Bandscheibenvorfall: Leck im Stossdämpfer

Schmerzen im Rücken und Taubheit in den Gliedern können auf einen Bandscheibenvorfall hindeuten. Eine Operation soll in schweren Fällen Linderung verschaffen. Was genau dabei passiert, lesen Sie hier.

Johanna Freese * hat Tränen in den Augen. Doch schuld ist nicht die blendende Mittagssonne, hoch oben auf der Terrasse im fünften Stock des Wilmersdorfer St. Gertrauden-Krankenhauses. Es ist ihre Nervosität. Immer wieder tupft sie sich mit einem Taschentuch die Augenwinkel, wenn sie daran denkt, was ihr bevorsteht. In knapp zwei Stunden wird die 39-Jährige mit dem weichen freundlichen Gesicht an der Bandscheibe operiert. "Das Warten ist schlimm", sagt die Neuköllnerin. "Ich gucke dauernd auf die Uhr, noch zwei Stunden, noch eine Stunde …" Es ist bereits ihre zweite Bandscheibenoperation. Die erste bekam Freese, nachdem sie im Jahr 2000 bei einem Umzug mit angepackt hatte und dabei plötzlich furchtbare Schmerzen durch ihren Rücken jagten.

Lange blieb der Bandscheibenvorfall unerkannt

Doch anders als bei einem Hexenschuss verschwanden diese nicht. Vier Jahre lang zog sie von einem Orthopäden zum nächsten. Dort bekam sie jedoch immer nur Spritzen gegen die Schmerzen. "Ich hatte mich schon fast mit meinem Zustand abgefunden", sagt sie. Abgefunden damit, dass sie nicht mehr mit den Rollerblades oder dem Fahrrad fahren, nicht mehr die Fenster putzen und nicht mehr die Einkaufstüten tragen konnte. "Aber eigentlich war das gar kein Leben mehr", sagt sie heute. Als die Schmerzen eines Tages wieder einmal unerträglich wurden, suchte sie sich im Telefonbuch einfach den nächstbesten Arzt, der sie am Mittwochnachmittag empfing – und hatte Glück. Der Arzt vermutete einen Bandscheibenvorfall und schickte sie zur Computertomografie. Der Verdacht bestätigte sich. Ein Teil des Bandscheibenkerns hatte sich durch ein Loch des ihn umgebenden Faserrings gedrückt und quetschte einen Nerv. Johanna Freese wurde operiert. Drei Tage später stand sie wieder auf den Beinen. Doch die erste OP war nicht erfolgreich. Die Schmerzen blieben.

Taubheit und Lähmungen durch gequetschte Nerven

Und nicht nur das, nach einer Weile fühlte sich auch ihr rechter Oberschenkel gelegentlich taub an, zuletzt dauerhaft. "Die Taubheit ist ein bekanntes Symptom bei Bandscheibenvorfällen", sagt Siegfried Vogel, Chefarzt für Neurochirurgie am St. Gertrauden-Krankenhaus als er sich im Operationssaal über Johanna Freese beugt. "Auch das ist ein Resultat des eingeklemmten Nervs. In schlimmen Fällen kann es sogar zu Lähmungen kommen, und je nachdem, welcher Nerv getroffen wird, auch zu Inkontinenz oder bei Männern zu Impotenz." Dass seine Patientin nicht früher zur Computertomografie geschickt wurde, liege daran, dass bei vielen Ärzten das Budget für die teure Untersuchung nicht zur Verfügung stehe. Denn können Fachärzte gegenüber der Kassenärztlichen Vereinigung nicht nachweisen, dass diese Untersuchung medizinisch unbedingt nötig war, zahlen sie sie unter Umständen aus ihrer eigenen Tasche. Johanna Freese liegt derweil bäuchlings auf dem Operationstisch – narkotisiert. In ihren Rücken hat Vogel einen etwa 30 Millimeter langen Schnitt gesetzt. Vor dem Gesicht des Chirurgen hängt an einem Schwenkarm ein Mikroskop, mit dem er den Operationsbereich in zehnfacher Vergrößerung und dreidimensional sehen kann. Die anderen Mitglieder des Teams verfolgen die Operation auf einem Monitor. "Dass so viele Menschen an Rückenproblemen leiden, liegt in der Evolution begründet", erklärt Vogel. "Unsere Wirbelsäule ist ursprünglich nicht für den Gang auf zwei Beinen konstruiert. Außerdem wird der Mensch in immer kürzeren Zeitabständen immer größer." Eine zusätzliche Belastung.

