel ins rechte Nasenloch, drückt dessen Schneide auf die Scheidewand. Mit sechs fein dosierten Hammerschlägen treibt Kaschke den Meißel in den Knochen und spaltet hauchdünne zum Teil weichlich-knorpelige Splitter ab. Diese werden später wieder angesetzt und die darüber liegende Schleimhaut mit einem selbst auflösenden Faden angenäht. Im Laufe des Heilungsprozesses wachsen darunter auch die Knorpel wieder an die Scheidewand.


Engstellen erweitern

Doch vorher muss Kaschke sie ­richten. Eine Schwester reinigt die Splitter von Geweberesten. Der Arzt legt sie nacheinander in einen kleinen Metallblock mit Deckel – Knorpelpresse genannt. Er drückt den Deckel kräftig auf den Knorpel und zwingt ihn in eine gerade Form. Anschließend verkleinert Kaschke die Nasenmuschel, die an der Scheidewand sitzt, um an dieser Engstelle den Durchstrom der Atemluft zu verbessern. Er trägt die Schwellkörper, die sich hier in der Schleimhaut befinden, ab. Eine ­andere Engstelle sind die Siebbeinhöhlen, die sich zwischen Nasenscheidewand und Auge befinden. Auf einem Schnittbild ähnelt das Siebbein mit seinen verzweigten Höhlen und filigranen Knochenbogen dem Mittelschiff einer ­gotischen Kathedrale. “Das Siebbein ist die Schlüsselstelle bei Belüftungsproblemen”, sagt Kaschke. Und deshalb setzt der HNO-Operateur auch ­genau hier an – und das je nach Befund zuweilen auch radikal. Sprich: Nach der Operation ist das fragile Gebilde mit den vielen ­kleinen Kammern, die durch hauchdünne ­Knochenblättchen getrennt sind, ausgeräumt.


Tatsächlich gehöre das Siebbein zu den Organen, dessen Verlust man relativ leicht verschmerzen könne, meint Kaschke. “Das Wichtigste, was der Operateur beachten muss, ist die ­stützende anatomische Struktur zu erhalten, ­damit die Biomechanik und damit die Belüftungswege trotzdem erhalten ­bleiben.”


Nasale Stimme, leichtere Atmung

Kaschke befindet sich mit seinen Instrumenten jetzt tief im Schädel ­seines Patienten. Er trägt mit einer winzigen Schneide ­Schleimhautzellen ab, um als Letztes den Zugang zur rechten Kieferhöhle zu fenstern. Auf dem Monitor wird die Schädelbasis sichtbar, ein weißlicher Knochen. Darüber befindet sich die Unterseite des Gehirns – ein gefährliches Areal für Fehler bei der Operation. Ein Abrutscher könnte fatale Folgen haben. Aber der 49-jährige Oliver Kaschke ist ­erfahren. ­”Eigentlich ist das ein Eingriff, der vom Aufwand her betrachtet auch ­ambulant erledigt werden könnte”, meint er. Könnte, aber selten wird. Denn bei diesem Eingriff ist die Gefahr von Nachblutungen sehr groß, so dass die operierten Patienten in der Regel vier Tage lang im Krankenhaus bleiben müssen.


So war es auch bei Kai Warnecke. Kurz nach der Operation kann er schon deutlich leichter atmen. Die Stimme des jungen Mannes klingt dabei aber immer noch etwas nasal. Keine Überraschung: Die Wunde ist mit Schorf überzogen, alles fühle sich geschwollen an. Aber Schwamm, Atemröhrchen und Tamponade sind raus. Schmerzen? Eigentlich nicht, meint Kai Warnecke. Er bekomme Schmerzmittel. Während er das sagt, atmet er tief durch die ­Nase. Und lächelt.


*Name geändert




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