OP-Report: Das Gaspedal des Körpers

Weh tat es nicht, als seine Schilddrüse anschwoll. Doch dann kamen die Panikattacken. Bleibt die Medikamentöse Behandlung ohne Wirkung, hilft nur noch eine Operation. Wir haben den Eingriff beobachtet.

Weh tat es nicht, als die Schilddrüse des Patienten anschwoll. Doch dann kamen die Panikattacken. Wenn die medikamentöse Behandlung ohne Wirkung bleibt, hilft auch eine Operation. Wir haben einen solchen Eingriff beobachtet


Zwei Käsebrote, Tomaten, eine Tasse Tee. Das Abendbrot steht unangetastet auf dem Nachttisch. “Hätten Sie Appetit, wenn sie wüssten, dass ihnen morgen der Hals aufgeschnitten wird?”, fragt Thomas Lenski. Er blinzelt nervös in die Abendsonne, die durch das geöffnete Fenster in sein geräumiges Krankenzimmer im DRK Klinikum Westend scheint. Der 34-Jährige aus Mahlow sitzt an einem kleinen Tisch. Seine Füße in den schmalen Turnschuhen trippeln nervös auf dem Boden. Lenski trägt Shorts, in den kurzen blonden Haaren steckt eine Sonnenbrille. Während er redet, wandert seine linke Hand immer wieder zu seinem Hals, der rechts vom Kehlkopf stark geschwollen ist – das untrügliche Zeichen einer Schilddrüsenüberfunktion. Lenski hat Angst. Morgen wird er operiert.


Angst – auch vor der OP

“Vor drei Jahren gingen die Probleme los”, erzählt er. Ohne Vorwarnung wurde der Hals eines Tages dick. “Am Anfang dachte ich, das geht bestimmt von alleine weg, denn Schmerzen verursachte die Schwellung ja erstmal nicht.” Irgendwann wurde er aber doch nervös. Er bekam Herzrasen, hohen Puls, Joggen ging nicht mehr, auch Radfahren wurde schwierig, weil der dicke Hals beim sich Umschauen gestört hat. Und dann kamen eines Tages die Panikattakken, die er sich nicht erklären konnte. “Beim ersten Anfall saß ich im Auto”, erinnert sich Lenski. “Ich dachte, ich muss sterben.” Immer wieder kamen die Angstzustände, bis er sich irgendwann damit abfand, dass sich sein Problem nicht von alleine lösen würde. Er ging zum Arzt. Blutbild, Ultraschall. Die Diagnose: Knoten in der Schilddrüse. Das Krebsrisiko ist gering, aber der rechte der beiden Lappen der Schilddrüse ist um fast das Zehnfache geschwollen. Und er arbeitet auf Hochtouren – schüttet also mehr Hormone aus, als er soll. Lenski bekommt Medikamente, die die Überfunktion bekämpfen sollen. Die Wirkung bleibt jedoch aus. Also Operation. Bis er sich dazu durchringen kann, dauert es nochmal eine Ewigkeit. Zu groß ist die Angst. Doch dann ändert sich etwas Grundlegendes in Lenskis Leben. Er erfährt, dass er Vater wird. In drei Monaten ist es soweit. Vorher, das hat er sich geschworen, will er zwei Dinge endlich erledigt haben. Das eine ist das Schilddrüsenproblem, das zweite ein Besuch beim Zahnarzt, um seine kaputten Zähne richten zu lassen. Er schaut zu Boden und zu seinen wippenden Turnschuhen. Seine Hand wandert wieder zum Hals. Er schluckt. Da ist sie wieder, die Angst.


Sichtbar geschwollenes Gewebe

“Die haben fast alle Menschen, die an der Schilddrüse operiert werden müssen”, sagt Thomas Steinmüller, Chefarzt der Chirurgischen Abteilung im DRK Klinikum Westend, am nächsten Morgen. Durch den Mundschutz, den er im OP tragen muss, ist seine Stimme nur gedämpft zu hören. “Der Hals ist eben ein sehr empfindlicher Bereich.” Vor ihm auf dem OP-Tisch liegt der narkotisierte Körper von Thomas Lenski unter einem sterilen grünen Tuch. Nur der nach hinten langgestreckte Hals, auf dem mit einem Filzstift blaue Linien aufgemalt wurden, schaut hervor. Die Zeiger der Uhr an der gekachelten Wand springen auf zehn. “Schnitt” sagt Thomas Steinmüller und setzt sein Skalpell auf die Filzstiftlinie, die knapp oberhalb der Schlüsselbeine quer über den Hals von Thomas Lenski verläuft. Die Klinge dringt in die Haut. Fünf Zentimeter später tritt sie wieder aus. Der Schnitt ist nicht tief, denn direkt unter der dünnen Fettschicht liegen die Halsmuskeln. Zwei senkrecht verlaufende Stränge, die Steinmüller der Länge nach mit dem Skalpell in der Mitte trennt. Mit schuhlöffelartigen Spreizern wird die entstandene Öffnung zu einem Oval aufgezogen. Dann kommt die Oberfläche des rechten Lappens der Schilddrüse zum Vorschein. Blaß rosa Gewebe, sichtbar geschwollen.


