OP-Report: Drahtschlinge im Schlund

Wenn Mandeln chronisch entzündet sind, hilft nur noch das Herausschneiden – auch wenn man dabei länger abwartet und beobachtet als noch vor 20 Jahren


Marc Bloching, Chefarzt für Hals-Nasen-Ohren – Heilkunde, zieht sich Gummihandschuhe über und tritt an den Operationstisch im Helios-Klinikum Berlin Buch. Jana Strecker schläft tief und fest. Ein hellblaues Tuch bedeckt die 36-jährige Schauspielerin, nur der Mund schaut heraus. Bloching wird der Darstellerin gleich die Gaumenmandeln entfernen. Endlich.


Bis zu vier Mal im Jahr waren die Mandeln entzündet, beim Schlucken und Sprechen hatte die kleine Frau mit dem glatten Teint und den strahlend weißen Zähnen immer wieder Beschwerden. Das ist besonders verheerend, wenn man seinen Lebensunterhalt wie Jana Strecker mit kunstvollem Sprechen verdient. Im Klinikum Buch fühlt sie sich allerdings gut aufgehoben, vor zehn Jahren hat ­Jana Strecker hier ihren Sohn zur Welt gebracht. Eine Mandeloperation – Fachbegriff: Tonsillektomie – macht der Berlinerin keine Angst. Jeden Tag werden im Klinikum Buch Mandelpaare operiert.


Bakterien im zerklüfteten Gewebe

Seit Mitternacht hat Jana Strecker nichts mehr gegessen, das ist vor ­Operationen üblich, schließlich sollen die Narkosemittel präzise wirken. Die Anästhesistin hat eine auf Jana Streckers Körpergewicht – etwa 50 Kilogramm – abgestimmte Dosis an Schmerz- und Schlafmitteln bereitgestellt, schon vor dem Eingriff ­bekam die Patientin Beruhigungsmittel.


Chirurg Bloching leuchtet den weit geöffneten Mund aus. Die Mandeln der Patientin sind nicht groß, aber vernarbt. Der Hals-Nasen-Ohren-Spezialist ist nicht überrascht. In der zerklüfteten Oberfläche der Mandeln setzen sich Bakterien fest, daraus entstehen Entzündungen, die Spuren hinterlassen. In vielen Fällen kommen Zellreste aus dem Rachengewebe hinzu. Dieses gelbliche Gemisch, in der Medizin Detritus genannt, kann Entzündungen verstärken. Bei Mandeln, die stark geschwollen sind, ist häufig auch deshalb eine Operation nötig, um den Patienten vor einem Übergreifen der Entzündung auf den ganzen Körper zu bewahren.


Doch die Forschung ist sich uneins: Die meisten Mediziner glauben, dass das Immunsystem auch ohne Mandeln funktioniert. Andere betonen, dass die Tonsillen, die rechts und links am Gaumen sitzen, vor schädlichen Organismen warnen, die der Körper durch den Mund aufnimmt. Sie können Bakterien davon abhalten, weiter in den Körper vorzudringen. “Vor allem bei Kleinkindern spielen die Mandeln eine wichtige Rolle für die Immunabwehr”, ­erklärt Bloching. Vor dem vierten Lebensjahr wird deshalb selbst von ­einer teilweisen Entfernung der Mandeln abgeraten. Sie werden vom Immunsystem noch gebraucht.


Noch vor 20 Jahren wurden die Mandeln entfernt, wenn ein Kind wiederholt an einer gewöhnlichen Angina erkrankte. Heute wird erst zu einer Tonsillektomie geraten, wenn der Patient mehr als drei Entzündungen der Organe im Jahr hat. “Wir nehmen Mandeln nicht mehr so schnell raus, es wird länger gewartet und beobachtet”, sagt Bloching. Wenn sich der Chirurg jedoch für eine Operation entschieden hat, braucht er keine 15 Minuten, und die zwei daumengroßen Mandeln landen auf dem kleinen Werkzeugtisch neben der OP-Liege. Marc Bloching ist auf komplizierte Gesichtsoperationen spezialisiert: Vor ein paar Tagen hat er bei solch einem Eingriff neun Stunden lang schneiden und nähen müssen. Mandelentfernungen dagegen sind Routine, mehr als tausend Mal hat das der 43-Jährige hinter sich. Dennoch muss er hoch konzentriert arbeiten: Hinter den Mandeln verlaufen lebenswichtige Halsarterien.


