OP-Report: Schädeltrauma

Wenn Chirurgen das Hirn öffnen, um einen Tumor zu entfernen, können winzige Fehler fatal sein. Der Chefarzt Peter Vajkoczy gewährte uns einen Einblick in den diffizilen Eingriff an unserem Denkorgan.

Wenn Chirurgen das Hirn öffnen, um einen Tumor zu entfernen, können winzige Fehler fatal sein. Der Chefarzt Peter Vajkoczy gewährte uns einen Einblick in den diffizilen Eingriff an unserem Denkorgan.


Fünf Zentimeter tief hat sich Peter Vajkoczy bereits in das Gehirn von Horst Wiese* voroperiert. Nur noch Millimeter trennen ihn von dem Tumor im Schädel seines 61-jährigen Patienten. “Ein hinterhältiges System”, sagt Vajkoczy. Hinterhältig? In unmittelbarer Nähe der Geschwulst versteckt sich ein wichtiges Blutgefäß unter einer der großen Versorgungsadern. Vajkoczy schält sie gerade aus dem Hirngewebe heraus, um sie nicht zu verletzen. Hätte er dieses unscheinbare Gefäß dahinter übersehen und durchtrennt, wäre ein Hirnschlag die Folge, halbseitige Lähmungen oder der Verlust der Sprachfähigkeit. Doch Vajkoczy ist auf solche Hinterhältigkeiten vorbereitet. Der Direktor der Neurochirurgischen Klinik der Charité ist auf schwierige Operationen spezialisiert.


“Keine Legitimation für Überheblichkeit”

Vajkoczy ist schlank, hochgewachsen, 40 Jahre alt – sehr jung für einen Professor und Chefarzt. Mit seinen jungenhaften Gesichtszügen, den hellwachen blauen Augen und dem lockigen, halblangen Haar ähnelt er eher einem Medizinstudenten im letzten Semester als einem erfahrenen Hirnchirurg. “Manchmal sind die Patienten etwas überrascht, wenn sie mich sehen”, sagt er lächelnd. Doch das legt sich, wenn sie erfahren, dass Vajkoczy in seiner Laufbahn bereits rund 350 Hirntumore operiert und 450 Eingriffe an Gefäßen ausgeführt hat. Kein Grund zur Selbstüberschätzung, sagt er. “Als Neurochirurg durchläuft man neben Höhen auch eine Menge Tiefen, da bleibt keine Legitimation für Überheblichkeit.”

Höhen und Tiefen, das gilt auch für die Therapie eines Hirntumors. Noch immer ist er eine der gefährlichsten Krebsarten, nicht der Häufigkeit nach – da rangiert er mit jährlich rund 300 Neuerkrankten in Berlin nicht mal unter den zehn häufigsten Karzinomen – dafür aber, was die Überlebenschancen betrifft: Bei den bösartigsten Hirntumoren, die Mediziner Glioblastome nennen, liege die durchschnittliche Überlebenszeit mit der Standardtherapie bei etwa 15 Monaten, sagt Vajkoczy. Immerhin drei Monate länger als noch vor zehn Jahren. “Neue Daten sagen uns nun, dass der Anteil der Patienten, die länger als vier Jahre leben, verdreifacht werden konnte.”


Operationen im Gehirn lassen keinen “Spielraum”

Doch noch immer überlebt weniger als ein Viertel der Patienten die ersten vier Jahre nach der Diagnose. Das hat vor allem einen Grund: Operationen im Gehirn lassen keinen “Spielraum”. Bei einem Tumor im Darm oder in der Brust entfernt der Operateur häufig auch ein wenig des nicht befallenen Gewebes um die Geschwulste herum, um sicher alle Krebszellen zu entfernen. Doch im Gehirn verbietet sich solche Großzügigkeit. Dort ist jeder Kubikmillimeter vollgepackt mit hunderten Neuronen, die wichtige Funktionen erfüllen. Eine Verletzung könnte verheerende Folgen haben, den Verlust von Erinnerungen zum Beispiel, eingeschränkte Sinnesfähigkeiten oder emotionale Störungen – je nachdem, in welcher Region die Geschwulst sitzt. “Zwischen 80 und 90 Prozent des Tumors herauszuholen, das ist schon richtig gut”, sagt Vajkoczy. Der Erhalt der neurologischen Funktion, wie Bewegung und Sprache, sei oberstes Gebot – dem Patienten soll es nach der Operation keinesfalls schlechter gehen als vorher.


