OP-Report: Das geschwächte Geschlecht

Ein Leistenbruch ist ein typischer Männerunfall. An einer Operation – in den meisten Fällen durch einen minimalinvasiven Eingriff – führt dann kein Weg vorbei


Die Schmerzen im Unterbauch kamen ohne Vorwarnung – aber zu einem konkreten Anlass. Hans ­Moser*, als Hausmeister die gute Seele einer Mehrfamilienvilla in Staaken, zögert nicht lange, als man ihn um Hilfe ­bittet. Ein behinderter Bewohner ist aus dem Bett gefallen und seine Ehefrau schafft es nicht, den 90-Kilo-Mann wieder hochzuhieven. Also fasst Moser mit an. Da passiert es. Erst ein Gefühl, als reiße etwas in der Leistengegend, ­erzählt der 64-Jährige, dann ein ­stechender Schmerz, der im Laufe des Tages schlimmer wird. Nach ein paar Tagen schließlich hält es Hans Moser nicht mehr aus. Er geht zu seinem Hausarzt. Der sagt: “Leistenbruch, ganz klar. Sie müssen sich operieren lassen.”


Eine häufige Diagnose

Das ist in deutschen Arztpraxen gar keine seltene Diagnose. Ein Leistenbruch passiert oft, und oft auch ohne dass man dafür zuvor etwas Schweres gehoben haben müsste. Wahrscheinlich hätte Hans Moser den Leistenbruch so oder so erlitten, auch ohne die Hilfsaktion für die Hausbewohnerin.


Jährlich werden in Deutschland rund 230?000 Leistenbrüche operiert, davon jeder fünfte ambulant. Für einen erfahrenen Operateur ist das ­eine Sache von einer Viertelstunde. Martin Susewind ist so ein erfahrener Klinikarzt. Mehr als 1000 Leistenbrüche ­werden es wohl gewesen sein, die er bisher repariert habe, schätzt der Chefarzt an der Klinik für MIC in Zehlendorf. 51 ­Jahre ist er alt, er hat ein jungenhaftes Gesicht, schwarzes lockiges Haar und eine kleine, runde Metallbrille.


So ein Leistenbruch sei selten ein plötzlicher Bruch, sagt Susewind, ­sondern oft ein schleichender Prozess, lange ohne Symptome. Aufgrund der Anatomie sind 85 Prozent der Leistenbruchpatienten Männer. Die Bauchdecke, die beim Mann in der Nähe des Samenstrangs nach unten führt, ist dort etwas eingedellt (siehe Grafik Seite 129). Bei älteren Menschen gibt das erschlaffende Gewebe an dieser Stelle immer weiter nach. Die Delle öffnet sich langsam aber ­stetig, bis schließlich Teile der Eingeweide nach unten rutschen, meist ein Stück des Darmes. Und erst dann ­registriert der Betroffene Schmerz oder einen vorgewölbten Unterbauch.


Jüngere Menschen erleben dies dagegen ­häufig nach einer außergewöhnlichen Belastungssituation – etwa wenn sie etwas Schweres heben müssen und die dann stark angespannte Muskulatur die Eingeweide mit einem Ruck nach unten drückt. Dann hilft nur noch das ­Messer des Chirurgen.


Ein Trichter in der Bauchdecke

Susewind steht im Operationssaal der MIC-Klinik. Hans Moser liegt narkotisiert vor ihm auf dem OP-Tisch. Den ersten Stich setzt der Chirurg durch den Bauchnabel. “Das ist der einfachste Weg, um durch die recht feste Bauchdecke zu gelangen”, sagt Susewind. Und dieser Weg hat noch einen Vorteil: Die Wahrscheinlichkeit, ein Organ zu treffen, ist hier am geringsten. Denn den ersten Stich muss der Arzt quasi blind setzen.


In das so geschaffene Loch führt Susewind mit ­eine Lampe und eine Kameralinse an der Spitze eines Stabes ein, die die Bilder für den Monitor liefert, an dem er sich während der Operation orientieren wird. Ein Trichter aus ­rosa Gewebe wird jetzt auf dem Bildschirm sichtbar, nimmt das Zentrum des ­Monitors ein. Drumherum pergament­artige Strukturen. Das ist die Bauchdecke, und der Trichter, das ist der Leistenbruch, in Richtung Oberschenkel gesehen. Dorthin ist ein Stück Darmschlinge gerutscht. Für den Eingriff benötigt Susewind weitere Zugänge in den Körper. An der linken und der rechten Seite des Bauches setzt er zwei fünf Millimeter große Löcher, durch die er langstielige Instrumente in den Bauch schiebt, an deren Spitze Greifer oder Messer sitzen.


