OP-Report: Rettender Schnitt

Krebs in Gebärmutter oder Eierstock bedeutet häufig die Entfernung des gesamten Organs. Wir berichten von einer prophylaktischen Eierstockentfernung.


Als Heide Kühne* in den Operationssaal geschoben wird, schläft sie. In 30 Minuten wird die 45-Jährige endgültig in den Wechseljahren sein. Dann werden ihr die Mediziner des Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikums (AVK) in Schöneberg die Eierstöcke entfernt haben. Vorsorglich. Um den Ausbruch eines Krebses zu verhindern, der noch gar nicht nachweisbar ist. Sie wollte es so – und die Ärzte gaben ihr Recht. Denn Heide Kühne hat bereits einen Krebs überstanden, der in der Brust wucherte. Der Tumor war erfolgreich operiert worden, die anschließende Chemotherapie hat gut angeschlagen. Die Chemo hatte allerdings eine Nebenwirkung: Sie hat die Wechseljahre für die 45-jährige Frau zeitlich vorverlegt. Und das hat ihr die Entscheidung, sich prophylaktisch die Eierstöcke entfernen zu lassen, erleichtert.


Erbgut beeinflusst Krebs-Risiko

Die Genetik erzwang das Pro und Contra. Denn auch ihre Mutter hatte einen Tumor in der Brust. Diese familiäre Belastung ist keine extrem seltene Konstellation: fünf Prozent der Patientinnen leiden unter dieser erblichen Form des Mammakarzinoms. Bei ihnen sei die Wahrscheinlichkeit, dass auch die Eierstöcke eine bösartige Neubildung bekommen, erhöht, sagt Herbert Mecke, Chefarzt der Gynäkologie am AVK. Ein vorbeugender Eingriff habe also durchaus einen Sinn.


Prophylaktische Brustamputation

Umgekehrt gelte diese Regel übrigens auch, doch sei die Entscheidung, sich vorsorglich die Brust amputieren zu lassen, weil man Eierstock- oder Gebärmutterkrebs hatte, noch weit schwieriger zu fällen. “Aber es gibt Frauen, die auch das tun”, sagt Mecke.


Und es gibt Mediziner, die erblich belasteten Hochrisikopatientinnen raten, sich nach Abschluss der Familienplanung die Eierstöcke und vorsorglich auch beide Brüste entfernen zu lassen. Dadurch ließe sich für diese Gruppe das Risiko, an Brust- oder Eierstockkrebs zu erkranken, um 97 Prozent senken, heißt es in einer Fachzeitschrift.


Schonender chirurgischer Eingriff

Heute operiert Mecke die Eierstöcke von Heide Kühne. Minimalinvasiv, das heißt mit langstieligen Instrumenten, die durch drei winzige Schnitte in den mit Kohlendioxid aufgeblasenen Unterbauch geführt werden. Den Eingriff verfolgt der Operateur an einem Monitor, die Bilder aus dem Inneren des Körpers liefert eine ebenfalls eingeführte Kamera.

Zunächst trennt der Chirurg das die Eierstöcke haltende Gewebe ab, dann legt er um die den Eileiter versorgenden Blutgefäße eine Schlinge aus einer blauen Plastiksehne und zieht diese kräftig zu. Nun kann Mecke die Eierstöcke ohne großen Blutverlust unterhalb der Schlinge abtrennen. Schließlich zerschneidet er den weißlichen, drei mal zwei Zentimeter großen ovalen Knoten und holt ihn stückweise durch eine kleine Zugangsröhre aus dem Bauch heraus.


Wäre der Eierstock mit Krebs bereits befallen, dann hätte sich dieser Weg verboten. Bestünde doch die Gefahr, dass sich dadurch Krebszellen im Bauchraum verteilen und Tochtergeschwulste, Metastasen, bilden. In diesem Falle hätte der Chirurg mit einem käscherähnlichen Instrument im Bauchraum über den Eierstock einen kleinen verschließbaren Plastiksack gestülpt und diesen im Ganzen herausgezogen – oder ihn mit einer offenen Operation herausgeholt, also mit einem Längsschnitt über den Unterbauch. Das bleibt Heide Kühne erspart – ebenso wie die jahrelange quälende Furcht, dass sich in ihren Eierstöcken ein Krebsgeschwür entwickelt.


*Name geändert




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