Mit einem Metallspatel wird Jana Strekkers Zunge nach unten gedrückt, der Mund wird mit einer Klemme offen gehalten. Zusätzlich zur Narkose spritzt Bloching Adrenalin hinter die Mandeln – das hemmt Blutungen. Der Operateur legt einen Tonsillenschnürer, eine Metallschlinge, um eine Mandel, zieht zu, schnürt sie schließlich ab. Dann nimmt er das Kleinorgan mit der Zange aus dem Mund. Auf der anderen Gaumenseite macht er das gleiche. Dissektionstechnik wird dieser Vorgang genannt.


Es gibt aber auch andere Methoden: Im Vivantes-Klinikum Neukölln etwa wird klassisch, aber problemlos mit Präzisionsscheren und Pinzette gearbeitet. Neu ist die Ultraschallmethode, bei der mit einem “Harmonischen Skalpell” das Gewebe ohne viel Blutverlust durchtrennt werden kann. Von der gelegentlich angewandten Cobla­tion-Technik, bei der das Gewebe erhitzt wird, so dass es sich leichter abtrennen lässt, raten einige Ärzte ab. Nachblutungen sollen dabei eher auftreten als bei Drahtschlinge oder Schere. Marc Bloching tupft die fast handtellergroße Wunde ab und klemmt kleine Stoffballen darauf. Die Fläche, an der bisher die Mandeln ­saßen, blutet kaum; sie muss allerdings noch lange geschont werden.


Stunden nach der Operation darf Jana Strecker immer noch nichts ­essen, allenfalls Eiswürfel lutschen. Für ein paar Wochen gilt: keine Kohlensäure, keine Säfte, keine scharfen Speisen. Fünf Tage muss Jana Strecker im Helios-Klinikum bleiben – zur Beobachtung. Zwar bluten bei weniger als fünf Prozent der Patienten die Wunden nach. Wenn es dazu kommt, können die Blutungen aber heftig sein. In einigen Fällen drohe sogar Lebensgefahr, sagen ­Mediziner. Sehr selten würden Kinder daran sterben.


Nach wenigen Wochen erinnert die meisten Patienten nur noch wenig an den Eingriff. Abgenommen haben in der Zeit allerdings die meisten. Im Mai dieses Jahres ist Bärbel Voigt im Klinikum Buch operiert worden, in den Wochen nach der Operation hat sie fünf Kilo Körpergewicht verloren. “Ich hatte jedes Mal Horror vor dem Essen”, sagt sie. Schlucken sei ihr schwergefallen, der Hals habe fürchterlich gebrannt. “Dafür hab ich jeden Tag drei Liter Wasser getrunken”, sagt die 50-jährige Erzieherin. Nachts habe sie vor Schmerzen nicht durchschlafen können. “Nach der Operation kann es wehtun, eine Wunde muss verheilen”, sagt Bloching. Bärbel Voigt hat eine andere Vorgeschichte als Jana Strecker: Erst vor einigen Monaten begann der Hals zu schmerzen. Ihre Entzündungen in Gaumen und Mittelohr wurden mit Antibiotika behandelt. “Auch die Stimmbänder waren angeschlagen”, sagt Patientin Voigt. Nach dem Besuch beim niedergelassenen Arzt stand fest: chronische Mandelentzündung, eine Operation wurde nötig. “Ich hatte zwar Angst davor, was ­alles passieren kann. Aber ich wollte es hinter mich bringen.”


Immer noch werden die meisten Mandeln aber bei Kindern entfernt. Für den Heilungsprozess gilt ohnehin: je jünger, desto schneller. “Kinder können nach der Operation gleich auf ­eine Bockwurst beißen”, meint Bärbel Voigt scherzhaft. “So einfach ist es zwar nicht, aber tatsächlich haben es Kinder leichter”, sagt Chefarzt Bloching. Bärbel Voigt hingegen hat sich nach drei ­Wochen Brei und Suppe so richtig auf das erste Frühstück mit Kaffee und Vollkornbrötchen gefreut.

Auch Jana Strecker fürchtet ein bisschen um ihr Gewicht. Gegessen hat sie in den ersten Tagen nach der OP wenig. Doch bald, glaubt sie,komme der Hunger wieder. Sollte er auch, schließlich will sie in einer Woche ­wieder auf der Bühne stehen.




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