OP-Report: Erstschlag-Prävention

Für rund die Hälfte aller Schlaganfälle ist eine Verengung der Halsschlagader die Ursache. Mit einer Operation kann der Arzt die Verengung beseitigen. Wir waren bei einem solchem Eingriff dabei.


So richtig wohl zumute ist Herbert Wegner nicht. Daran ändert auch das gedämpfte Licht nichts, dass der Anästhesist extra heruntergedimmt hat, um etwas von der sterilen OP-Atmosphäre zu vertreiben. Herbert Wegner liegt mit dem Rücken auf einer Liege im Vorraum eines Operationssaals im Hubertus Krankenhaus in Zehlendorf. In seiner rechten Armbeuge steckt ein Zugang für das Narkosemittel, auf seinem rechten Hals prangt ein dickes, mit Filzstift gemaltes Kreuz. Einen Zentimeter darunter verläuft seine Halsschlagader, die Karotis. Auf 20 Prozent ihres eigentlichen Umfanges ist sie verengt, hat die Ultraschalluntersuchung ergeben. Deswegen ist Herbert Wegner hier. Ein Schlaganfall droht. In wenigen Minuten werden die Ärzte seinen Hals aufschneiden und die Arterie durchtrennen, um die Verengung zu beseitigen.


Die meisten Verstopfungen liegen hinter einer Abzweigung

Eine Schwester in einem blauen OP-Hemd greift nach Herbert Wegners Arm und injiziert eine weiße Flüssigkeit. Sekunden später reagiert der 82-Jährige nicht mehr auf die Fragen des Anästhesisten, dessen Gesicht hinter einem weißen Mundschutz verborgen ist. Als sich die Türen des Operationssaals öffnen, zeigt die Uhr an der gekachelten Wand zwanzig nach eins.

“Feuer”, sagt Christoph Albiker, Chefarzt der Gefäßchirurgie im Evangelischen Hubertus Krankenhaus. Es ist das Signal für die OP-Schwester, den Stromkreislauf für das Elektroskalpell einzuschalten, mit dem er das Gewebe an Herbert Wegners Hals zerteilt. Seine Handbewegungen sind schnell und routiniert. Nur Minuten braucht er, nachdem er mit einem Skalpell den Hals geöffnet hat, um bis zur verengten Karotis vorzudringen. Auf seiner Nase sitzt eine Lupenbrille, die das Operationsfeld in vierfacher Vergrößerung zeigt. Auch ohne Vergrößerungsgläser ist die Karotis aber gut zu erkennen. Weiß, etwa von der Dicke eines Strohhalms, liegt sie im roten Muskelgewebe. Dort, wo die Verstopfung sich befindet, teilt sich die Schlagader in die nach innen laufende Gesichtsarterie und eine ins Gehirn laufende Außenarterie. “Die Verstopfung liegt fast immer hinter der Abzweigung”, sagt Albiker. ’”Wegen des dort entstehenden Strudels setzen sich hier leichter Blutgerinnsel, Fett- und Kalkablagerungen ab.” Je nach Zusammensetzung kann die Verstopfung hart und porös wie Kalk oder weich und elastisch wie Gummi sein. “In jedem Fall aber kann man sie spüren”, sagt Albiker. Die Arterie ist in dem Bereich viel härter.


Ein 1,5 cm langer weißer Pfropfen

Nachdem er die Verengung lokalisiert hat, klemmen die Operateure die Ader ober- und unterhalb der Problemzone ab. Die Versorgung des Gehirns mit Sauerstoff durch das Blut läuft nun über die Arterien auf der anderen Seite des Halses und im Nacken.

Dann durchtrennt Albiker mit einem Skalpell die Halsschlagader. Das Gefäß bietet kaum Widerstand. Das Innere ist fast komplett mit einer weißen Masse ausgefüllt. Vorsichtig drückt Albiker oberhalb der Schnittstelle die Karotis mit einer Klemme zusammen. Ein einziger winziger Blutstropfen erscheint. “Komplett zu”, sagt er und beginnt die Arterie umzustülpen. Mit einer Pinzette zieht er einen etwa 1,5 Zentimeter langen weißen Pfropfen hervor. Er landet auf dem sterilen grünen Tuch, das auf Herbert Wegners Bauch liegt. Danach spült Albiker das Gefäß mit Kochsalzlösung aus. “Das ist notwendig, damit kein loser Rest übrig bleibt”, sagt Albiker. Der könnte sonst, nachdem das Gefäß wieder genäht wurde, mit dem Blut ins Gehirn getragen werden und so einen Hirnschlag auslösen.

Mit einem Faden beginnt Albiker, das Gefäß wieder zuzunähen. Nach ein paar Stichen löst er kurz die obere Klammer. Ein Schuss Blut spritzt aus der Naht, quer über Albikers Handschuhe und auf seine Brust. “Sehr gut”, sagt er. “Das ist ein Zeichen dafür, dass die Vene auf der anderen Seite gut arbeitet.” Drei weitere Stiche schließen das Gefäß, er löst die Klammer. Das Blut fließt wieder.