Schnitt für Schnitt präpariert der Arzt sein Operationsgebiet. Zunächst befreit er den Samenstrang vom umliegenden Gewebe. Er wird als ein winziger ­dünner roter Schlauch auf dem Monitor sichtbar. Ein Fehlschnitt und der Patient wäre sterilisiert. “Kommt aber so gut wie nie vor”, sagt Susewind trocken.


Ein Polypropylen-Netz im Bauchraum

Das große gelbe Organ, dass jetzt hinter dem weißen Gespinst der Bauchdecke sichtbar wird, ist die Blase. “Wir bitten die Patienten, kurz vor dem Eingriff noch einmal auf die Toilette zu gehen”, sagt Susewind. Denn ist die Blase zu voll, behindert sie die Operation. Im schlimmsten Falle müsse ­eine Schwester den narkotisierten Patienten auf dem OP-Tisch auch schon mal mit einem Katheterschlauch ­entleeren.


Bevor Susewind die Bruchstelle mit einem Netz aus Polypropylen ­repariert, zieht er zunächst vorsichtig und Millimeter für Millimeter die ­verrutschte Darmschlinge zurück in den Bauch. Fertig. Susewind streift ein sauberes zweites Paar Gummihandschuhe über, nimmt erst dann das weiße, neun mal 15 Zentimeter große und sauber gefaltete Polypropylen-Netz. Das gitterartige Gewebe soll in den Bauchraum eingepflanzt werden. Da muss die ­Gefahr, Keime mit einzuschleppen, so weit wie möglich minimiert werden. Ein kurzer Blick auf den Monitor, dann schneidet Susewind das Netz freihändig zurecht, welches die Bauchdecke nach unten stabilisieren wird. Der Patient wird dieses Stück Kunststoff ein Leben lang in seinem Leib mit herumtragen. Im Laufe der Zeit wird ­Gewebe durch die Maschen wachsen, der Organismus die künstliche Ergänzung zu seinem Eigentum machen.


Der ­Chirurg rollt das Netz zusammen, schiebt es durch die größere Öffnung am Bauchnabel ins Körperinnere und platziert es mit den winzigen Greifzangen über dem Bruchtrichter. Dann tackert er das Netz mit sechs 4,6 Millimeter langen, spiralförmigen Klammern aus gewebefreundlichem Titan fest. Jedes Mal, wenn er den Tacker – der einem lang gestreckten Feueranzünder für einen Gasherd ähnelt – ­betätigt, hört man ein knirschendes Geräusch.


Eine Frage der Technik

Der Vorteil der Netztechnik ist, dass keine Spannung auf der Naht liegt, im Gegensatz zur früher angewandten Methode, den Bruch zu schließen, indem man das körpereigene Gewebe wieder vernähte. Die Folge war: Der Bruch öffnete sich häufig erneut. Bei bis zu 15 Prozent der Patienten war das so. Dagegen liege diese Quote bei der Netzmethode bei bis zu zwei Prozent, sagt Susewind.

Bei Kindern und Jugendlichen, die ebenfalls häufig ­einen Leistenbruch erleiden können, ­verbietet sich das Kunstnetz jedoch. Susewind: “Das Netz wächst ja nicht mit.” Außerdem mangelt es derzeit noch an Langzeitergebnissen, wie sich das Netz verhält, wenn es 50 Jahre im Körper ist. Deshalb wird ein Bruch bei Kindern auf herkömmliche Art und Weise “geflickt”. Die Wiederbruchrate ist entsprechend höher.


Oft wird bei Erwachsenen nicht mit der von Susewind benutzten minimalinvasiven Methode operiert, sondern mit einem offenen Schnitt über den Bauch. Was nicht schlimmer sein muss. Eine klare Überlegenheit der einen Methode gegenüber der anderen ­gebe es beim Leistenbruch eigentlich nicht, sagen manche Chirurgen. Oder auch: Minimalinvasiv bedeute, kleine ­Löcher außen, dafür größere Wundfläche ­innen. Beim offenen Eingriff sei es genau umgekehrt. Bei Hans Moser sieht es gut aus. Schon nach zwei bis drei Tagen kann ein Leistenbruchpatient normalerweise die Klinik wieder verlassen, so auch der 64-Jährige. “Nach zwei Wochen sind Sie wieder voll ­belastbar”, verspricht der Arzt. Moser freut sich, dass er bald wieder zupacken kann.




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