OP-Report: Riss in die Welt

Mittlerweile kommt fast jedes dritte Kind per Kaiserschnitt zur Welt. Dahinter steht nicht immer eine medizinische Notwendigkeit – und auch nicht immer ein Schnitt


Wenn sie es mit Verbrechern zu tun kriegt, bewahrt Susan Gericke* die Ruhe – die Frau ist Polizistin. Diesmal aber hat sie Angst: Sie bekommt ihr erstes Kind. Und sie kennt zu viele dramatische Geburtsgeschichten gehört. Susan Gericke entscheidet sich gegen die natürliche Geburt und für einen Kaiserschnitt. Sie ist sicher, dass das die richtige Wahl ist, für sie und für das Kind. “Muss das denn sein?”, haben vor allem die Älteren in der Familie gefragt. Ihr Mann Steffen aber steht hinter ihr. Er will, dass sie sich wohlfühlt.


Von mehr als 30?000 Babys, die jedes Jahr in Berlin geboren werden, kommt inzwischen fast jedes dritte Kind per Kaiserschnitt zur Welt. Und die Tendenz ist steigend, heißt es vom Deutschen Hebammenverband. Die Gründe dafür sind vielfältig: Die Mütter werden älter, haben dadurch ein erhöhtes Risiko, die Babys werden häufig schwerer und so entsteht manchmal ein Mißverhältnis von Geburtsweg und Größe des Kindes. “Wenn ein großes Kind erwartet wird, ist es notwendig, über dieses Risiko aufzuklären – und nicht zwingend ratsam, eine vaginale Geburt anzustreben”, sagt Oberärztin Babett Ramsauer vom Vivantes Klinikum Neukölln. Und wenn das Kind sich nicht rechtzeitig in eine Schädellage dreht, ist ein Schnitt für viele Frauen die einzige Lösung.


Nicht immer aber sind es sichtbare Gründe, die den Arzt zu einem Eingriff raten lassen. “Wunschkaiserschnitte gibt es nicht”, sagt Klaus Vetter, Chefarzt der Klinik für Geburtsmedizin am Vivantes Klinikum Neukölln. “Frauen, die sich zu einem solchen Schritt entschließen, tun das fast nie aufgrund einer Laune.” Wenn die Schwangere psychisch belastet sei, könne das ein Risiko sein. “Klemmt die Frau bei der Geburt, nützt das weder ihr noch dem Kind. Heute gibt es andere Wege, so ­etwas glücklich zu regeln.”


Wer sich für einen Kaiserschnitt entscheidet, macht sich angreifbar: Die Palette der kritischen Stimmen reicht von “So hat die Natur das nicht gemeint” über “Das machst du doch nur aus Bequemlichkeit” bis hin zu “Jedes Kind braucht den Stress der Geburt”. Theorien, nach denen Kaiserschnittkinder schwächere Abwehrkräfte haben als vaginal Geborene oder später weniger selbstständig sind, kann Oberärztin Babett Ramsauer nicht bestätigen. Auch für Chefarzt Klaus Vetter gehören ­solche Geschichten eher ins Reich der Mythen.


“Wenn es etwas gibt, das gegen den Kaiserschnitt spricht, dann, dass es sich dabei um eine vollwertige Operation handelt”, urteilt er, während er anhand mehrerer Grafiken die Anatomie des Mutterleibs erklärt. “So ein Eingriff bleibt niemals ganz folgenlos – auch, was spätere Schwangerschaften angeht.” Zurück bleibt in jeder Schicht vernarbtes Gewebe, das anfälliger ist als vorher. Wie die meisten Kaiserschnittpatientinnen hat Susan Gericke sich für ­eine Spinalanästhesie, eine ­Teilnarkose, entschieden. Sie wird die Geburt ihres Kindes bei vollem Bewusstsein erleben, aber keine Schmerzen verspüren. Bei der Spinal- und der sehr ähnlichen Periduralanästhesie (PDA) wird in den Wirbelkörperkanal im Bereich der Lendenwirbelsäule ein Betäubungsmittel gespritzt, das die Nervenstränge blockiert und die untere Körperhälfte gefühllos macht.


Mit rund 3500 Geburten im Jahr hat das Klinikum Neukölln eine der größten Geburtskliniken überhaupt. Susan Gericke findet das beruhigend, wie auch die Nähe zu den anderen medizinischen Fachbereichen. Beim Vorgespräch vier Tage vor dem Geburtstermin geht der Anästhesist die Abläufe mit ihr durch. Zur Operation muss sie nüchtern erscheinen, soll zur Sicherheit abends und morgens vor der Operation je eine halbe Tablette einnehmen. Das Medikament stoppt die Magensäureproduktion, damit möglichst keine saure Flüssigkeit aus dem Magen in die Lunge gelangt. Es schützt so vor einer gefährlichen Lungenentzündung. Punkt neun Uhr ist es, als Gericke und ihr Mann am Tag des Eingriffs die runde Eingangshalle der Geburtsklinik betreten. Während bei ihr mittels des um den Bauch gebundenen Wehenschreibgerätes, dem CTG, die Herztöne des Kindes aufgezeichnet werden, studiert ihr Mann interessiert den Kurvenverlauf. Zwar sind an Tag “39+1”, also mit Beginn der 40. Schwangerschaftswoche, noch keine Wehen darauf erkennbar, aber das ist ja auch nicht erwünscht. Wichtig ist, dass die Herzfrequenz stimmt. 130 ist ein guter Wert.


