OP-Report: Nierensteine sind klein aber heftig

Nierensteine können starke Koliken auslösen, die sehr schmerzhaft sein können. Doch es gibt unterschiedliche Methoden, Betroffene davon zu befreien

So ein kleiner Stein, mit nur etwa einem Zentimeter Durchmesser. So eine große Wirkung. Harmlos sieht er aus, wie er da auf der weißen Mullbinde liegt, zerschlagen in winzige gezackte, dunkelbraune Kiesel. Doch dieser kleine Stein hat Tanja Steffen* starke Schmerzen bereitet: Er saß in ihrem linken Harnleiter und verursachte bei der zierlichen Frau mit den langen dunkelbraunen Haaren und den warmen braunen Augen eine Nierenkolik.
Die Schmerzen sind jetzt vorbei, der Stein ist raus. Tanja Steffen liegt in einem Zweibettzimmer im Franziskus-Krankenhaus in Berlin-Tiergarten. Es ist ein grauer und kühler Tag im Frühjahr, die Heizung in dem kleinen Zimmer rauscht und bullert auf Hochtouren. Trotzdem hat Tanja Steffen die weiße Bettdecke bis zum Kinn hochgezogen. Erst vor einer halben Stunde ist die 47-jährige Selbstständige aus der Narkose erwacht, sie fröstelt noch ein wenig. Doch ihre Laune ist schon wieder sehr gut. “Ein Hoch auf die moderne Medizin!”, sagt sie mit einem hellen, fast mädchenhaften Lachen. Und: “Das war doch gar keine richtige OP!”


Etwa fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung bilden Nierensteine aus

Dem würde Thomas Wülfing, Oberarzt an der Urologie des Franziskus-Krankenhauses, sicherlich widersprechen: Er war es, der in einem rund einstündigen minimalinvasiven Eingriff den Nierenstein, der in den Harnleiter gerutscht war, entfernt hatte. Doch die Vorgeschichte von Tanja Steffen macht ihre Äußerung verständlich: Die gebürtige Köpenickerin, die heute in Charlottenburg lebt, hatte als Kind schon Nierensteine, dreimal musste sie deswegen operiert werden. Damals führten die Ärzte solche Operationen noch offen durch. “Drei Wochen lang musste ich im Krankenhaus bleiben, zwei Wochen nach der OP hatte ich immer noch starke Schmerzen.” Heute ist der schlimmste Schmerz fast unmittelbar nach dem Eingriff verschwunden, zwei bis drei Tage später können die Patienten nach Hause gehen. Doch die Pein, die so ein kleiner Stein in einem der beiden Harnleiter verursachen kann, ist noch immer sehr groß.
Nierensteine sind ein relativ häufiges Leiden. Etwa fünf bis zehn Prozent aller Menschen bilden sie im Laufe ihres Lebens aus, Männer sind dreimal so häufig betroffen wie Frauen. “Die Steine entstehen, wenn im Urin eine erhöhte Konzentration gelöster Salze vorliegt”, sagt Oberarzt Wülfing. Die Ursachen dafür sind unterschiedlich. Bei Patientin Tanja Steffen sind es vor allem genetische Faktoren, ihre ganze Familie leidet unter Nierensteinen. Doch auch eine zu geringe Trinkmenge, eine falsche Ernährung mit zu viel Salz, tierischen Eiweißen und Fetten sowie einige Medikamente (zum Beispiel in der HIV-Therapie) können die Steinbildung begünstigen.
Meist bestehen diese aus Kalziumsalzen wie dem Kalziumoxalat oder dem Kalziumphosphat. Immer häufiger treten in den Industrienationen aber die auch die sogenannten Wohlstandssteine auf, die aus Harnsäure bestehen. “Harnsäure ist ein Abbauprodukt von tierischen Eiweißen”, sagt Wülfing. Diese Art von Steinen nehme daher analog zu der Anzahl der übergewichtigen Menschen in den westlichen Gesellschaften zu, in denen sich die Menschen mehr Fleisch leisten können.

