OP-Report: Gynäkologe mit dem Skalpell

Myome, Zysten, Endometriose – eine OP der weiblichen Genitalien kann viele Gründe haben. Wir berichten von zwei gynäkologischen Operationen.

Myome, Zysten, Endometriose – eine OP der weiblichen Genitalien kann viele Gründe haben. Wir berichten von zwei gynäkologischen Operationen.


Ein wenig ist es ihr peinlich. Die Operationswunde an ihrem Unterbauch hat noch etwas nachgeblutet und das Laken beschmutzt. Aber die Krankenschwester beruhigt die Patientin. Das sei nach so einem Eingriff ganz normal und sie werde jetzt mal schnell frische Bettwäsche zum Wechseln holen. “Machen Sie sich keine Sorgen!”

Sasaki Hiromi* lächelt schüchtern, nachdem die Schwester gegangen ist. Die 34- Jährige war vor zehn Jahren von Tokio nach Berlin zu ihrem Mann gezogen und hatte nun zum ersten Mal ein deutsches Krankenhaus aufsuchen müssen. Zwei Tage zuvor haben ihr die Ärzte des Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikums in Schöneberg eine Zyste an den Eierstöcken herausoperiert – noch drei Tage, dann kann sie die Klinik verlassen.


Nur die “Schokoladenzysten” werden entfernt

Eine Zyste an den weiblichen Fortpflanzungsorganen ist zunächst einmal etwas ganz Normales. Dieser meist zwei bis sechs Zentimeter große, flüssigkeitsgefüllte Hohlraum bildet sich während des Regelzyklus in den Eierstöcken, platzt beim Eisprung und verschwindet wieder von allein. Solche sogenannten Funktionszysten müsse man aus medizinischen Gründen ganz gewiss nicht herausschneiden, sagt Herbert Mecke, Direktor der Klinik für Gynäkologie am Auguste-Viktoria-Klinikum. “Erst, wenn diese über mehrere Zyklen bestehen bleibt, dann muss der Chirurg eingreifen und sie entfernen.”

So wie bei Sasaki Hiromi. Dass sie Zysten an den Eierstöcken hat, das wusste sie schon lange. Normale Funktionszysten. Es gab keine Probleme. Doch im Sommer 2008 änderte sich das. Plötzlich kamen die Regelblutungen in unregelmäßigen Abständen. Die zierliche Frau mit den tiefschwarzen Haaren machte sich nun doch Sorgen – vor allem deshalb, weil sich das Ehepaar entschlossen hatte, Kinder zu bekommen. Sasaki Hiromi hatte schon mit einer Hormonbehandlung begonnen.


Ursachen noch unklar

Die Sprachlehrerin für Japanisch ging Anfang Juni 2008 zum Gynäkologen, der schnell die Diagnose stellte: Sasaki Hiromi leidet unter Endometriose. So bezeichnet der Mediziner Ansammlungen von Gebärmutterschleimhaut, die sich aus bisher unklaren Gründen über die Eierstöcke in den Bauchraum ausbreiten und dort zu Verklebungen und schädlichen Zysten führen können. Im schlimmsten Fall stören sie so die Eizellreifung und können zur Unfruchtbarkeit führen.


Kein Risiko für die Fruchtbarkeit

Die durch Endometriose verursachten Zysten enthalten ein bräunlich zähes Sekret aus Menstruationsblut, weshalb sie auch – als Laie denkt man: irgendwie unpassenderweise – als “Schokoladenzysten” bezeichnet werden. Sie können unbehandelt bis auf eine Größe von 15 Zentimetern und mehr heranwuchern. Eine operative Entfernung ist dann unvermeidlich, meist geschieht das mit der schonenden minimalinvasiven Technik über kleine Schnitte im Unterbauch.

Der Arzt könne die Hohlräume, die oft mit einer harten Schale umhüllt in der Wand des Eierstocks sitzen, gut herausschälen, ohne das Gewebe zu schädigen, sagt Mecke. So wie bei Sasaki Hiromi. Die Frau liegt in Vollnarkose auf dem Operationstisch. Der Unterbauch ist mit Kohlendioxid aufgeblasen, um dem Chirurgen ein freies Operationsfeld für die Endoskope zu bieten. Mit den langstieligen Instrumenten und einer Kamera, die durch drei kleine Schnitte in den Bauch der Patientin geschoben werden, operiert Chefarzt Mecke die dunklen Zysten an den Eierstöcken. Während Mecke den Eierstock öffnet und die Zyste ausschält, tritt ein zahflüssiges Sekret aus, das der Chirurg aus dem Bauchraum absaugt. Tatsächlich: Es hat die Konsistenz und die Farbe von flüssiger Vollmilchschokolade. Mecke zerteilt die nun leere Hülle der Zyste und löst sie vom Eierstock. Mithilfe eines kleinen Greifers holt er die Reste des unnützen Gewebes aus dem Bauch heraus. Anschließend wird der Eierstock wieder vernäht: “Da besteht kein Risiko für die Fruchtbarkeit, im Gegenteil. Damit erhalten wir sie.”