Mit einem Ultraschallgerät überprüft er dann den Fluss. Das stabförmige Mikrofon hält er direkt an die Karotis. Schnelles, wellenartiges Rauschen dringt aus dem Lautsprecher. Albiker ist zufrieden. Eine Verstopfung klänge höher, kürzer, gepresster. Der Schnitt im Hals wird genäht. Herbert Wegner wird zur Beobachtung auf die Intensivstation gebracht. Routine. Die Uhr an der Wand zeigt 10 Minuten vor zwei Uhr.


Erfolgreiche Vorsorge

“Dieses typische Rauschen kann auch jeder Hausarzt bei einem Gesundheitscheck mit einem Stethoskop hören”, sagt Albiker, als er zehn Minuten nach der Operation in seinem aufgeräumten Sprechzimmer hinter seinem Schreibtisch sitzt, auf seiner Nase eine kleine rahmenlose Brille mit ovalen Gläsern. An den Wänden hängen Schaubilder von menschlichen Gefäßsystemen. Inzwischen seien die Hausärzte gut hinterher, was die Schlaganfallvorsorge angehe, sagt er. Deshalb wären auch 70 Prozent der Patienten, die er operiere, noch im ersten Stadium einer Erkrankung. Das heißt, es gibt eine Verengung, Probleme hätten die Leute aber noch keine.

So wie Herbert Wegner. Drei Tage nach der Operation sitzt er in einem rot-blauen Trainingsanzug im Besucherzimmer auf seiner Station im zweiten Stock der Klinik. An seinem rechten Hals sieht man noch die schwarzen Fäden. Am nächsten Tag, kurz vor der Entlassung, sollen sie gezogen werden. “Ich bin damals nur zum Arzt gegangen, weil ich plötzlich meinen Puls in meinem linken Ohr hören konnte”, sagt der schlanke Mann mit den weißen Haaren. Eigentlich habe er an einen Tinnitus gedacht und nicht an eine Stenose, obwohl er gleich zu zwei Risikogruppen gehört: Er ist über 70 und Diabetiker.


OP oder Stent?

Die Hausärztin von Herbert Wegner hatte deshalb gleich den richtigen Verdacht. Sie schickte ihn zum Spezialisten. Der bestätigte: Arterienstenose. “Dass man da was machen musste, war keine Frage”, sagt Herbert Wegner. Doch was? Die Operation ist nur eine Möglichkeit. Die Ärzte können die Engstelle auch mit einem Stent, einer kleinen Drahtröhre offenhalten. Seine Ärzte rieten ihm zu einer Operation. “Die ist bei uns immer die erste Wahl”, sagt Christoph Albiker. “Das Risko für einen erneuten Eingriff nach einem Jahr ist bei einem Stent höher”, sagt er. Außerdem werde bei einem Stent die Verengung nur platt gedrückt, aber nicht entfernt. Nur bei besonders alten Menschen, für die eine Narkose ein Risiko bedeutet, empfehle er diese Methode.

Sein Kollege André Schmidt-Lucke, Chefarzt der Inneren Abteilung am Berliner Gefäßzentrum im Franziskus-Krankenhaus, ist anderer Meinung. Er bevorzugt bei verengten Arterien einen Stent. “Dabei wird mittels eines Katheters eine Drahtröhre durch einen Zugang in der Leistengegend bis zur Engstelle im Hals vorgeschoben und dann mit einem Ballon aufgedehnt”, erklärt er in seinem Büro im vierten Stock. Diese Behandlung sei aufgrund der nicht notwendigen Betäubung weniger belastend für den Patienten, es gebe weniger Probleme mit der Wundheilung und die Liegezeit in der Klinik sei auch kürzer. Die Kritik, dass manche Häuser die Stents den OPs aus Kostengründen vorziehen würden, hält er für nicht plausibel. “In der Tat ist die kürzere Verweildauer für die Klinik billiger, auf der anderen Seite kostet das Material für die Implantation eines Stents aber bis zu 2000 Euro.” Rund das Zehnfache, was bei einer Operation an Materialkosten anfalle. Er würde von einem Stent vor allem dann Abstand nehmen, wenn die Gefäße des Patienten zu stark gekrümmt wären, um einen sicheren Halt zu garantieren. “Der Stent ist die jüngere Methode, aber nicht schlechter”, sagt er. Das Risiko, durch die Behandlung einen Schlaganfall auszulösen, läge bei beiden Methoden unter drei Prozent.