Nierenkoliken sind sehr schmerzhaft

Eigentlich sind sie nicht gefährlich, diese Salzkristallsteine, die sich in der Niere bilden. Oftmals bemerken Betroffene sie gar nicht. Dennoch sind sie Fremdkörper, an denen sich nicht selten Bakterien ansiedeln und zu ständigen Harnwegsinfektionen führen können. Außerdem ist es möglich, dass sich die Steine lösen und nach unten in Richtung Blase wandern. Dann werden aus den Nierensteinen Harnleitersteine, die schwere Koliken wie die von Patientin Tanja Steffen auslösen können.
Die Nieren, die im Bereich der Lendenwirbelsäule liegen, produzieren Urin, mit dem Giftstoffe aus dem Körper ausgeschieden werden. Jede Niere verfügt über einen Harnleiter von etwa vier bis fünf Millimetern Durchmesser, über den der Urin in die Blase abfließt. Wenn sich nun eine etwas größere Ansammlung von Salzkristallen in einer der Nieren löst und in den Harnleiter wandert, kann sie diesen verstopfen. “Der Urin staut sich dann auf und drückt auf die Niere”, sagt Mike Lehsnau, Chefarzt der Klinik für Urologie an der Havelland Klinik Nauen. Außerdem verkrampfe der betroffene Harnleiter. “Er ist ein Muskelschlauch, der den Fremdkörper heraus drücken will.” Beides zusammen verursacht die starken, krampfartigen Schmerzen einer Nierenkolik, die die Patienten extrem belasten. Es heißt, sie kämen in der Intensität dem Geburtsschmerz gleich, Oberarzt Thomas Wülfing vom Berliner Franziskus-Krankenhaus nennt sie sogar “Vernichtungsschmerzen”.
Die größte Gefahr stellt jedoch eine lebensgefährliche Urosepsis, eine Blutvergiftung mit Bakterien aus dem Urogenitaltrakt, dar: Wenn ein Stein den Harnleiter verstopft, kann es passieren, dass der in der Niere aufgestaute Urin zusammen mit den Bakterien, die er enthält, in die Blutbahn übertritt. Erste Anzeichen dafür sind Fieber und Schüttelfrost. “Wenn die bei einer Nierenkolik auftreten, sollten die Betroffenen sofort den Notarzt rufen oder eine urologische Fachabteilung in einem Krankenhaus aufsuchen”, sagt Urologe Wülfing.
So schlimm war es bei Nierenstein- Patientin Tanja Steffen noch nicht. Die verheiratete Mutter eines zehnjährigen Mädchens litt “nur” unter starken Schmerzen und Übelkeit – und zwar gut zwei Wochen lang. Denn ihr Arzt hatte die Beschwerden falsch interpretiert und angenommen, die 47-Jährige habe sich einen Muskel im Rücken gezerrt. Der Gedanke, dass die Schmerzen von der Niere kommen könnten, war Tanja Steffen zwar gekommen. Doch sie hatte ihn wieder verworfen, schließlich war der letzte Nierenstein über 30 Jahre her. Nur durch Zufall wurde der Stein dann bei einer Ultraschalluntersuchung entdeckt und Tanja Steffen danach sofort ins Krankenhaus eingewiesen. Dort bestätigt eine Röntgenuntersuchung die Diagnose: In ihrem linken Harnleiter steckte ein Stein mit rund einem Zentimeter Durchmesser. “Die häufigste Steinart aus Kalziumsalzen ist im konventionellen Röntgen sehr gut zu sehen”, sagt Oberarzt Wülfing. Bei den sogenannten Wohlstandssteinen aus Harnsäure ist hingegen eine Computertomografie (CT) notwendig, um sie zu erkennen.
Nachdem die Ärzte im Franziskus-Krankenhaus den Stein diagnostiziert hatten, legten sie Tanja Steffen sofort eine Harnleiterschiene. Das ist ein rund 28 Zentimeter langer Silikonschlauch, der von der Blase in die Niere reicht und mit Löchern versehen ist. Durch diese Löcher gelangt der in der Niere aufgestaute Urin in den Schlauch und kann an dem Stein vorbei in die Blase ablaufen. Dadurch verringert sich der Druck auf die Niere, die Schmerzen lassen nach. Außerdem weitet die Schiene den Harnleiter, sodass bei einer anschließenden Operation größere Steinfragmente entfernt werden können, ohne ihn zu verletzen. Eine Woche, die Tanja Steffen zuhause verbringen konnte, verblieb die Schiene im Harnleiter. Dann musste die Berlinerin zurück in das kleine Krankenhaus in Tiergarten gleich hinter der Gedächtniskirche – zur Harnleiterstein-OP.

