OP-Report: Einschneidende Erfahrung

Am Anfang dachten sie, ihr Sohn sei einfach nur stur. Dann stellte sich heraus, der Junge hörte tatsächlich schlecht


Keine Gala, keine Bunte, kein Stern. Stattdessen ein Janosch-Buch, eine zerlesene Ausgabe von “Karius und Baktus” und ein Schwung Pixi-Hefte. Der Inhalt der Bücherbox im Wartezimmer der Hals-Nasen-Ohren-Abteilung des Vivantes Klinikums in Friedrichshain zeigt deutlich, welche Patientengruppe hier am häufigsten Platz nimmt: Kinder zwischen zwei und acht Jahren.


Eines von ihnen ist der dreijährige Luis, der mit seinen Eltern im fünften Stock der Klinik wartet. Die sterile Krankenhausatmosphäre scheint den blonden Jungen aber wenig zu beeindrucken. Lachend sitzt er bei seinem Vater auf dem Schoß und albert mit ihm herum. Vielleicht ist er aber auch deshalb so entspannt, weil er schon eine Menge Erfahrung mit Ärzten, Untersuchungen und Wartezimmern hat. Seit ein paar Minuten ist er um eine Erfahrung reicher. Gerade hat er ­einen weiteren Hörtest hinter sich gebracht. Ergebnis: Rechtes Ohr normal, links deutliche Defizite. “Die Messkurve war viel flacher, als sie sein müsste”, sagt Kamila Nosal, die Mutter von Luis. Die Tests waren die Voruntersuchung für die Operation, die einen Tag später ansteht.


Langer Weg zur richtigen Diagnose

Dass mit ihrem Kind etwas nicht stimmte, bemerkte Kamila Nosal das erste Mal im Spätsommer 2007. “Luis hatte dauernd Schnupfen und Husten”, erinnert sich die 30-jährige Mutter. “Ein halbes Jahr lang waren wir alle zwei bis drei Wochen beim Kinderarzt.” Dort bekam Luis allerdings nur Nasentropfen. Und seiner Mutter wurde gesagt, es sei halt ein schlimmer Winter. Sie solle sich keine Sorgen machen. Der Schnupfen wurde dann tatsächlich besser. Dafür verschlimmerte sich der Husten. “Das war ein richtiges Rasseln und Röcheln”, sagt Kamila Nosal. “Wir hatten Angst, dass Luis Asthma bekommt.” Also brachte sie ihren Sohn zum Lungenarzt. Auch der ließ Luis zwei Monate lang Medikamente schlucken. Besser wurde es trotzdem nicht.


Im Frühling dann meldete sich ­Luis’ Kitabetreuerin bei den Eltern. Der ­Junge höre schlecht, sagte sie. Zuerst habe sie gedacht, es sei nur “seine Sturheit”, dann aber habe sie bemerkt, dass auch die anderen Kinder Luis immer anstubsten, wenn sie etwas von ihm wollten.

“Zu der Zeit hat es dann auch angefangen, dass Luis die Ohren wehtaten, wenn es laut wurde”, erzählt seine Mutter. “Wenn draußen ein Notarztwagen vorbeifuhr, hat er sich immer sofort die Ohren zugehalten.” Nächste Station: HNO-Arzt. Der guckte in Luis’ Hals und sagte sofort: Wir müssen operieren. Die Rachenmandeln seien geschwollen und verstopften die Ohrtrompete, den Verbindungsgang zwischen Rachen und Gehörgang. Deshalb hätte sich im Ohr Sekret angestaut und das Trommelfell entzündet. Der Mediziner riet zu einem Einschnitt ins Trommelfell und zur Entfernung der Rachenmandeln.


“Das zu hören, war schlimm”, sagt Kamila Nosal. Sogar ein paar Tränen habe sie in den Augen gehabt, sei dann aber doch sehr erleichtert gewesen, endlich zu wissen, was los war. Sie machte einen Termin im Klinikum Friedrichshain – dem Krankenhaus, in dem Luis zur Welt gekommen war. Sechs Wochen wartete sie. Diese Zeit ist jetzt um.