Stärkung der Muskulatur beugt Abnutzung der Bandscheiben vor

Solange Bauch- und Rückenmuskeln gut funktionieren, entstehen in der Regel keine Probleme. Diese treten erst auf, wenn die Muskulatur nicht trainiert wird. Denn während sich Bandscheiben auf natürlichem Wege mit dem Älterwerden verschleißen – sie trocknen langsam aus –, übernimmt die Rumpfmuskulatur für die Wirbelsäule zunehmend eine entscheidende Entlastungsfunktion. Sind die Muskeln jedoch nicht kräftig genug, kann es zu Fehlhaltungen kommen – die Krümmung des Rückgrates verändert sich. Dadurch vergrößert sich die belastete Fläche der Bandscheiben, die als Stoßdämpfer zwischen den einzelnen Wirbeln liegen. Das ist umkehrbar: Stärkt ein betroffener Mensch seine Rumpfmuskulatur und ändert dadurch seine schlechte Haltung, wird die Belastung auf der ovalen Oberfläche der Bandscheibe wieder gleichmäßiger verteilt – die vormals einseitig beanspruchte Stelle kann sich erholen. "Bei einem Haltungsverfall wächst die belastete Fläche auf jeder Bandscheibe bis zu zwanzig Quadratmillimeter an", sagt Vogel, die Augen nahe am Mikroskop. "Dadurch sind einzelne Stellen der Bandscheiben permanent belastet, die Abnutzung ist so größer." Wird sie über längere Zeit zu stark beansprucht, wird der Faserring spröde und reißt möglicherweise. Dann kann der gallertartige Kern austreten und einen Nerv einquetschen, der in der Nähe der Bandscheibe verläuft. In 60 Prozent der Fälle passiert so etwas im Bereich der Lendenwirbelsäule – auch bei Johanna Freese.

Mikrochirurgische Nucleotomie häufigste Behandlungsmethode

Nach einer Dreiviertelstunde ist Vogel sechs Zentimeter tief bis zur Wirbelsäule vorgedrungen. Die Operation ist nicht leicht, weil Narbengewebe, das sich nach dem ersten, letztlich erfolglosen Eingriff gebildet hat, immer wieder die Arbeit behindert. Ständig gilt es, kleine Blutungen zu stillen. Vogel muss vorsichtig sein. Wenn er Nerven verletzt, könnte er Fuß-, Unter- und Oberschenkelmuskeln lähmen. Dann ist die Bandscheibe freigelegt. Genauer gesagt der Teil des Kerns, der schon zum zweiten Mal durch den faserigen Ring gestoßen ist und auf einen Nerv drückt. Bei Johanna Freese misst er etwa acht Millimeter im Durchmesser. Auf dem Monitor erscheint er als kreisrunder weißlicher Fleck. Mit einer Miniaturzange macht sich Vogel daran, diesen zu entfernen. Ein paar Minuten später landet ein gezacktes, wenige Millimeter kleines Stück Gewebe in einem Schälchen neben dem OP-Tisch. Die Operation, die an Johanna Freese vorgenommen wird, nennt sich mikrochirurgische Nucleotomie. Mit 80 Prozent Anteil ist sie der Eingriff, der bei Bandscheibenvorfällen am häufigsten angewandt wird. Weil durch das Entfernen des ausgetretenen Gewebes der Druck auf den Nerv genommen wird, verschwinden für den Patienten auch die Probleme. Das Loch im Ring verschließen die meisten Ärzte nicht. "In dieser Körperregion herrschen aufgrund der starken Belastung so große Kräfte, dass beim Einbringen von Ersatzmaterial in das Loch vom Faserring die Gefahr besteht, dass ein Teil davon wieder austritt und selbst Probleme verursacht", begründet das Karin Büttner-Janz. Sie war damals die Chefärztin der Klinik für Orthopädie des Vivantes Klinikums im Friedrichshain und der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie des Vivantes Klinikums Am Urban . Inzwischen hat Büttner-Janz die Klinik verlassen. Eine Gruppe von Forschern hat nun diese Standardbehandlung weiterentwickelt. In den USA verschließen Orthopäden mittlerweile das entstandene Loch im Ring noch während der Operation. Dabei wird die undichte Stelle im verbleibenden Faserring über ein kleines Implantat abgedichtet und am benachbarten Wirbel verankert. Aber auch in deutschen Kliniken verschließen Chirurgen bereits entstandene Löcher in Faserringen. Diese Modelloperationen befänden sich aber noch im Anfangsstadium, meint Büttner-Janz. Die meisten Fachärzte in Deutschland vertrauen nach der Operation weiterhin auf die Selbstheilung des Körpers. Nach sechs bis zwölf Wochen eingeschränkter Belastung sei die Öffnung vernarbt und dadurch wieder dicht – der Körper wieder voll belastbar.