Nicht immer ist eine Operation notwendig

Mittlerweile wird dieser Eingriff fast immer endoskopisch durchgeführt. Das bedeutet, dass die Ärzte eine Harnleiterspiegelung vornehmen und dabei den natürlichen Weg über die Harnröhre und die Blase nutzen, um an den Stein im Harnleiter zu gelangen. Auch bei Tanja Steffen wenden sie diese Methode an. Deshalb liegt sie nun auf einem Gynäkologenstuhl in einem OP-Saal des Franziskus-Krankenhauses, unter Vollnarkose und mit sterilen Tüchern abgedeckt. Oberarzt Wülfing führt einen Blasenspiegel, ein Zystoskop, über die Harnröhre in die Blase seiner Patientin. Das ist ein Gerät mit einem langen, hohlen Metallschaft, an dessen Spitze eine Lichtquelle und eine Kameralinse angebracht sind. In seinem Inneren sind zwei verschiedene Gänge, durch die weitere Instrumente wie Laser oder Schlingen in den Körper geschoben werden können. Zunächst braucht er jedoch eine Greifzange, mit der er die Harnleiterschiene entfernt. Anschließend lässt er über das Zystoskop den Urin aus der Blase ab.
Nun beginnt die Hauptarbeit: Mit einem etwas feineren Endoskop, das die Ärzte Ureterorenoskop nennen, dringt er in den Harnleiter vor, bis vor der kleinen Kamera der Stein erscheint und auf einem Monitor sichtbar wird. Gräulich, großporig und gezackt wie eine Koralle füllt er den gesamten Harnleiter aus – ihn im Ganzen zu entfernen ist ausgeschlossen. Deshalb kommt nun der Laser zum Einsatz: Mit einem grünen Lichtstrahl zielt Wülfing auf den Stein und schießt dann die unsichtbaren Laserstrahlen auf ihn ab. Solange, bis der Stein in ausreichend kleine Bruchstücke zersprungen ist. Diese sammelt der Urologe dann mit einer kleinen Schlinge ein und holt sie über das Endoskop aus dem Körper heraus. Eine kleine Wunde in der Harnleiterschleimhaut und sandkorngroße Steinreste, die von alleine rausgespült werden, sind alles, was von dem Übeltäter übrig bleibt.
Nicht alle Steine müssen operativ entfernt werden: Kleinere Exemplare von bis zu vier Millimetern Durchmesser gehen meist von alleine ab. Dabei kann es helfen, die Trinkmenge zu erhöhen sowie krampflösende Medikamente zu nehmen. Durch diese weitet sich der Harnleiter, sodass die Steine leichter hindurch rutschen können. Eine weitere nicht-operative Behandlungsmöglichkeit ist die sogenannte extrakorporale Stoßwellenlithotripsie, kurz ESWL. Dabei liegt der Patient auf einer Behandlungsliege, während von außen elektromagnetisch induzierte Stoßwellen aus verschiedenen Richtungen auf den Stein geschossen werden. “Die Stoßwellen machen den Stein mürbe, sodass er im besten Fall zerbricht und seine Einzelteile aus dem Körper gespült werden”, sagt der Nauener Urologie- Chefarzt Lehsnau. Bei dieser Behandlung treten kaum Komplikationen auf. Außerdem kann sie auch ambulant durchgeführt werden, denn eine Narkose ist nur selten notwendig. Die Patienten bekommen lediglich eine Schmerzspritze gegen das unangenehme Ziepen und Ziehen, das die Stoßwellen verursachen. Allerdings hilft die ESWL nicht bei allen Steinen, manche sind einfach zu hart. “Das ist wie in der Natur”, sagt Lehsnau. “Dort gibt es weichen Sandstein und harten Granit.”
Auch bei großen Steinen ab anderthalb Zentimetern Durchmesser sollte die ESWL nicht angewendet werden, da selbst die Bruchstücke dieser Steine noch zu groß sein könnten, um problemlos durch den Harnleiter zu gelangen. Solche Steine entfernen die Ärzte meist mit Hilfe einer sogenannten perkutanen Nephrolitholapaxie, kurz PNL. Dabei wird die Niere von außen ultraschallgesteuert mit einer langen Nadel punktiert. Anschließend weiten die Operateure diesen schmalen Zugang auf und führen ein Endoskop direkt in die Niere ein, um dort den Stein zu greifen und zu entfernen.
Unabhängig davon, auf welche Weise ein Nieren- oder Harnleiterstein den Körper verlässt: Sobald er draußen ist, kommt er zur Analyse ins Labor. Denn seine Zusammensetzung kann Hinweise darauf geben, was die Betroffenen tun können, um eine erneute Steinbildung zu vermeiden. Grundsätzlich gilt: Nierenstein- Patienten sollten ausreichend trinken, das heißt zwei bis drei Liter pro Tag, sich abwechslungsreich ernähren und Produkte mit vielen tierischen Eiweißen meiden. “Dennoch treten bei rund 70 Prozent der Betroffenen innerhalb von zehn Jahren wieder neue Steine auf”, sagt Oberarzt Wülfing vom Franziskus-Krankenhaus.
Auch seine Patientin Tanja Steffen haben diese einfachen Maßnahmen nicht vor den Nierensteinen und den mit ihnen verbundenen Schmerzen bewahrt. Dennoch ist die 47-Jährige zuversichtlich. “Ich hatte jetzt über 30 Jahre keinen Stein. Wenn sich der nächste noch ein bisschen mehr Zeit lässt, wer weiß? Vielleicht bleibe ich dann ja ganz verschont!”, sagt sie mit einem Augenzwinkern und ihrem hellen, mädchenhaften Lachen.




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