OP-Report: Schockdiagnose Brustkrebs

Brustkrebs bedeutet Angst vor Amputation und Tod. Vorsorgeuntersuchungen sind hier wichtig, weil die Heilungschancen steigen


Klein, geradezu winzig. Doch die Verzweiflung, die er auslöst, ist gewaltig. Der Knoten in Maria Raspes* ­linker Brust hat ihr Leben schlagartig auf den Kopf gestellt. Seit ihrer Jugend tastet sie regelmäßig ihre Brust ab. Doch was sie an jenem Sommermorgen im vergangenen Juni spürte, fühlte sich anders an. “Ich habe gleich geahnt, dass da etwas nicht stimmt”, sagt die zierliche Frau, 51 Jahre, und zieht den ­rosa Bademantel enger. Als sei es plötzlich kälter geworden, hier auf ihrem Bett im St. Gertrauden-Krankenhaus.


Ihr Frauenarzt schickte sie sofort zur Mammografie , zum Röntgen der Brust. Die Woche bis zum Befund sei die Hölle gewesen – und dann die ­Diagnose: “Sie haben Brustkrebs .” Was der Arzt sonst noch zu ihr sagte, nahm sie nicht mehr wahr. “Für mich brach eine Welt zusammen”, sagt Maria ­Raspe. “Krebs – das bloße Wort ist so einschneidend.” Hunderttausend Fragen quälten die Frau mit den blonden, hochgesteckten Haaren und der randlosen Brille auf der ­schmalen Nase. Doch eine blieb: “War’s das jetzt?”


Zwischen 40 und 50 Jahren die häufigste Todesursache bei Frauen

Wie Maria Raspe ergeht es 60?000 Frauen, die jährlich in Deutschland an Brustkrebs erkranken. Allein in Berlin sind es etwa 2000, bei denen ein Karzinom entdeckt wird. Jedes Jahr sterben knapp 500 Berlinerinnen an den Folgen ihrer Brustkrebserkrankung – bei Frauen zwischen 40 und 50 Jahren die häufigste Todesursache.


Oft kann eine Amputation vermieden werden

Maria Raspes Tumor wurde früh genug erkannt. Mit einer rechtzeitigen Behandlung können die Geschwulst entfernt und zugleich die Lymphknoten untersucht werden – Mediziner nennen es das Wächterlymphknotenverfahren. Die Brust bleibt erhalten. Noch vor 20 Jahren wurde die Brust prinzipiell abgenommen, aus Sorge, der Krebs könne an der gleichen Stelle wieder auftreten. Heute sind solche Eingriffe weitaus seltener notwendig. Brusterhaltende Operationen sind üblich: In sieben von zehn Fällen kann eine Amputation vermieden werden. Allerdings müssen dafür bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein: “Der Tumor darf nicht den größten Teil der Brust befallen haben und es muss möglich sein, ihn komplett zu entfernen. Heute hängt es nicht mehr von der absoluten Größe des Tumors ab, ob eine brust­erhaltende Therapie möglich ist”, erklärt Jens-Uwe Blohmer, Chefarzt im Brustzentrum der Frauenklinik des St. Gertrauden-Krankenhauses.


Garantierte Behandlungsqualität durch Zertifizierungen

Es ist eines von sieben von der Deutschen Krebsgesellschaft zertifizierten Brustzentren in Berlin. Diese wurden in den letzten fünf Jahren mit dem Ziel gegründet, alle Fachrichtungen an ­einen Tisch zu holen: Onkologen, ­Radiologen, Chirurgen und Psychologen und eine messbare Behandlungsqualität zu garantieren. Vorteil: Die betroffenen Frauen erhalten die mit allen Ärzten abgestimmte Therapie und sie können sich vor der Behandlung anhand der Behandlungsergebnisse von der Qualität und Erfahrung des jeweiligen Brustzentrums überzeugen. “Ich habe mich auf den Eingriff gut vorbereitet gefühlt”, sagt Maria Raspe von ihrem Aufklärungsgespräch in der Wilmersdorfer Klinik.