Am Katheter entlang durch den Körper

Für Sieghart Paul, der zwei Stockwerke unter Schmidt-Lukes Büro gerade auf dem Rücken auf einem Tisch liegt und auf seine Stent-Implantation wartet, war vor allem ausschlaggebend, dass er sich nicht narkotisieren lassen musste. Er ist wach, ein wenig aufgeregt. Trotzdem macht er einen Witz, als der behandelnde Arzt ihn fragt, wie es ihm geht. “Prima, nur lachen darf ich jetzt wohl nicht mehr”, sagt er. Über Sieghart Pauls Körper ist steriles Tuch gespannt, das nur am rechten Becken eine kreisrunde Öffnung hat.

Hier legen die Ärzte einen Zugang in die Leistenarterie. Direkt über dem Tisch hängen drei Monitore. Auf einem werden die Vitalwerte des Patienten angezeigt, die beiden anderen sind mit einer Röntgenmaschine verbunden, die über dem Tisch schwebt. Auf ihnen können die Ärzte den Weg des etwa einen Meter langen Kunststoffkatheters verfolgen, vorbei am Herzen hinauf zur Engstelle im rechten Hals. Wegen der Röntgenstrahlung müssen die Mediziner während der ganzen Behandlung Bleischürzen tragen. Sieghart Paul, dessen Kopf festgeschnallt ist, damit die Gefäße in seinem Hals sich nicht bewegen, spürt den Katheter in seinem Körper nicht. Nur als ein Kontrastmittel in die Gefäße eingespritzt wird, um das Röntgenbild zu verbessern, wird es heiß, erzählt er später.

Auf den Monitoren erscheint das Bild seiner Halsarterie. Wie ein Bindfaden, der zwei Finger verbindet, sieht die Engstelle aus. “Die Ultraschalluntersuchung hat eine Verstopfung von über 80 Prozent ergeben. Das hier sind aber mindestens 95 Prozent”, sagen die Ärzte und schieben über den Katheter einen länglichen, aufblasbaren Ballon in den Hals hinauf, mit dem sie Platz schaffen für den Stent, der danach, ebenfalls am Katheter entlang, in die Engstelle geschoben wird. Mit einem zweiten Ballon wird er aufgedehnt. Ein neues Röntgenbild zeigt, dass die Engstelle verschwunden ist. Knapp eine Stunde hat die Behandlung gedauert.


“Gefäßkranke sind überall krank.”

Vier Stunden später liegt Sieghart Paul wieder in seinem Krankenzimmer. Er ist munter. “Alles gut gegangen”, sagt er. Bei ihm wurde die Stenose bei einem Routinecheck nach dem Verschluss einer Beinschlagader festgestellt. Die Ärzte überprüften danach auch die andern Zonen, an denen sich schnell Verengungen bilden: Herz und Karotis. “Gefäßkranke sind überall krank”, sagen die Ärzte. Ist eine Arterie verengt, steigt das Risiko, dass auch andere verstopfen. Bei Sieghart Paul war das Herz okay, aber beide Halsschlagadern waren total verkalkt. Für die Ärzte nicht wirklich überraschend. Der 53-jährige ehemalige Lastwagenfahrer gehört gleich drei Risikogruppen an: Er hat hohe Cholesterinwerte, Altersdiabetes, ist starker Raucher. “Früher waren es bis zu zwei Schachteln am Tag”, sagt der stämmige Mann mit der tätowierten Blume auf dem rechten Unterarm. Heute käme er mit einem Päckchen Tabak drei Tage hin. Es sei denn, Hertha spiele. Mit dem Rauchen muss er jetzt aufhören. Zwei Wochen hat er noch, dann bekommt er auch in seine andere Karotis einen Stent. Bis dahin will er es eigentlich geschafft haben. Noch weiß er nicht, ob es klappt.

(Namen von der Redaktion geändert)



Artikelsuche ?

Routenplaner

Planen Sie Schritt für Schritt, wer Sie medizinisch auf Ihrem Behandlungspfad versorgen soll - von der Vorsorge über die ambulante Behandlung bis hin zur stationären Versorgung und anschließender Rehabilitation. Lassen Sie sich dafür die in der Datenbank enthaltenen Einrichtungen in der Region Berlin-Brandenburg anzeigen, die diese Erkrankung behandeln.

Tagesspiegel GESUND

Tagesspiegel Gesund 08 Tagesspiegel Gesund 09 Tagesspiegel Gesund 10

Fachkompetentes Praxiswissen informativ aufbereitet
Informationen zu Behandlungsmethoden und Gesundheitstrends aus Berlin und Umgebung
Von der Gesundheitsberater-Berlin-Redaktion

Aktuell am Kiosk oder direkt im
Tagesspiegel-Shop

Wir liefern Qualität

Erfahren Sie mehr darüber, wie unsere Texte entstehen, wie die Daten geprüft werden und wie sich das Portal finanziert.
Jetzt informieren.

Sie sind uns wichtig und wir freuen uns über Ihre Meinung zu unserem Portal. Welche Themen andere Leser interessierten lesen sie unter Leser fragen - die Redaktion antwortet