Weil die Harnblase bei der Operation ganz leer sein muss, wird Kaiserschnittpatientinnen ein Blasenkatheter gelegt. Durch einen Venenzugang im Handrücken erhalten sie Flüssigkeit. Bevor im Operationssaal die Narkosespritze gesetzt werden kann, wird das Gewebe auf Höhe der Lendenwirbelsäule betäubt. Denn die Nadel, mit der später die Spinalanästhesie durchgeführt wird, ist dicker und wird tiefer eingeführt. Ihr Stich wäre unangenehm. Mit einem Kniff in die Bauchhaut überprüfen die Ärzte, ob die Narkose wirkt. Ihre Beine kann die Patientin dann zwei Stunden lang nicht bewegen. Am Oberkörper festgeklebte Elektroden messen während der Operation die Herzaktivität der Schwangeren. Nachdem die Haut auf Bauch und Schambereich desinfiziert ist, beginnt der Kaiserschnitt. Sieben Mitarbeiter der Klinik sind jetzt für das Wohl von Mutter und Kind im Einsatz.


Die werdenden Eltern werden mittels eines grünen Vorhanges von dem geschäftigen, medizinischen Treiben am Bauch der Frau abgeschirmt. Nach einem ersten öffnenden Schnitt zieht Oberärztin Ramsauer Haut und Bauchdecke der Patientin auseinander. Laien würden den Vorgang als Reißen bezeichnen, die Ärzte sprechen von einer Gewebedehnung, weil das weniger Angst erregend klingt. Auch die Muskeln werden auseinandergezogen, statt dass man sie zerschneidet. “Bei dieser Methode können Nerven und Gefäße erhalten bleiben, die im Falle eines Schnittes zerstört würden”, erklärt Ramsauer die Technik. Im Vivantes Klinikum Neukölln nutzt man sie seit vielen Jahren, entdeckt hat sie ein Israeli. Auch in anderen Kliniken Berlins ist dieses etwas grob erscheinende Verfahren inzwischen Gang und Gäbe. Die schnittlose ­Trennung des Gewebes beschleunigt später dessen Heilung und verkürzt die Operationszeit.


Als die Gebärmutter durchdrungen ist, und die Fruchtblase geöffnet wird, gibt es eine heftige Fruchtwasser­fontäne. Ärztin Ramsauer lehnt sich auf den Mutterbauch, um das Kind Richtung Becken zu schieben. Ein bisschen wird auf diese Weise der Weg durch den Geburtskanal simuliert, und das Kind wird vorbereitet: Um 10. 35 Uhr hebt die Ärztin Richard in die Welt.


Zärtlich sieht Susan Gericke zu, wie ihr Neugeborener nuckelt. Die Operation ist bestens verlaufen, die Narbe ist dezent. Von dem Vernähen der Gewebeschichten von Bauch und Organen hat Gericke nichts mitbekommen. Dazu war sie viel zu abgelenkt, versunken in ihr Mutterglück. “Ich bin froh, dass ich das gemacht ­habe”, sagt sie. Richards Papa Steffen nickt ihr ­lächelnd zu.




Artikelsuche ?

Routenplaner

Planen Sie Schritt für Schritt, wer Sie medizinisch auf Ihrem Behandlungspfad versorgen soll - von der Vorsorge über die ambulante Behandlung bis hin zur stationären Versorgung und anschließender Rehabilitation. Lassen Sie sich dafür die in der Datenbank enthaltenen Einrichtungen in der Region Berlin-Brandenburg anzeigen, die diese Erkrankung behandeln.

Tagesspiegel GESUND

Tagesspiegel Gesund 08 Tagesspiegel Gesund 09 Tagesspiegel Gesund 10

Fachkompetentes Praxiswissen informativ aufbereitet
Informationen zu Behandlungsmethoden und Gesundheitstrends aus Berlin und Umgebung
Von der Gesundheitsberater-Berlin-Redaktion

Aktuell am Kiosk oder direkt im
Tagesspiegel-Shop

Wir liefern Qualität

Erfahren Sie mehr darüber, wie unsere Texte entstehen, wie die Daten geprüft werden und wie sich das Portal finanziert.
Jetzt informieren.

Sie sind uns wichtig und wir freuen uns über Ihre Meinung zu unserem Portal. Welche Themen andere Leser interessierten lesen sie unter Leser fragen - die Redaktion antwortet