Klassisches Symptom: Verzögerte Sprachentwicklung

“Die Geschichte von Luis ist typisch”, sagt Parwis Mir-Salim am nächsten Tag über das nähmaschinengroße Modell eines menschlichen Ohres hinweg, das in seinem Büro auf dem Schreibtisch steht. Seit 2003 ist er Chefarzt der Abteilung. In einer halben Stunde wird er Luis operieren. Kinder hätten durch Kita und Schule ein erhöhtes Infektions­risiko. Oft dauere es jedoch, bis die ­Erkrankung richtig erkannt sei. Die Betroffenen haben nur selten Schmerzen. “Klassische Symptome sind eher Schwerhörigkeit oder eine verzögerte Sprachentwicklung.”


Auch den Kinder- und ­Hausärzten könne man keinen Vorwurf machen, wenn sie nicht gleich den richtigen ­Befund stellen. Mit ihren Instrumenten könnten sie gar nicht so tief in Hals, Nase oder Ohren gucken, wie sie müssten. Auch dass erst die Erzieher in der Kita die entscheidenden Hinweise geben, sei typisch, sagt Mir- Salim, als er wenig später und vier Stockwerke tiefer die Tür zum Operationssaal aufstößt.


Weißliches Gewebe, durchzogen von roten Adern

Dort liegt Luis rücklings auf dem OPTisch in der Mitte des Raumes. Er ist ein bisschen benommen vom Beruhigungsmittel. Sein Augen sind ganz glasig. Selig guckt er zur Krankenschwester, die einen Stoffhasen mitgebracht hat und vor seinen Augen tanzen lässt. Widerstandslos lässt er sich die Elektroden zur Überwachung des Herzschlags auf die Brust kleben. Nur als die Anästhesistin eine Nadel in seinen Handrücken sticht, um das Narkosemittel zu injizieren, zuckt er kurz. Sekunden später ist er eingeschlafen, und die Schwestern breiten ein steriles grünes Tuch über dem kleinen Körper aus. Nur Luis’ linkes Ohr schaut danach noch durch eine kleine Öffnung hervor.


Auf einem Stuhl rollt Parwis Mir-Salim an das Ohr heran und bringt ein von der Decke hängendes Mikroskop, das mit seinen zwei Haltegriffen an ein Periskop aus einem U-Boot erinnert, in Position. Dann führt er einen Trichter in das Ohr von Luis ein. Das Metallstück biegt den weichen Knorpel im Ohr so, dass der Blick auf das drei Zentimeter tief liegende Trommelfell frei wird. Rote Adern durchziehen das weißliche Gewebe. “Ein deutlicher Hinweis auf eine ­Entzündung”, sagt Parwis Mir-Salim. “Ein gesundes Trommelfell ist transparenter.”


Ohrensekret zäh wie Pattex

Auf einem Bildschirm kann das OP-Team verfolgen, was Mir-Salim durch das Mikroskop sieht und wie er mit einem Miniatursauger den Ohrenschmalz entfernt. Dann greift er zu einem langstieligen Skalpell und macht einen etwa ein Millimeter langen Schnitt ins Trommelfell. Als er den Sauger ansetzt, quillt ein wenig weißes, zähflüssiges Sekret hervor.


“Wenn wir früher operiert hätten, dann würde dieser Einschnitt jetzt schon reichen”, sagt Mir-Salim. Durch das Loch könnte das angestaute ­Sekret in ein paar Tagen abfließen. Bei Luis aber hat sich der Schleim in der ­langen Zeit schon zu sehr verhärtet. “Nach drei Monaten wird das zäh wie ­Pattex”, sagt Parwis Mir-Salim. Deshalb setzt er mit einer kleinen Zange ein nur ­einen Millimeter durchmessendes ­sogenanntes Paukenröhrchen in das Trommelfell ein. Das Röhrchen, das aussieht wie ­eine winzige leere Leukoplastrolle, soll verhindern, dass das Trommelfell wieder zuwächst, bevor das Sekret abgeflossen ist. “Durch die Öffnung in dem Röhrchen gelangt Luft ins Mittelohr, und der Schleim kann abfließen,” sagt der Chefarzt. Nach etwa sechs Monaten fällt das Titan-Implantat von allein aus dem Ohr heraus.