Folgen einer Störung: Trägheit oder Nervosität

“Die Schilddrüse ist das Gaspedal des Körpers”, sagt Steinmüller, während er aus dem Halsgewebe einen erbsengroßen Lymphknoten entfernt, der sofort zum Tumorcheck in ein Labor im Haus geschickt wird. Das Hormon, das von der Schilddrüse produziert wird, reguliert den gesamten Stoffwechselhaushalt. Wird zu wenig hergestellt, werden die Menschen müde und träge, ihnen ist ständig kalt, manche bekommen auch Haarausfall. Bei einer Schilddrüsenüberfunktion sind viele Symptome genau umgedreht. Die Betroffenen sind nervös, hippelig, haben häufig Durchfall oder Herzrasen. Auch Lenskis Panikattacken könnten hier ihre Ursache haben. “Schmerzen haben die wenigsten Patienten”, sagt Steinmüller “Das heißt aber nicht, dass eine Schilddrüsenvergrößerung nicht auch körperliche Probleme verursachen kann: Schluckbeschwerden beispielsweise, Atemnot, auch die Luftröhrenwand kann, wenn die Schilddrüse zu stark anschwillt, zerstört werden.”


Diffizile Arbeit im Hals

Während er das erzählt, trennt Steinmüller mit einer Schere und einem stromdurchflossenen Dorn, der an einen Lötkolben erinnert und mit dem er kleine Wunden verschließen kann, den rechten Lappen von dem ihn umgebenden Gewebe. Blut fließt dabei kaum. Die Operation ist trotzdem eine mitunter diffizile Angelegenheit. Steinmüller arbeitet deshalb mit einer Lupenbrille. Die Schwierigkeiten liegen im anatomischen Bauplan begründet. “Da hat der liebe Gott wirklich mal zwei Fehler gemacht”, scherzt Steinmüller. Direkt an der Schilddrüse liegen nämlich nicht nur die vier Nebenschilddrüsen, sondern auch die zwei Stimmbandnerven. Die Nebenschilddrüsen produzieren ein Hormon, dass den Kalziumhaushalt regelt. Zu wenig davon kann zum Problem werden. Deshalb müssen die Drüsen erhalten werden. Wird der Stimmnerv verletzt, kann das zu störender Heiserkeit führen. Werden der linke und der rechte Nerv beschädigt, kann es auch zu einer schweren Behinderung der Atmung kommen. Plötzlich schallt das Klingeln eines Telefons aus dem Nachbarraum. Der Anästhesist, der die Operation vom Kopfende des Tisches überwacht, spurtet los und kommt mit dem Hörer am Ohr zurück zum Tisch. Die gerollte Schnur spannt sich quer durch den Raum. “Alles okay mit dem Lymphknoten”, sagt er. Der Schnelltest ist negativ. Kein Krebs. Steinmüller nickt. Den Blick wendet er nicht vom geöffneten Körper. Gerade hat er den Stimmnerv entdeckt. Etwas heller als die Schilddrüse liegt er wie ein dünner weißer Wurm direkt auf dem Organ. Um sicher zu gehen, dass es auch wirklich der Nerv ist, hält Steinmüller eine elektrische Sonde dran. Durch den Impuls löst der Nerv eine Muskelkontraktion aus. Eine Maschine, die an die Sonde angeschlossenen ist, gibt zur Bestätigung ein lautes Piepen ab.


Präventive Entfernung der gesamten Schilddrüse

Sorgfältig schneidet Steinmüller um den Nerv herum, bis der rechte Lappen, der die Größe einer Faust hat, freiliegt. “Der muss ganz raus”, sagt er. Früher habe man nur die Knoten rausgeschält. Das mache man inzwischen nicht mehr. “Heute nehmen wir entweder den kompletten verknoteten Lappen heraus, oder gleich die gesamte Schilddrüse.” Das hat zwei Gründe: Zum einen besteht die Gefahr, dass kleine, zurückbleibende Knoten später weiter wachsen. Zum anderen steigt bei einem Wiedereingriff das Operationsrisiko, weil das Gewebe nach dem ersten Eingriff vernarbt, und die Stimmbandnerven dadurch schwer zu erkennen sind. Deshalb untersucht Steinmüller auch Lenskis linken Schilddrüsenlappen nochmal genau. “Die Voruntersuchungen zeigten zwar keine großen Knoten, doch was bringt es, wenn Herr Lenski in zehn Jahren wieder hier auf dem Tisch liegt?”, fragt er. Als Steinmüller den nicht geschwollenen Lappen direkt mit dem Finger abtastet, findet er auch hier kleine Knoten. Er entscheidet, dass auch der linke Lappen entfernt wird. “Das Risiko, dass hier später was wächst, ist zu groß.”


Eine Tablette als Ersatz

Eine Stunde später sitzt Steinmüller in seinem Büro, während Lenski im Aufwachraum wieder zu sich kommt. Die Operation ist gut gelaufen. Alle vier Nebenschilddrüsen konnten erhalten werden, keiner der beiden Stimmnerven wurde beschädigt. “Für den Patienten macht es im Alltag keinen Unterschied, ob wir ihm nur einen Lappen oder die gesamte Schilddrüse entnehmen”, erklärt Steinmüller seine Entscheidung. In jedem Fall muss er täglich eine Tablette nehmen, die das Schilddrüsenhormon ersetzt. Das ist der Preis für ein Leben ohne hohen Puls, Angstattacken und Herzrasen. Thomas Lenski zahlt ihn gerne. Die kleine weiße Pille, die er jetzt seit einer Woche nimmt, ist schon fast Routine geworden. “Dass jetzt alles vorbei sein soll, habe ich allerdings noch gar nicht richtig realisiert”, sagt er. “Das ging alles viel zu schnell. Aber ich freue mich, dass ich es geschafft habe.” Schmerzen habe er heute nur noch beim Liegen, sagt er. Dass er wegen der Narbe momentan nicht in die Sonne darf, stört ihn mehr. Aber die Strahlung könnte die Heilung erschweren. Viel Zeit zum Sonnenbaden hat er aber momentan sowieso nicht. “Der Alltag hat mich gleich wieder eingeholt”, sagt Lenski. Den Termin beim Zahnarzt hat er übrigens noch nicht vergessen, aber erstmal muss sich der Hals vollständig erholen.



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