Schwieriger Spagat zwischen Sicherheit und Ästhetik

Eine knappe Woche ist vergangen, seitdem sie narkotisiert auf dem OP-Tisch lag, zugedeckt, nur die linke Brust frei. Bereits am Tag vor der Operation hat Chefarzt Blohmer per Ultraschall die exakte Lage und Größe des Tumors überprüft. Auf der Haut der Patientin hat er mit einem schwarzen Filzstift die Stelle markiert, an der er entlang schneiden wird. Im OP-Saal trennt er nun mit einem Skalpell ein etwa sieben Zentimeter langes, ovales Stück Haut heraus. Gelbliches Fett kommt zum Vorschein, durchsetzt mit dem weißen Brustdrüsenkörper. Die Brust ist gut durchblutet. Mit kleinen Stromschlägen werden Blutungen gestoppt, das Gewebe durch den Strom quasi verschweißt. Darunter liegt glatt und rosig der Brustmuskel. Mit dem Finger tastet Blohmer das Gewebe ab, bis er den Knoten fühlt. Dann schneidet er mit einer ­Präzisionsschere ­einen Sicherheitssaum von rund einem Zentimeter um die Geschwulst herum.


“Das Schwierigste bei dieser Operation ist, auch bei einer kleineren Brust den Tumor komplett zu entfernen und dennoch die Brust und damit die Frau nicht zu entstellen”, sagt der Arzt und entfernt ein mandarinen­großes Stück Gewebe aus Maria ­Raspes Brust: Sie hat Körbchengröße B und verliert damit fast ein Drittel ihrer Brust. Ein Hohlraum entsteht, der aufgefüllt wird, indem Blohmer das umliegende Drüsengewebe innerhalb der Brust verschiebt.


Röntgenstrahlen zerstören restliche Krebszellen

Nachdem er die ­Wunde zugenäht hat, sieht die Brust fast so aus wie vor dem Eingriff. Wenn alles gut geht, wird nur eine Narbe Maria Raspe an diese OP erinnern. Doch sie ist nur ein Teil der Behandlung: Nach einer Operation muss die betroffene Brust schnell bestrahlt ­werden. Die harten Röntgenstrahlen zerstören die restlichen Krebszellen. Sieben Wochen dauert die Behandlung. Anders als Hormon – und Chemotherapien wirkt die Strahlenbehandlung nur örtlich – nicht im gesamten Körper. Das gesunde Gewebe bleibt verschont.


Immer seltener ist Brustkrebs ein Todesurteil: So steigt zwar die Zahl der Neuerkrankungen seit 1980 ­stetig, die Sterblichkeitsrate sinkt jedoch seit Mitte der 90er Jahre. Und obwohl Brustkrebs bei Frauen die häufigste Tumorart ist, ist dieses Karzinom laut Chefarzt Blohmer zugleich die mit den besten Heilungschancen.

Der Grund: Brustkrebs betrifft im Frühstadium zunächst kein lebensnotwendiges Organ. Unbehandelt sterben die Frauen später nicht an ihrem Krebs in der Brust, sondern an den Tochtergeschwulsten – Metastasen genannt – in Leber, Lunge, Knochen.


Ursachen noch weitgehend unklar

“Inzwischen wissen wir viel über die Behandlung von Brustkrebs, aber immer noch wenig über die Ursachen”, sagt Blohmer. Ein erhöhtes Risiko haben Frauen, deren nahe Verwandte, etwa Mutter oder Schwester, einen Tumor hatten. Experten zufolge betrifft die genetische Veranlagung nur fünf bis zehn Prozent der Frauen. Eine weitaus größere Rolle spielen Hormone, vor ­allem das weibliche Geschlechtshormon ­Östrogen, aber auch Körpergewicht und Ernährung. “Man sollte Übergewicht vermeiden und sich möglichst viel bewegen”, rät Blohmer.


Früherkennung steigert Heilungschancen

Doch Vorbeugen ist schwierig. Die beste Vorsorge bleibt die regelmäßige Krebsfrüherkennung beim Frauenarzt – und die Röntgenuntersuchung der Brust. Auf das kostenlose Mammografie-Screening haben Frauen zwischen 50 und 69 alle zwei Jahre Anspruch. Laut Studien soll auf diese Weise die Zahl der Brustkrebstodesfälle um 30 Prozent gesenkt werden. “Frauen, bei ­denen ein Tumor im Frühstadium ­entdeckt wird, haben eine mehr als 90-prozentige Überlebensrate”, sagt Martina Dombrowski, Chefärztin im Brustzentrum des Waldkrankenhauses Spandau. Doch bei einigen ­Frauen ist der Tumor so weit fortgeschritten, dass nur eine Option bleibt: Brustamputation. Die Mastektomie – so der Fachbegriff – ist gravierend. Die betroffenen Frauen befürchten, ihre Weiblichkeit zu verlieren. Der Blick in den Spiegel wird zur Qual.