Sicherheitshalber begutachtet Mir-Salim danach noch das linke Ohr. Durch das Mikroskop kann man erkennen, dass dieses Trommelfell wie Milchglas schimmert. Alles okay. Mir-Salim macht trotzdem einen ­winzigen Schnitt hinein. Zur Kontrolle. Es zeigt sich kein Sekret. “Der Schnitt verheilt binnen Tagen”, sagt er. Nach nur 20 ­Minuten ist damit der erste Teil der Operation überstanden. Was anschließend folgt, ist die Entnahme der Rachenmandeln. Dass man beide Operationen miteinander verbinde, sei inzwischen Standard, sagt Mir-Salim und rollt mit seinem Stuhl zur Stirnseite des OP-Tisches.


Mandel-OP ohne Narkose – vor 25 Jahren völlig normal

Das Tuch, das Luis’ Kopf bedeckt, wird zurückgeschlagen und sein Nacken durchgestreckt. Eine Klammer, die auf der Zunge und dem Gaumen aufliegt, wird im Mund des ­Jungen befestigt, um ihn offen zu halten. Tief im Rachen ­lassen sich die geschwollenen Mandeln erkennen. Rotes ­Gewebe, einer zerklüfteten Kraterlandschaft ähnlich.

“Vor 25 Jahren hat man die Operation noch ohne Narkose gemacht”, sagt Mir-Salim, während er mit einem schmalen Schabemesser das Gewebe herauskratzt. “Die Kinder wurden im Sitzen festgehalten, eine Art ­Miniguillotine mit einem Auffangkorb in ihren Rachen geschoben und ­fertig.” Ein sehr riskanter Eingriff. Durch neue Methoden sei die Operation nun wesentlich ungefährlicher und kann meist ambulant gemacht werden. Nur die Wunden müssen die Ärzte danach gut versorgen. Besonders bei kleinen Kindern könnte ein hoher Blutverlust sonst wegen der ­insgesamt geringen Blutmenge schnell zum Problem werden. Mit Tamponaden – die an Bindfäden hängen, damit sie nicht im Hals verloren gehen – stoppt der Chirurg die Blutungen aber schnell. Nach 45 Minuten ist die Operation vorbei. Dann wird die Aufwachphase eingeleitet.


Spezialohrstöpsel fürs Schwimmbad

“Es hat etwas gedauert, ihn wach zu bekommen”, sagt Kamila Nosal eine Woche später. “Luis ist ein Langschläfer und hätte am liebsten gleich weitergepennt.” Probleme habe es nach der Operation nicht ge­geben. Vier Stunden nach dem Eingriff durften die beiden bereits nach Hause. Luis hatte noch ein wenig Nasenbluten und Halsschmerzen, nach ­einer Portion Eis und einem Mittagsschlaf sei jedoch alles wieder völlig in Ordnung gewesen. Auch der HNO-Arzt, bei dem sie zwei Tage nach der Operation zur Kontrolle waren, sei erstaunt gewesen, wie schnell sich der Junge erholt habe.


Nur ärgerlich, dass Luis wegen des Röhrchens kein Wasser ins Ohr bekommen dürfe. Darin lebende Keime könnten eine Entzündung auslösen. Und die Ohrstöpsel aus der Apotheke, die fielen ständig heraus. Schwimmbadbesuche seien momentan ein Problem. Kamila ­Nosal hat nun beim Akustiker Ohrstöpsel anfertigen lassen. 40 Euro kosten die. “Was soll ich machen? Ich kann dem Jungen ja schlecht das Planschen verbieten.”




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