Alternative Behandlungsmethoden bei erneuter Operation

Bislang bräuchten bis zu zehn Prozent der Patienten innerhalb von zwei oder mehr Jahren eine erneute Operation, weil Anteile des Bandscheibenkerns erneut durch den Faserring getreten und die Beschwerden wieder spürbar sind. Auch Johanna Freese zählt zu den Patienten, bei denen nach einigen Jahren eine erneute Nucleotomie nötig wird. "Das ist mitunter eine Frage des Schicksals, wen es trifft", sagt Büttner-Janz. Viel hänge aber auch von der Erfahrung des Operateurs ab. Entfernt er zu wenig vom Kern, kann es zu einem erneuten Bandscheibenvorfall kommen. Nimmt er zu viel heraus, wächst die Gefahr, dass die Bandscheibe instabil und dann eine stabilisierende Operation notwendig wird. Verspricht eine erneute Entfernung von ausgetretenem Bandscheibenmaterial keine Heilung, bleiben den Ärzte alternativ drei Möglichkeiten: Entweder implantieren Orthopäden nur einen neuen Kern oder eine ganze Bandscheibenprothese. Oder aber sie verschrauben die benachbarten Wirbel mit der Bandscheibe dazwischen, wodurch der Bereich versteift und die Beweglichkeit der Wirbelsäule eingeschränkt wird. Für diese Verfahren legen die Operateure unter Umständen komplizierte Zugänge. "Manche Eingriffe werden von vorne durch den Bauch durchgeführt, direkt an der Hauptschlagader vorbei", sagt Büttnber-Janz. "Diese Operationen verlangen viel Know-how und sollten erst dann durchgeführt werden, wenn der Patient wegen starker Schmerzen nicht mehr zurechtkommt." Das entfernte Bandscheibenmaterial direkt nach einer Nucleotomie mit einem künstlichen Kern aus Kunststoffen oder Metallkonstruktionen zu ersetzen, hält Büttner-Janz für nicht angebracht. Das Ersatzmaterial könne wie der Bandscheibenkern selbst verrutschen und auf die Nerven drücken. Wenn es aufgrund der Beschwerden unbedingt notwendig ist, dann sollten künstliche Bandscheiben eingesetzt oder die benachbarten Wirbel versteift werden, so Büttner-Janz. In vergleichenden Untersuchungen habe sich gezeigt, dass künstliche Bandscheiben zu mindestens ebenso guten Ergebnisse führen wie Versteifungsoperationen. Doch sind sie nicht für alle Betroffenen geeignet – da ein gesunder Knochenbau dafür Vorraussetzung ist. Künstliche Bandscheiben werden vor allem bei jüngeren Patienten implantiert, um ihre Beweglichkeit des Körpers zu erhalten.

"Nochmal diesen Stress würden meine Nerven nicht aushalten" Siegfried Vogel erwartet, dass bei Johanna Freese keine weiteren Eingriffe nötig sind, als er nach einer Stunde im Operationssaal die letzten Nähte an der Rückenwunde zuzieht. Minuten später holt sie der Anästhesist aus der Betäubung. Fünf Tage später ist Johanna Freese wieder zu Hause. Das Bein ziepe noch ein bisschen, der Schmerz im Rücken jedoch sei fast weg. "Kein Vergleich zur ersten OP." Zwei Wochen hat sie noch, dann beginnt ihre Reha. Bis dahin will sie es langsam angehen lassen. "Beim letzten Mal habe ich mich zu schnell überfordert." Eine dritte Operation will sie unbedingt vermeiden. "Noch mal diesen Stress, das würden meine Nerven nicht aushalten."


*Name geändert



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