Brustkrebs – eine Schockdiagnose

Für Linda Keller, ­alleinerziehende Mutter zweier Kinder, war die Nachricht niederschmetternd. “Brustkrebs – das kriegt jede andere, nur nicht man selbst”, sagt die 48-jährige Kreuzbergerin und zupft das schwarze Tuch zurecht, das ihren kahlen Kopf bedeckt. Ein halbes Jahr Chemotherapie liegt hinter ihr, erst jetzt wachsen langsam die Haare nach. Zur Vorsorge ging ­Linda Keller nicht, die Knoten in ihrer Brust wollte sie nicht wahrhaben. Nicht einmal, als eine klare, klebrige Flüssigkeit aus der Brustwarze lief. “Ich stand doch mitten im Leben?…” Den Satz bringt sie nur mühsam über die Lippen. “Wie konnte ich nur so leichtsinnig sein?” Über Jahre hinweg wuchsen die Tumor­zellen. Dank der Behandlung konnte der Tumor in ihrer linken Brust um die Hälfte geschrumpft werden. Er ist immer noch faustgroß. Die Brust muss abgenommen werden.


“Wir versuchen zu vermeiden, dass der Eingriff Narben am ­Dekolleté hinterlässt”, sagt Dom­browski, während sie frühmorgens im OP-Saal der Spandauer Klinik das Skalpell quer über die Brust ihrer Patientin führt. Mit einer Schere trennt sie das Fettgewebe von der Haut. Dann löst sie den weißlichen, festen Drüsenkörper von der darunter liegenden Brustwand. “Selbst große Krebsgeschwüre ­respektieren lange diese Grenze”, erklärt die Ärztin. Selten wird auch der Brustmuskel befallen.


Gute kosmetische Ergebnisse durch Brustrekonstruktionen

Nachdem Dombrowski die rund 700 Gramm ­schwere Masse entfernt hat, schneidet sie am äußeren Rand des Brustmuskels entlang, arbeitet sich behutsam durch ­Faser und Bindegewebe. So schafft sie einen etwa fünf Zentimeter langen Spalt ­zwischen Muskel und Rippen, in den sie ein zur Hälfte mit Kochsalz gefülltes Implantat wie ein Kissen hineinschleust. Anschließend werden Muskeltasche und Haut wieder zugenäht. Noch ist die operierte Brust kleiner als die gesunde. Doch im Laufe der nächsten Wochen wird das Implantat über ein Ventil nach und nach aufgefüllt. So haben Haut und Gewebe Zeit, sich zu dehnen. Nach etwa einem halben Jahr, wenn die Brust ihre neue Form angenommen hat, kann der “Platzhalter” durch ein Silikonimplantat ersetzt werden. Diese Form der Brustrekon­struktion verspricht gute kosmetische Ergebnisse, vor allem ist sie eine entscheidende psychologische Hilfe für viele der betroffenen Frauen.


Psychologen können im Kampf gegen die Verdrängung helfen

Auch Linda Keller soll daraus Kraft schöpfen. Ihr Leben können die ­Ärzte nicht mehr retten – sie können es lediglich verlängern, denn der Krebs hat bereits in die Knochen gestreut. Bei der Patientin ist dieser Schock noch nicht angekommen. Psychologen zufolge ist die Auseinandersetzung mit der Diagnose ein ständiger Kampf gegen die Verdrängung. “Ich bin ein starker Mensch”, sagt Keller. “Meine Kinder geben mir Kraft.” Gerade vor einer Stunde aus der Narkose erwacht, ist ihre Stimme voller Hoffnung. Verdrängen möchte Maria Raspe nicht mehr. “Krebs und Tod liegen für mich sehr eng beieinander”, sagt sie. Die Ängste und Belastungen der letzten Monate, die Untersuchungen, Gespräche und Befunde sitzen ihr noch in den Knochen.


Um den seelischen Druck besser zu ertragen, hat sie sich an einen der Psychologen im Brustzentrum gewendet. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, um ihr Leben noch einmal neu in Angriff zu nehmen. Dafür scheint Maria ­Raspe trotz aller Niedergeschlagenheit auch ein wenig dankbar zu sein. Sie rührt in ihrem Kaffee, hält einen kurzen Moment inne und sagt: “Es ist schon seltsam, dass wir Menschen dem Tod immer erst so nah kommen müssen, bevor wir unser Leben verändern.”


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