Ein Myom kann den Verlust der Gebärmutter bedeuten

Eine andere typische gynäkologische Operation musste Yvonne Heyne* über sich ergehen lassen – und kann danach keine Kinder mehr bekommen. Es fing alles mit einem unangenehmen Druck im Bauch an, irgendwann wurde sie scheinbar dicker und bekam den Reißverschluss ihrer Hosen nicht mehr zu. Aber wer Yvonne Heyne sieht, der ahnt, dass so eine Frau nicht in kurzer Zeit mal eben ein paar Pfunde zulegt. Eine kleine Frau, 38 Jahre alt, einssechzig groß. Das mädchenhafte Gesicht und die dünne, blasse Haut passen zu ihrer zierlichen Gestalt.

Im März 2006 erfuhr Yvonne Heyne, dass in ihrer Gebärmutter eine gutartige Geschwulst wucherte, ein Myom. Etwas, das häufig ist und bei 6000 Berliner Frauen jährlich zu einer Operation führt. Die Gynäkologin sagte: Das kranke Organ muss raus und überwies ihre Patientin in die Park-Klinik Weißensee. Zwei Wochen Krankenhaus, und es sei ausgestanden. Solch eine Operation bedeutet aber auch, dass eine Frau keine Kinder mehr bekommen kann. Darüber habe sie jedoch nicht lange nachgedacht, sagt Yvonne Heyne: “Ich wollte ja nie welche.”

Warum Myome entstehen, ist noch weitgehend unklar. “Könnte sein, dass die weiblichen Hormone etwas damit zu tun haben”, sagt Dieter Johannsmeyer, Gynäkologie-Chefarzt der Park-Klinik. Möglicherweise habe auch die genetische Veranlagung darauf Einfluss.


Myome verkleinern sich im Alter oft von allein

Ignorieren lassen sich Myome nicht. Die Geschwulste in der Gebärmutterwand verursachen Unterleibsschmerzen, da sie auf Blase oder Darm drücken. Sie können auch die Regelblutung stören. Aber: “Die operative Entfernung der Gebärmutter muss an letzter Stelle stehen – wenn alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sind”, sagt Johannsmeyer. Die Hälfte aller Frauen habe Myome – und nicht immer müsse man operieren, weil sich die Geschwulste im Alter von selbst wieder verkleinerten. “Leider kommen manchmal auch Frauen zu uns, denen man zur Entfernung der Gebärmutter geraten hat, obwohl das gar nicht nötig wäre”, sagt der Mediziner. Dann schicke er die Patientinnen wieder nach Hause. “Manchmal auch im zähen Widerstreit mit dem einweisenden Arzt.” Wenn eine Operation unumgänglich ist, dann hängt es von der Größe des Myoms ab, ob ein organerhaltender Eingriff noch möglich ist, bei dem der Arzt nur die Myome herausschneidet.


Größe des Geschwulst bestimmt OP-Methode

Doch derzeit wird bei Beschwerden wegen eines Myoms häufiger die Gebärmutter komplett entfernt, vor allem bei Frauen jenseits der Wechseljahre. Für diese Operation wählen die Ärzte bei fast 70 Prozent der Patientinnen den Weg über die Vagina, weil die Wunde dann schneller verheilt. Dabei zieht der Operateur die Gebärmutter, die zwölf Zentimeter über dem Scheideneingang sitzt, Stück für Stück aus dem Körper heraus, trennt dabei nach und nach das umgebende Haltegewebe schonend ab. Die Schnittwunden werden sofort mit einer Zange, die durch starke Stromstöße erhitzt wird, “verkocht” und so verschlossen. Es fließt dabei praktisch kein Blut. Nach 15 bis 60 Minuten ist so ein Eingriff überstanden.

Eine minimalinvasive Operation mit langstieligen Instrumenten, die durch kleine Schnitte am Bauch eingeführt werden, dauert dagegen bis zu drei Stunden. Jede zehnte Frau, deren Gebärmutter entfernt werden muss, wird so operiert. Die Methode gilt als schonender.

Für Yvonne Heyne waren das keine Optionen. Das Myom in ihr war einfach schon zu groß. Es hatte das Normalgewicht der Gebärmutter fast verzwanzigfacht, wog 1,3 Kilogramm. Normalerweise bringt so eine Geschwulst zwischen 250 und 500 Gramm auf die Waage. Johannsmeyer musste sie über einen Bauchschnitt herausholen. Eine 20 Zentimeter lange Narbe vom Bauchnabel bis zum Unterbauch erinnert Yvonne Heyne jetzt immer daran, dass hier etwas wuchs, was da nicht hingehörte.


*Name geändert



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