Neue Methoden verringern Komplikationen

Um das Risiko für neurologische Komplikationen so klein wie möglich zu halten, wurden in den vergangenen Jahren neue Methoden entwickelt, um beispielsweise die Sprachfunktion während einer Hirntumoroperation zu überwachen. Mit diesen Methoden ist es heute möglich, auch die schwierigsten Tumore in schwer zugänglichen Gehirnarealen zu operieren: neun von zehn Operierten leiden danach unter keinen langfristigen Beeinträchtigungen.

Horst Wiese, Geschäftsmann aus Berlin, hat Glück: “nur” einen langsam wachsenden gutartigen Tumor im Kopf. Dieser hat sich in einem Vierteljahr um gut zehn Prozent vergrößert. Er ist weniger aggressiv als ein Glioblastom, das sich binnen eines Monats verdoppeln kann, und die Wahrscheinlichkeit, dass er nach der Entfernung wiederkehrt, ist viel geringer. Und doch ist auch er gefährlich. Wird er nicht operiert, wächst er weiter, drückt immer stärker auf das Gehirn. Neurologische Ausfälle werden dann zu ständigen Begleitern.

Wie sich so etwas anfühlt, hat Wiese vor einem halben Jahr zu spüren bekommen. Ein epileptischer Anfall, ohne Vorwarnung. Das brachte ihn zum Arzt. Die manchmal hartnäckigen Kopfschmerzen davor, die ignorierte er noch. Wer nimmt die schon ernst, wenn man so einen stressigen Beruf hat wie Horst Wiese und ständig durch die Welt jettet. “Plötzliche Krampfanfälle und anhaltende Kopfschmerzen sind häufige Symptome für einen Hirntumor”, sagt Vajkoczy.


Ein winziger Trennschleifer legt das Gehirn frei

Auf den Computertomographiebildern, die Wieses Schädel in virtuelle Scheiben zerteilen, zeichnet sich die Geschwulst als ein etwas dunklerer Fleck in der rechten Gehirnhälfte ab. Er sitzt in der Nähe des Schläfenlappens, hinter dem rechten Auge. Direkt am Hippocampus. Durchmesser: 4,5 Zentimeter, Golfballvolumen, aber oval geformt. Der Kopf des Patienten ist unter den Operationstüchern verborgen. Ein kreisrundes Metallgestell fixiert den leicht nach links geneigten Schädel. Ein ovales Loch mit vielleicht sieben Zentimetern Durchmesser klafft in der Schläfe. Die normalerweise dort befindliche Haut und das darunterliegende Muskelfleisch sind in Richtung Stirn aufgeklappt. Vajkoczy hat das mit einem winzigen Trennschleifer komplett herausgesägte Stück Schädelknochen in einer Metallschale auf dem OP-Beistelltisch deponiert. Die pergamentene Hirnhaut ist ebenso wie das Fleisch nur hochgeklappt. Darunter wird ein Stück Gehirn sichtbar. Ein seltsamer Anblick.

Die weißlich-gelbe Oberfläche, durchzogen von geschwungenen Furchen – Mediziner nennen das Fissuren – und übersät mit millimeterdünnen Äderchen, kennt man von Fotos. Es erscheint vertraut. Gleichzeitig aber ist es so fremd: Das da ist ein echtes Gehirn eines Menschen, jener komplexe und so viele Geheimnisse bergende anderthalb Kilogramm schwere Eiweißklumpen, in dem das sitzt, was uns ausmacht: Gefühle, Gedanken und Gedächtnis.


Wenn der Chirurg sich im Hirn des Patienten durchmogelt, ist Furcht fehl am Platz

Der Arzt sieht darin jetzt aber nur ein krankes Organ, das operiert werden muss. Ehrfurcht, Angst gar vor einem falschen Schnitt dürfen da keinen Platz haben. Am Kopfende des Operationstisches sitzt der Chirurg, arbeitet sich immer tiefer in den Schädel des Patienten hinein. Er nennt das “durchmogeln”, wenn er die tiefen Fissuren nutzt, um das gesunde Gewebe an der Hirnoberfläche zu umgehen, um an den darunterliegenden Tumor heranzukommen.

Ohne technische Vergrößerung ist jetzt nur wenig zu sehen: Vajkoczy sieht durch das Okular eines Mikroskopes, der Beobachter auf einen großen Bildschirm. Für das ungeübte Auge ist das Tumorgewebe kaum von der unbefallenen Umgebung zu unterscheiden. Es scheint ein wenig grauer zu sein als die weißlich-gelbe Struktur daneben.


Der Chirurg erahnt den Tumor

Mit einem Ultraschallkopf, der aussieht wie ein schmaler Kugelschreiber, löst Vajkoczy das Tumorgewebe auf. Das zurückbleibende weiße Granulat bildet mit dem nachsickernden Liquor – einer wässrigen Flüssigkeit, in der das Gehirn schwimmt – und dem bisschen Blut aus verletzten winzigen Äderchen eine rötlich-weiße Suppe. Von den Farbnuancen zwischen dem kranken und gesunden Gewebe ist längst nichts mehr sichtbar. “Der Tumor fühlt sich anders an”, sagt der Chirurg. “Etwas zäher, ein wenig härter.” Daher weiß er, was weg darf und was bleiben muss. Das könne man mit den Instrumenten erahnen.

“Jetzt nähert er sich dem Hippocampus”, sagt ein Assistenzarzt leise. Das ist eine der evolutionsgeschichtlich ältesten Regionen des menschlichen Gehirns und eine der wichtigsten für das Gedächtnis. Hier wird entschieden, welche Erinnerungen abgespeichert und welche vergessen werden. Verletzte Vajkoczy diesen Teil zu stark – ein wenig ist nötig, denn auch hier muss er Tumorgewebe entfernen -, dann wäre unter Umständen der Beginn der Narkose das Letzte, an das sich Horst Wiese bis an sein Lebensende erinnern könnte.

Auch ohne die geflüsterte Anmerkung merkt der Beobachter schnell, dass es diffizil wird: Plötzlich schweigt der Chirurg, der sonst zwischendurch immer gerne etwas erklärt oder mit seinen Kollegen scherzt. Vajkoczy ist hoch konzentriert. Manchmal wirft er zur Orientierung einen Blick auf die Computertomographbilder von Wieses Schädel, die vor einer Leuchttafel hängen.


Zurück bleibt ein Hohlraum – denn Gehirn wächst nicht nach

Nach drei Stunden ist die Operation fast vorbei. Der Weg zurück: Hirnhaut zurückklappen, vernähen. Der Krater darunter bleibt ein Leben lang, denn Gehirn wächst nicht wieder nach. Vajkoczy spritzt eine Kochsalzlösung unter die vernähte Hirnhaut, füllt so den Hohlraum übergangsweise aus, bis der Liquor diese Aufgabe übernimmt. Täglich bildet der Organismus rund einen halben Liter dieser Dämpfungsflüssigkeit fürs Hirn. “Und durch das Kochsalz wird der Patient schneller wach.”

Schließlich befestigt Vajkoczy das herausgetrennte Stück Knochen. Dann legt er Muskelfleisch und Haut wieder auf. Nähen. Fertig. Ein Teil der Geschwulst geht ins Labor, für die genaue Untersuchung der Tumorzellen.

“85 bis 90 Prozent des Tumors werde ich erwischt haben”, sagt Vajkoczy, als er sich vor dem OP-Saal die blaue Kleidung abstreift. Genau werde man dies zwei Tage später wissen, bei der Nachkontrolle mit der Kernspintomographie. Und auch dann wird nur ein Stück des Weges zur Heilung für Horst Wiese gegangen sein. Der Rest des Tumors in seinem Kopf muss unter Umständen mit Chemotherapie oder Bestrahlung bekämpft werden.


Forschung: Tumor aushungern

Auch Vajkoczy experimentiert mit Alternativen zur Operation: Eines Tages, hofft er, werde man Tumore “aushungern” können, indem man die versorgenden Blutgefäße medikamentös unterbricht. Eine erste Studie hierzu läuft gerade unter Leitung der Charité. Bis Ergebnisse vorliegen bleibt es bei Trennschleifer, Skalpell und Ultraschallkopf.


*Name geändert



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